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Partners in Crime

von rebelyell
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lilly Rush Scotty Valens
30.01.2012
15.07.2012
5
16.849
 
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
30.01.2012 4.969
 
Titel: Partners in Crime
Kapitel: 05 – Unter den Wolken
Pairing: Lilly / Scotty
Rating: P-12... Oh, nein! :D
Inhalt: s. Kapitel davor, und davor....

Anmerkung: Hat etwas länger gedauert, tut mir leid!
Danke an Maria für die Logikkorrektur ;)

Disclaimer: Tausche Fruchtfliegenplage gegen Lizenzrechte an Cold Case. Irgendwelche Angebote? Niemand...? War ja klar.... Einen Versuch war's wert!




Partners in Crime

05 – Unter den Wolken



“Scotty!” rief sie beinahe hilflos.
Er stoppte mit seinen Demonstrationen an ihrem Hals und schaute sie fragend an. Seine Nasenspitze berührte leicht ihre Wange. Angespannt fixierte er sie mit einem intensiven Blick.
“Wir... sollten das nicht tun.” Außer Atem versuchte sie endlich wieder einen klaren Gedanken zu greifen und trotzdem war sie mehr verwirrt denn je.
“Wie meinst Du das?” fragte er und konnte seine Bestürzung nicht verbergen.
Schließlich schob sie ihn leicht von sich und stützte sich auf ihre Ellenbogen. Das würde nicht ganz einfach werden. Sie wollte ihn, sie wollte diese Situation mit ihm. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach seinen Liebkosungen. Aber sie wusste, dass es nicht der rechte Zeitpunkt war, und sie wollte sich nicht in dieses Abenteuer stürzen, ohne sich seiner sicher zu sein. Zu oft war sie auf diese Weise reingefallen und mit ihm wollte sie es nicht riskieren.
“Scotty, ich mag Dich wirklich sehr....” Bereits als die Worte über ihre Lippen kamen, schlug sie sich innerlich für diese wahrlich dämliche Wahl. Das konnte man doch nur falsch verstehen und bevor er ihre Worte als dumme Ausrede einstufen würde, musste sie ihn vom Gegenteil überzeugen.
“Verdammt!” Ehe sie sich versah, hatte er sich von der Couch erhoben und war gen Badezimmer gestürmt. Das Zuknallen der Tür ließ sie zusammenfahren.

'Verdammte Scheiße! Das hast Du ja mal wieder prima hinbekommen!' Sie sackte in sich zusammen und ließ sich zurückfallen. Der enorme Stress der letzten Tage zerschlug letztendlich ihr sonst starkes Nervenkostüm.
Erst die Sache mit Christina – egal was ihre Schwester auch tat, es bedeutete immer Probleme. Lilly wollte ihr immer wieder eine letzte Chance einräumen. Aber seitdem es mit ihrem Vater und ihrer neuen Familie so gut lief, war sie nicht mehr bereit, hinter ihrer Schwester her zu räumen. Als Christina dann ihren Vater bestohlen hatte, war das Maß voll.
Die Situation auf der Arbeit war auch nicht gerade paradiesisch. Sie wusste nicht, womit ihr Boss morgen aufwarten würde. Vermutlich hätte sie nach dem Gespräch mehrere Wochen Zeit über ihr Handeln nachzudenken.
Das Schlimme an der ganzen Sache war, dass sie Scotty mit hineingezogen hatte. Er hätte ihr gar nicht helfen müssen. Sie beide waren in den letzten zwei Jahren so gut miteinander ausgekommen. Es gab zwar hin und wieder Reibereien, weil beide ziemliche Sturköpfe sein konnten, aber sie konnten einander blind vertrauen. Die Zeiten würden jetzt vorbei sein.
Ihre Augen brannten und ihr Blick verschleierte sich. Sie spürte, wie vereinzelte Tränen ihre Schläfen hinunter liefen. Beschämt versteckte sie ihr Gesicht unter ihren Händen und schluchzte stumm. Die Verzweiflung kam in ruckartigen Schüben. Sie drehte sich auf die Seite und zog die Knie an ihren Körper. Der Druck in ihrem Kopf pochte und kam ihr vor, als würde er gleich platzen. Das Geräusch von fließendem Wasser riss sie aus ihrem aussichtslosen schwarzen Loch von Selbstmitleid. Sie schreckte hoch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

'Er darf mich so nicht sehen!' Sie legte die leeren Teller zusammen und ging damit in die Küche. So konnte sie sich immerhin ein wenig Zeit verschaffen. Die Teller landeten auf der Arbeitsplatte. Mit einem angefeuchteten Küchenkrepp frischte sie ihr Gesicht auf.
“Was machst Du da?” Erschrocken fuhr sie herum und fühlte sich wie ein ertappter Teenager. Mit verschränkten Armen lehnte er sich gegen den Türrahmen. Die Augenbrauen skeptisch zusammengezogen. Das Lächeln, das sie so mochte, war seinem Gesicht entflohen. Er wirkte erschöpft und enttäuscht. Und es mischte sich Bestürzung hinzu, als er ihren verwischten Mascara sah. Er wollte auf sie zugehen und in den Arm nehmen, aber er konnte sich nicht rühren. Mit einer fahrigen Handbewegung massierte er sich die müden Augen. Dunkle Augenringe hatten sich darunter gebildet. Er fuhr sich ratlos durch das kurze Haar. “Lil.... es tut mir leid.”, fing er an, obwohl er sich nicht sicher war, wofür er sich entschuldigen sollte.
“Nein.” entgegnete sie ihm knapp und fühlte sich wie das in die Ecke gedrängte Tier. “Ich muss mich bei Dir entschuldigen. Was ich da gesagt hab, war einfach nur dumm und abgedroschen. Ich meinte es nicht so.” Ihr Blick wanderte zum Boden und sie gestikulierte schon wieder hektisch mit den Händen. “Hör zu... Ich bin nicht.... gut... in so was. Und ich denke... nein, ich weiß, dass es nicht das ist, was Du verdient hast.”
“Hast Du vielleicht noch mehr abgedroschene Sprüche für mich auf Lager?”
“Bitte was?!” fragte sie fassungslos und fühlte sich als hätte man ihr den Teppich unter den Füßen weggezogen.
“Was ich 'verdiene' oder möchte, das kann ich sehr gut für mich selbst entscheiden.”
“Aber Du solltest zumindest...”
“Was sollte ich?” unterbrach er sie und wurde langsam wütend. “Mir eine andere suchen? Mir das ganze nochmal überlegen? An meine Karriere denken? Was, Lil?”
Sie wirkte wie ein eingeschüchtertes Schulmädchen, das grade um jede ihrer Ausreden gebracht wurde. “Ich weiß es nicht, Scotty.... Ich kann so was nicht gut.”
“Was genau kannst Du nicht gut?”
“Ich bin 40 Jahre alt und immer noch Single! Was denkst Du, Scotty!” Sie drehte ihm den Rücken zu und stützte sich auf der Anrichte ab. Ihr Atem bebte vor Anspannung. Sie fürchtete sich vor seiner Reaktion und sah sich bereits ihre Versetzung unterschreiben, damit sie nicht mehr mit ihm zusammen arbeiten musste. “Ich bin nicht gut in... Beziehungssachen. Ich langweile sie entweder mit meinem Arbeitswahn oder sie laufen von selbst vor mir weg.” Sie fuhr zusammen als seine Finger über ihre Arme geisterten.
Seine Nasenspitze nestelte in ihrem Haar als er sprach. “Zu einer Diskussion über Beziehungs... sachen gehören zwei.” Es entging ihr nicht, dass er zuversichtlich klang. Er umarmte sie nicht, aber er hielt sie auch nicht in der Ecke fest. “Wir beide wissen, dass wir mehr als nur Freunde sind, und doch schleichen wir um den heißen Brei herum. Ich möchte mehr und ich möchte keine andere. Von denen hatte ich genug und keine versteht mich so wie Du.”
Sie drehte sich zu ihm um.
“Siehst Du...” Er lachte, blieb aber trotzdem ernst. “Jetzt haben wir das Thema doch angesprochen, obwohl wir es vertagen wollten.”
Auch sie wagte nun endlich wieder zu lächeln. “Was hast Du vorhin eigentlich gesagt?”
Er überlegt kurz. “Du meinst das auf Spanisch?” Sie nickte verlegen. “Es wird an der Zeit, dass Du Spanisch lernst!”, warf er ihr vor.
“Das beantwortet aber nicht meine Frage.”
“Es ist spät... ich habe Dich gebeten zu bleiben.”
“Oh...” Sofort stieg ihr die Scham auf die Wangen.
“Nicht das, was Du denkst... Ich nehm einfach die Couch, kein 'aber'!” Er schob den Finger auf ihre Lippen, um jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als sich geschlagen zu geben. “Ich möchte nicht, dass Dir etwas passiert. Das könnte ich mir nicht verzeihen.” Nach einem kurzen Moment konnte er den Kommentar nicht mehr unterdrücken: “Du siehst süß aus, wenn Du rot wirst.” Sie konnte das Lachen nicht zurückhalten und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. “Tu das nicht.” sagte er und nahm ihre Hände in seine.
“Was?!” Sie schaute ihn ratlos an.
“Versteck Dich nicht vor mir. Dazu hast Du keinen Grund. Ok?”
Sie nickte nur als Antwort.
“Gut... Hast Du keinen Hunger mehr?” Er deutete auf die gestapelten Teller auf der Anrichte.
“Eigentlich schon, aber ich wusste nichts mit mir anzufangen... und ich wollte nicht, dass du mich so siehst...” Sie griff sich verlegen in den Nacken.
“Wollen wir uns den Film überhaupt noch anschauen?”
“Wir können ja schauen, wie weit wir kommen. Hast Du was für die Nacht für mich? Ich würde mich vorher gerne umziehen.”
“Ja, klar. Komm mit.”

Sie folgte ihm ins Schlafzimmer. Es war in angenehmen warmen Farben eingerichtet. Das Bett war groß und modern. Das Kopfende bestand aus einer hohen Blende aus massivem dunklen Holz mit sandfarbenen Polstern bespannt. Auf dem Bett lag eine fein gesteppte Tagesdecke in dunklem Zyan. Zu beiden Seiten standen schlichte Klapptische aus hellerem Kirschholz. Darauf standen große schlanke Leuchten mit weißen röhrenförmigen Schirmen. An den Fenstern hingen lange Gardinen und Vorhänge in der gleichen Farbe wie die Tagesdecke. Und was Lilly von ihrer Sicht ausmachen konnte, hingen dahinter noch Jalousien mit großen Lamellen.
Scotty stand hinter ihr in der Tür und beobachtete wie sie sich umsah.
“Die Fenster zeigen Richtung Osten.” erklärte er. “Wir sind hier im vierten Stock und da zu dieser Seite keine weiteren großen Häuser stehen, scheint die Sonne in den Sommermonaten schon ab halb sechs hier rein. Selbst wenn ich alles zugezogen habe, bleibt es trotzdem nicht dunkel genug.”
“Du schläfst in völliger Dunkelheit?!”
“Ja, klar. Du etwa nicht?”
Sie zögerte und atmete einmal tief durch. “Nicht seit der Schießerei im Observationsraum.” Sie fuhr sich mit der Hand über die kalte Stirn.
“Lil, das ist zwei Jahre her.” bemerkte Scotty und wusste nicht, wie er ihr helfen sollte.
“Ja, ich weiß. Es ist lächerlich.”
“Das ist nicht lächerlich! Du wurdest angeschossen. Das ist ganz natürlich.” Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und wusste doch, dass er ihr die Angst nicht abnehmen konnte. “Du musst die Jalousien ja nicht zudrehen. Setz Dich.” wies er sie an und ging zum Kleiderschrank, während sie sich weiter umsah.
Die Wände waren in einem gedeckten Gelbton gestrichen. Zwischen den zwei großen Fenstern stand eine moderne Kommode aus dunklem Holz und verzinkten Knopfgriffen. Es standen einige Bilderrahmen darauf mit Fotos von seiner Familie. Eins davon war ein Gruppenbild mit sehr vielen Menschen, die fröhlich in die Kamera lachten. Sie stand auf, um sich die Fotos näher anzuschauen, während er nach etwas geeignetem anzuziehen für sie suchte. Auf dem großen Gruppenfoto konnte sie die Personen gar nicht nachzählen. Mindestens drei Generationen mussten das gewesen sein. Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel, Cousins und kleine Kinder mit ihren Spielzeugen. Sogar ein großer schwarzer Hund saß zwischen den älteren Semestern, die das Zentrum der Gruppe bildeten und auf Stühlen saßen. Einige der Kinder schauten gar nicht in die Kamera und spielten stattdessen miteinander oder stritten sich um ein Kuscheltier und die Erwachsenen drumherum versuchten, die Knirpse dazu zu bekommen in die Kamera zu schauen. Und dann entdeckte sie Scotty am Rand. Er trug ein Phillies Trikot und auf seinen Schultern saß ein kleiner Junge ebenfalls im Trikot und mit einem viel zu großen Baseballhandschuh. Sie hätte Scotty beinahe nicht erkannt. Sein Haar war lockiger und nicht so kurz geschoren wie er es im Dienst trug. Er sah glücklich aus. Lilly fragte sich wie alt das Foto wohl sein mochte.
Auf einem anderen Foto waren zwei kleine Jungen komplett im Baseballoutfit. Die beiden hatten sich gegenseitig den Arm auf die Schulter gelegt und die Helme wirkten etwas zu groß für ihre kleinen drahtigen Körper. Das Passepartout war an einigen Stellen stark vergilbt. Auch das Foto selbst zeigte Abnutzungserscheinungen und kleine Eselsohren. “Bist Du das?” fragte sie schließlich und nahm den Rahmen in die Hand.
Er warf ihr einen Blick über die Schulter zu, wusste aber genau, welches Foto sie meinte. “Yip, das bin ich mit meinem Bruder Mike. Das war meine erste Saison in der Schulmannschaft. Ich war stolz wie Oskar!” sagte er, nahm schließlich zwei Sachen aus dem Schrank und schloss ihn wieder. Sie lächelte in sich hinein als er sich zu ihr gesellte und das Bild entgegennahm. “Das war nach meinem ersten Spiel. Der Coach hatte sehr viel Vertrauen in mich gesetzt. Letzten Endes hatten wir das Spiel doch verloren und ich war alles andere als gut. Aber es hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben.”
Lilly lächelte. Diese Seite hatte sie vorher noch nie bei ihm gesehen und nun wollte sie unbedingt mehr davon. “Und das da?” Sie deutete auf das große Familienfoto.
“Das war zur goldenen Hochzeit meiner Großeltern vor 8 Jahren. Wir kriegen selten alle zusammen, aber zu dem Ereignis ist jeder auch noch so entfernte Verwandte erschienen. Du kannst Dir nicht vorstellen, was das für ein Chaos war!” Er lachte kurz auf als er sich daran erinnerte. “Wir konnten noch meine Mutter davon abbringen, für das Essen allein zu sorgen, und haben stattdessen einen Cateringservice dafür genommen. Sonst hätten wir auch noch den Rest des Jahres mit Spülen verbringen können!”
“Wer ist das da auf Deinen Schultern?” Sie nahm den Rahmen von der Kommode und deutete auf den kleinen Jungen.
“Das ist Em, der Grund für meine Harry Potter Sammlung! Da war er grade mal zwei Jahre alt.”
“Das ist wirklich eine 'Menge' Familie!” Lilly konnte sich gar nicht vorstellen, mit so vielen Verwandten aufzuwachsen geschweige denn klar zu kommen.
“Ja, wir sind eine sehr fruchtbare Sippe. Der Zweig mit meinen Geschwistern ist die Ausnahme, ansonsten haben alle mindestens drei Kinder. Der reine Wahnsinn, wenn alle zusammenkommen. Und zum Glück sehen wir uns nicht so oft, sonst würden wir uns vermutlich alle gegenseitig an die Gurgel gehen. Aber so ist das nun mal in einer großen Familie, nicht wahr?” Scotty war nicht aufgefallen, wie schweigsam sie geworden war während er in seinen Erinnerungen schwelgte. Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt, die Augen starrten ins Leere. “Was ist?”
“Naja, ich weiß nicht, wie es in einer großen Familie ist. Ich hatte so was nicht. Bei uns gab es nur meine Mutter, Chris und mich, und es war nie ganz klar, wer von uns der Erwachsene war und wer das Kind.” Sie brach ab. Es hatte keinen Sinn über verschüttete Milch zu diskutieren. Sie wusste, dass sie eine Menge verpasst hatte als Kind, dass sie es schöner hätte haben können, wenn ihre Mutter auch nur ansatzweise einmal nüchtern gewesen wäre. Aber so ist es nun mal nie gewesen und jetzt war es nicht mehr zu ändern.
“Hey.” Er legte ihr den Arm um die Schulter und drückte sie einmal mehr als nötig. “Du hast jetzt eine Familie. Du hast Deinen Dad, Deine Schwester, Deine kleine Nichte und ich glaube, dass Deine Halbgeschwister Dir auch irgendwann ganz viele kleine Nichten und Neffen schenken werden und dann wirst Du der gefragte Babysitter für einen Haufen kleiner Nervensägen sein!”
“Oh ja, genau DAS muntert mich jetzt auch auf, Scotty!” Sie überspielte ihre Unsicherheit mit einem mehr oder weniger glaubhaften Lächeln, das allerdings Sekunden später wieder verschwand. “Möchtest Du Kinder?” Sie kaute auf ihrer Unterlippe.
Er wirkte ein wenig überrascht. “Nunja... Ich glaube, der Job ist nicht die geeignete Voraussetzung für eine Familiengründung.”
“Meinst Du damit Deine Einsamer-Wolf-Regel?” Sie erinnerte sich nur zu gut an ihre Unterhaltung in Nashville als sie ihn nach einem offensichtlichen Tête-à-tête mit einer ihrer Kolleginnen erwischt hatte.
“Ich mag meinen Job, aber manchmal frage ich mich, ob das wirklich alles im Leben ist. Weißt Du was ich meine?”
“Ich denke schon.” Sie strich nachdenklich über das Foto. “Aber das ist keine Antwort auf meine Frage.”
Er nahm ihr das Bild aus der Hand und kehrte für einen Moment in sich.
Lilly wusste, dass er jünger war als sie. Er wäre mit Sicherheit ein guter Vater.
“Es wäre schön mit ein paar Kindern, das obligatorische Haus mit Garten in der Vorstadt, einem Familienhund. Mit so einem großen Familienhaufen kommt man gar nicht drum herum. Das muss wohl in den Genen liegen. Aber um ehrlich zu sein habe ich schon sehr lange nicht mehr darüber nachgedacht. Nicht seitdem...” Seine Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie und er schluckte die Worte hinunter.
“Verstehe...” sagte sie nur leise.
Elyssas Sprung in den Freitod war mittlerweile über fünf Jahre her und trotzdem konnte sie die Anspannung erkennen, die seinen Körper durchfuhr bei dem Gedanken daran.
“Was ist mit Dir?” fragte er sie schließlich und versuchte jegliche Erinnerung an damals in die hinterste Ecke zu verbannen. Scotty wusste, dass er nach vorn schauen musste, und alle Erinnerungen an Elyssa würden ihn vom weitergehen abhalten.
“Mir hat sich die Option nie geboten.”
“Aber Du wirst doch mindestens einmal darüber nachgedacht haben. Du hast ja schließlich schon einmal fast vor dem Altar gestanden.”
“Das ist fünfzehn Jahre her!”
“Und? Die Hoffnung schon aufgegeben?!” Er hätte sich für diese vorschnelle Bemerkung ohrfeigen können, aber anscheinend nahm sie es ihm nicht übel.
“Ich denke, die Einsamer-Wolf-Regel ist das, was mir übrig bleibt.”
“Nicht heiraten? Keine eigene Familie gründen, dafür nur hier und da ein paar halbherzige Beziehungen ohne feste Bindung?”
“So zusammengefasst klingt das Ganze ziemlich grauenhaft.” Sie tat seine Bemerkung mit einem Nicken ab.
“Hier.” sagte er und gab ihr die Sachen, die er für sie ausgesucht hatte. Es war eine lange dunkle Jogginghose. So wie sie seine Konfektionsgröße einschätzte, würde sie sich die Hose zweimal umwickeln müssen. Sie hoffe, dass da irgendwo eine Kordel zum zuziehen drin war. Das Oberteil sah aus wie ein Trikot. Sie entfaltete und hielt es hoch. Es war weiß mit roten dünnen Streifen und hatte vorne eine Knopfleiste. Auf der rechten Seite prangte eine 24 und auf der linken ein geschwungenes großes P, beides im gleichen Rot wie die Streifen. Sie drehte das Trikot zur weiteren Inspektion um. “Pérez?!” fragte sie verwirrt.
“Ja...” Anscheinend wartete er auf eine einleuchtende Reaktion ihrerseits. Aber da kam nichts. “Tony Pérez!” sagte er schließlich und wartete immer noch auf ein “Ah!” oder “Oh!” von ihr, doch sie schaute ihn weiterhin verständnislos an. “Tony Pérez war 1983 DER Matchmaker bei den Phillies!”
“Tut mir leid... Ich kann mit Basketball nicht viel anfangen...”
“Baseball!”
“Wo liegt da der Unterschied?! Es geht um einen Ball, um Männer, die dem runden Ding hinterherlaufen und jede Menge dicker Zuschauer, die alles besser wissen wollen, oder nicht?!”
Er ließ resigniert die Schultern hängen und schüttelte nur den Kopf. “Also daran muss sich unbedingt was ändern. Du hast Wrestling geschaut, aber kennst Dich mit Baseball nicht aus?!”
“Naja, Wrestling war unterhaltsamer, jedenfalls fand ich das als Kind. Und es dauerte keinen ganzen Tag lang und kostete auch kein Vermögen. Außerdem kam ich zu den meisten Veranstaltungen umsonst rein.” Sie grinste auf seinen verblüfften Gesichtsausdruck. “Also gut... Pérez... Baseballspieler... Sollte mir vermutlich etwas sagen, wenn ich eine echte Philly wäre, was ich dem Anschein nach ja nicht bin. Würde mich der allwissende Detective Valens – Fans aller Philliesfans – aufklären, was es mit dem Spieler auf sich hat?”
“Tony Pérez ist Kubaner. Mein Vater kannte da ein paar, die im Veterans Stadium arbeiteten und so kamen wir näher ran an die Spieler. Ich habe einen der Home Run Bälle gefangen und mein Vater hat es hinbekommen, dass wir Pérez nach dem Spiel treffen konnten. Seitdem war er mein Lieblingsspieler.” Scotty lachte in sich hinein und senkte den Blick auf das Trikot. “Er blieb leider nur eine Saison.”
“Das Trikot ist aber nicht von ihm oder?!” holte sie ihn aus seinen Erinnerungen wieder zurück. “Ich mein, das hat keinen 'Echtheitswert' für Dich und ist auch hoffentlich gewaschen...”
Er schaute sie befremdlich an. “Äh, nein. Das Trikot hab ich mir irgendwann gekauft als ich noch zur Akademie ging. Wenn es getragen wurde, dann nur von mir.... und Ja, es ist definitiv gewaschen!” Er ging zur Tür und fügte ohne sich umzudrehen hinzu: “Ich lass Dich jetzt allein, damit Du Dich umziehen kannst.”

Lilly fragte sich mittlerweile nicht mehr, was sie beide in seinem Apartment taten. Als sie ihn das erste Mal traf, so selbstgefällig und selbstverliebt er sich ihr gegenüber auch gab und wie anmaßend er sich in ihrem ersten gemeinsamen Fall aufführte, so konnte sie ihm doch nicht seine Attraktivität aberkennen. Sein Lächeln wirkte verführerisch und er war sich dessen von Anfang an bewusst. Umso mehr hatte es sie getroffen, dass er mit ihrer Schwester bei der ersten Gelegenheit in die Kiste sprang und Lilly sich unweigerlich in einem Déjà-vu wiederzufinden glaubte.
Doch das war nun vergessen.
Sie hatten ihre Schwierigkeiten und stritten sich auch oft, aber Lilly vertraute ihm. Und das Vertrauen von Lilly Rush ließ sich nicht über Nacht gewinnen. Eigentlich hatte sie lange Zeit bereits gewusst, dass sie beide mehr waren. Es bahnte sich schleichend seinen Weg von einfachen Partnern zu einem guten Team, von guten Bekannten zu bedingungsloser Freundschaft, zu einer tiefen Verbundenheit, die darüber hinausging.
Er stand in schwarzer Jogginghose und einem weißen T-Shirt in der Küche und nahm den erneut aufgewärmten Haufen von Pizzastücken aus der Mikrowelle.
“Hey.” Er leckte sich grade das Fett vom Daumen als sie sich über den Tresen beugte.
“Hey!” erwiderte er. “Steht Dir gut.” bemerkte er zu dem Trikot, das ihr mindestens fünf Nummern zu groß war.
“Meinst Du?!” fragte sie skeptisch und nahm sich ein Stück Pizza. “Ich versinke fast darin.”
“Ich sollte Dich mit meiner Mutter bekannt machen, dann würdest Du das Trikot ganz schnell sehr gut ausfüllen.”
“Dann werde ich Deine Mutter wohl nie kennenlernen!” sagte sie. “Wie geht es ihr eigentlich?”
Er wurde nachdenklich und sein Lächeln erlosch. “Besser... denke ich. Sie versucht, den Schein zu wahren, damit sich keiner von uns Sorgen machen muss.”
“Wenn Du reden willst...”
“Ja, ich weiß. Danke. Ein ander mal vielleicht.” Er stellte den Teller auf dem Couchtisch ab und holte sich aus dem Schlafzimmer Kissen und Decke für später. “Also.... Charlie Chaplin?”
“Genau der!” Sie ließ sich neben ihm auf die Couch fallen und achtete diesmal nicht darauf, dass so viel Platz wie möglich zwischen ihnen war.
“Kennst Du den Film eigentlich schon?” fragte er und legte ihnen beiden die Decke um.
“Ich kenne alle Filme mit ihm.” antwortete Lilly, zog die Beine auf die Couch und lehnte sich leicht an ihn, immer noch mit dem Stück Pizza in der Hand.
“Ich hätte nicht gedacht, dass Du darauf stehst.”
“Es ist einfache Unterhaltung mit wenig Schnickschnack und man kann dabei lachen. Etwas Abwechslung zu unserem Alltag kann nicht schaden.” sagte Lilly und mümmelte an ihrem Stück Pizza. “Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass Du solche Filme hast!” Es klang fast wie ein Vorwurf.
“Meine Eltern haben alle Filme von ihm und wir haben sie uns ab und zu zusammen mit der Familie angesehen als ich klein war.” Wie selbstverständlich legte er ihr den Arm um die Schulter und bemerkte nicht den intimen Charakter seiner Geste. Es fühlte sich richtig und komfortabel mit ihr in seinen Armen an, und sie schien nichts dagegen zu haben.
Über den Bildschirm flackerten die ersten Szenen des Films. Der Bürgermeister weihte mit Frau und Gefolge vor versammelter Bevölkerung eine neue Statue für die Stadt ein. Das Kunstwerk war noch verhüllt und es wurden große Reden geschwungen. Gedämpfte Trompeten simulierten die Redenden.
“Das Trompetengequake erinnert an die Lehrer aus den Peanuts.” merkte Scotty schmunzelnd an.
“Das haben die wohl von den Stummfilmen geklaut.”
“Wie so vieles... Aber damals konnten sie sich sowieso austoben. Da war jede Idee neuartig.” Ihre Haare kitzelten sein Kinn als sie sich enger an ihn schmiegte. Er sagte nichts dazu aus Angst, sie würde sich wieder völlig zurückziehen. Eines aber musste er doch loswerden: “Was werden wir nun Boss morgen erzählen?”
Sie seufzte und hielt einen Moment inne. Den Termin hatte sie schon wieder vergessen. “Ich weiß es nicht. Das Beste wird sein, wenn wir bei der Wahrheit bleiben. Schlimmer als es jetzt schon ist, kann es wohl gar nicht mehr werden.”
Er lachte einmal leise auf. “Oh, doch. Glaub mir, schlimmer geht’s immer!” Er machte sich eine neue Flasche Bier auf. “Also die Wahrheit, ja?”
“Vielleicht haben wir ja noch ein paar Treuepunkte bei ihm übrig und er schmeißt uns nicht sofort raus.” Sie wischte sich den Mund mit einer Servierte ab und legte den Arm um seine Taille. “Kannst Du mich vorher bei mir absetzen? Ich sollte meine Klamotten wechseln und ich muss die Katzen füttern. Die werden sowieso schon beleidigt sein, dass sie heute allein sind.”
“Katze müsste man bei Dir sein, warum bin ich darauf nicht schon viel eher gekommen!”
Sie zwickte ihn in die Seite, aber es kam nicht die erhoffte Reaktion. “Vergiss es, ich bin nicht kitzelig.” Nach einigen erfolglosen Versuchen musste sie es einsehen und gab nach. “Ist 7 Uhr früh genug?”
“Es ist Samstag. Da wird wieder viel Verkehr sein.”
“Ok... 6 Uhr?!”
“Übertreiben sollten wir es auch nicht. Halb sieben sollte reichen. Es sei denn Du duschst eine Stunde lang, dann können wir schlafen für heute Nacht gleich streichen.”
“Ich werde mich im Zaum halten. Willst Du hier oder bei Dir zu Hause duschen?”
“Zu Hause wäre Zeitverschwendung. Wir sollten zusehen, dass wir vor 9 Uhr da sind. Ich weiß nicht, ob er uns allein sprechen will oder ob jemand in seinem Nacken sitzt. Das NYPD war ja schnell mit den Ermittlungen. Ich frage mich, wie sie unsere Namen herausbekommen haben.”
“Vielleicht wurden wir beobachtet. Dieser Cliff gehörte schließlich zu einer organisierten Drogenbande, die werden oft beschattet und da werden wir wohl aufgefallen sein.”
Sie fasste sich verärgert an die Stirn. “Wir waren mit dem Dienstwagen unterwegs!”
Auch ihm fiel es schließlich auf. “Sie werden unser Kennzeichen überprüft haben, klar! Ein Wagen aus Philly wird so auffällig gewirkt haben wie ein bunter Vogel!”
“Sie werden Christina bestimmt mitnehmen, was wird dann aus Alexis?!”
“Lil, nun mal nicht gleich den Teufel an die Wand.”
“Du weißt genau wie ich, dass sie schon länger vor denen auf der Flucht war! Wer weiß, mit welchem Strafregister sie diesmal aufzuwarten hat!”
“Warten wir doch erst mal ab, vielleicht kriegen wir einen Deal zustande, damit sie nicht ins Gefängnis muss.” Er drückte beruhigend ihre Schulter.
“Scotty, Du musst das nicht tun...”
“Ich will es aber so, Lil. Ich will Dir helfen, wenn Du mich lässt.”
Sie rührte sich eine Weile nicht und er fragte sich, ob sie nicht längst einen Plan entworfen hatte, um sich seiner Reichweite zu entziehen. Doch dann hob sie gerade so viel den Kopf, dass sie ihm in die Augen sehen konnte. “Danke.” sagte sie schließlich und legte den Kopf wieder auf seine Schulter.
“Nicht dafür, Lil.” sagte er mehr zu sich selbst und setzte einen Kuss in ihr Haar.
Dann wurden beide still.
Auf der Mattscheibe traf Charlie Chaplin grade auf die blinde Blumenverkäuferin an der Ecke, in die er sich hoffnungslos verlieben würde. Alles wirkte so unkompliziert. Alle anderen Probleme schienen auf einmal belanglos und unwichtig, als würde es keinen anderen Sinn auf der Welt geben. Kein Streit, keine Probleme, keine komplizierten Regelungen, die ihnen im Weg standen.
“Chaplin macht es uns vor.” meinte Scotty leise.
“Hm?” fragte Lil und er hörte die Schlaftrunkenheit in ihrer Stimme.
“Er zeigt uns die Dinge weniger problematisch. Beide haben keine guten Aussichten, aber er tut trotzdem alles, um ihr zu helfen.” Er bekam keine Antwort darauf und war sich sicher, dass sie längst eingeschlafen war.




Anmerkungen:
Veterans Stadium: Stadion in Philadelphia; eröffnet am 10. April 1971; Austragungsort der Philadelphia Phillies von 1971 – 2003; abgerissen in 2004; bei Baseballspielen bot es knapp 62 000 Fans Platz; aktuelles austragendes Stadion der Phillies: Citizens Bank Park

Tony Pérez: Baseballspieler von 1964-1986. Ob er wirklich DER Matchmaker schlechthin war, weiß ich nicht. Aber er ist kubanischer Abstammung und nach so einem Spieler habe ich bei den Phillies gesucht.

Ich habe mir zu Lillys Alter lange Gedanken gemacht und dann einfach das Geburtsjahr von Kathryn Morris übernommen, so wie es auf vielen Fanseiten auch der Fall ist.
In der Serie sind sie in Episode 4x11 “The Red and the Blue” in Nashville.
Wenn ich mich an meine Zeitlinie – den Ausstrahlungsterminen der Serie – halten möchte, ergibt sich folgende Rechnung: Ausgestrahlt wurde die Folge 2006 – Lilly wäre somit 37 Jahre alt. In der Folge erwähnt sie ihren beinahe-Altargang mit Ray im Alter von 19 Jahren – das müsste also 1988 gewesen sein. Dann wird in Staffel 2 (2004) Patrick erwähnt, mit dem sie verlobt war, was zu dem Zeitpunkt 9 Jahre her war – also 1995.
Um die Liste ihrer Beziehungen in eine Reihenfolge zu bekommen wären wir also bei:
1. Ray (bis 1988; an Ray hat sie sich auch maßgeblich orientiert, sie sind zusammen aufgewachsen)
2. Patrick (bis 1995; Exverlobter; hüpfte mit Christina kurz vor der geplanten Hochzeit ins Bett, es ist auch anzunehmen, dass Ray und Patrick ein und dieselbe Person sind, in Staffel 4 wird Ray ins Krankenhaus eingewiesen, auf seinem Krankenarmbändchen steht “Patrick, Ray” - Zufall??)
3. Kite (2003-2004; der gefiel mir von Anfang an nicht, hat sich selbst in Lillys Leben gequetscht und sie dann sitzen gelassen... so ein Arsch!)
4. Joseph (2005?; der einzige, der mir wirklich gefallen hat, er war sympathischer Mann mit einem gesunden Sinn für Gerechtigkeit und Glauben an das Gute im Menschen, allerdings hat auch er sie sitzen gelassen *hmpf!*)
5. Eddie Saccardo (2008-2009; er war zwar ein selbstgefälliger Clown, aber er hat Lilly zum lachen gebracht, Pluspunkt für ihn, wurd trotzdem aus der Serie geschrieben, weil man wohl den Protagonisten keine längerfristige Beziehung gönnen wollte – was sollen wir daraus lernen? Dass alle Polizisten psychische Wracks sind?!)
Nunja, für ein Durchschnittsleben sind zwei Verlobungen (oder doch nur eine) ja schon viel, aber die Liste der Beziehungen ist recht kurz. Das lässt zwar dem Autor eine Menge Freiheit, die er aber nicht ausnutzen kann. Setz ich euch nen neuen Freund irgendwo dazwischen, verwirrt das nur. Mir würd's zwar sehr viel Spaß machen, weil neue Charaktere zu erfinden immer Spaß macht, aber dem Leser wird es wohl nicht gefallen.
Ich werde mich also auf genau diese Rechnung stützen.
Sollte ich mich mal in den Jahreszahlen irren, könnt ihr mir ja die Hammelbeine langziehen! :)

Zur Erinnerung: Scottys Mom wurde irgendwann zwischen 6. und 7. Staffel (mehr kurz vor der 7. Staffel) vergewaltigt und hat es niemanden erzählt. Trotzdem kam Scotty dahinter.

Den Film “City Lights” mit Charlie Chaplin kann man sich übrigens in voller Länge auf YouTube anschauen. :)

In meinem Profil befindet sich übrigens das Cover zu dieser FF. :)
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