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Les Trois Mousquetaires - Französisch für Anfänger

von Hibiscia
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12
Aramis Athos D'Artagnan Porthos
12.02.2012
28.02.2013
29
46.238
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12.02.2012 2.261
 
Da stand ich also. Mutterseelenallein inmitten unseres riesigen Flughafens um kurz vor acht Uhr abends. Eigentlich mochte ich diesen Flughafen, er war groß, hell und modern. Und normalerweise auch gut durchstrukturiert und übersichtlich. Nur heute nicht. Im Moment gab es überhaupt nichts, was mir unübersichtlicher hätte erscheinen können. Verzweifelt blickte ich auf mein Flugticket. Ich musste zu Gate 35C. Suchend sah ich mich um, schaute dann wieder auf mein Ticket. Um zwanzig nach ging mein Flieger. Und Boarding fing bestimmt auch gleich an, wenn es nicht schon längst begonnen hatte. Ärgerlich stopfte ich das Ticket in meine Hosentasche, hob meine Reisetasche auf und machte mich auf die Suche nach meinem Gate. Immerhin hatte ich schon den Sicherheitscheck hinter mir. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ich hatte den Sicherheitscheck passiert, war für ungefährlich erklärt worden, und nun stand ich hier. Hinter mir konnte ich die Metalldetektoren hören, die an Gürteln anschlugen.
Eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten. Links oder rechts. Rechts befand sich ein Duty – Free – Shop. Ich ärgerte mich darüber, dass Mädchen scheinbar immer von Kosmetikartikeln wie magisch angezogen wurden, und so wählte ich den Weg nach rechts.
Natürlich stellte es sich als Fehler heraus. Und ich, doof wie ich war, merkte es natürlich erst, als ich plötzlich an Gate 1A angekommen war. Am liebsten hätte ich meine Reisetasche auf den Boden geschmissen und wäre einfach gegangen. Wenn eine Reise schon so los ging, konnte der Rest nicht besser werden. Missmutig ging ich also meinen Weg zurück, bis ich wieder auf Höhe des Sicherheitschecks angelangt war. Es war fünf nach. Vielleicht verpasste ich meinen Flieger ja, wäre doch auch ganz nett, dachte ich. Und während ich also den Weg nach links weiterging, knisterte es im Lautsprecher und eine dieser sanften, aber arroganten Frauenstimmen meldete sich zu Wort.  
„Letzter Aufruf für AF 1125 nach Paris, ich wiederhole, letzter Aufruf für AF 1125 nach Paris“. Der Flug 1125 war meiner. Und letzter Aufruf bedeutete nichts Gutes. Meine schlurfenden, miesgelaunten Schritte verwandelten sich in einen leichten Laufschritt, der nach und nach zum Joggen wurde. Ich hasste Joggen wie die Pest. Und ich hatte auch keine Ausdauer. Ich hoffte, Gate 35A bald erreicht zu haben.
Gate 35A lag ganz hinten. Ich kochte innerlich, und dass nicht nur vom Laufen. Ich war eine der letzten. Die Schlange war schon beachtlich geschrumpft. So kam es auch, dass ich bereits nach zwei Minuten dran war. Leise fluchend kramte ich in meiner Hosentasche herum, ehe ich das völlig zerknitterte Ticket herauszog und puterrot vorzeigte. Die Dame am Tresen strafte mich mit einem missbilligenden Blick, sagte jedoch nichts. Ich hatte gute Lust, ihr eine zu scheuern, vor allem aber war ich auf meine Mutter sauer. Ich war mir sicher, dass meine Wut nach dem Sprachurlaub verhindern würde, mein Schweigen einzuhalten, das ich mir vorgenommen hatte. Seufzend wischte ich mir eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann machte ich mich endlich auf den Weg ins Flugzeug. Am Eingang begrüßte mich ein junger Steward. Ich nickte ihm nur kurz zu, ehe ich meinen Blick auf das zerknüllte Ticket heftete und den viel zu engen Gang entlangschritt. Vielleicht hätte ich auch mal nach vorne sehen sollen, denn so krachte ich natürlich in einen dicken Mann mit Schnauzbart, der sich augenblicklich umdrehte und mich wütend anstarrte.
„Tschuldigung“, murmelte ich mit hochrotem Kopf, stellte dann aber glücklich fest, dass ich meine Sitzreihe gefunden hatte. Ich hatte den Platz am Fenster, was meine Laune noch mehr hob. Einen kurzen Augenblick war ich beinahe bereit, der Sprachreise eine Chance zu geben.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie jemand neben mir Platz nahm.
Mein Glücksgefühl sank augenblicklich in den unendlichsten Minusbereich. Es war der Mann mit dem Schnauzbart, mit dem ich eben schon Bekanntschaft geschlossen hatte. Auch jetzt schien er mir noch nicht verziehen zu haben, denn er machte neben mir extra breit. Da er auch nicht sonderlich gut roch, rutschte ich soweit ans Fenster wie möglich, bis mein Oberarm sich an die kalte Verkleidung des Flugzeugs drückte.
Nein, diese Sprachreise würde KEINE Chance bekommen. Ich fummelte an wenig an meinem Sicherheitsgurt herum, bis er einrastete, dann zog ich in fest. Meine Reisetasche hatte ich zwischen meinen Füßen platziert. Es war eigentlich gar keine Reisetasche, eher eine übergroße Handtasche, die man überall mit hinnehmen konnte. Eignete sich also bestens als Handgepäck, das Ding. Meinen großen Koffer hatte ich schon gestern aufgegeben. In meine Handtasche, die jetzt zwischen meinen Füßen ruhte, hatte ich alles Mögliche, bunt durcheinander gemischt, geworfen. Eine Tüte Gummibärchen zum Beispiel, meinen iPod, einen Block und einen Kugelschreiber. Irgendwo in den Untiefen eines Seitenfachs, musste auch noch mein Glücksbringer von der letzten Matheklausur sein. Mein Handy war nicht in der Handtasche. Ich hatte immer Angst, es zu verlieren, da es eines der teureren Sorte war, ein Smartphone, um genau zu sein. Meine Mutter würde mich töten, wenn ich  das Teil verlieren würde. Ich war mir jedoch ziemlich sicher, dass das nicht passieren konnte, denn es steckte jetzt in meiner rechten Hosentasche. Ich sollte es ausschalten, hernach bekam ich auch noch Probleme mit den Stewards. Ich holte es also heraus und drückte auf den Off-Knopf. Das Licht erlosch.
Meine Mutter hatte mir keine SMS geschickt. Ich hatte es nicht erwartet, aber irgendwie gehofft. Aber vielleicht wünschte man seiner Tochter, die zum ersten Mal alleine fliegt heutzutage auch keine SMS mehr, in der man ihr einen guten Flug und dergleichen wünschte. Im selben Moment drang ein undeutliches Genuschel aus dem Lautsprecher, ich fasste das als Starterlaubnis auf. Obwohl es Sommer war, war es draußen schon dämmrig. Keine Ahnung, wie lange wir bis nach Frankreich brauchen würden. Hoffentlich reichten meine Gummibärchen, auf die hatte ich schon die ganze Zeit Appetit! Nach kurzem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass ich mir nach so viel Stress ruhig eine kleine Süßigkeit gönnen durfte, und so beugte ich mich kurzentschlossen vor, um den Proviant aus meiner Tasche zu kramen. Leider lösten sich in diesem Moment die Bremsklötze unter dem Flugzeug, es gab einen Ruck nach hinten, und ich schnellte ein wenig unkontrolliert nach vorne. Ich spürte, wie das Walross neben mir sich ein Grinsen verkniff. Immerhin hatte ich gefunden, was ich suchte: meine Gummibären. Leider hatte ich beim Wühlen auch noch etwas anderes gefunden, dass meine Mutter in einem unbeobachteten Moment hineingeschmuggelt haben musste. Ich hatte es bestimmt nicht rein. Theatralisch seufzend hob ich das kleine Taschenbuch, dass den Namen „Französisch Crashkurs“ trug, aus meiner Tasche.
Naja, dachte ich, da habe ich wenigstens eine Beschäftigung für die nächsten Stunden, oder weiß Gott wie lange dieser Flug hier dauert.

Der Flug dauerte eine Stunde und fünfunddreißig Minuten. Ich hatte begonnen, den „Französisch Crashkurs“ zu lesen, kam mir jedoch von dem Titel gänzlich verarscht vor, denn ich vertrat die Meinung, dass man ein 400-Seitiges Buch nicht „Crashkurs“ nennen durfte. Jedenfalls tat mir jetzt der Schädel vom Lernen weh, während ich in einer kalten Halle auf meinen Koffer wartete. Die Gastfamilie, die mich erwartete, nannte sich Bèrichou und wohnte in der Rue de Rivoli. Die Rue de Rivoli wiederum lag ganz in der Nähe vom Louvre, dem Palais de l’Elysee, und dem Jardin des Tuileries. Diverse Touristenattraktionen hatte ich also schon mal direkt vor der Haustür.
Endlich begann das Kofferfließband, sich zu bewegen und die ersten Gepäckstücke kamen ihres Weges gefahren. Meiner war nicht unter den ersten zehn, und auch nicht unter den ersten zwanzig.
Nach einer halben Stunde stellte ich fest, dass er auch nicht unter den ersten hundert war, und dass das Fließband immer wieder stehen blieb und wohl bald eine Reparatur benötigte. Französische Flüche drangen an mein Ohr, ungehaltene Stimmen, Kleinkinder weinten. Dann setzte sich das Fließband wieder in Bewegung, blieb nach zwei Umläufen wieder stehen. Ich gab auf, vor Mitternacht meine Gastfamilie erreicht zu haben.
Um zwanzig vor elf schlüpfte ich in meine Strickjacke.
Um zehn vor elf, versuchte ein junger Franzose, der wie ich frustriert und vergeblich auf sein Gepäck wartete, mir schöne Augen zu machen.
Fünf Minuten später hatte ich es geschafft ihn abzuwimmeln.
Um halb zwölf setzte ich mich auf den Boden. Viele hatten das bereits getan. Das Fließband hatte sich bereits seit zehn Minuten nicht mehr bewegt, Techniker versuchten verzweifelt, das Ding wieder zum Laufen zu bringen.
Es dauerte tatsächlich bis zehn vor zwölf, ehe das Fließband wieder lief.
Zehn Minuten später hatte ich meinen Koffer. Er hatte sich unter den ersten zweihundertfünfundzwanzig befunden.
Müde und ausgepowert schleppte ich mich zum Ausgang. Hoffentlich hatten sich die Bèrichous nicht allzu viele Sorgen um mich gemacht!
Ich hatte den Ausgang erreicht und trat an die frische Luft.
Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass kein Taxi zur Stelle war. Schlechter konnte der Tag ja nicht mehr werden.
Nein, ganz da hinten war ein Taxi! Es war eine Schande, es Taxi nennen zu dürfen, denn es glich eher einem von Rost zerfressenem Oldtimer. Der Taxifahrer lehnte lässig daran und zog an seiner Zigarre. Da würde ich ganz sicher nicht einsteigen. Nicht um diese Uhrzeit. Leider hatte mich das Glück wirklich vollends verlassen, und der Taxifahrer hatte mich bemerkt. Er stieß sich von seiner Schrottkarre ab und kam einen Ticken zu schnell auf mich zu.
„Brauchen Mademoiselle ein Taxi?“, fragte er, als er mich erreicht hatte. Mein Französisch reichte aus, um mich mit ihm zu verständigen.
„Vielen Dank, aber, ich warte noch ein wenig, ich werde bald abgeholt..“, murmelte ich und wich seinem bohrenden Blick aus. Er hatte einen Dreitagebart, stank nach Rauch und sah aus wie ein typischer Franzose. Fehlten nur noch die Baskenmütze und das Baguette.
„Vertrauen Sie mir ruhig, wir sind ruckzuck da. Geht viel schneller. Ist doch schon so spät, und ungemütlich, Mademoiselle“, beharrte der Taxifahrer. Ich wich einen Schritt nach hinten.
„Halber Preis, Mademoiselle?“ Junge, konnte der aufdringlich sein. Ganz sicher ein armer, schlechtbezahlter Schlucker. Meine Abwehr begann zu bröckeln. Unsicher sah ich ihn an.
„Viertel Preis…?“, versuchte es der Taxifahrer weiter. Ich ging im Stillen die Gefahren durch, auf die ich mich einlassen würde.
„Fünfzehn Euro?“
„Fünfzehn Euro“, wiederholte ich und erntete ein strahlendes Lächeln. Ich würde dem Kerl 100 Euro zahlen, wenn er mich nur heil zu meiner Gastfamilie brachte.
„Sie dürfen sich auch nach hinten setzen, wenn Ihnen das lieber ist!“, rief mir der Taxifahrer über die Schulter zu. Schleimer.
Dennoch nahm ich sein Angebot an, und nahm hinten Platz, während er meinen Koffer im Kofferraum verstaute. Eine Leuchte brannte. Ich holte meinen Pseudo-Crashkurs hervor und suchte die Seite, an der ich aufgehört hatte zu lesen. Der Fahrer stieg ein und fragte mich nach der Straße.
„Rue de Rivoli“, antwortete ich abwesend. Ich hörte, wie er den Motor anließ. Ein beruhigendes Geräusch.  Ich weiß nicht mehr, wie viele Seiten ich gelesen habe. Jedenfalls war irgendwann meine Konzentration weg, und die Lichter Paris‘ verschwammen auch plötzlich.
Ich musste eingeschlafen sein, denn ich erwachte urplötzlich davon, dass jemand an die Fensterscheibe des Taxis klopfte. Schlaftrunken sah ich an mir herunter. Auf meinem Schoß lag noch der Crashkurs, meine Handtasche stand sicher zwischen meinen Füßen. Gähnend öffnete ich die Tür und stieg aus.
Man hätte auch sagen könne, ich fiel hinaus, denn irgendwie war das Taxi um mindestens 60 cm in die Höhe gewachsen. Mit einem unterdrückten Schrei fing ich mich ab. Der Boden war staubig, und um mich herum war es tiefste Nacht. Ich ärgerte und wunderte mich zugleich, warum kaum Straßenlaternen herumstanden. Vielmehr aber ärgerte ich mich, dass ich in meiner Schläfrigkeit aus dem bescheuerten Taxi gefallen war. Mühsam rappelte ich mich auf und klopfte mir den Staub von der Hose. Dann nahm ich zum ersten Mal meine Umgebung war. Sah irgendwie anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Häuser, schief und im alten Stil gebaut, die Straße aus staubigem Kopfsteinpflaster. Es roch auch nicht sonderlich gut, nach Pferdemist und Kanalisation. Ich rümpfte die Nase. Also doch dieser komische Taxifahrer. Hatte er mich hier in die französische Gosse gebracht? Ärgerlich drehte ich mich zu ihm um. Er war gerade dabei, meinen Koffer aus dem Kofferraum zu wuchten. Moment mal, aus dem Kofferraum? Aus dem Taxi?
Im ersten Moment setzte mein Herz einen Schlag aus, um im nächsten doppelt so schnell weiterzuschlagen. Vor mir stand kein Taxi. Vor mir stand eine Kutsche, eine Reisekutsche. Zwei Rappen waren vorgespannt, und mein „Taxi“fahrer kramte auch nicht im Kofferraum, sondern auf dem Dach herum.
Ich schluckte, und stellte fest, dass ich noch träumte.
Über mir quietschte etwas. Ein Fenster wurde geöffnet. Auch der Taxifahrer, oder Kutscher schien das bemerkt zu haben, denn mit einem Satz sprang er ab, eilte zu mir und riss mich weg von der Stelle, an der ich stand. Keinen Moment zu früh, denn jetzt landete plätschernd der Inhalt eines Nachttopfes vor mir und sickerte in den Rinnstein. Mir wurde übel und schwindelig zugleich, ich geriet leicht ins Schwanken und der Fahrer ergriff besorgt meinen Arm um mich zu stützen. Der Inhalt des Nachttopfes stand bestialisch und ich hatte alle Mühe, den Brechreiz zu unterdrücken. Es ging nicht. Mit einer schnellen Bewegung riss ich mich von dem Mann, der mich hielt los, um ihm nicht die Schuhe zu versauen. Ich übergab mich an die Stelle, an die auch der Nachttopf entleert worden war. So fiel es vielleicht nicht auf.
Jetzt wurde mir klar, dass ich nicht träumte. Schockiert wandte ich mich um, wischte mir über den Mund und betrachtete meinen Fahrer. Er trug eine weiße Strumpfhose, darüber eine Kniebundhose und einen seltsamen Frack. Ich hatte genug gesehen.
Ich wusste nicht wie, aber ich hatte mein Jahrhundert verloren.
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Bitte eventuelle Rechtschreibfehler ignorieren, und ein kleines Review dalassen.
Hab ganz schön lang gebraucht, für dieses Kapitel. ^.^

LG, Hibis.
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