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Partners in Crime

von rebelyell
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lilly Rush Scotty Valens
30.01.2012
15.07.2012
5
16.849
 
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.01.2012 3.087
 
Titel: Partners in Crime
Kapitel: 02 – Über den Dächern von Philadelphia
Pairing: Lilly / Scotty
Rating: In diesem Kapitel noch P - 12
Inhalt: Schließt direkt an der letzten Folge an.
Scotty fährt Lilly, ihre Schwester und das Baby heim Richtung Philadelphia. Sie bringen Christina ins Krankenhaus, wo sie vorerst bleiben wird, genau wie ihre kleine Tochter.
Lilly muss erstmal den Schock verarbeiten, plötzlich eine Nichte zu haben.

Anmerkung: Planlos, aber nicht plotlos. Ergo – ich schreib's mir von der Leber so weg. Keine Ahnung, wo das hinführt. ;)
Nicht ge-beta-lesen (was für ein schreckliches Wort!). Wer sich dazu berufen fühlt, darf sich gerne bei mir melden.

Disclaimer: Ich bin seit heute im Besitz einer Tüte voller dreckiger Modellbaubäume für meine Kulissen, leider verstecken sich die Rechte an der Serie nicht darunter. (Ich bin auch zu faul, um da jetzt reinzugrabschen...)


Partners in Crime

02 – Über den Dächern von Philadelphia


Sie klopfte an seine Wohnungstür und wartete, aber niemand öffnete. Sie versuchte es nun schon ein drittes Mal und noch immer hörte sie kein Anzeichen von drinnen. Ihr Blick fiel auf die Uhr auf ihrem Handy – 22:47 Uhr. Er schlief vermutlich schon, wenn er Glück hatte. Nach den letzten zwei Tagen wäre das kein Wunder, wenn er für die nächsten Stunden mehr einem toten Stein glich.
Oder aber...
Ihr Blick folgte der Treppe aufwärts. Die Möglichkeit schien schwindend gering, aber sie war bereits hier. Also würden die vier weiteren Treppen auch nichts mehr ausmachen. Der Duft, der dem Pizzakarton entwich wurd von Minute zu Minute verführerischer und sie schwor sich, wenn sie Scotty nicht fände, wäre die Pizza vertilgt bevor sie wieder das Erdgeschoss erreicht hätte.
Ein kalter Luftzug kam von oben herangezogen und als sie an der obersten Treppe angekommen war, sah sie den Stein, der die Tür zum Dach vorm zuschlagen hinderte. Sie stemmte die Tür einen Spalt breit auf und schob ihren Kopf vor. Es war nicht schwer, ihn auf dem Dach auszumachen. Er lehnte sich gegen die Brüstung mit dem Rücken zu ihr. Er hatte sich umgezogen. Anstelle des unbequemen Anzugs stand er da in Jeanshose und seinem Kapuzenpulli, in dem sie ihn schon öfter gesehen hatte, wenn er keinen Dienst verrichtete. Das musste wohl sein Lieblingspulli sein, denn die abgenutzten Stellen an den Nähten waren ihr schon beim ersten Mal nicht entgangen.
Sie schob sich etwas umständlich mit der Pizza und dem Sixpack in einer Hand durch die Tür und achtete darauf, dass der Stein immer noch dazwischen lag. Nur weil sie keinen Schlaf zu finden vorhatte, bedeutete dies noch lange nicht, dass sie die Nacht auf dem Dach von Scottys Apartmenthaus verbringen wollte. Das Quietschen der Scharniere ließ ihn aufhorchen. Mit einer Hand an seinem Gürtel drehte er sich um und ließ bei ihrem Anblick die Hand gleich wieder sinken. Ob er bewaffnet war, konnte sie nicht sagen. Vielleicht war es aber auch nur ein Akt der Gewohnheit. Sie war heute Nacht nicht die Einzige mit angespannten Nerven. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf die Brüstung als er sich ihr zuwandte, sagte aber nichts. Stattdessen starrte er sie nur an. Für einen Bruchteil kam sie sich wie ein unerwünschter Eindringling vor. Er durchbohrte sie förmlich mit seinen braunen Augen. Sie hob beschwichtigend den Arm mit dem Proviant beladen und zwang sich ein Lächeln ab.
Er blieb regungslos.
Entweder ich bilde mir das nur ein, oder er brütet irgendetwas aus., dachte sie und wappnete sich innerlich gegen welche Vorwürfe er ihr auch immer machen wollte. Sie war immer noch wütend auf ihn... irgendwie. Schließlich hatte er ihr nicht gesagt, dass Christina ihn vorher schon angerufen hatte und dass sie alle Zeichen einer Drogensüchtigen zeigte. Sie war wie immer explodiert, als sie es schließlich doch aus ihm herausbekam. Dabei wollte sie gar nicht ausflippen, dieses mal jedenfalls nicht. Er hatte ihr bei so vielem geholfen und in den letzten sieben Jahren waren sie zu einem wirklich guten Team zusammengewachsen. Und doch konnte sie nichts dagegen tun. Er hatte sie zum zweiten Mal hintergangen in Sachen Christina. Zwar hatte er sie nicht belogen, aber er hatte ihr auch nichts gesagt, was aufs gleiche Ergebnis hinauslief.
Trotzdem wollte sie nicht austicken. Er war neben ihrem Dad die wichtigste Person in ihrem Leben geworden. Lilly wusste, dass er derzeit sehr wohl andere Sorgen hatte. Und trotzdem war er der Einzige, den sie in dieser Sache um Hilfe bitten konnte. Noch einer von vielen Gründen, warum sie ihn nicht verärgern sollte. Zu ihrem Glück war er hartnäckig geblieben.
Etwas unsicher schaute sie sich um. Die billigen Klappstühle standen immer noch da, wo sie das letzte Mal waren als sie mit Scotty auf dem Dach ein Sixpack vernichtet hatte. Sie legte die Sachen darauf ab und ging langsam auf ihn zu. Auf einmal kam ihr die Idee herzukommen ziemlich stupide vor. Er machte keine Anstalten, sie willkommen zu heißen. Die Augen umgaben dunkle Schatten. Den Mund hatte er zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Allem Anschein nach kam sie ihm sehr ungelegen.
Was hast Du Dir dabei nur gedacht, Rush..., schalt sie sich.
Alles in ihr schrie danach, auf dem Absatz sofort kehrt zu machen. Doch sein Blick hielt sie fest. Sie konnte sich nicht von ihm abwenden. Wenn es also schon kein Entrinnen gab, blieb nur noch die Flucht nach vorn. Sie griff zwei Flaschen aus der Packung und trat neben ihn. Eine davon stellte sie auf die Brüstung in seine Nähe, die andere lag kühl in ihrer Hand als sie sich auf der Mauer abstützte und ihren Blick über die beleuchtete Stadt schweifen ließ.
Aus der Ferne schallten mehrere Sirenen durch die Straßen.
Unter ihnen herrschte immer noch reger Verkehr. Diese Stadt schlief nie. Es war immer etwas los, egal zu welcher Uhrzeit. Der Flasche entwich ein Zischen als Lilly sie öffnete. Sein Schweigen nagte mittlerweile an ihren Nerven. Sie nahm einen großen Schluck in der Hoffnung, dass der Alkohol die Anspannung von ihr nahm.
Endlich drehte auch er sich zur Stadt hin und öffnete sein Bier.
“Boss will uns morgen früh im Büro sehen.”, sagte Lilly und setzte ihre Flasche an ihre Lippen. Wenn schon nicht über triviale Dinge, so konnten sie doch wenigstens über die Arbeit sprechen. Besser als Schweigen war es allemal.
“Warum zitiert uns Boss an einem Samstag Morgen ins Büro?!”, fragte Scotty endlich leise.
Ah, also hat er doch nicht die Sprache verloren!, dachte Lilly sich und lächelte fast. “Weil wir uns nicht abgesprochen haben.” Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. “Du weißt, wie sehr Boss es hasst angelogen zu werden.”
“Verdammt...!”, stieß er zischend hervor. Er fuhr sich mit der Hand erst durch das kurze Haar und schließlich über sein müdes Gesicht. Er stieß sich von der Brüstung ab und wandte sich von ihr ab. Lilly wusste nicht so recht, wie sie reagieren sollte, also schaute sie ihm beim umherwandern einfach nur zu. An der Ecke mit den Schornsteinen blieb er stehen und hielt sich an der Wand fest bevor er sich wieder zu ihr umdrehte.
Wenn sie sich nicht irrte, hatte Scotty nur einen Vorwand gesucht, um Abstand zwischen ihnen zu bringen, was sie mehr verwirrte. Warum sollte er sie meiden?
“Ich wusste doch, dass wir etwas vergessen haben...” sagte Scotty und senkte den Blick zu Boden. Er wusste wohl nichts mit seinen Händen anzufangen, also begann er, das Etikett von der Bierflasche zu knibbeln. “Wie geht es Christina?”
“Ihr geht es den Umständen entsprechend.” Lilly war dankbar für den Themenwechsel. Immerhin redete er mit ihr. “Ich bin so lange geblieben bis sie eingeschlafen ist.” Nun macht auch sie sich an der Etikettierung ihrer Flasche zu schaffen anstatt einfach nur den Inhalt die Kehle hinunter zuschütten. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Schornsteinmauer und sagte nichts dazu. Stattdessen haftete sein Blick am Boden. Er winkelte eines seiner Beine an und stemmte es gegen die Mauer hinter ihm. “Ihre Tochter heißt Alexis.”, warf sie ein, um diese einseitige Unterhaltung irgendwie am laufen zu erhalten. Als Antwort erhielt sie nur ein lautloses Schnaufen und ein kurzes Aufzucken seiner Mundwinkel. Ja, so hätte sie auch reagiert, wenn Christina ihr nicht selber den Namen verraten hätte. “Typisch Christina... So pathetisch... Benutzt den Namen ihres eigenen Kindes, um an ihre Drogen zu kommen...” Nun war sie an der Reihe verächtlich zu schnauben.
Schließlich drehte er den Verschluss von seiner Flasche. Lilly war es gar nicht aufgefallen, dass die Flasche die ganze Zeit zu war. Er knickte den Kronkorken mit zwei Fingern zusammen, holte weit aus und warf das gequetschte Metallstückchen im hohen Bogen vom Dach über die Straße, wo es vermutlich auf dem gegenüberliegenden Dach landete. Er genehmigte sich endlich einen großzügigen Schluck bevor er zu ihr zurück schlenderte und sich wieder auf die Brüstung stützte, den Blick immer noch von ihr abgewandt.
“Sie wird es nicht alleine schaffen.” Seine Kiefermuskeln traten unter seinen Wangenknochen hervor, während er die Skyline von Philadelphia betrachtete. “Ich kenn diese Sorte Junkies aus meiner Zeit bei der Drogenfahndung. Sie versprechen einem alles, auch dass sie aufhören wollen. Aber sie schaffen es nicht.” Er schloss kurz die Augen bevor er Lilly endlich wieder ansah. “Du kennst Chris besser als ich und Du weißt selber wie willensschwach sie ist.”
Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, als sich ihr Griff um die Bierflasche verkrampfte. “Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll.” Sie holte tief Luft und klemmte sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
Scotty griff nach ihrem Handgelenk. “Hey.” Er wartete bis er ihren Blick spürte. “Du bist nicht allein, merk Dir das. Du hast Deinen Dad, Deine Familie.” An ihrer Mimik bemerkte er, dass sie daran zweifelte, also sprach er weiter: “Und Du hast uns.” Er ließ ihr Handgelenk los. “Du hast mich.” Er nahm einen Schluck Bier. “Du musst nur etwas sagen...”
“Ja, ich weiß.”
“Also.... was hat Boss gesagt?” fragte er nach einer Weile.
“Er hat den Bericht vom NYPD und hat über sie herausgefunden, was wir in Jersey City gemacht haben. Ich hatte keine Zeit, mir schnell eine andere Story auszudenken, damit Boss weniger Sorgen hatte, also hab ich ihm die Wahrheit erzählt – in Kurzform. Was hast Du ihm erzählt?”
“Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte und ob ich Deine Schwester erwähnen sollte, also hab ich ihm gesagt, dass wir an einem alten Fall dran wären, deren neue Spur wir zuerst überprüfen wollten, bevor wir den Fall wieder öffnen.” Fast verlegen griff er sich in den Nacken.
“Dann hoffe ich, dass wir bei ihm noch genügend Treuepunkte übrig haben, damit er nicht sofort den Asphalt vorm Präsidium mit unseren blanken Hintern poliert.” Daraufhin mussten beide schmunzeln.
“Allein der Anblick wäre ein Rausschmiss wert!” Er lachte. Es tat gut, ihn lachen zu sehen, dachte sich Lilly. In letzter Zeit hatte er viel zu selten Grund dafür gehabt.
Dann erstarb das Lächeln auf ihren Lippen. “Ich werde die Verantwortung dafür übernehmen.” Und bevor er sie unterbrechen konnte, hob sie die Hand. “Ich habe schon zu viel von Dir verlangt. Ich werde Boss sagen, dass ich Dich dazu überredet habe. Vielleicht rettet das wenigstens einem von uns den Kragen.” Sie holte tief Luft. Noch hatte sie ihn nicht ganz überzeugen können, aber sie holte schon zum nächsten Argument aus. “Weiß Boss etwas über Deine privaten Ermittlungen bescheid?” Er schüttelte nur kurz den Kopf. “Das dachte ich mir. Ich werde nicht immer zur Stelle sein können, um Dir Rückendeckung zu geben. Ich habe Detective Pierson einige Male abgefangen und weil ich nicht wusste, worum es ging, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Aber was ist, wenn Boss ihn gesehen oder gesprochen hat. Ich bin nicht die Einzige, die eins und eins zusammenzählen kann. Boss hat mehr Diensterfahrung als wir beide zusammen und früher oder später wird er dahinter kommen. Du solltest nicht so lange warten, bis es von selbst herausgefunden hat.”
Scotty schien mit sich zu ringen. “Es ist eine Privatangelegenheit.”
“Sobald wir unsere Dienstmarken benutzen, ist es für uns keine Privatangelegenheit mehr. Das weißt Du genau wie ich, Scotty.” Mittlerweile war sie sich nicht mehr sicher, ob sie über den Themenwechsel froh sein sollte. Das Gespräch schlug eine unangenehme Bahn ein und Streit war das Letzte, was sie sich heute wünschte – vor allem nicht mit ihm. Sein Schweigen verriet sein Unbehagen. Sie ließ ihr Kinn zur Brust sinken. Der kalte Rand ihrer Flasche drückte sich leicht auf ihrer Stirn ab. Wenn er also nicht über seine Mutter reden wollte, hieß es für sie, ihr eigenes unwillkommenes Gesprächsthema wieder anzuschneiden. “Ich werde für Christina einen Platz in einem der Entzugshäuser besorgen, zu dem Mütter ihre Kinder mitnehmen können. Je früher sich die Mutter-Kind-Beziehung festigt, desto leichter wird ihr hoffentlich auch der Entzug fallen.”
Scotty schnaubte verächtlich. “Der Entzug ist niemals leicht. Sie wird sich von ihrer schlimmsten Seite zeigen, wenn ihr Körper erst einmal entgiftet ist. Sie wird alles tun, um an einen Ersatz zu kommen. Und vielleicht wird ihr das Jugendamt auch das Kind wegnehmen. Schon allein wegen des Kindes sollten wir ihr helfen.”
“Ich werde meinen Dad besuchen, vielleicht weiß er ja weiter.”
“Hey, ich helfe Dir, wenn Du willst.” Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter und hätte beinahe ihre Flasche vom Dach hinunter geschickt.
“Scotty, Du hast Deine eigenen Sorgen...”
Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. “Wozu sind Freunde denn da?”
Dieses Mal wandte sie ihren Blick von ihm ab, denn plötzlich spürte sie ein Kribbeln, das sie sich nicht erklären konnte – genau da, wo seine Hand auflag. Eine Woge von Gefühlen spülte über sie hinweg. Freundschaft. Argwohn. Verwirrung. Loyalität. Wut. Alles auf einmal, und vieles, das sie sich nicht einzugestehen erlaubte. Sie wusste instinktiv, dass sie sofort das Dach verlassen sollte. Aber sie bewegte sich keinen Deut. Irgendetwas hielt sie fest. Seine Hand hielt sie fest.
Hastig spülte sie das restliche Bier ihre Kehle hinunter. Dabei war die Flasche noch halb voll. Bereits beim Ansetzen war ihr klar, dass dies eine vollkommen dämliche Idee war. Während sie benommen die Flasche abstellte, fand sie immerhin eine kurze Ablenkung darin, den vermutlich schlimmsten Rülpser ihres Lebens und gleichzeitig einen unwiderstehlichen Brechreiz niederzukämpfen. Sie hoffte inständig, dass er ihr nichts von alledem ansah, auch wenn sie es besser wusste. Scotty Valens konnte manchmal ein wirklich blinder Idiot sein, aber er überraschte sie immer wieder mit seinen Einfällen und Ansichten, die ihr Team immer auf die richtige Spur leiteten.
“Hey.”, riss er sie aus ihren Gedanken und sie verfluchte sich innerlich für ihre Schreckhaftigkeit. “Alles in Ordnung.”
Sie schloss die Augen, um sich zu sammeln, und nickte nur kurz. Es war ja klar, dass das Glück heute nicht auf ihrer Seite sein sollte. Sie hatte ja bereits genug davon heute ausgeschöpft und heraus kam dabei eine Nichte und eine drogensüchtige Schwester. So sah das personifizierte Glück der Lilly Rush stets aus. Fortuna strafte sie heute mit extra viel Ignoranz.
Seine Hand wanderte weiter hinauf bis zur Stelle, an der sich Schulter und Hals trafen. Die Wärme seiner Finger brannte sich durch den Stoff ihres Kragens und sein Daumen stahl sich beinahe um die seidene Barriere. Er verstärkte seinen Druck und auf mit einem Mal blitzte ein unerträglicher Schmerz durch ihren Nacken und Schultern. Sie biss die Zähne zusammen. Nein, Lilly Rush zeigte keine Schwäche. Nie. Nicht bei Verhören, nicht beim Boss, auch nicht bei ihrer eigenen Familie. Lilly Rush war stark. Das hatte sie sich jedenfalls vorgenommen.
Und doch konnte sie ein verzerrtes Luft holen nicht unterbinden.
Während sie sich mit der rechten Hand abstützte, nutzte Scotty den kurzen Augenblick ihrer Wehrlosigkeit und schob den Kragen beiseite. Ein großer dunkler Fleck kam zum Vorschein.
“Ist das von gestern?”, fragte er besorgt, während er die Stelle näher zu untersuchen versuchte.
“Mag sein...” Sie wich einen Schritt von ihm zurück, gerade so weit, dass sie seine Finger nicht mehr auf ihrer Haut spürte. Hastig zog sie den Kragen enger um ihren Hals, knüpfte sogar ihr Hemd um einen weiteren Knopf zu.
“Du solltest besser...”
“Mir geht es gut.”, unterbrach sie ihn hastig. Sie griff nach der leeren Bierflasche. Ihre Augen suchten flehentlich die seinen und sie hoffte, dass er ihre Andeutungen verstand. Aber sie hatte Fortuna wieder vergessen. Ihr Glück war für den Rest der Woche ausgeschöpft und Scotty Valens verstand es generell nicht, sich aus diversen Angelegenheiten herauszuhalten. Ob er ihre Anzeichen nun verstand oder nicht, er würde es einfach ignorieren oder...
“Ja, klar, Lil.... Du raffst es einfach nicht...” … oder er würde einfach wieder wütend werden. Lilly beglückwünschte sich selbst. Sie hatte ihn schon lange nicht mehr in so kurzer Zeit so oft verärgert, dass sie fast dachte, ihren besten Freund zu verlieren. Sie ergänzten sich wie Ying und Yang, keine Frage – als Cops, als Partner. Aber privat lieferten sie sich mehr Zunder, dass es für drei Waldbrände reichte. Mehr als einmal zu viel hatte sie ihm die verbalen Krallen entgegengeschlagen – und es gleich danach meistens wieder bereut. Allerdings fiel ihr nicht in den Sinn, was sie dieses Mal falsch gemacht haben sollte.
Sie setzte zum Reden an, aber ihr Mund blieb offen und stumm.
“Du spielst immer nur die Starke! Lässt keinen an Dich heran... Wie soll man Dir helfen, wenn du es nicht zulässt?” Wenn er wüsste, welchen wunden Punkt er erwischt hatte, wäre das der Zeitpunkt, um sofort aufzuhören. “Ich weiß ja, dass Du immer die Starke sein musstest. Als Kind mit einer kleinen Schwester und einer Mutter, die fern jeden Sinns von Verantwortung war. Als Teenager. Nichtmal als Cop durftest Du Schwäche zeigen.” Er trat einen Schritt näher. Sie spürte seine Fingerspitzen an ihrer Wange und ihr Atem bebte vor Aufregung. Mit der anderen Hand hob er ihr Kinn an, dass sie ihm in die Augen sehen musste. “Du musst nicht immer taff sein. Für den Job hast Du Dir ein dickes Fell wachsen lassen, dass Du vergessen hast, dass Hilfe zu benötigen keine Schwäche ist. Es ist nur menschlich. Jeder braucht ab und zu mal jemanden zum anlehnen, und wenn's nur dazu ist, um eine Verschnaufpause zu bekommen.” Sein Daumen strich nah an ihrem Mundwinkel vorbei. Er hielt ihr Gesicht in beiden Händen. “Wir sind hier unter uns. Also wem willst Du etwas vormachen?”
Sie blieb ihm eine Antwort schuldig.
Ehe er sich versah, trat Lilly näher an ihn heran und verschloss seine Lippen mit ihren.

Anmerkung, die zweite: Woohoo! Das zweite Kapitel! Und gleich so ein böser Cliffhanger...
Tja, das haben die beiden davon, wenn sie sich nicht ans Script halten! Vorgesehen war: Lilly – Pizza – Dach – Scotty – NICHT REDEN, weder den Mund aufmachen, noch sonstige Töne von sich geben... Aber nein....
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