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The Lost Chapters

KurzgeschichteKrimi, Thriller / P12 / Gen
Angst Furcht Schrecken
21.01.2012
21.01.2012
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The Lost Chapters

Die Bilder fließen dahin wie ein Diasturm.
Orte, Geräusche, ja selbst die Zeit ziehen in einem Augenblick an mir vorbei.
Nach vorn schauend begreife ich…
…und setzte mich in Bewegung ohne das gewaltige Rauschen zu bemerken, das immer näher kommt.


30 Dezember

Das Rauschen, das näher kommt…
Das Rauschen das näher kommt…
Mit festem Halt auf den Beinen stand ich auf den Untergrund unter mir, der durch die Wucht und den unebenen Grund vibrierte. Schnee flog mir ins Gesicht. Der Gegenwind war kalt. Eiskalt.
Aber egal, wie schwer es wurde, den Körper so stabil zu halten, um allen zu wiederstehen – es machte einen Höllenspaß.
Mit einen Jubeln bretterte ich auf meinem Snowboard die steile, fast Tannenlose Böschung hinunter, der Pulverschnee sauste uns um die Ohren, ich spürte, wie all die Schwerkraft aus meinen Körper herausgezogen wurde.
In gebückter Haltung konzentrierte ich mich nur auf meinen Weg hinunter. So eine perfekte Piste hatten wir bis jetzt noch nicht gefunden. Selbstsicher wich ich einer Tanne aus, sprang samt Snowboard über einen kleinen Hügel und machte einen Salto in der Luft. Erneut jubelte ich und spornte meine Geschwister, die neben mir fuhren noch mehr an.
„Hast du Spaß, Furcht?“ hörte ich die Stimme meines kleinen Bruders, der neben mir fuhr. Er hatte seine Jacke mit den Knochen drauf, eine lange Hose und wie immer ohne Socken oder Schuhe unterwegs.
„Das ist der Hammer!“ rief ich zurück.
Weiter von uns entfernt sah ich, wie ein violetter Blitz durch die Baumstämme huschte. Angst, die einzige Frau unter uns, sauste flink in Slalom um die Stämme herum, erhöhte ihr Tempo und stieß zu uns beiden dazu. Sie hatte wie immer ihren großen Hexenhut auf, der trotz des Gegenwindes nicht wegflog, eine lange lilane Jacke, die bis zu ihren Knien reichte, eine schwarze Leggins mit Stulpen und festen Schuhen, eine Skibrille auf der Nase und einen konzentrierten Blick.
Es war nun fast eine Woche vergangen seid Jack damals Oogie Boogie besiegt hatte. Wir, das Schabernacktrio, dass unter seiner herrschenden Hand gelebt hatte, war nun frei – und hatten Zeit, auch ohne Meister unsere Streiche zu machen und unsere Freizeit zu gestalten.
Es war das erste Mal, dass hier Schnee war.
Noch nie zuvor hatte ich Schnee gesehen. Zwar wusste ich, dass es so etwas gab, aber nur aus Filmen und Büchern. Doch erlebt hatte ich nie welchen. Nie hätte ich mir erdenken können, dass er so toll sein kann. Und direkt am nächsten Tag, als der Wald einen weißen Paradies ähnelte, schnappten wir uns unsere Skateboards, machten die Räder weg und liefen eilig zur besten Stelle zum Snowboarden, die wir auf Anhieb fanden.
Die Piste endete und wir drei blieben stehen, atmeten von der Anstrengung auf und kicherten.
„Wow!“ lachte Angst und zog sich die Brille weg. „Das war echt genial!“
„Bis jetzt die Platz eins unserer Pisten!“ verkündete Schrecken stolz.
Sie grinsten mich an.
„Und nun?“
Ich sah hinauf. Außer unseren Spuren im Schnee war die Ebene kaum von Fußspuren oder sonstigen beschädigt.
„Wie sollen wir da wieder hochkommen?“
„Leute, Leute!“ rief plötzlich der Kleinste von uns. „Ihr müsst euch das ansehen!“
Verwundert blickten wir über unsere Schultern. Der Junge mit den Grünen Haaren deutete aufgeregt über die Kante des geraden Grundes, auf dem sie standen.
Vorsichtig sah ich über Schreckens Schulter. Unter uns verlief eine weitere Böschung, die nur viel steiler war als die andere. Dort standen mehr Tannen und der Schnee war dort zu Eis gefroren. Es sah für mich nicht im Bereich des Möglichen, dort sicher hinunterzukommen.
„Nein, vergiss es! Ich will meine Körperteile gerne noch ganz und unversehrt haben!“
„Ach was, das ist doch ein Klacks!“
Er nahm sein Snowboard und schnallte seine eigenartigen Echsenfüße wieder an. „Wenn ihr euch nicht traut, geh ich halt alleine!“
Nun schaltete sich Angst ein. Aber nicht in der Richtung, wie ich es wollte.
„Auf keinen Fall werden wir kneifen. Wenn, dann fahren wir alle zusammen, oder?“
Das Mädchen mit den Krausehaaren sah zu mir und lächelte selbstbewusst. Es war nicht unbedingt so, dass ich meine Fähigkeiten unterschätzen würde. Trotzdem spürte ich deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Mir war das nicht geheuer, nicht etwa wegen der Piste – sondern wegen etwas anderen. Es beschäftigte mich schon, seit wir hierher kamen. Genau konnte ich es nicht beschreiben. Es war so, als würde mich dieser Ort bedrohen. Es war das Gleiche Gefühl, wie ich den Tod meines Meisters erstmals hörte. Ich musste kurz schweigen, jegliche Gefühle hinunterschlucken und verdauen lassen, um dann wieder einen Gedanken fassen zu können und reagieren zu können.
Doch ich wollte nicht als Angsthase dastehen und so nahm ich mein Board, stellte mich zwischen den anderen Schabernackmitgliedern, sprang auf die Piste und zischte die glatte Spur hinunter, Schrecken und Angst folgten.
Nun konzentrierte ich mich mehr als wie vorhin auf die Bahn vor mir.
Geschickt wich ich den Bäumen aus, vermied Stunts so gut es ging, versuchte, einen festen Stand zu haben, auch wenn es unter dem Plastikstück, das mich vom gefährlich harten Untergrund schützte, rutschig war und ich nicht das Gleichgewicht richtig halten konnte. Neben mir fuhren die beiden anderen, die viel mehr Spaß hatten als ich.
Die Arme nach vorn und hinten ausgestreckt, in gebückter Haltung und mit einen fetten Grinsen auf den Lippen, lehnte er sich nach hinten oder vorne, um die Richtung anzugeben, lachte Herzlich und suchte die Nachbarschaft seiner großen Schwester auf.
Und so merkte ich auch nicht, wie ich von ihnen getrennt wurde. Neben mir erschien plötzlich eine Baumreihe, wodurch ich die violette Jacke meiner Schwester kurzweilig noch sah, bevor sie völlig verschwand. Langsam machte sich Panik in mir breit. Es war ja schon schlimm genug, dass ich keine richtige Kontrolle über mich hatte. Und nun verlor ich auch noch meine Geschwister aus den Augen.
Frost bildete sich auf meiner Brille.
Immer wieder sprach ich mir selbst zu, ich solle mich konzentrieren und nach den anderen sehen, wenn ich unten war. Doch je länger ich fuhr, desto mehr wurde es zur Hürde, einen Gedanken zu fangen und das Board richtig zu fahren, und je länger ich hoffte, gleich unten zu sein, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass es kein Ende gab.
Auf einmal überrumpelte mich einen solchen Schmerz, dass ich mit einem Schrei das Gleichgewicht verlor, über den restlichen Weg über die Bahn purzelte und schließlich von einem Abhang stürzte.
Ich sah nur noch den Schnee unter mir, dann spürte und hörte ich nichts mehr.  

Die Bilder fließen dahin wie ein Diasturm.
Orte, Geräusche, ja selbst die Zeit ziehen in einem Augenblick an mir vorbei.
Nach vorn schauend begreife ich…
…und setzte mich in Bewegung ohne das gewaltige Rauschen zu bemerken, das immer näher kommt.

Eine Stimme.
Sie rief immer wieder meinen Namen.
„Furcht! Furcht! Wo bist du?“
Ich wollte antworten, doch ich hatte das Gefühl, nicht mehr in meinen Körper zu sein, da er nicht auf meine Forderungen einging. Mein Kopf hämmerte schmerzvoll, mein Körper war schwer und taub, selbst als ich die Augen öffnete und langsam meine Wahrnehmung wieder einsetzte, sahen selbst die schwarzen Schatten, die ein paar Meter weiter stehen blieben und schleunigst zu mir eilten, bedeutungslos aus.
„Oh nein, Furcht!“
Jemand schob seine Arme unter mein Kreuz und zog mich langsam in die Höhe. Jegliche Bewegung schmerzte, mir entwich ein Stöhnen.
„Er blutet, er blutet!“ erkannte ich die stammelnde Stimme meines kleinen Bruders.
Eine Hand fasste an meine Stirn. Es war Angst‘ Hand, ich erkannte die schwarzen Zeichen auf ihren Handrücken, den sie seit ihrer Geburt hatte, das gleiche Mal hatte sie auch auf der anderen Hand und auf dem Kreuz. „Er hat sich die Stirn aufgeschlagen…!“
Ich merkte nun auch, dass etwas Feuchtes an meinen Kopf über mein Gesicht floss, mein gesamtes rechtes Auge bedeckte.
Es war heiß und wurde im nächsten Moment eiskalt.
Gleichmäßig atmend versuchte ich, die aufgeregten Stimmen meiner Geschwister zu überhören und langsam wieder in Gang zu kommen. Mein Körper tat endlich wieder, was ich wollte, meine milchige Sicht legte sich, ich erkannte vor mir die großen, besorgten Augen von Schrecken, in dem sich Tränen bildeten. Wie ein kleines verlorenes Kind fing er an zu wimmern.
„Hör auf zu weinen!“ fauchte ihn Angst an. „Ich kann dich jetzt nicht trösten, ich muss warten, bis er wieder bei Bewusstsein ist!“
Doch er hörte nicht auf, zu schluchzen. Dicke Tränen kullerten über seine Wange.
Ich stemmte mich auf, richtete die Arme nach vorne und umarmte ihn. Diese Geste erschrak sowohl Angst, als auch Schrecken, als auch mich selbst. Es war sehr üblich geworden, keine Zärtlichkeit mehr untereinander zu verbreiten, besonders nicht unter uns, da wir uns sonst nur rauften, anmotzten oder beleidigten. Doch ich konnte einfach nicht miterleben, wie unser kleiner Bruder, für den ich verantwortlich war, um mich weinen konnte.
„Ist schon gut, ich bin ja nicht tot!“ ächzte ich und grinste.
Schrecken wischte sich die Angsttränen aus den Augen und nickte.
„Kannst du aufstehen?“ fragte Angst und stand auf, um mir zu helfen.
Vorsichtig richtete ich mich auf und suchte Gleichgewicht.
„Ich bin wohl vom Brett gefallen.“ Lachte ich unglücklich.
„Vom Brett gefallen?“ fragte sie empört. „Du bist eher vom Brett geflogen!“
Ich klopfte mir den Schnee von der Jacke und ging mit der Hand über meine Stirn. An einer Stelle schmerzte es am meisten, eine dicke Beule hatte sich gebildet. Als ich wieder auf meine Handschuhe sah, waren sie blutgetränkt.
Egal!
Ich sah mich um, wo mein Brett wohl hingeflogen war und stampfte vorsichtig durch den Schnee.
„Furcht…?“
Verwundert sah ich hinter mich. Schrecken und Angst, den Rücken zu mir gewendet, starrten auf etwas, was zwischen den Bäumen stand.
„Sieh dir das mal an…!“
Unsicher tapste ich zu den beiden und folgte ihren Blick.
Und ich erstarrte genauso wie die anderen.
Auf einer Lichtung, mitten im Wald, umringt von verschneiten Bäumen, standen Gebilde, die man für Häuser oder Scheunen halten könnte. Das Holz war schwarz und sah verbrannt aus, Trümmerhaufen lagen achtlos auf dem Boden, ein kleiner Dorfbrunnen stand in der Mitte und schien als einziges nicht beschädigt zu sein. Wir zählten mindestens zehn Häuser auf, unbewohnt, zerstört und verbrannt, manchmal sogar so sehr zusammengebrochen, dass es schon nicht mehr als Haus zu bezeichnen war. Das Dörfchen schien wie ausgestorben zu sein.
Wer baute mitten im großen Dunkelwald ein Dorf auf, wenn man doch wusste, dass es hier von gefahren wimmelte.
Trotzdem konnte ich mir nicht helfen, doch ich hatte so eine Art Erleuchtung. Eine Art Déjà vu.
Als wäre ich schon einmal hier gewesen. Doch so sehr ich auch nachdachte, woher mir dieses Dorf bekannt vorkam, immer schob sich eine Art unsichtbare Wand vor meine Augen.  
Wie gesteuert tapste Schrecken langsam vorwärts.
„Schrecken, nicht! Komm zurück!“ zischte Angst.
Doch er reagierte nicht auf sie. Wie hypnotisiert lief er auf das Geisterdorf zu.
Langsam folgte ich ihm, kam auf seine Höhe, nahm seine Hand und nickte ihm zu.
Kurz vor den ersten Häusern blieben wir stehen und sahen uns um.
Es war totenstille um uns herum. Lediglich der Wind, der durch die Berge strich, war zu hören. Die Vögel zwitscherten nicht, die Äste der Bäume blieben so stehen, wie sie waren. Leise rieselten manchmal Schneeflocken von den Dächern der schwarzen Häuser, als wir an ihnen vorbei gingen. Ohne ein Wort zu sagen trennten wir uns drei und durchsuchten das Dorf ganz alleine. Schrecken blieb an dem Brunnen in der Dorfmitte stehen und schaute hinunter. Es war pechschwarz da unten. Ein bodenloses Loch gähnte ihm entgegen. Um sicherzugehen nahm er den Eimer, der an der rostigen Kette hing und ließ ihn bis ganz nach unten fallen. Es schepperte kurz, dann ein lautes platschen. Als er ihn wieder rauszog, war tatsächlich Wasser drin, jedoch alt und moderig und teilweise gefroren.
Angst sah sich in einer Scheune um, die noch recht stabil aussah. Im Inneren waren Stroh, Kraftfutter für Schweine und Hühner, es sah alles relativ erhalten aus.
Ich wagte mich von allen am weitesten in das Dorf hinein. Bald merkte ich, dass es in einen großen Kreis aufgebaut war, in der Mitte der Brunnen. Mich ließ einfach der Gedanke nicht los, hier schon mal gewesen zu sein. Doch wann? Und in welchen Zusammenhang?
Plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter mir. Erschrocken wirbelte ich herum.
Hinter mir war ein weiteres Haus, dessen Dach eingefallen war, die Tür war zusammengebrochen, ausgefüllt mit Geröll und Holz. Kieselsteinchen fielen von den Steinhaufen im Innern herunter. Neugierig näherte ich mich ihm und betrachtete es genauer. Das Haus war recht klein und sah aus, als würde hier nur eine Familie mit höchstens zwei Kindern Platz gehabt haben.
Zaghaft sah ich durch den eingefallenen Türrahmen hinein. Tatsächlich war nichts übriggeblieben, was auf mögliche Bewohner deuten konnte.
Als ich gerade wieder dabei war, das Haus zu verlassen, spürte ich etwas Hartes unter meinen Fuß. Es klirrte.
Erschrocken sah ich hinunter.
Ich stand auf einen Fotorahmen, der unter meinem Gewicht zersprungen war.
Für einen Moment betrachtete ich das Foto. Die Hälfte war durch das scheinbar entfachte Feuer verbrannt, jedenfalls konnte ich die Gesichter der beiden erwachsenen nicht erkennen. Langsam hob ich es auf und musterte es. Es waren eine Frau, ein Mann und ein Kind, vielleicht zwei Jahre alt, abgebildet. Die obere Hälfte bröckelte langsam ab, die Gesichter der Eltern waren völlig weggebrannt. In den Armen der Frau lagen zwei Bündel mit kleinen Säuglingen. Das eine schlief, das andere sah sich erstaunt um.
Obwohl ich nicht trauerte um die Familie, da ich sie nicht kannte, lies mich etwas einfach nicht los.
Ich hielt das Bild immer näher an mein Gesicht.
Der kleine Junge, der sich schüchtern am Hosenbein seines Vaters klammerte kam ihm auch bekannt vor.
Er hatte ein spitzes Gesicht, große braune Rehaugen, zotteliges braunes Haar und einen Blick, der einem das Herz zum Schmelzen brachte.
Dieser Junge…
Wer war das?
Plötzlich erstarrte ich.
Alles in mir erstarrte.
Wie ein Klotz stand ich da, starrte dem kleinen Kind in die Augen.
Ein düsterer Gedanke wehte durch meinen Kopf.
Für einen Moment stieg ich in die Höhe und fiel, fiel ungebremst.
Nein.
Nein…
„Furcht, bitte lass uns gehen.“ Kamen Angst und Schrecken zu mir.
„Ich fühl mich hier nicht wohl, außerdem…“
Ich reagierte nicht.
„Furcht?“
Immer noch starrte ich auf das Foto, meine Hand zitterte, mein ganzer Körper setzte sich mir gleich.
Langsam drehte ich mich um, die Augen weit aufgerissen, Tränen auf den Wangen.
„Mom…Dad…!“
Angst und Schreckens Augen weiteten sich. Auch in ihnen schien dieser grässliche Gedanke zu erscheinen.
„…haben hier gewohnt!“
 
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