Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Indianer

von aislingde
GeschichteDrama / P12
Winnetou
21.01.2012
03.02.2012
3
11.828
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
21.01.2012 3.529
 
Enstanden April - November 2007 - Die Story ist bereits fertig und wird in mehreren Teilen hochgeladen.
Teaser: Winnetou mit anderen Augen gesehen
Personen: OFC, OMC, Winnetou
Länge: 11.800 Wörter
Kategorie: Drama
Beta: Birgitt - Vielen lieben Dank.

Ich war zehn oder elf Jahre alt, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich kann mich so gut daran erinnern, weil meine Mutter mich rügte. Es schickte sich nicht, einen Indianer anzustarren, schon gar nicht auf der offenen Straße.

Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich hatte nur seine Haare bewundert. In der Sonne glänzende, schwarze Haare, die glatt bis zur Hüfte fielen.

Ich war so neidisch. In der Sonntagsschule hatte ich mir wenige Wochen zuvor von einem italienischen Einwandererkind Läuse geholt und meine Mutter hatte mir meine Haare abschneiden müssen.



Zwei Jahre später wurde ich auf ein Pferd aufmerksam gemacht. Ein rassiger schwarzer Hengst. Patrick wies mich auf dieses Tier hin. Er war ein Pferdenarr, der einen Blick dafür hatte, ob ein Besitzer sich um sein Pferd kümmerte.

Der Hengst stand – unangebunden – vor dem Gemischtwarenladen von Patricks Vater. Da das Tier statt eines Sattels nur eine Decke trug, vermutete er, dass es einem Indianer gehörte.

Ich wollte ihm zuerst nicht glauben. Die Wilden, die ich bisher kennen gelernt hatte, waren dreckig und ungepflegt. Ihre Tiere hatten meist blutige Striemen und waren verängstigt.

Die Rothäute kamen nur nach Lincoln, um im Saloon Whiskey zu kaufen und sich sinnlos zu betrinken – noch nie hatte ich einen von ihnen in einem anderen Geschäft gesehen.

Seit meine Mutter mich schickte, um Besorgungen zu machen, hatte ich gelernt, einen großen Bogen um sie zu machen.

Deswegen zog ich es vor, einige Minuten mit Patrick, der gerade den Bohlenweg kehrte, zu plaudern, statt den Laden zu betreten. Allein der Gedanke, wie unverschämt und begierig mich diese Rothaut anglotzen würde, ließ mich schaudern.

Als der Indianer mit seinen Einkäufen das Geschäft verließ, erkannte ich ihn an seinen Haaren wieder. Sie waren immer noch sehr lang und bedeckten seinen Rücken wie ein Tuch.

Mir fiel zudem auf, wie gepflegt seine Kleidung war; nur wenige Männer des Ortes zogen sich so sauber an und auch nur, wenn sie sonntags zur Kirche gingen.

Der Indianer blickte nicht nach links oder rechts, sondern ging direkt zu seinem Hengst, streichelte ihm über die Nüstern und legte dann die Packtasche auf den Rücken des Tieres.

Ohne uns zu beachten, schwang er sich hoch und lenkte den Hengst mit einem Schenkeldruck auf die Straße.

Wie der Zufall es wollte, torkelte genau in diesem Moment ein sturzbetrunkener Indianer aus dem Saloon direkt vor die Hufe des Hengstes.

Ich weiß nicht, was ich damals von ihm für eine Reaktion erwartet hatte, heute kann ich mich genau erinnern, dass er sich beschämt abwandte.

Es war der Moment, in dem mein Interesse für ihn erwachte und ich mehr über ihn erfahren wollte.

Ich versuchte, über Patrick herauszufinden, wer er war und was ihn in unseren Ort trieb. Patrick war drei Jahre älter als ich und ging bei seinem Vater in die Lehre. Doch er tat meine Frage solange als ‚Kinderei' ab, bis ich ihn mit einem selbstgebackenen Kuchen bestach.

Im Tausch gegen die Süßigkeit erzählte er mir, dass der Indianer immer Gewürze, Bücher und einige Zeitschriften abholte, die er bestellt und auch im Voraus bezahlt hatte. Einen Namen fand er nicht heraus, da in der Bestellliste nur ‚der Indianer' stand.

Genauso wenig konnte Patrick mir sagen, welche Literatur der Indianer kaufte. Die Titel der letzten Bestellung waren durchgestrichen worden und nicht mehr leserlich. Die neue Bestellung enthielt zwei Titel – doch keiner war auf englisch.



Als der Indianer das nächste Mal seine Sachen abholte, verpasste ich ihn.

Ich jammerte darüber so sehr, dass Patrick sich meiner erbarmte.

Er stahl sich jedes Mal, wenn der Indianer den Laden betrat, fort, um mir Bescheid zu sagen – ich weiß bis heute nicht, wie er es geschafft hatte, ohne sich Ärger mit seinem Vater einzuhandeln.

Meistens konnte ich mein Elternhaus nicht verlassen, da meine Mutter mich in der Haushaltsführung unterwies und ich viel zu tun hatte. Mein Vater verdiente als Schmied ganz gut, aber neben dem Gesellen in der Werkstatt hatten wir nur ein Hausmädchen, das für die groben Arbeiten zuständig war.

Ich nahm mir immer die Zeit, aus dem Fenster zu schauen und den Indianer zu beobachten. Das Geschäft von Patricks Vater lag schräg gegenüber von unserem Haus und ich hatte vom ersten Stock aus einen guten Blick.

Der Indianer war schön anzusehen. Nicht nur wegen der langen Haare. Er war noch nicht alt, vielleicht fünfundzwanzig Jahre und seine Haut hatte einen matten Bronzeton. Er war von schlankem Wuchs und seine Gesichtszüge waren für einen Wilden sehr edel, nicht so verkommen wie die der Säufer im Saloon.

Nie sah ich ihn lächeln. Immer war seine Miene ernst, manchmal wirkte er traurig – das war, wenn die bestellten Zeitschriften nicht den Weg in unseren Ort geschafft hatten. Patrick hielt mich auch darüber auf dem Laufenden.

Immer wenn ich den Indianer sah, verspürte ich den Wunsch, zu ihm zu gehen und etwas Törichtes zu sagen, damit er lächelte. Doch ich wusste zu genau, was passieren würde, wenn meine Eltern davon erführen.

Vater würde mich grün und blau schlagen, vielleicht sogar den Gürtel benutzen. Mutter würde jammern und wehklagen, mir endlose Predigten über das Verhalten einer anständigen jungen Frau halten. Sie würde lamentieren, dass kein Mann sich ernsthaft für eine Frau interessieren würde, die schamlos mit einer dreckigen Rothaut poussiert.

So blieb es bei meinen Träumen, in denen ich mich fragte, wie er aussah, wenn er lächelte,

und wie seine Stimme wohl klang. Zwei Jahre lang, in denen ich ihn alle drei Monate für wenige Minuten sah.



Als meine Mutter ihr zweites Kind erwartete – jahrelang hatte sie vergeblich gehofft, schwanger zu werden -, blieb sie zu Hause, legte auf Anraten des Doktors ihre Beine hoch und ließ mich alle Besorgungen erledigen, die sie früher selbst erledigt hatte.

Es war eine Freiheit, die ich gar nicht kannte. Ich nutzte sie nicht zu sehr aus, um sie nicht zu gefährden.

Einzig, wenn ich zum Einkaufen in den Gemischtwarenladen ging, blieb ich länger. Patrick nahm sich viel Zeit, mich zu bedienen.

So auch an diesem Tag. Wir sprachen über unwichtige Dinge, er brachte mich mehrfach zum Lachen und als ich gehen musste, um spitze Bemerkungen meiner Mutter zu vermeiden, drehte ich mich vor der Tür um, um Patrick zuzuwinken. Lachend schüttelte er seinen Kopf.

Ich drehte mich schwungvoll um, um nach Hause zu eilen, da stieß ich auf ein Hindernis.

Es war nicht die Tür, sondern jemand, der gerade das Geschäft betreten hatte. Ich hatte ihn einfach nicht gehört.

Es war nicht schmerzhaft, aber ich ließ mit einem erschreckten Ausruf meinen Korb fallen und er kippte um.

Dann erkannte ich, mit wem ich zusammengestoßen war.

Der Indianer musterte mich mit besorgter Mine.

„Haben Sie sich weh getan? Kann Winnetou helfen?“

Ich spürte, wie mein Gesicht feuerheiß wurde. Verlegen bückte ich mich, um die herausgefallenen Einkäufe aufzuheben.

„Danke, mir geht es gut“, presste ich heraus und fischte nach einem Apfel, der unter ein Regal gekullert war.

Zu meiner absoluten Überraschung bückte er sich, half mir beim Einsammeln der Einkäufe, reichte mir anschließend den Korb und hielt mir die Tür auf, damit ich hinaustreten konnte.

Meine Dankesworte waren kaum mehr als ein Gestammel. Nicht nur mein Gesicht, nein auch meine Ohrenspitzen müssen hochrot gewesen sein.

Als ich mit gerafften Röcken die Straße überquerte, kam ich mir wie ein kleines Kind vor.

Da wollte ich ihn seit Jahren kennen lernen und mehr über ihn erfahren und im entscheidenden Augenblick machte ich alles falsch.

Er musste mich wirklich für ein törichtes kleines Mädchen halten, das Angst vor jedem Indianer hat. Dabei hatte ich inzwischen zu unterscheiden gelernt.



Den Rest des Tages hatte ich keine Zeit mehr, über den Vorfall nachzudenken, zu sehr spannten mich meine Pflichten ein.

Abends im Bett tat ich es umso gründlicher.

Er hatte mir seinen Namen gesagt! Mein Herz klopfte allein bei dem Gedanken an seine Stimme schneller. Sie war dunkel und samtig.

Als wir so nah zusammen gestanden hatten, hatte ich ihn auch riechen können Er roch nicht nach Schweiß und Tabak, wie die meisten Männer, sondern nach wilden Kräutern. Es war ein angenehmer Geruch.

Ich war mir nicht mehr sicher, aber vielleicht hatte er wirklich gelächelt, als er mir die Tür aufgehalten hatte.

Doch was würde passieren, wenn meine Eltern von dem Vorfall erfuhren? Lincoln war klein und ich war einem Indianer näher gekommen, als es schicklich war – auch wenn ich es nicht beabsichtigt hatte.

Die nächsten Tage waren die Hölle. Bei jedem Kunden, der Vaters Werkstatt betrat, hatte ich Angst, dass er von dem Vorfall im Gemischtwarenladen erzählen würde. Doch es passierte nichts.

Auch Mutter verhielt sich wie immer. Sie schickte mich zur Pfarrsitzung, ließ mich die alte Frau Baker versorgen und sorgte dafür, dass ich immer beschäftigt war.

Als ich wieder zum Einkaufen geschickt wurde, wollte ich Patrick auf den Vorfall ansprechen, doch er musste eine Lieferung einräumen und ich wurde von seinem Vater bedient.

Zeit zum Plaudern hatten Patrick leider nicht.

Auch beim nächsten Einkauf ergab sich keine Gelegenheit, mit Patrick zu reden – es waren zu viele andere Kunden anwesend.

Danach war zu viel Zeit verstrichen und ich traute mich nicht, darüber mit Patrick zu sprechen, hatte Angst, von ihm als seltsam abgetan zu werden.



Die Schwangerschaft meiner Mutter verlief nicht gut und der Arzt hatte ihr Bettruhe verordnet. So war ich jetzt nicht nur für den Haushalt verantwortlich, nein, ich musste jede freie Minute am Bett meiner Mutter sitzen und ihr Gesellschaft leisten.

Anfangs empfand ich es als angenehm, mit einer Handarbeit beschäftigt bei ihr zu sein. Doch je weiter die Schwangerschaft fortschritt, umso unleidlicher wurde meine Mutter.

Meine Stickerei war ihr nicht fein genug und das Essen schmeckte ihr nicht mehr. Mal behauptete sie, dass es versalzen, dann warf sie mir vor, dass es verkocht sei.

Und es wurde mit jedem Tag schlimmer. Sie jammerte, dass ihr alles weh tue und dass Vater schuld sei, dass sie mit fast vierzig noch ein Kind austragen musste.

Dabei hatte sie sich anfangs so auf das Baby gefreut.

Vater floh aus der Wohnung, wann immer er konnte. Er nahm mehr Aufträge an, als er eigentlich bewältigen konnte, und blieb bis spät in die Nacht in der Schmiede.

Er schlief in der Wohnstube auf der Couch - weil er Mutter nicht belästigen wollte.

Ich konnte nicht fliehen. Wenn sie mich schickte, Besorgungen zu erledigen, und ich blieb länger weg, als sie es für angemessen hielt, überschüttete sie mich mit Vorwürfen.

Selbst an ein Gespräch mit Patrick war nicht zu denken. Unsere Unterhaltungen bestanden nur aus höflichen Floskeln.

Auch abends wollte meine Mutter nicht allein sein, da Unterleibschmerzen und die Tritte des Babys sie vom Schlafen abhielten. Wenn sie mich endlich entließ, fiel ich ins Bett und schlief sofort ein.



Nach mir unendlich erscheinenden Monaten setzten bei meiner Mutter an einem sonnigen Oktobermorgen endlich die Wehen ein. Ich hatte mir so sehr gewünscht, dass es endete und jetzt war es zwei Wochen zu früh.

Doktor Brown hatte mir die Anweisung gegeben, ihn sofort zu rufen, wenn sich der Zustand meiner Mutter änderte.

Leider war er an dem Tag auswärts unterwegs, um einen vom Pferd gefallenen Cowboy zu verarzten.

Während wir auf ihn warteten, folgte ich den Anweisungen der Hebamme, brachte immer wieder frisches Wasser ins Schlafzimmer und wechselte mehrfach die Bettwäsche. Wenn sie mich nicht brauchte, setzte ich mich in eine Ecke und versuchte, nicht im Weg zu sein.

Es war ein verstörender Tag. Meine Mutter lag im Bett, stöhnte und schrie vor Schmerzen und die Hebamme sprach immer wieder beruhigend auf sie ein.

Das Baby lag wohl nicht richtig und deswegen gab es Probleme.

Es war später Abend, als der Doktor eintraf.

Als Erstes verwies er mich des Zimmers: Er wollte, dass ich die Nacht bei einer Freundin verbrachte, aber ich weigerte mich. Ich kümmerte mich stattdessen um meinen Vater, der händeringend in der Wohnstube saß.

Wir hörten, wie die Schreie meiner Mutter immer schwächer wurden und schließlich ganz verebbten.

Ich wusste nicht viel über das Kinderkriegen, aber genug, um zu wissen, dass die Stille ein sehr schlechtes Zeichen war.



Gegen Mittag des nächsten Tages verließ Doktor Brown das Schlafzimmer und teilte meinem Vater mit, dass er einen Stammhalter bekommen hatte, seine Frau noch lebte, aber sie die nächsten Stunden wohl nicht überstehen würde. Sie hatte zu viel Blut verloren.

Mein Vater schluckte, einmal, zweimal. Sein Gesicht wurde aschweiß. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Ich folgte ihm und schloss leise die Tür hinter mir.

Meine Stickerei lag noch immer ordentlich gefaltet auf dem Nachttisch und Mutter lag auf ihrer Seite des Bettes.

Ihr Gesicht hatte eine gelbliche Blässe, die mich an einen schlecht geratenen Brotteig erinnerte. Mutter schien zu schlafen und im Arm hielt sie das Kind.

Als mein Vater sich zu ihr auf die Bettkante setzte, schlug sie ihre Augen auf und lächelte ihn an.

Nach all den Monaten, in denen sie so unleidlich gewesen war, wirkte sie jetzt glücklich und entspannt. Es war so falsch.

Ich hielt es nicht mehr aus, konnte einfach nicht dastehen und zusehen, wie sie starb.

Ich schaffte es noch, die Tür leise hinter mir zu schließen. Wie ich in den hintersten Lagerraum des Gemischtwarenladens kam, weiß ich nicht. Auch nicht, wie lange ich dort saß und weinte.

Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr und mein Taschentuch war so durchweicht, dass ich es auswringen konnte.

Mit dem Saum eines Unterrockes fuhr ich über mein Gesicht, um die Feuchtigkeit abzuwischen. Ich stand auf und zupfte meine Röcke zurecht.

Wenn ich unbemerkt in den Lagerraum gekommen war, musste ich ihn auch ungesehen verlassen können. Vielleicht wäre es mir auch gelungen, wenn nur Patrick oder sein Vater hinter dem Tresen gestanden hätten. Aber es war noch Kundschaft dar. Nicht einer unserer Nachbarn, sondern der Indianer, Winnetou. Ich spürte seinen Blick auf mir, kaum dass ich den hinteren Teil des Geschäfts betreten hatte.

Wie ein verängstigtes Tier starrte ich ihn an und achtete nicht auf meine Bewegungen, so dass ich mit meinem Rock eine Dose umwarf.

Da wurde auch Patrick auf mich aufmerksam.

„Beth! Was machst du denn hier? Dein Vater sucht dich!“

Er vergaß wohl, dass er eigentlich den Indianer bedienen musste, kam zu mir und nahm mich in den Arm.

Die Tränen, die ich versiegt geglaubt hatte, traten wieder in meine Augen.

„Ist sie...?“ Ich stotterte, konnte es nicht aussprechen.

Als er mir unbeholfen eine Strähne, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte, aus dem Gesicht wischte und dabei meinem Blick auswich, wusste ich genug.

Geborgen in seinen Armen, brach ich erneut in Tränen aus. Patrick hielt mich einfach nur fest.

Es dauerte nicht lange, bis mein Schluchzen leiser wurde. Ich hatte schon zuviel geweint.

Patrick ließ mich los, kramte in seiner Hosentasche und reichte mir sein Taschentuch.

Ich wischte die Tränen weg, schnäuzte und gab ihm das Tuch zurück.

„Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, für dein Taschentuch, für alles.“

„Nicht dafür.“ Verlegen kratzte er sich den Nacken. „Ich bringe dich jetzt nach Hause und wenn du mir unbedingt danken willst, kannst du mir ja einen Kuchen backen.“

Mir war klar, dass er mich nicht nur bis zur Haustür bringen würde, sondern mir auch bei dem sicher folgenden Gespräch mit meinem Vater beistehen wollte.

Er gab mir keine Gelegenheit abzulehnen, nahm meine Hand und zog mich zum Ausgang.

Erstaunt stellte ich fest, dass es bereits dämmerte. Es musste ein schöner Herbsttag gewesen sein; der Sonnenuntergang war farbenprächtig.

Ich wollte schon die Straße überqueren, als ich den Hengst vor dem Geschäft bemerkte.

Der Indianer musste von weit her kommen, denn im Licht der untergehenden Sonne konnte ich die feine Sandschicht sehen, mit der das Tier bedeckt war.

Sand wie es ihn hier nicht gab.

Ich blieb stehen und löste meine Hand aus Patricks Griff.

„Ich danke dir für deine Hilfe. Doch zu Hause muss ich allein klar kommen. Vater wird sich nur noch mehr aufregen, wenn du mitkommst.“

„Bist du dir sicher?“ Patrick war nicht überzeugt.

„Ja, er ist halt so. Außerdem hast du Kundschaft, von der ich dich schon lang genug abgehalten habe. Du weißt, was passiert, wenn dein Vater erfährt, dass du mich getröstet hast, statt Geld zu verdienen. Ich will nicht schuld sein, wenn er dir den Lohn kürzt.“

„Von dem Bisschen, was ich bekomme, kann er mir nichts abziehen. Du brauchst wirklich keinen Beistand?“

„Nein. Ich komme klar, muss klar kommen.“

„Wenn du mich brauchst, du weißt ja, wo du mich findest. Wenn mein Vater mich lässt, werde ich zur Beerdigung kommen, damit du nicht ganz alleine bist.“

Ich nickte und ging. Vor der Haustür drehte ich mich noch einmal um. Von Patrick war nichts mehr zu sehen, doch ich entdeckte den Indianer, der im Schatten des Vordaches stand. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er mich beobachtete.

Angesichts dieser törichten Empfindung schüttelte ich den Kopf und ging ins Haus.



Meinen Vater fand ich in der Wohnstube, zusammen mit Pater Bush und einer Flasche Whiskey.

Der Pater redete leise auf ihn ein, währenddessen trank mein Vater immer wieder einen Schluck. So leer wie die Flasche war, war es nicht das erste Glas, und als er mich ansah, wusste ich, dass er sehr betrunken war. Etwas, was ich noch nie zuvor bei ihm erlebt hatte.

„Wo warst du? Warum hast du deine Mutter in ihrer schwersten Stunde allein gelassen?“

Mein Vater stand auf und musste sich am Stuhl abstützen, damit er nicht umfiel. Als er es schaffte, sich aufrecht zu halten, kippte er den Inhalt des Glases herunter, dann warf er es nach mir.

Er war so betrunken, dass das Glas zwei Meter von mir entfernt an der Wand zerschellte.

Ich zuckte zusammen und sah ihn furchtsam an.

Mein Vater war immer streng gewesen, doch nie hatte er versucht, mich zu schlagen, hatte immer nur damit gedroht.

Pater Bush stellte sich zwischen uns.

„Mr. O'Braily, beruhigen Sie sich. Bedenken Sie, wie jung Ihre Tochter ist. Es war einfach zu viel für sie. Gehen Sie schlafen, ich bereite alles für die Beerdigung morgen vor. Sie brauchen sich um nichts zu kümmern.“

Der Pater versuchte zu vermitteln. Vergeblich.

„Sie hat meine Heather im Stich gelassen. Sie wollte mit Beth sprechen, aber ich konnte meine Tochter nicht finden, weil sie feige weggelaufen war!“

„Wer ist denn die letzten Monate fortgelaufen? Ich musste jede ihrer Launen ertragen, während du zu viel Arbeit vorgetäuscht hast, sogar nachts ihre Gesellschaft gemieden hast.“

Ich wusste sofort, dass es ein Fehler war. Ich schlug die Hand vor den Mund und wartete auf die Schläge, die mein Vater jetzt bestimmt nicht zurückhalten würde.

Doch sie kamen nicht. Mein Vater sah mich einen Augenblick verständnislos an, dann sackte er in sich zusammen, tastete nach der Flasche und nahm einen tiefen Schluck.

„Mr. O'Braily. Glauben Sie nicht, dass es reicht?“ Der Pater gab nicht auf. „Miss Beth, wo schläft er? Ich werde mich um ihn kümmern. Sie schauen nach Ihrem Bruder, für den wir auch noch einen Namen finden müssen.“

„Meine Mutter wollte das Baby Thomas oder Emily nennen. Nach ihren Eltern.“

„Thomas O'Braily also. Sobald Ihr Vater sich beruhigt hat und im Bett liegt, komme ich zu Ihnen und werde den Kleinen taufen. Die Wiege steht in Ihrem Zimmer. Die Hebamme versucht, eine Amme für Thomas zu finden. Sie hat ihm schon etwas Milch gegeben und er schlief, als sie ging. Sie ist jetzt bei einer anderen Patientin, wird aber so bald wie möglich zurückkommen, um Ihnen zu erklären, wie Sie ein Kleinkind versorgen müssen. Thomas wird all Ihre Liebe brauchen, um zu überleben.“

„Die wird er bekommen, Pater.“



Groß war mein Zimmer noch nie gewesen, mit der Wiege am Fenster war es überfüllt.

Ich schaute mir das Baby an.

Thomas schlief. Er wirkte so unschuldig und hilflos. Ich konnte ihn einfach nicht für den Tod meiner Mutter verantwortlich machen, so sehr ich mich auch bemühte.

Stattdessen wusste ich von dem Moment an, dass ich ihn lieben würde.

Ein Räuspern ließ mich zusammenfahren. Pater Bush betrat den Raum und bat mich, Thomas hochzuheben. Er taufte ihn.

Es war eine schlichte Zeremonie, die mir sagte, dass er meinem Bruder nicht mehr als einige Tage gab. Ich schwor mir, dass ich alles tun würde, damit er überlebte.

Nachdem der Pater gegangen war, legte ich mich auf mein Bett, um mich kurz auszuruhen.

Ich wachte erst mitten in der Nach von Thomas kläglichem Wimmern auf.

Bevor ich reagieren konnte, war die Hebamme da und nahm ihn aus der Wiege. Ich war zu müde, um irgendetwas zu tun und schlief wieder ein.



Die Beerdigung war schrecklich. Vater war schon wieder betrunken und starrte in der Kirche finster vor sich hin. Auf dem Weg zum Friedhof sonderte er sich ab und blickte mich kein einziges Mal an.

Mir war es recht. Ich war noch nicht bereit, mich für meine Worte vom Vortag zu entschuldigen. Schließlich hatte ich die Wahrheit gesagt.

Nachdem mein Vater eine Handvoll Erde auf den mit nur wenigen Nägeln zusammengezimmerten Sarg geworfen hatte, drehte er sich um und ging zurück nach Lincoln.

Während ich die Beileidsbekundungen entgegennahm, konnte ich sehen, dass mein Vater nicht nach Hause ging, sondern den Saloon betrat.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast