Liebe wider Willen

GeschichteRomanze / P16
Markgraf Gerold
11.02.2012
20.04.2012
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11.02.2012 2.120
 
Anmerkung der Autorin:
Die Geschichte spielt nach Johannas Amtszeit als Papst Johannes Angelicus.
Die Handlung wurde so geändert, dass Gerold überlebt hat und nach Villaris, dass ebenfalls vollständig erhalten geblieben ist, zurückkehrt.
Die Geschichte beginnt ein Jahr nach Gerolds schwerstem Verlust.


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Jonata fuhr sich aufgeregt über ihr bis zu den Schulterblättern reichendes blondes Haar, während sie ihr Gewicht abwechselnd von einem Bein auf das andere verlagerte. Suchend blickte sie zur Seite und fragte sich, ob sie eventuell doch zu früh vor den Toren Villaris stand. Ihre Tante Fronicka, die als Köchin auf dem Gut arbeitete, hatte ihr doch unmissverständlich gesagt, sie solle sich eine Stunde vor Sonnenaufgang vor den riesigen Toren Villaris einfinden.

Nun stand sie hier, doch von ihrer Tante war weit und breit nichts zu sehen. Fragend blickte sie gen Himmel, doch wie sie bemerkte, war von der Sonne immer noch kein Anzeichen zu sehen. Selbst der Himmel wies noch nicht die traumhaften Orange- und Rottöne auf. Es dauerte somit mindestens noch gut eine Stunde bis der Sonnenaufgang sich über das Gut erheben würde. Zu früh war Jonata also definitiv nicht. Wo blieb also Fronicka!?

Ein kalter Wind erfasste sie, während sie tief in ihre Gedanken versunken war, von hinten und ließ einen unangenehmen Schauer über ihren Rücken rieseln. Fröstelnd zog sie ihren Überwurf enger um die Schultern und flüchtete sich weiter an die schützende Wand des Gutes. Doch auch hier, war es nicht merklich wärmer und so trat sie wieder von einem Bein auf das andere, um jedenfalls durch diese kleine Bewegung etwas mehr Wärme in ihrem Körper zu erzeugen. Während sie so allein an der Wand stand, fragte sie sich nun schon zum wiederholten Male, ob sich die lange Reise von Colombes, einer Stadt in Frankreich, hierher gelohnt hatte.

Sicherlich, ihr Vater konnte dort das Überleben seiner Familie nicht mehr sichern und es gab keine andere Möglichkeit für sie, als nach Dorstadt zu reisen und auf ein Wunder zu hoffen. Ihr Vater war in Colombes ein begnadeter Hufschmied, doch aufgrund der vielen, grundsätzlich höher werdenden Steuern und der immer weiter abnehmenden Zahl, der zu beschlagendes Pferde, gab es bald nichts mehr, von dem ihr Vater die Familie ernähren konnte. Somit machten sie sich auf dem mehrtägigen Weg nach Dorstadt, wo sie sich ein neues und besseres Leben erhofften. Ihr Vater bekam aufgrund verwandtschaftlicher Verhältnisse umgehend einen Arbeitsplatz in der Hufschmiede seines Bruders, doch dieser Verdienst konnte die Familie nicht über die Runden bringen. Somit wurde entschieden, dass Jonata, die älteste Tochter ebenfalls eine Stelle antreten musste.

Und nun war sie hier; vor Villaris, deren verschlossene Tore ihr immer noch den Eintritt verwehrten. Sie konnte froh sein, dass sie eine Tante wie Fronicka hatte. Sie hatte ihr bereitwillig eine Anstellung verschafft. Eine die laut ihr an nichts zu übertreffen war; sie wurde gut bezahlt und der Gutsherr war äußerst umsichtig mit seinen Angestellten. Dies würde man hier nicht oft finden und sie könnte sich aus diesem Grund glücklich schätzen, dass sie so einen guten Herrn bekommen hatte.

Knarrend ging das Tor auf und Jonata fuhr erschrocken zusammen. Rasch drehte sie sich um und zupfte ihren Überwurf zurecht. Kaum war das Tor weit genug offen, da schaute auch schon der Kopf ihre Tante heraus.

„Jonata, schnell komm rein. Wir haben heute viel zu tun!“, sagte sie und winkte ihr hastig zu.
„Ja, Tante Fronicka!“, sagte Jonata schnell, um keinen falschen Eindruck zu machen. Sie wollte auch vor ihrer Tante gut dastehen und als fleißige Arbeitskraft anerkannt werden. Fronicka schloss das Tor und schritt eilig über den Hof, der bereits um diese Uhrzeit mit Leben gefüllt war. Mehrere Hunde liefen mit den Schwänzen wedelnd auf die beiden zu und Jonatas Tante scheuchte sie mit einem herrischen Befehl beiseite. Im hinteren Teil, bei den Ställen, wurden einige Pferde von mehreren Stalljungen gesattelt. Diese lachten dabei trotz der frühen Stunden bereits und machten einen zufriedenen Eindruck.

„Der Herr reitet heute mit einigen Rittern aus seinem Gefolge auf eine Jagd. Deswegen ist es heute morgen etwas stressig und deine helfenden Hände können wir gut gebrauchen.“, erklärte Fronicka ihr, ohne ihren harschen Schritt zu verlangsamen.

Jonata war froh als sie endlich die Eingangshalle betraten, denn erst jetzt wurden die Schritte ihrer Tante langsamer. Sie wandten sich nach rechts, in einen kleinen Gang, der scheinbar in die Küche führte. Der Geruch von Essen schlug ihr unmittelbar entgegen und mit jedem Schritt, wurde es wärmer. Bald schon zog sich Jonata den Überwurf von den Schultern und klemmte ihn sich über den Unterarm, während sie Fronicka folgte. Als sie in der Küche ankamen, nahm diese ihr den Überwurf aus der Hand, legte ihn auf einen in der Nähe stehenden Tisch und gab ihr eine Schürze. Hastig band Jonata sie um ihre Hüften, wobei sie das Band zweimal um ihre Taille binden musste, damit die Schürze fest saß.

„Zuerst kannst du dir den Besen aus der Ecke da schnappen und über den Boden wischen. Durch das ganze Fett, ist dieser zu rutschig geworden. Einen Ausfall an Personal können wir heute nicht gebrauchen!“, wies Fronicka sie streng an.
„Ja, mach ich!“, erwiderte Jonata schnell und machte sich an die Arbeit.

Die Arbeit war anstrengend. Die Küche war zwar nicht sonderlich groß, aber aufgrund der vielen Leute, die sie zurzeit beherbergte, war es schwer in Ruhe alle Ecken des Raumes zu fegen. Ganz zu schweigen davon, dass die Ecken die sie gewischt hatte, bereits nach wenigen Minuten wieder mit Fett bespritzt wurden und ihre Arbeit somit zunichte machten. So arbeitete sie bis weit nach Sonnenaufgang und war froh, als einer der Stalljungen, wie sie erkannte, in die Küche geeilt kam und verheißen ließ, dass der Gutsherr sie alle sehen wollte.

„Hier, nimm das, Jonata. … Und passe gut auf, dass du nichts fallen lässt.“, wurde sie von Fronicka angewiesen.
Jonata stellte den Besen beiseite, wischte sich die schweißnassen Hände an ihrer Schürze ab und nahm das große Laib Brot in die Hand. Als alle zubereiteten Speisen, unteranderem Brot, gebratenes Fleisch, Fisch und Nüsse, auf den Armen der Bediensteten waren, setzten sich diese Richtung Hof in Bewegung. Jonata ging ganz am anderen Ende und zog erstaunt die Luft ein, als sie nun den Hof erneut betrat. Er hatte sich grundlegend geändert.

Nun war er mit noch mehr Menschen gefüllt, die allesamt wild durcheinander liefen. Die Stalljungen hatten die Pferde in die Mitte geführt, wo sie von der Jagdgesellschaft inspiziert wurden. Die Hunde rangelten nun um ein Stück Fleisch, dass sie zur Jagd anspornen sollte und die Mägde und Köchinnen machten sich daran die Satteltaschen zu bepacken. Als dies erledigt war, stellten sich die Bediensteten der Reihe nach an die Innenmauern auf und die Stalljungen übergaben die Pferde an die Ritter. Nur ein Stalljunge blieb bei einem fuchsbraunen Hengst stehen. Es tänzelte bereits nervös neben ihm her und er raunte ihm immer wieder beruhigende Worte zu.

„Pass bloß auf mit dem Pferd, Junge. … Es ist wesentlich temperamentvoller als du auf den ersten Blick ahnst!“, ertönte es plötzlich aus dem Gang, der ins Gebäude führte.

War das eventuell der Herr des Hauses!? Was für eine kraftvolle und dennoch liebenswürdige Stimme. Jonata fragte sich, wie ihr Herr wohl aussehen könnte. Auf jedenfall musste er genauso kraftvoll aussehen, wie seine Stimme es erahnen ließ. Ob er wohl braun war, von der Sonne!? Jonata konnte es kaum abwarten, den Mann aus den Schatten treten zu sehen. Sie wollte wissen, wem sie diente. Dann trat eine breitschultrige und hochgewachsene Gestalt aus dem Gang und Jonata wagte einen Moment lang nicht zu atmen. Dann entspannte sie sich, holte tief Luft und hob den Kopf. Nun sah sie ihren Herrn das erste Mal.

„Danke Graf Gerold, … ich bin den Umgang mit Pistis bereits gewohnt und weiß, wie ich mit ihm umzugehen habe!“, sagte der Junge lächelnd und streichelte dem Pferd über die Nüstern.
„Das erfreut mich, Hans. Mein Pferd fühlt sich in deinen Händen sichtlich wohl.“, erklang wieder die tiefe Stimme des Grafen.

Der Mann, der nun vor seinem Pferd stand, war wie sie schon gesehen hatte, hochgewachsen und äußerst männlich. Die breiten Schultern zeichneten sich deutlich unter seinem langen Gewand ab. Seine Haare waren rot wie die Streifen eines Sonnenaufgangs und reichten ihm bis zur Schulter. Sie  waren wellig und erinnerten Jonata an die an und abfallenden Gebirge, die sie auf ihrer Reise nach Dorstadt überquert hatten. Sein Gesicht wirkte äußerst freundlich und das Lächeln, mit dem er den Stalljungen Hans ansah, ließ erahnen, dass er ein äußerst warmherziger Mann war.

Jonata sah ihren neuen Herrn gespannt an und folgte jeder seiner Bewegungen, die scheinbar so fließend waren, wie die Wellen eines Meeres. Er wandte sich nun der Satteltasche zu und inspizierte deren Inhalt äußerst genau. Scheinbar gefiel ihm der Anblick und er holte ein Stück Fleisch hervor und aß es. Nachdem er dieses hinuntergeschluckt hatte, wandte er sich den Mägden und Köchinnen zu.

„Fronicka, … ihr habt wie immer hervorragende Arbeit geleistet. Das Fleisch ist köstlich, … und ich beginne mich zu fragen, was ich wohl machen werde, wenn ihr nicht mehr da seit!“, lobte der Herr sie und Fronicka wurde aufgrund des Kompliments ganz rot im Gesicht.
„Das ist zu freundlich, Herr, aber ich bin nicht die einzige Bedienstete in der Küche, die gut kochen kann. ... Zudem habe ich eine neue Magd eingestellt, die mir in Zukunft auch beim Kochen behilflich sein soll!“, antwortete Fronicka und wies dabei auf Jonata.

Augenblicklich hielt Jonata die Luft an und versteifte sich. Wie sollte sie sich bloß ihrem Herrn gegenüber verhalten!? Sollte sie knicksen oder sich gar verbeugen!? Bevor sie eine Antwort auf diese Fragen fand, wandte der Herr des Hauses bereits das Gesicht und sah sie an. Jonata hatte noch nie zuvor in diese wunderschönen blauen Augen geblickt und für einen Moment vergaß sie ihren Anstand, sodass sie einen kurzen Augenblick Auge in Auge mit ihrem Herrn stand.

Für einen winzigen Moment dachte Jonata ein kleines Flackern in den Augen ihres Herrn zu sehen und es spiegelte sich Verwirrung darin wieder. Es schien, als wäre etwas in ihm urplötzlich an etwas erinnert worden, etwas das lange Zeit zurücklag, von dem er sich aber immer noch nicht ganz losgesagt hatte. Dies funkelte jedoch nur eine winzige Zeitspanne in seinen Augen, so lange bis er blinzelte, dann war der Glanz in seinen Augen verschwunden und seine Augen waren wieder in dem normalem Blauton.

Eilig riss Jonata sich von dem Augenpaar los und knickste leicht. So blieb sie einige Sekunden lang stehen und atmete leicht durch. Dann erhob sie sich wieder und sah ihrem Herrn wieder in die Augen.
„Wie ist dein Name?“, fragte der Mann sie.
„Ich heiße Jonata, Herr!“, antwortete sie und wunderte sich, dass ihre Stimme so ruhig war.
„Jonata!“, wiederholte ihr Herr den Namen, so als würde er ihn sich über die Lippen rollen lassen. Dann fuhr er fort: „Ihr kommt nicht von hier, oder? Ich höre deutlich deinen Akzent!“
Jonata biss sich erschrocken auf die Lippen und antwortete eilig: „Ich komme aus Colombes, Herr. Ich lerne bereits fleißig, meine Aussprache besser zu kontrollieren. Es wird nicht wieder vorkommen, Herr!“

Ihr Gegenüber hatte nunmehr einen sanften Gesichtsausdruck und er begann leise zu lachen. Jonata kam sich dumm vor und schämte sich nun für ihren Akzent, der so schwer zu kaschieren war.

„Den Akzent brauchst du nicht zu verstecken, Jonata. Er zeigt, dass du ein kleines bisschen aus Frankreich behalten hast. Colombes ist soweit ich weiß eine Stadt in Nordfrankreich, habe ich nicht recht!?“, fragte der Herr Jonata. Ihr entging nicht, dass er bei dem Wort „lernen“ ein klein wenig zusammengezuckt war.
„Ja, in der Nähe von Paris, Herr!“, sagte sie strahlend und freute sich, dass er wusste, von wo sie kam.
„Wie kommt es dann, dass du so gut Deutsch sprichst?“, fragte er und schien ernsthaft interessiert zu sein.

„Mein Vater bestand darauf, dass ich, wie auch meine Geschwister, sowohl Französisch als auch seine Muttersprache Deutsch lernen, Herr! Er kommt von Dorstadt. Fronicka ist seine Schwester, Herr.“, erwiderte Jonata und war nun nicht mehr ganz so schüchtern, wie zu Anfang.
Jonatas Gegenüber sah Fronicka von der Seite her an und hatte schließlich ein Lächeln im Gesicht.
„Ich glaube, dann brauch ich mir um meinen Magen keine weiteren Gedanken zu machen. Du kochst bestimmt so gut, wie sie! Ich hoffe, dass du wie sie in Zukunft hart arbeitest und ein bisschen frischen Wind in das Leben auf dem Gut bringst!“, sagte er.

Als er sich schließlich umdrehte und auf sein Pferd zuging, lag auf seinem Gesicht noch immer dieses freundliche Lachen, dass einem das Herz erwärmte. Er stieg leichtfüßig auf, pfiff sein Gefolge zusammen und ritt Richtung Ausgang.

Keiner bemerkte, wie Gerold sich am Tor noch einmal im Sattel umwandte und sich davon überzeugte, dass Jonata nicht eine gewisse andere Person war, an die sie ihn erinnerte.
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