Wenn du die Wahl zwischen zwei Übeln hast, wähle das Blaue - Eine Harveygeschichte

GeschichteHumor, Freundschaft / P12
Edna Konrad Harvey
23.01.2012
05.06.2014
17
18158
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Prolog



Der matte Schein einer einzelnen Kerze kämpfte sich durch die von Staubpartikeln durchsetzte Luft. Es war lange her, dass der kleine Raum gelüftet worden war und wäre nun jemand hereingekommen, hätte er vermutlich hustend kehrt gemacht.
Doch es kam niemand und die alte Frau, welche sich gefährlich nah an der flackernden Lichtquelle befand, hatte sich längst an die schlechten Luftverhältnisse gewöhnt. Ohne sich um die Gefahr von Brandblasen oder einem plötzlichem Erstickungstod zu scheren, stieß sie ihre Nadel beharrlich in das dazugehörige Stück Stoff. Obwohl sie nicht zuletzt dank des Dämmerlichts nicht viel sehen konnte, führten ihre Hände diese Bewegung selbstverständlich aus. Was das Nähen anging, hatte sie genug Erfahrung, um auch noch bei völliger Dunkelheit etwas halbwegs Ordentliches zustande zubringen. Eile war geboten, ihr Werk musste schon am morgigen Tag fertig und verpackt sein, bereit, ihrer Enkelin überreicht werden zu können.
Sechs Jahre wurde sie alt.
Nun doch eine kurze Pause einlegend fuhr sie sich geistesabwesend über die müden Augen, wobei ihre kleine Brille leicht verrutschte.
Wie schnell doch die Zeit verging.
Nachdenklich blickte sie in Richtung des Regals, auf dessen durchgebogenen Brettern sich zahllose Erinnerungsstücke an längst vergangene Tage befanden. Sie konnte es dank des kaum vorhandenen Lichts nicht sehen, vor ihrem inneren Auge aber erschien es klar und deutlich.
Puppen, Fotos, Porzellanfiguren, Exotisches aus den unterschiedlichsten Ländern...
Sie lächelte, ihr Mann war ein unverbesserlicher Weltenbummler gewesen. Selten hatte er es länger als ein paar Monate an ihrer Seite ausgehalten, bevor der Ruf der weiten Welt ihn wieder hinausgelockt hatte.
Und dennoch schien es ihr als wäre es gestern gewesen, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Dabei war er tot, bereits seit mehreren... Waren es Monate? Waren es Jahre?
Sie wusste es nicht.
Was sie wusste war, dass sie langsam weitermachen sollte, sonst würde sie nie fertig werden.
Sie rückte entschieden ihre Brille zurecht und stellte zuende, was das Leben eines Mädchens so nachhaltig auf den Kopf stellen sollte.
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