Total dämlich

von ARCAI
GeschichteHumor, Sci-Fi / P12 Slash
Elizabeth Hawke Toby Johnson
27.01.2012
27.01.2012
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Elizabeth war zufrieden mit sich selbst, sehr zufrieden sogar.
Mit einem deutlichen Gefühl des Triumphs schüttete sie die letzten Bestandteile des Reagenzröhrchens, das sie über den Bunsenbrenner gehalten hatte, in die kleine Plastikschale, in der sich schon eine dickflüssige Masse gebildet hatte.
Ihr Plan erschien ihr perfekt, wie so oft, es konnte eigentlich nichts schief gehen; nicht durch sie selbst, das war ausgeschlossen. Toby würde staunen, wenn er später die Folgen ihrer unübertrefflichen Idee auskosten durfte.
Der Inhalt des Schälchens färbte sich dunkler und änderte seine Konsistenz in einen viel flüssigeren Zustand, den man ohne viel verschleiern zu müssen in ein Getränk kippen konnte. Der leicht bittere Geschmack würde überdeckt werden, aber das Ergebnis dadurch nicht verändert.
„Ich bin so gut.“ Wenn schon keiner anwesend war, um sie zu loben, musste sie das selbst machen, das stärkte nur ihr Ego, das sowieso schon irgendwo in den Wolken schwebte. Verity und Garth hätten ihr Werk nämlich auch gar nicht zu würdigen gewusst, geschweige denn gut geheißen. „Toby, mach dich auf was gefasst.“

Toby war leicht genervt; der Tag hatte gut begonnen und schien in einer kleinen Katastrophe zu enden; der Grund dafür war rothaarig und flog gerne mit seinem Skateboard auf die Fresse.
Russel hatte in seiner überragenden Intelligenz den kleinen Klassensaal komplett unter Wasser gesetzt, als er unbedingt sein heiß geliebtes Board, mit dem er immer noch nicht reinigt gut umgehen konnte, reinigen wollte, weil es seit einigen Tagen völlig mit Schlamm beschmiert war. Das kam davon, wenn man sich einbildete, überall durchdüsen zu können.
Am Ende fehlte allerdings ein Russel, der den Wasserhahn abdrehte, denn er hatte noch schnell etwas hatte holen wollen, und der Boden versank unweigerlich in einer immer größer werdenden Pfütze aus Leitungswasser und einer großen Menge Putzmittel. Eine wunderbare Bescherung.
Toby war schlichtweg begeistert, denn natürlich wurde ihm aufs Auge gedrückt, sich um das entstandene Chaos zu kümmern, Dina musste schließlich im Café arbeiten und durfte sich nicht noch mehr Patzer und Fehlzeiten leisten, während Russ weiterhin wie vom Erdboden verschollen blieb. Er hatte wohl gerade seinen Verstand vergessen und suchte sonst wo nach ihm.
„Was für ein Mist“, grummelte Toby verstimmt, während er sich mit einem Lappen bewaffnet auf die Knie niederließ, um den riesigen See aufzuwischen und noch irgendwie seine Freizeit zu retten, die ihm hier gestohlen wurde. Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis er das hier entfernt und Herrn Tesslar von seinem Erfolg überzeugt hatte.
Nicht einmal ein toller Geistesblitz durchzuckte seinen Kopf und sparte ihm viele Minuten und Nerven; wie verhext, fast hätte er angenommen, Elizabeth hätte sein Schicksal beeinflusst, um ihn den Nachmittag zu ruinieren. Aber so dreist, dass sie so weit in sein eigenes Leben eingriff, konnte sie nicht sein, das wäre zu übertrieben, denn sie wusste, er konnte ihr alles bei Gelegenheit heimzahlen.
Seufzend spürte er, dass das Wasser seine Jeans an den Knien durchweichte und der Lappe es nicht einsah, wirklich viel davon aufzusaugen. Vielleicht sollte er es mal mit Taschentücher probieren, allerdings wäre dann wegen des eklatanten Verbrauchs Green Peace hinter ihm her.
Der letzte Rest seiner sonst so unerschöpflichen Motivation fuhr gerade vor seiner Nase auf einem kleinen Bötchen ganz weit von ihm weg und versank theatralisch in den Miniaturfluten.

Die zwei Gläser standen auf dem Tablett, gefüllt mit gewöhnlicher Cola und mit einer Zitronenscheibe dekoriert. Schön sah es aus, schön unscheinbar, hoffentlich kam niemand auf die Idee, dass sich dort gleich etwas ganz anderes befand als klebriges Süßzeug.
Leise lachend vor Vorfreude verteilte Elizabeth gleichmäßig ihre Zauberzutat in den Gläsern und verrührte alles ordentlich mit einem Löffel; kein Unterschied im Aussehen, im Geruch, sicher auch noch nicht im Geschmack. Probieren konnte sie es noch nicht, immerhin lief ihr mit Sicherheit noch jemand vors Gesicht, bevor sie auf Toby traf.
Und ein solches Szenario wäre peinlich, furchtbar peinlich, besonders wenn sie mit Verity oder Garth zusammenstieß.
Ihre Aufgabe war erledigt, nun musste ihre persönliche Sklavin, also Verity, endlich auftauchen und dieses Tablett so unauffällig wie möglich in den Klassensaal bringen; wenn sie selbst dort auftauchte, wurde Toby noch skeptischer als er sowieso schon wäre, wenn er Veritys braunen Haarschopf vor seinem Gesicht herumhüpfen sah.
Russel lag gefesselt und wenig erfreut über seine misslige Lage in einer selten besuchten Ecke der Schultoiletten, wo Garth ihn hinverschleppt hatte, um ihr den Weg für ihr Experiment frei zu halten, obwohl er nicht einmal genau wusste, woran sie sich zu schaffen gemacht hatte.
Die dumme Pute Dina bediente hoffentlich gerade mit ihrem affigen Lächeln und dem übertriebenen Gehabe Gäste in ihrer gammligen Eisdiele und blieb dort auch noch lang genug und der Rest der Menschheit vermisste Toby Johnson sicher keine Sekunde.
Aber wo blieb dieses unzuverlässige Ding? Sie sollte hier endlich erscheinen, wenn Toby zu schnell mit seiner Putzaktion fertig wurde und ausflog, hätte sie die ultimative Gelegenheit verpasst, ihn mit dieser Geheimwaffe zu verhexen und vielleicht an sich zu binden. Spätestens dann wusste er nämlich, dass sie nicht nur eine egoistische, wirklichkeitsfremde Wahnsinnige mit Ansätzen zum Tyrannen war, sondern auch eine andere Seite hervorholen konnte, wenn nur er im Raum war.
Etwas abgehetzt schlitterte Verity um die Ecke und stoppte knapp vor ihr. „Tut mir Leid, Elizabeth, ich musst noch…“
„Halt die Klappe, deine Ausreden sind schlecht“, zischte Elizabeth sie unfreundlich an und zeigte anklagend auf die Getränke. „Bring das in den Klassensaal, bevor Toby abhaut. Und verschütte nichts, sonst kipp ich es dir irgendwann ins Getränk, wenn Garth daneben sitzt.“
Gequält von dieser furchtbaren Aussicht packte Verity das Tablett mit beiden Händen und balancierte es vorsichtig aus den Raum, durch die langen Gänge der Schule, immer mit der Befürchtung, gleich auf einen Lehrer zu treffen, bis sie vor der Tür stand, hinter der sich Toby mit Russ’ dummen Missgeschick herumschlug und kurz davor stand, in Verzweiflung zu versinken.
Hoffentlich ging Elizabeths komischer Plan auf, denn egal woran er scheiterte, am Schluss wäre sie die Leidtragende in dieser üblen Verschwörung.

Als Toby noch mittendrin war, sich als die neue Putzfrau der Sandy Bay aufzuspielen, öffnete sich die Tür schwunghaft und der viel zu umschwärmte Star der gesamten Schule betrat den Raum. Verwirrt betrachtete Sean Toby, der immer mehr den Eindruck erlag, auf verlorenem Posten zu kämpfen.
Putzen und solcher Krempel würde nie in sein Spezialgebiet fallen, da erfand er lieber auf die Schnelle etwas, das ihm diesen Graus abnahm. Wenn die Erleuchtung endlich durch seinen Kopf strömte.
„Ähm, alles okay bei dir?“, erkundigte sich Sean neugierig, während er ein Heft von der Fensterbank nahm, das er wohl in der Hektik des Tages dort liegen gelassen hatte. „Was wird das?“
„Russ hat Mist gebaut und ich darfs ausbaden.“ Wie so oft, aber trotzdem konnte er ihm nicht böse sein. Russ war nun mal speziell und auf höchster Ebene individuell, wenn man es so nennen wollte.
Dina bezeichnete es eher als chaotisch und unzumutbar.
„Brauchst du Hilfe? Du siehst nicht so aus, als wirst du heute noch damit fertig.“
Dieses Angebot abschlagen wäre extrem dumm, später konnte Toby Dina noch damit aufziehen, dass sich der heilige Sean zu ihm auf den Boden begeben und mit einem Lappen herum gewedelt hatte. Für sie hatte er das nicht getan.
„Ihr habt es voll drauf, euch in komische Situationen zu bringen“, bemerkte Sean knapp, er schien seinen Anflug von Nettigkeit schon wieder zu bereuen, während er sich geistig darauf vorbereitete, ebenfalls ziemlich nass zu werden. Wer ging nicht lieber draußen schwimmen oder Volleyball spielen anstatt die Schule von innen zu betrachten?
„Muss unser heimliches Talent sein.“ Das verstärkt auftrat, wenn eine gewisse Person namens Elizabeth ihre Finger im Spiel hatte.
Eine Gestalt flitzte eilig durch die Tür in den Raum, so schnell es die Ladung, die sie in den Händen hielt, zuließ, stellte es auf dem Pult ab und rannte davon, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her.
Mysteriöse Sache, besonders weil es Verity gewesen war; den möglichen Teufel konnte man sich also gut vorstellen.
„Aha.“ Langsam fragte sie Sean ernsthaft, mit was für suspekten Menschen er die Stadt teilte. „Was zum Geier war das denn? Fünf Sekunden Besuch? Oder sehen wir so bescheuert aus.“
Für Toby hatte das eher wie ein schlechtes Attentat ohne erkennbaren Erfolg gewirkt, aber Verity benahm sich ja permanent so, dank ihrer Meisterin und Sklaventreiberin Elizabeth.
Sean wischte noch einmal über den noch feuchten Boden, bevor er sich erhob und interessiert auf das Tablett zusteuerte, was so einsam und verlassen auf Benutzung wartete.
„Ist das für uns?“ Niemand vermutete, dass Verity das Wort altruistisch auch nur buchstabieren konnte. „Oder was kann das sein?“ Sein Blick schweifte unschlüssig von Glas A zu B.
Entweder hatte Elizabeth ein Paralleluniversum mit einer netten Verity in diesen Raum gebeamt oder da steckte ein übler Plan dahinter. Leider ergab keine der beiden Möglichkeiten einen tieferen Sinn und selbst wenn Toby ihn durch seinen unmenschlichen IQ doch noch gefunden hätte, wäre es zu spät gewesen. Sean hatte sich schon selbst bedient und einen Schluck probiert.
„Das schmeckt gut“, kommentierte er überrascht die Flüssigkeit, die noch leicht vor sich hinschwappte; insgeheim hatte er wohl mit einem hinterhältigen Giftanschlag gerechnet. Nicht unbedingt auf sich, sondern eher auf Toby, die Spannungen zwischen diesen zwei Lagern spürte die ganze Klasse.
Ziemlich dreist kippte Sean noch den restlichen Inhalt in Rekordzeit hinunter, er hatte anscheinend unter Durst gelitten oder unter der Idee, Verity womöglich den Tag zu versauen. „Probier mal, Mann, so was hast du noch nicht erlebt.“ Er lachte etwas übertrieben, als hätte er soeben den besten Witz des Jahres vom Stapel gelassen.
Toby war hin und hergerissen zwischen Neugierde und Vorsicht, Dina riss ihm den Kopf ab, falls er sich willentlich von Elizabeth mit undefinierbaren Substanzen vollpumpen ließ, aber Sean ging seine Unentschlossenheit auf die Nerven, denn er drückte ihm das Glas einfach in die Hand und redete so lang auf ihn ein, bis er den ersten Schluck wagte.
Es war verdammte, normale Cola. Er verwandelte sich in kein feuerspeiendes Monster oder verlor irgendwelche Moleküle, er blieb Toby, ein etwas durchweichter Toby.
Und ein Toby, den ein seltsames Gefühl ergriff, als er seinen Blick zu dem immer noch Monologe führenden Sean richtete, der wie ein Glückskeks grinste.
Da stimmte vielleicht doch was nicht; Sean war zwar schon immer eher ein Sonnenschein statt einer Regenwolke gewesen, aber die Meisterschaft im Dummschwätzen gewann er deshalb trotzdem nicht.
Heute hätte er sogar Russ in Grund und Boden geredet.
Hatte Elizabeth ihnen ein Wahrheitsserum untergejubelt, um die düsteren Geheimnisse des Toby Johnsons zu ergründen? Vertrug Sean einfach nur keinen Zucker? Oder halluzinierte er jetzt vor sich hin?
„Ich glaube, wir sollten mal weitermachen“, brach Toby schließlich die merkwürdige Stimmung zwischen ihnen, die ihm nicht ganz geheuer war. Seine Schritte fühlten sich ein wenig wie auf Watte an, in seinem Kopf stieg das dämliche Bedürfnis auf, sinnlos vor sich hinzukichern.
Falls er das jemals schaffte, verklagte er Elizabeth wegen ununterbrochenem Egoismus.
Sean machte keine Anstalten, sich weiter hilfreich zu betätigen, stattdessen hockte er unschlüssig zwischen kleinen Pfützenresten und wusste nicht, ob er ihn nun ansehen oder sich auf seine Fingerspitzen konzentrieren sollte.
„Toby, irgendwas stimmt glaub ich nicht“, murmelte er hilflos vor sich hin, unruhig biss er sich auf die Unterlippe. „Werden wir jetzt sterben?“
„Natürlich nicht…“ Das Verlangen, den Lappen in hohem Bogen von sich zu werfen und stattdessen zu Sean aufzurücken, wurde immer heftiger, es zerrte an ihm und stahl ihm jeden klaren Gedanken aus dem Schädel. „Wir bilden uns… das sicher nur ein…“
Genau wie Seans Hand, die sich zögernd um seine schloss und sie gar nicht mehr loslassen wollte. „Toby, es tut mir echt Leid.“ Seans innerlicher Konflikt war unübersehbar. „Ich weiß echt nicht, was mit mir los ist.“ Ohne seine eigene Handlung zu verstehen, kroch er auf Toby zu, der sich gar nicht in der Lage dazu fühlte, sich zur Wehr zu setzen, strich ihm ein paar seiner widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht und küsste ihn zaghaft.
Spätestens jetzt war klar, dass sie das hier nicht wirklich aus freien Stücken mitmachten; Toby fand Sean zwar ganz nett, manchmal ein bisschen abgehoben, aber nicht so, dass er es toll fand, wenn der ihn im Klassenzimmer überfiel und ihm einen Kuss nach dem anderen gab.
Außerdem hätte er sich gewehrt und es nicht zugelassen, mit dem irrationalem Gefühl im Bauch, gerade den schönsten Augenblick seit langem zu durchleben und sich nicht um die Konsequenzen zu kümmern.
Wenn es jemals raus kam, dass Sean nach der Schule mit ihm im Klassenzimmer rummachte, wäre Toby von nun an der Staatsfeind Nummer eins vieler weiblicher Wesen.
Die Schuldige dafür lachte sich bestimmt gerade über ihren dämlichen Erfolg kaputt.

„Das kanns doch nicht sein!“ Elizabeth wusste selbst nicht, ob sie entsetzt oder furchtbar wütend über diese Wendung sein sollte. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, wirklich nicht.
„Verity, du untalentiertes Etwas, was hast du angestellt?“ Natürlich war klar, dass Verity nichts dafür konnte, dass Herr Superschönling zu dumm war, um an seine Schulsachen zu denken und deshalb mitten in ihre Tobyverführkünste platzte, aber dieses unfähige Anhängsel hätte ihn abhalten können, den Raum zu betreten, ihre Getränk so selbstverständlich zu trinken und dann über Toby herzufallen.
Das wäre ihr Platz gewesen, nicht der von Sean, der das überhaupt nicht zu würdigen wusste.
„Ich krieg gleich die Krise.“ Es schien sich wieder einmal Gott und die Welt gegen sie verschworen zu haben. „So ein Dreck.“ Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte angefangen zu randalieren, wenn es nicht noch mehr Chaos und darauffolgende Arbeit für sie bedeutet hätte.
„Stehst du seit neustem auf schwule Jungs oder was?“, fragte Garth etwas zu blöd für Elizabeths Geschmack in den Raum hinein, mit diesem typisch dümmlichen Grinsen, und duckte sich sofort, als die ersten Bauteile und Petrischalen die Wand in seiner Nähe trafen. „Film die beiden und verkauf es, dann bekommst du Geld und Tobys Ruf ist ganz schnell im Eimer.“ So wie er aussah, hätte er das gerne selbst getan, wenn der Anblick ihm nicht das Gehirn verätzt hätte.
Und Toby würde sie auf ewig hassen, womit sie nicht einverstanden war, also konnte sie diese Überlegung knicken. Nicht immer war alles, was auf dem ersten Blick verlockend aussah, auch sinnvoll.
Erst recht nicht, wenn es aus Garths Kopf entsprang.


Schon beim Aufwachen überfielen Toby die Erinnerungen an den gestrigen Tag und er stand kurz davor, seinen Kopf gegen die nächste Tischkante zu hauen, bis er das alles wieder schön vergaß. Aber selbst wenn es geklappt hätte, da lag immer noch Sean neben ihm, friedlich schlummernd und mehr als existent, der sich mindestens noch genauso gut an ihr kleines Zusammentreffen entsinnen konnte.
Toby stand kurz vor dem größten Ausraster seines Lebens, besonders, als Sean sich zu ihm rollte und ihn wieder halb unter sich begrub. Als hätte er gestern Abend nichts anderes getan… nein, das sollte ganz schnell aus seinem Kopf verschwinden, das gehörte dort nicht hin. Verzweifelt versuchte Toby, an Schokopudding oder Matheformeln zu denken, nur um sich abzulenken.
Vor einigen Stunden hatte er es noch wahnsinnig toll gefunden, von Sean so überfallen zu werden; inzwischen hatte die Wirkung des Horrormittels fast nachgelassen und er wäre am liebsten vor Scham in der Bettdecke verschollen. Wie sollte er ihm klar machen, dass da nichts lief, weil es gar nicht von ihnen ausgegangen war, dass das alles nur ein teuflisch fieser Plan einer frustrierten Hyperintelligenten war, die sonst keine Hobbies hatte und sich an seinem Schaden erfreute?
Und wie sollte er ihm jemals wieder normal in die Augen sehen können?
Ein paar Lippen drückten gegen seine Wange und riefen ein ähnliches Kitzeln wie im Klassenzimmer hervor. Warum hatte er nicht widerstehen und Sean eine Abfuhr erteilen können, als der unbedingt noch mit zu ihm kommen wollte, nachdem das mit dem Wischen sowieso nicht mehr geklappt, weil sie nur noch Augen füreinander gehabt hatten. Dann bestand wenigstens nicht das Risiko, dass jemand in den Schuppen platzte und sie auf frischer Tat ertappte.
„Sean, ich muss mal kurz weg, bleib einfach liegen und warte auf mich“, erklärte Toby ihm hastig, während er ihn von sich schob, eilig seine Sachen überstreifte und sein Handy schnappte, um bestimmten Menschen zu sich zu rufen und ihnen die Hölle heiß zu machen.

Elizabeth hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, so aufgebracht war sie durch diesen unfreiwilligen Zwischenfall und den Gedanken, Toby nun in den Klauen dieses Mädchenmagnetes zu sehen. Dementsprechend sah sie auch aus, nicht einmal ihre sonst so glatt liegenden Haare gehorchten ihr heute Morgen. Alles lief gnadenlos schief.
Am liebsten hätte sie geschrien und erneut etwas gegen die Wand geworfen, aber das kam nicht so gut als potentielle Weltherrscherin, da nahm sie sich selbst nicht mehr ernst.
Der Anruf von Toby, der sie nicht gerade nett anblaffte, kam unerwartet, aber ihr war klar, dass sie sich fügen musste, ansonsten rannte Sean ihm noch tagelang hinterher, bei der Dosis, die er sich reingezogen hatte. Das gäbe unerfreulichen Ärger, wenn er endlich wieder zu sich kam und sich fragte, warum er so scharf auf Toby Johnson gewesen war.
„Du hast sie nicht mehr alle“, begrüßte Toby sie wütend und mit vorwurfsvollem Blick. „Bist du jetzt total durchgedreht? Wenn du Russ, Dina und mir eins reinwürgen willst, bitte, mach das, aber halte gefälligst andere da raus. Das gibt nur Ärger.“
„Was kann ich dafür, wenn der Depp meint, er müsste alles schlucken, was unbeaufsichtigt herumsteht?“, konterte Elizabeth forsch. „Das war nicht für ihn bestimmt, obwohl es ganz interessant wäre, Dinas kleinen Traummann zum anderen Ufer schwimmen zu lassen.“
„Was sollte das dann? Und wo hast du ein Gegenmittel?“ Toby hatte keine Lust auf eine große Streiterei, auch wenn es wirklich nötig gewesen wäre; er wollte einfach nur, dass Normalität einkehrte und niemand mehr grundlos auf jemanden stand.
„Ich hab keins, wozu auch? Das hält immerhin nicht ewig.“ Sie verschwendete doch ihre Zeit nicht an solche Dinge, das brachte ihr nichts ein. „Da musst du dir wohl was einfallen lassen, Toby. Du bist doch intelligent, nutze das aus.“ Sie legte provokant den Kopf schief und drehte sich zum Weggehen um, weil sie nicht ihren ganzen Tag für Anschuldigungen opfern wollte; Toby packte sie an der Schulter und hielt sie eisern fest.
„Elizabeth, wieso?“ Wieso musste er sie zu jedem Wort zwingen? Sonst plauderte sie doch auch gerne über ihre klugen und hinterlistigen Ideen. Eine kleine Ahnung hatte er natürlich, aber die konnte nichts stimmen, so weit war Elizabeth noch nie gegangen, wenn es darum ging, ihn zu manipulieren. Sonst versuchte sie es immer, ihn mit Worten und auch mit Gesten um den Finger zu wickeln, ihn für sich zu gewinnen, obwohl feststand, dass das nie klappte.
„Weil ich es kann, Toby“, flüsterte sie leise mit einer unergründlichen Miene, in der eine spürbare Menge Ernüchterung lag. „Und weil ich es möchte.“

Kaum hatte sich Elizabeth aus dem Staub gemacht, um ihre nächste Erfindung auf der Menschheit loszulassen, fing Toby an, ein Gegenmittel für Sean zu konzipieren, in das er gleichzeitig eine erinnerungslöschende Substanz integrierte, um ihm zu ersparen, sich an Sachen zu erinnern, die im Nachhinein gar keinen Sinn ergaben und zu peinlichen Gedanken führen konnten.
Am liebsten hätte er für sich selbst auch etwas verabreicht, nur musste er im Hinterkopf behalten, zu was Elizabeth fähig war, wenn sie es wirklich auf ihn abgesehen hatte.
Das war wichtig, um sie nie wieder zu unterschätzen und nie wieder irgendwelche Nahrungsmittel, die Verity wie zufällig in der Gegend liegen ließ, zu sich zu nehmen.
„Toby, wo warst du?“, fragte Sean noch schläfrig, als Toby endlich das Mittel richtig dosiert und in einen Kakao untergerührt zu ihm trug.
„Nichts wichtiges, vergiss es einfach.“ Was gleich auch eintrat, wenn ihn seine Wunderbegabung nicht im Stich ließ.
Sean lächelte immer noch zu übertrieben, um normal zu erscheinen, gab Toby noch schnell, eher er reagieren konnte, einen Kuss auf die Wange, um trank in einem Zug die Tasse leer. Fast sofort fiel sie ihm aus der Hand auf die Bettdecke und er schlief wie ein Stein, damit in Ruhe das Mittel abgebaut werden konnte.
Erleichtert seufzte Toby; das hätte er irgendwie geregelt, nun blieb zu hoffen, dass davon keiner jemals erfuhr und Elizabeth nicht wieder auf kindische Gedanken kam und unrealistische Besitzansprüche auf ihn anmeldete, die grauenhaft nach hinten losgingen.

„Hä? Wo bin ich? Was mach ich hier?“ Verwirrt schaute sich Sean um, in seinem Kopf ergab das alles hier keinen Sinn. „Toby, warum bin ich bei dir? Und warum klebt Kakao auf meinem T-Shirt?“
Etwas holprig erzählte Toby ihm ein Märchen; dass es ihm nicht gut gegangen war und er ihn vorsichtshalber mit zu sich genommen hatte, wo ihm dann auch der Kakao aus der Hand gefallen war. Nicht sehr logisch, vor allem weil Sean selbst nicht so weit von der Schule wohnte, aber das war die beste Erklärung, die er sich in der kurzen Zeit aus den Fingern hatte saugen können.
Skeptisch nickte Sean und verabschiedete sich recht schnell, weil ihm die ganze Sache nicht unbedingt geheuer war; Toby machte es auch nichts aus, ihn endlich aus seinem Blickfeld zu haben und nicht dauernd an seine Zunge in seinem Hals denken zu müssen.
Er wollte gar nicht daran denken, wie das verlaufen wäre, wenn an Seans Stelle tatsächlich Elizabeth gewesen wäre… nein, das wollte er wirklich nie erfahren.