Traumwanderung

von Ylvi
KurzgeschichteMystery, Angst / P18
22.01.2012
22.01.2012
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Traumwanderung


Kleine Schwester, was träumst du?
Was träumst du, wenn du auf diesem fremden Bett liegst in einem viel zu großen Pullover eingewickelt, den du aus meiner Tasche geholt hast? Was träumst du, die Beine so angewinkelt, die Kapuze ins Gesicht gezogen, die Finger verkrampft?
Du liegst ganz still, aber ich weiß schon jetzt, dass du mit Schrecken erwachen wirst. Mein Pullover, den du eng um dich geschlungen hast, als könnte er dich vor allem Bösen auf der Welt beschützen, wird dir nicht helfen. Du wusstest das, als du dich zum Schlafen hingelegt hast und ich weiß es auch.
Du hast Angst, schlafen zu gehen, aber du hast keine Wahl. Den ganzen Tag sehe ich dir an, wie erschöpft du bist. So erschöpft, dass du Tränen manchmal nur mit Mühe zurückhalten kannst.

Kleine Schwester, was träumst du?
Dein blasses Gesicht verrät nichts.
Ich stehe vor dem Bett und kann meinen Blick nicht davon lösen. Ich warte auf eine Regung, aber natürlich zeigst du keine. Deine Atmung ist regelmäßig. Du könntest auch von bunten Wiesen und Einhörnern träumen, von Sommertagen und Menschen, die du liebst.
Wer sind die Menschen, die du liebst?
Ich weiß nichts. Ich stehe an deinem Bett und weiß nichts.
Ich weiß nicht, gegen was du jede Nacht ankämpfst. Ich weiß nicht, warum du es tun musst und ich weiß nicht, warum du verlierst, jedes Mal aufs Neue. Und jedes Mal aufs Neue musst du, sobald du dich schlafen legst, den Kampf von vorne beginnen, neu austragen, verlieren.
So gerne würde ich an deiner Seite kämpfen. Nein, ich würde dich vor jedem Kampf bewahren, den du nicht selbst gewinnen kannst und ich würde ihn für dich kämpfen und ihn für dich gewinnen. Ich weiß, ich könnte es, für dich.

Kleine Schwester, was träumst du?
Bitte, sag es mir! Sprich mit mir! Lass mich sehen. Lass mich verstehen. Was geht hier vor? Was ist los? Was ist passiert? Was träumst du?
Du schweigst. Was sonst? Du schläfst und kannst gerade nicht auf meine Gedanken antworten. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis du aufwachst. Der Schrecken wird dir ins Gesicht geschrieben stehen, pure, nackte Angst, unverfälscht. Eine Angst, die ich nie in deinem Gesicht sehen will. Die so schmerzt, als würde mir jemand das Herz herausreißen. Wie lang kannst du das noch ertragen, diese Angst? Und wie lang kann ich sie ertragen, die Angst vor der Angst?
Könnte ich nur in deine Träume sehen. Könnte ich nur an ihnen teilhaben, sehen, verstehen und alles Böse vertreiben.
Ich seufzte, fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Ich bin selbst müde. Mein Kopf, meine Beine, alles ist schwer. Mein Knie schmerzt. Es hatte keine Zeit, sich zu erholen. Aber diese Art von Schmerz ertrage ich, ich mag ihn sogar. Er ist so real, angenehm real. Ich weiß, wo er herkommt und ich weiß, wo er ist und ich weiß, dass ich lebe, wenn ich ihn fühle.
Den Schmerz, den ich fühle, wenn ich deine Angst sehe, der ist tief unten, irgendwo, unbestimmt, aber da, immer. Ich weiß nicht, woher er kommt und ich weiß nicht, wie lange er bleibt. Ich hasse ihn.
Noch immer liegst du still da und ich warte. Ich warte, bis du hoch schreckst, die Augen leer. Die Sekunden, Minuten (Stunden?), die vergehen, bis du verstehst, wo du bist. Bis du verstehst, dass du deinem Traum entflohen bist und du nicht alleine bist, sind so lange. Schrecklich lange. Dein Blick geistert umher und nimmt die Umgebung auf, die irgendwie vertraut ist und doch so fremd. Ich weiß das, weil es mir genauso geht. Ein weiteres Zimmer, nackte Wände, alte Möbel. Es ist nicht zu Hause. Es ist irgendwo.
Wenn du dann verstanden hast, wo du bist, ändert sich dein Blick.
Er sagt: „Ich will nach Hause.“
Und ich frage: „Wo ist das?“

Du bist so klein. Im Schlaf siehst du aus wie ein Kind, obwohl du das schon lange nicht mehr bist. Und du würdest dich heftig dagegen sträuben, wenn ich dich mit dem Wort ‚Kind’ in irgendeiner Art und Weise in Verbindung bringen.
Nein, du bist kein Kind mehr, auch nicht, wenn du schläfst. Auch wenn du dann so jung und unschuldig aussiehst.
Ich kann meinen Blick nicht von diesem Gesicht lösen, dem friedlichen Ausdruck darauf.
Vielleicht, vielleicht, ist es heute ja anders. Vielleicht träumst du heute von Vögeln im Himmel. Vielleicht träumst du heute, du wärst einer von ihnen und wärst frei.
Mein Knie schmerzt noch immer und ich weiß, ich sollte nicht die ganze Nacht neben deinem Bett stehen und dir beim Schlafen zusehen, darauf wartend, dass du aufwachst und das einzige, das ich tun kann ist, dir beruhigend zuzureden. Ich weiß nicht, ob es hilft, ob es dir hilft. Ob es mir hilft?
Ich gehe um das Bett herum. Es ist groß, groß genug für zwei. Und obwohl zwei Betten im Zimmer stehen, lasse ich mich neben dir nieder. Du brauchst sowieso kaum Platz. So, wie du daliegst, würdest du auch in ein Kinderbettchen passen.
Mein Rücken lehnt an die Wand und ich betrachte wieder dein Gesicht, das ich jetzt noch besser sehen kann, denn jetzt ist es mir zugewandt.
Ich spüre ein bisschen von deiner Wärme, ein winziges Bisschen, ein winziges, tröstendes Bisschen. Ich schließe die Augen und lausche nur noch auf deine Atemzüge. Und obwohl ich darauf lauere, dass du aufwachst, panisch, ängstlich, einsam, schlafe ich ein.


Ich weiß, dass es ein Traum ist. Mein Knie tut nicht weh. Der reale Schmerz ist weg und dieses unbestimmte Pochen in meiner Brust, tief in mir, irgendwo, ist noch da. Ich hasse es.
Warum bin ich eingeschlafen? Ich hätte wach bleiben müssen, ich sollte aufwachen.
Aber ich bin pragmatisch, zumindest zum Teil. Und der vernünftige Teil in mir sagt, ich solle schlafen, solange ich kann. Bis du aufwachst aus deinem Albtraum. Schlaf ist schließlich nichts was ich für selbstverständlich nehmen kann.

Ich bin in einem Haus. Ich stehe mitten in einem schmalen Flur, der keine zwei Meter breit ist. Als ich mich umdrehe, stelle ich fest, dass sich hinter mir eine Eingangstür befindet. Durch das Milchglas scheint ein wenig Tageslicht.
Rechts ist eine Treppe, sie führt in den ersten Stock. Links und gerade aus befinden sich Türen. Die, die vor mir liegt, steht offen. Ich kann ein Wohnzimmer erkennen.
„Hallo?“, frage ich, aber niemand antwortet. Es ist ganz still. Es ist wohl niemand zu Hause, denke ich, aber ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich, als würde ich beobachtet. Automatisch suche ich die Waffe im Bund meiner Jeans, aber ich habe keine. Was ist das für ein verdammter Traum?
Ich gehe in Richtung Wohnzimmer, stoße die Tür weiter auf und trete ein. Es ist gemütlich eingerichtet, gewöhnlich, in gedeckten Farben, unauffällig.
Spießig, schießt mir durch den Kopf, während ich mich umsehe.
Auf einer Kommode stehen Fotos, die meisten davon Urlaubsbilder, die ein Paar zeigen, das glücklich in die Kamera lächelt und für sie posiert. Es wirkt unecht, aber vielleicht habe ich nur Vorurteile. Mit diesem spießigen amerikanischen Vorstadtleben konnte ich mich nie anfreunden. Und freiwillig hätte ich so ein Haus auch nie betreten, höchstens für die Arbeit. Aus Erfahrung weiß ich, dass es kein perfektes Leben gibt und solche, die ihr Leben als perfekt darstellen, sind Lügner. Menschen, die in solchen Häusern wie diesem Leben, sind Lügner.
Da höre ich ein Geräusch aus einem Raum, der an das Wohnzimmer angrenzt. Ich versteife mich und gehe langsam vorwärts. Etwas klappert leise, dann beginnt jemand zu summen. Es klingt nicht sehr bedrohlich, aber man kann nie wissen.
Die Tür ist nur angelehnt. Langsam schiebe ich sie auf. Die Frauenstimme summt weiter. Es klingt versunken. Wie die perfekte Hausfrau, die in diesem perfekten Haus lebt und ein perfektes Abendessen für ihre perfekte Familie zubereitet.
Tatsächlich ist es eine Küche. Und sie ist leer. Aber das Summen kommt ganz eindeutig von hier. Es ist hier, aber es hat keine bestimmte Quelle.
Ich trete ein, schaue mich kurz um und gehe dann ans Fenster. Die weißen Gardinen sind aufgezogen und geben den Blick auf die Nachbarschaft frei. Ich sehe grüne Rasen, blank geputzt Autos in den Einfahrten, Schaukeln und Kinderspielzeug in den Gärten und blauen Himmel.
Was ich nicht sehe sind Menschen. Oder Tiere. Oder irgendeine Art von Lebewesen. Es ist ganz still. Kein Wind bewegt auch nur irgendeinen Zweig des schön geschnittenen Rosenbuschs im Garten des Nachbarhauses. Keine Vögel fliegen am Himmel.
Die Stille drückt mir auf die Ohren. Selbst das Summen hat jetzt aufgehört.
Was ist das nur für ein Traum?
Irgendetwas stimmt hier nicht.
Ich schnappe mir das größte Küchenmesser und mache mich auf die Suche nach Hinweisen im Haus. Der Traum fühlt sich so fremd an, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass nicht ich es bin, der ihn träumt, sondern eigentlich jemand anderes. Aber das ist unmöglich, oder?
Ich gehe die Treppe nach oben, durchsuche das Schlafzimmer, aber die meisten Schubladen sind leer. Im Schrank finde ich eine Sammlung langweiliger Klamotten, die zu einem Ehepaar Mitte 40 passen würden.
Das Zimmer neben dem Schlafzimmer der Eheleute ist schon interessanter. Es wirkt unpersönlich, als würde der Bewohner des Zimmers noch nicht lange ihr wohnen. Trotzdem gibt es mehr persönlich Gegenstände als im Schlafzimmer nebenan.
Auf dem Schreibtisch finde ich Mathematikaufgaben und einen Text über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Eindeutig das Zimmer eines Teenagers.
Im Schrank gibt es nur wenig Kleidung, aber es ist eindeutig ein weiblicher Teenager. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass dieses Zimmer nicht zum Rest des Hauses passt, beende ich meine Suche. Ich bin mir sicher: Das Mädchen, das hier wohnt, ist nicht die Tochter der Eheleute.

Ich trete wieder in den Flur, stelle mich auf den oberen Treppenabsatz und lausche. Immer noch ist es vollkommen still. Es dring kein Straßenlärm von draußen herein, kein Geschrei spielender Kinder, kein Rasenmäher, nichts. Als würde dieses Haus in der kompletten Einöde stehen.
Ich frage mich, ob die Menschheit ausgestorben ist. Ob alle weg sind, bis auf mich.
Soll ich aufwachen?
Ich schaue auf das Messer in meiner Hand.  Um aufzuwachen, muss man im Traum sterben. Ich habe mich nie mit Traumforschung oder etwas in dieser Richtung beschäftigt, aber das weiß ich dennoch. Man lernt eben aus Albträumen der Kindheit.
Langsam gehe ich die Treppe hinunter und überlege, was ich tun soll. Dann fällt mein Blick auf die dritte Tür im Flur und meine Neugier ist geweckt. Ich vermute einen Keller dahinter und man sagt schließlich nicht umsonst, man hätte eine Leiche im Keller, oder?
Ich öffne die Tür.
Dahinter ist es dunkel. Ich erkenne eine Treppe im schwachen Licht, das durch die Milchglaseingangstür dringt. Meine Schritte sind das einzige Geräusch, das ich höre, bis ich am Ende der Treppe angelangt bin.
Ich spähe in die Dunkelheit und verfluche die Tatsache, dass ich keine Taschenlampe dabei habe. Von irgendwoher kommt ein schmaler Streifen Licht. Ich gehe darauf zu und stolpere über eine Kiste, aus der zwei Paar Ski ragen und die mitten im Weg steht. Ich will laut losfluchen, beherrsche mich aber. Wer weiß schon, was mich da vorne erwartet?
Der Lichtstreifen dringt durch den Spalt zwischen Tür und Boden. Er ist schwach. Das Licht im Raum dahinter kann nicht besonders hell sein. Ich presse mein Ohr an die Tür, kann aber nichts hören.
Ich weiß selbst nicht genau, warum ich so vorsichtig bin. Schließlich ist das hier ein Traum. Was kann also passieren? Was sich hinter dieser Tür befindet (falls dort überhaupt irgendetwas ist), kann mir eigentlich nichts tun. Sind es also pure Instinkte, die mich davon abhalten einfach hineinzuspazieren? Ein Überlebenstrieb, den man im Traum nicht einfach abstellen kann?
Was auch immer es ist, hier zu stehen und zu lauschen befriedigt meine Neugier nicht. Und so öffne ich die Tür.  

Kleine Schwester, was tust du hier?
Du liegst auf einem schmalen Bett in einem Raum kaum größer als eine Gefängniszelle. Von der Decke baumelt eine nackte Glühbirne, die gerade genug Licht gibt, um die grauenhaften Details zu erkennen.
Deine aschfarbene Haut.
Dein ausgemergelter Körper.
Der Schmerz in deinem Gesicht.
Ich bin erstarrt. Der Schmerz in meiner Brust wird stärker und stärker, während ich dastehe und nichts tue. Ich habe nicht vergessen, dass das hier ein Traum ist. Und auch wenn ich normalerweise nichts auf Traumdeutung gebe, es muss einen Grund geben, warum ich dich so hier finde.
Deine Augen sind geöffnet und tot. Sie schauen mich an und sehen mich nicht. Du hast den Kampf schon verloren. Aber warum wachst du dann nicht auf? Warum bist du dann nicht hier? Warum bist du nicht in dem fremden Zimmer mit den kahlen Wänden und den alten Möbeln, panisch, aber am Leben?
Da löst sich eine Träne aus deinem Augenwinkel, rollt langsam deine Wange hinunter und verschwindet in deinem Haaransatz.
Es fühlt sich an, als hätte jemand mein Herz in Säure getaucht. Du lebst noch.
Leben kommt in mich und ich stürzte an deine Seite. Mir kommt der Gedanke, ich könnte nicht erschrecken, aber zu zuckst nicht einmal zusammen. Ich schlucke. Du weinst, also lebst du.
Vorsichtig lege ich einen Finger an deinen Hals und fühle deinen Puls. Er ist da, eindeutig.
Ich denke daran, einen Krankenwagen zu rufen, aber dann fällt mir ein, dass wir wahrscheinlich die einzigen Menschen in diesem ganzen verdammten Traum sind. Und dann fällt mir, dass das hier ein Traum ist.
Und du bist ganz kalt.
So vorsichtig wie möglich hebe ich deinen Oberkörper an, setze mich auf das Bett und nehme dich in den Arm. Du reagierst noch immer nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Hilfe kann ich keine holen und ich weiß nicht, was ich für dich tun kann. Als ich dich anspreche, bleibst du stumm. Also halte ich dich im Arm.

Eine Weile sitze ich so da, warte auf eine Reaktion von dir, auf irgendwas, auf Antworten. Ja, ich will Antworten. Auf diese Weise werde ich keine bekommen, aber ich kann dich nicht alleine lassen. Außerdem weiß ich nicht, wo ich Antworten finden kann.
Ich bin hilflos.

Da fällt mein Blick auf kleinen Tisch gegenüber dem Bett. Metall. Auf ihm liegen allerlei blutige Instrumente und Lappen oder Tücher. Und neben diesen Tüchern liegt ein kleines Etwas, ein totes, blutiges Etwas. Und obwohl man nicht mehr erkennen kann, was es ist, weiß ich es.

Das Grauen ist der größte Schmerz.


Wo bin ich?
Wo bist du hin?
Was ist das für ein Raum? Was für ein Bett? Was für Wände? Was für Möbel?
Es braucht einige Zeit, bis mir klar wird, dass ich aufgewacht bin.
Du liegst immer noch schlafend da, unschuldig und jung, aber definitiv lebendig. Ich bin so erleichtert, dass ich dich am liebsten in den Arm genommen hätte, nur um zu spüren, dass dein Körper warm ist. Ich lasse es lieber bleiben, schließlich will ich dich nicht wecken.
Leise stehe ich auf und gehe in das kleine Bad, das ans Zimmer angrenzt. Dort spritze ich mir erst einmal eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht. In voller Klarheit steht mir mein Traum vor Augen.
Die Einsamkeit.
Die Lügen.
Der Tod.
Das Grauen.
Der Schmerz.
Mir wird schlecht und ich übergebe mich über der Toilette. Danach spüle ich mir den Mund aus und versuche, Herr über meine zitternden Hände zu werden.  Es war nur ein Traum, erinnere ich mich. Ein Albtraum zwar, aber dennoch ein Traum.
Ich versuche mich auf meine Wut zu konzentrieren und es ist zu einfach.
Ich bin ganz ruhig, als ich zurück ins Schlafzimmer gehe, mich wieder neben deine schlafende Gestalt stelle und versuche nicht daran zu denken, wie du in meinem Traum ausgesehen hast.

Kleine Schwester, was träumst du?
Ich denke, ich weiß es jetzt.
Ich lasse mich wieder neben dir auf dem Bett nieder und warte, bis du aufwachst.

Ich habe es schon etliche Male mitgemacht, aber es trifft mich jedes Mal aufs neue.
Als du hochschreckst, steht in deinem Gesicht die blanke Panik. Du atmest schnell.
Ich ziehe dich an mich und suche nach beruhigenden Worten, aber sie erscheinen mir alle bedeutungslos, deshalb schweige ich. Stattdessen streiche ich dir über den Rücken und warte einfach ab, bis du merkst, dass du aus deinem Traum entflohen und in Sicherheit bist.
Wie so oft ziehst du dich vor mir zurück, sobald du dich ein wenig beruhigt hast. Mir fällt es schwer, dich wieder loszulassen. In meinen Armen hast du dich so lebendig angefühlt.
„Wir müssen reden“, sage ich. Ich bin niemand, der Unangenehmes lange aufschiebt und jetzt, da ich weiß, was dich in deinen Albträumen heimsucht, kann ich erst recht nicht mehr schweigen.
„Ich will nicht.“
„Du musst.
Ich weiß, was passiert ist. Ich weiß, wovon du jede Nacht träumst.“
„Das kannst du nicht wissen.“ Du bist unsicher und ängstlich. „Und du sollst es auch nicht wissen. Ich komm schon klar.“
„Keine Sorge, ich schick dich nicht zum Psychodoktor.“
Du hebst die Augenbrauen und schnaubst. „Schon klar. Du willst lieber selbst den Psychodoktor spielen. Ich will nicht reden, also lass mich zufrieden.“
„Sag mir, wer es war.“
Du starrst mich an und erkennst, dass ich wütend bin. Ich sehe, du fürchtest dich ein bisschen, auch wenn du weißt, meine Wut konzentriert sich nicht auf dich, sondern darauf, dich zu beschützen.
„Lass es einfach sein“, sagst du und wendest den Blick von mir ab. Geistesabwesend ziehst du meinen Pullover enger um deine Schultern. Jetzt wirkst du ganz klein und verloren.
Meine Hände fangen wieder an zu zittern. Diesmal jedoch nicht vor Schreck, sondern aus Wut.
Ich sehe dir an, dass du nichts mehr sagen wirst und ich weiß, dass ich dich nicht zwingen kann und werde. Aber es gibt schließlich auch noch andere Möglichkeiten. Und ich kenne so einige davon.


Die Umgebung kommt mir schrecklich bekannt vor. Die Vorstadthäuser reihen sich brav hinter briefmarkengroßen Gärten und schicken Autos in den Einfahrten. Sie sehen alle gleich aus.
Auch wenn es viele Vororte wie diesen gibt, bin ich mir sicher: Ich war schon einmal hier. In meinem Traum. Oder sollte ich eher sagen, in deinem Traum?
Ich beobachte das Haus durch meine Windschutzscheibe, die dringend mal wieder eine Reinigung bräuchte. In der Küche brennt Licht. Ob die Herrin des Hauses wohl während des Kochens vor sich hinsummt?
Er ist noch nicht da. Der, wegen dem ich über 15 Stunden gefahren bin. Der, wegen dem du Albträume hast.
Wahrscheinlich ist er bei der Arbeit.
Meine Recherche hat ergeben, dass er leitender Angestellter in einer kleinen Versicherungsgesellschaft ist. Das ist so klischeehaft, dass ich mir überlegt habe, ob sein Lebenslauf wohl gefälscht ist. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sich das bei meinen Nachforschungen gezeigt hätte. Und ich war sehr gründlich.
Das Licht in der Küche geht aus. Es vergeht nur eine kurze Zeit, bis ich im ersten Stock ein helles Fenster bemerke, vermutlich im Schlafzimmer.
Warten ist langweilig und Geduld nicht gerade meine Stärke. Die Sonne geht unter und die Welt wird grau um mich herum, als endlich das Auto die Einfahrt hinauffährt, auf das ich schon seit Stunden warte.
Er steigt aus und geht zur Haustür. Schließt auf. Geht hinein.
Mein Blick wandert zu der Waffe auf dem Beifahrersitz. Eine Pistole. Halbautomatik. Ich nehme sie und wiege sie in der Hand, werfe einen Blick durch die Windschutzscheibe und will schon aussteigen, da öffnet sich die Haustür und er kommt wieder heraus, gefolgt von seiner Frau im Abendkleid. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken. Warum müssen die beiden ausgerechnet heute Abend ausgehen?
Sie steigen in das Auto und fahren davon. Ich erwäge, ihnen hinterherzufahren, entscheide mich aber dafür, hier zu warten.
Allerdings wird es im Auto langsam kalt, also steige ich aus und gehe zu dem dunklen Haus hinüber. Mit ein bisschen Erfahrung ist das Einbrechen in ein gewöhnliches Einfamilienhaus nicht gerade schwierig.
Ich gehe um das Haus herum, um der einzigen Gefahr zu entgehen, die beim Einsteigen in so einer Umgebung lauert: Die Nachbarn.
Ich mache mich an einem der Fenster im Erdgeschoss zu schaffen und stehe wenig später im Wohnzimmer. Es wirkt vertraut. Es ist ein seltsames Gefühl, das alles hier schon einmal im Traum besucht zu haben.
Ich lasse mich auf der cremefarbenen Couch nieder und lege die Füße auf den Wohnzimmertisch. Der Abendgarderobe nach zu schließen brauchen die beiden bestimmt noch eine Weile und ich bin müde. 15 Stunden Fahrt sind schließlich keine Kleinigkeit. Wut ist ein guter Antrieb, aber irgendwann reicht sie nicht mehr aus. Also lege ich den Kopf zurück und schließe die Augen.

Ich schlafe nicht, dazu bin ich viel zu angespannt. Ich lausche auf jedes Geräusch. Es ist ruhig, aber nicht vollkommen still. Ein Auto fährt langsam die Straße entlang und bleibt stehen. Ich höre das Schlagen der Autotür.
Der Wind lässt einige der kahlen Zweige des Baumes vor dem Wohnzimmerfenster gegen die Hauswand schlagen.
Aus der Küche höre ich das Ticken einer Uhr. Die Uhr lässt die Zeit davonticken.
Normalerweise wenn ich warte, dauert alles viel länger und ich werde ungeduldig, aber nicht diesmal. Heute bin ich ganz ruhig. Ich weiß, dass was ich geplant habe, wird eintreffen. Ich bin mir so sicher, weil ich vertrauen zu mir habe. Ich werde es wahr machen.

Es ist nach Mitternacht, als ich erneut ein Auto höre. Diesmal hält es in der Einfahrt vor dem Haus. Sie sind da. Ich öffne die Augen und behalte den Blick auf die Tür gerichtet. Ich bin ein wenig angespannter, als gerade eben, aber ich werde trotzdem warten, bis sie hereinkommen. Es ist sowieso unvermeidlich.
Mein Griff um die Pistole wird fester.
Die Tür wird aufgeschlossen und im Flur geht ein Licht an. Die beiden Schweigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich seit Jahren nichts mehr zu sagen haben. Was für ein falsches, unglückliches Leben sie doch führen müssen.
Ich bin so wütend.
Mäntel werden ausgezogen, dann höre ich das Klappern ihrer Schuhe im Flur. Sie erscheint im Türrahmen und sieht mich nicht, denn ich sitze noch im Dunkeln.
Das Licht geht an.
Sie sieht mich und weicht zurück.
„Daniel!“, ruft sie erschrocken. Sie will weglaufen und ich hebe die Waffe.
„Komm rein.“ Kein Wert auf Förmlichkeiten. „Kommt beide rein.“
„Daniel!“, ruft sie wieder. Ihre Stimme ist unangenehm hoch.
„Was ist denn?“ Er klingt genervt, bis er mich sieht. Und ich sehe ihn. Ich stehe auf. Wir sollten auf gleicher Höhe sein, aber ich bin größer als er. Ich habe ihn schon vorher beobachtet, aber jetzt stehen wir uns gegenüber. Daniel Sandler und ich. Ich starre ihn an, kann kaum glauben, dass er ein Monster in Menschengestalt ist.
„Hallo, Daniel.“ Es ist mir unmöglich diesmal die Wut aus meiner Stimme zu halten und ruhig zu bleiben.
„Wer sind Sie?“, fragt er.
Ich könnte jetzt so etwas sagen wie: Ich bin der Mann, der Sie töten wird. Oder: Ich bin gekommen, um Rache zu nehmen.
Aber so eine Dramatik ist nicht mein Stil, dummes Geschwätz nicht meine Art.
Für einen Moment starre ich ihn an und hasse jeden Zentimeter seiner Haut, jedes Härchen auf seiner Hand und jede Falte, die sich bereits in sein Gesicht eingegraben hat. Ich hasse ihn so sehr, dass meine Hände zu zittern beginnen.
Ich stürze auf ihn los. Die Pistole in meiner Hand ist mir egal, diese Art zu töten geht viel zu schnell. Ich will verletzen, ihm wehtun. Ich schlage ihn mitten ins Gesicht. Die Frau schreit. Ich schlage wieder zu. Der Kiefer knackt. Er kracht rückwärts gegen die Wand. Ich bearbeite sein Gesicht, sein hässliches, dummes Gesicht.
Irgendwann lasse ich von ihm ab. Die Frau steht noch wie erstarrt an der gleichen Stelle. Meine Hände sind blutig, die Haut an den Knöcheln aufgeplatzt.
„Kannst du dich an Ella erinnern?“ Ich bin jetzt ruhiger. „Weißt du noch, wie sie aussah? Wer sie war? Was für ein Mensch sie war?
Kannst du dich daran erinnern, was du ihr angetan hast, du dreckiger Hurensohn?“
„Ella?“, fragt Sandler unsicher. Natürlich kann er sich an sie erinnern. Ich erwarte nicht, dass er meine Fragen beantwortet. Aber er soll wissen, warum ich hier bin.
„Und du?“ Ich fahre zu seiner Frau herum. „Hast du zugesehen? Hast du davon gewusst und es einfach geschehen lassen?“ Sie schlägt die Hände vor den Mund und fängt an zu weinen. Es ist ein Ja. Die Sicherheitsvorrichtung klickt, als ich die Pistole entsichere und auf sie richte.
„Oh mein Gott“, sagte Sandler. „Oh mein Gott.“
Als ob es Gott interessiert, was hier gerade passiert. Die Frau starrt mich aus schreckgeweiteten Augen an. Ich drücke ab. Sie fällt nach hinten, ein Loch in der Stirn. Daniel Sandler ist ganz still.
Ich wende mich wieder ihm zu. Er ist an der Wand hinuntergerutscht, das Gesicht von meinen Schlägen entstellt. Er starrt vor sich hin, weigert sich, mich anzusehen, bis ich sein Kinn nehme und ihn dazu zwinge.
„Was du meiner kleinen Schwester angetan hast, kann niemand mehr gut machen. Du bist nachts in ihr Zimmer gegangen und hast sie vergewaltigt. Und als sie schwanger geworden ist, hast du sie in den Keller gesperrt und den Fötus entfernen lassen. Da hast du sie liegen gelassen, neben den Überresten ihres toten Babys.“
Er wimmert. Ob aus Angst, aus Schmerz oder aus Reue kann ich nicht sagen. Es ist mir auch egal, ob er bereut. Es ist zu spät.
„Es tut mir Leid“, murmelt er. „Bitte, es tut mir Leid. Ich wollte das nicht.“ Er atmet schnell, seine Augen sind so groß, die Pupillen tanzen und suchen einen Ausweg, aber es gibt keinen. Auch nicht das Betteln um sein Leben.
„Bitte, ich tu alles. Sagen Sie, was Sie wollen. Geld? Mein Haus? Mein Auto?“
Würde sie noch leben, hätte er mir wahrscheinlich sogar seine Frau verkauft, um sein Leben zu retten.
„Das, was ich will, kannst du mir nicht geben, denn das liegt in der Vergangenheit.“
Ich habe nur noch einen Gedanken: Rache.
Er weint. „Bitte nicht!“
„Fahr zur Hölle.“ Ich drücke die Pistolenmündung gegen seine Stirn. Seine Lippen bewegen sich zitternd, aber ich kann nicht mehr verstehen, was er sagt.
Der Schuss tönt so laut, dass ich mich selbst dabei erschrecke.

Ich fahre noch in derselben Nacht zurück. 15 Stunden.
Du wartest bestimmt schon und machst dir Sorgen. Ich habe dir nicht gesagt, wohin ich gehe, aber du wusstest es bestimmt trotzdem. Ich weiß nicht, ob dir hilft, was ich getan habe. Ich selbst bin immer noch wütend, aber auch ein bisschen erleichtert.
Die Sandlers waren kurz davor wieder ein Pflegekind zu bekommen, wieder ein Mädchen. Das hat sich aus meiner Recherche ergeben. Und nach dieser hätte es wohl eine andere gegeben.  Und dann noch eine.
Ich rede mir nicht ein, ich hätte es nur aus diesem Grund getan. Ich wollte meine Rache.

Es ist später Nachmittag, als ich am Motel ankomme. Du bist da, wo du sein solltest: In unserem Zimmer.
Auf dem Tisch steht eine Pizzaschachtel, auf meinem Bett liegen Klamotten verteilt.
Du sitzt auf dem zweiten Bett und hörst Musik.
Als ich hereinkomme schaust du mich nur kurz an, dann senkst du den Blick und ziehst langsam die Kopfhörer ab.
„Alles in Ordnung?“, frage ich dich. Du zuckst nur mit den Schultern.
„Ich will hier weg.“
„Okay. Pack deine Sachen zusammen, dann fahren wir.“ Ich greife mir ein übrig gebliebenes Stück Pizza und kaue darauf herum, ohne richtig zu schmecken. Es ist mehr Mechanismus als sonst irgendetwas.
Auf dem einzigen nicht wackelnden Stuhl sitzend sehe ich dir dabei zu, wie du deine Klamotten in deine Tasche stopfst und lächle.
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