Gewissen

GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
Österreich Preussen
17.01.2012
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Erbost stürmte der junge Mann nach vorne. Sein Schwert schimmerte dunkelrot vom Blut seines Gegners. Doch der Andere schien immer noch nicht aufgeben zu wollen.
"Gib endlich auf Roddie!"
"Vergiss es!"
Gleichzeitig stürmten sie nach vorne. Das ohrenbetäubende Klirren der Schwerter das daraufhin erklang, hallte laut auf der mit Leichen übersäten Lichtung wieder. Mit ganzer Kraft die ihm vom mehrstündigen Kampf noch übriggeblieben war, versuchte Gilbert mit diesem letzten, entscheidenden Schwertstreich den Kampf doch noch für sich zu entscheiden. Doch daraus wurde nichts. Sie waren sich ebenbürtig. Schon immer gewesen. Denn so viel Kraft Gilbert auch anwandte, der Braunhaarige hielt mit seiner gesamten Kraft dagegen. Alle ihre Kämpfer waren schon tot.
Leicht Verletzte hatten sich und wen sie schleppen konnten, weggeschafft. Der Rest war hier gestorben. Zu beiden Seiten der Lichtung standen die Sanitäter und warteten darauf einzugreifen und einen der Beiden schwerverwundet wegzutragen und mit ihrem Leben zu beschützen. Neben ihren Medizinern, standen ihre Chefs und musterten sie und sich gegenseitig. Sie hatten schon längst vorgeschlagen den Kampf endlich zu unterbrechen um eine friedliche Lösung zu schaffen.
Doch keiner der Beiden wollte nachgeben.
Gilbert, weil er nicht mehr bevormundet werden wollte.
Roderich, weil er nicht wollte dass sich das Monster in Gilberts Innerem noch weiter ausbreitete.

Müde saß der Braunhaarige am Tisch und musterte zuerst Ludwig und Berwald, dann Vash und Lilly. Gilbert war zum Glück nicht Anwesend. Zumindest im ersten Teil ihres heutigen Meetings nicht.
"Also hat jemand Vorschläge? Roderich?"
Aus den Gedanken gerissen sah Roderich Ludwig an und schüttelte den Kopf.
"Also gut Roderich, ich verstehe ja dass du Gilbert nicht magst, aber bitte, reiß dich zusammen."
"Ich denke nicht mal daran."
Man sah Ludwig an dass dieser noch was sagen wolte, aber bei Roderichs unterkühltem Blick, verstummte er. Im Gegensatz zu seinem blöden Bruder, schien er den Begriff 'Taktgefühl' noch zu kennen.
"Hör mal Roderich,", Vash mischte sich genervt in das Gesrpäch ein, "ich mag ihn genausowenig wie du, aber wir müssen uns zusammenreißen."
"Vash hat recht.", sagte Lilly und legte ihre Hand sanft auf Roderichs Arm.
Genervt zog er seinen Arm weg und stand auf.
"Roderich..."
"Lasst mich in Ruhe."
Der ruhige Österreicher erschrak sich selber, dass seine Stimme so kühl klang. Doch er konnte er es nicht verhindern. Immer wenn er an den Preußer dachte, kam in ihm ein Gefühl der Übelkeit hoch, das schlimmer war als alles Andere.
Schlimmer als das Gefühl der Übelkeit, das er bekommen hatte, als er den Leichenberg nach ihrem Kampf sah. Schlimmer als das Gefühl der Übelkeit, nachdem ihm klargeworden war, dass sein Schützling im Alleingang den zweiten Weltkrieg gestartet hatte. Schlimmer als das Gefühl der Übelkeit, nachdem er die Opferzahlen des zweiten Weltkriegs gesehen hatte. Und deutlich schlimmer, nach dem er Frankreich, China und Russland in ihre Gesichter sehen und ihre Fragen nach dem 'Warum' beantworten musste.
Warum hat er meinen geliebten Bruder verdorben?
Warum hat er nichts aus der Schlacht von Verdun gelernt?
Warum hat er mich hintergangen und meine Bevölkerung massakriert?

Natürlich war er damals nur indirekt betroffen. Tatsache war aber, dass er ihn erzogen hatte. Es war nicht Preußen gewesen. Es war er gewesen, der so ein Monster aus ihm gemacht hatte.
Er kannte das Gefühl der Übelkeit nur zu gut.
Es war das gleiche Gefühl, das ihn immer beschlich, wenn er an diese Schlacht dachte.

Müde lehnte er an sein Schwert und versuchte sich aufzurichten. Sein gesamter Körper strebte sich dagegen, doch er zwang sich dazu. Länder starben nicht so schnell. Und er wollte diese Schlacht nicht verlieren. Weil er nicht wollte dass der kleine zu diesem Monster kam. Zu diesem Monster, dessen Augen nicht von Natur aus so rot waren. Dessen Haare nicht von Natur aus weiß waren. Das nicht von Natur aus so war.
Er wollte nicht dass der kleine Ludwig genauso wurde. Er musste das einfach verhindern.
"Komm schon Roderich, gib endlich auf! Du hast keine Chance!"
Wütend stemmte sich der Österreicher auf und wischte sich mit seinem ehemals weißen Hemd, das Blut vom Mundwinkel. Seine Glieder streikten, Seine Muskeln gaben nach und zitterten. Doch nicht nur er war mitgenommen. Aus einer großen Platzwunde am Kopf, floss in Strömen Blut über Gilberts Gesicht. Eine große Wunde an dessen Wange, zeigte dass auch an ihm der Kampf nicht spurlos vorbeigegangen war. Auch wenn er sein Zittern gut unterdrücken konnte, sah man doch nur zu deutlich, dass nicht nur Österreich erschöpft war, sondern auch sein Bruder und ehemaliger Schützling.
Natürlich.
Die Sonne war schon längst untergegangen. Das einzige Licht wurde vom Vollmond gespendet der Alles, fast schon auf zynische Art und Weise, in wunderschönes, silbernes Licht tauchte.
"Ich werde nicht zulassen dass ein Monster wie du Ludwig erzieht!"
"Monster? Ich? Was bist dann du?!"
Innerlich stockte der Österreicher. Doch Äußerlich ließ er sich nichts anmerken. Selbst wenn Gilbert etwas ahnte, musste er es durchziehen.
Zu Ludwigs Wohl.

Er wusste nicht mehr wie er hierher kam. Zumindest erinnerte er sich nur bruchstückhaft daran, weil alles extrem schnell gegangen war. Zuerst war Elizaveta da und hat mit ihm Tee getrunken. Dann sind plötzlich Vash und Berwald reingekommen, haben ihn gepackt  und hergeschleift. Er hatte immer noch keine Ahnung was in dem Tee war; den Elizaveta ihnen gemacht hatte, aber er war sich sicher, dass er später mit ihr darüber reden musste.
Da er zwar auf Ludwigs Befehl hier her geschleift wurde, aber so absolut keine Lust hatte dem Gastgeber zu begegnen, hatte er sich auf den Balkon verzogen und lehnte nun mit einem Weinglas, gegen das Geländer und betrachtete den Himmel. Seine Brille hatte er nicht dabei. Elizaveta muss sie ihm abgenommen haben, als er sich nicht hatte bewegen können.
"Nanu? Du auch hier?"
Die plötzliche, starke und klammerartige Umarmung, ließ sofort auf den Neuankömmling schließen. Es gab nur einen, der es wagte ungeniert jeden zu betatschen, der nicht bei drei auf den Bäumen war. Anscheinend musste er den Startschuss zum Laufen verpasst haben.
"Warum bist du nicht drinnen und feierst mit allen, mon Ami?"
"Keine Lust."
Weder auf den Franzosen, noch auf die Konversation.
"Wenn du wegen Gilbert so schlecht drauf bist, er ist eh gerade dabei sich Russia von der Pelle zu halten."
"Bin ich nicht und jetzt verschwinde!"
Geschockt schaute der Franzose ihn an. So einen Ausbruch, hatte er nicht von dem ruhig Mann mit den dunklen Haaren erwartet, der seine Gefühle sonst immer zu verbergen wusste und sie dann in seiner Musik zum Freien gab. Darum schüttelte er nur leise seufzend den Kopf und ging von der Terrasse. Anscheinend würde er Russland noch mal zurückpfeifen und ihren Plan umkrempeln müssen. Wenn der Österreicher so aufgebracht war, war er nicht der Einzige, dem das Ganze an die Nieren ging. Irgendwie mussten sie die Streithähne wieder versöhnen. Denn Gilbert ging mit seiner ewig schlechten Laune einen Monat vor diesem Tag nicht nur ihm und Antonio, sondern auch Ivan furchtbar auf die Nerven.
Derweil schaute der Österreicher wieder in den Nachthimmel und bemerkte fast nebenbei, wie hell die Sterne leuchteten.
Fast wie an jenem Abend...

Der Himmel über ihm war schwarz. Wie weiße Sprenkel sahen die Sterne darauf aus. Nein. Nicht wie weiße Sprenkel. Eher wie kleine Silbermünzen. Plötzlich erschien vor seinem Gesicht ein weiteres. Vollkommen erledigt gegen einen Baum gelehnt, sah er zu Gilbert der schwerverwundet vor ihm stand. Aus einer großen, frischen Wunde an seinem Arm, tropfte unaufhörlich Blut. Kurz regte sich so etwas wie Sorge, in Roderichs Innerem. Doch er verdrängte es schnell und stützte sich am Baum nach oben um Gilbert zumindest etwas ebenbürtig zu sein.
"Gib endlich auf Roddie. Du hast verloren."
"Noch lange nicht..."

"Was machst du denn hier?"
Erschrocken zuckte Roderich zusammen und drehte sich um. Geschockt sah er zu dem Mann dessen Stimme so ungewöhnlich leise, fast schon unsicher, geklungen hatte. Rote Augen musterten ihn misstrauisch und weiße Haare glänzten silbern im sanften Licht des Vollmondes.

So wie damals...

"Ich habe Ludwig gesagt dass ich dich hier nicht sehen will."
"Meinst du ich wäre freiwillig hergekommen?"
Seine Stimme klang viel zu unterkühlt.
Das wusste er.
Er tat diesem Mann unrecht.
Das wusste er.
Und doch konnte er nichts dagegen tun.
Langsam drehte er sich wieder um und sah wieder auf die Lichtung vor dem Haus hinaus. Das Weinglas immer noch in der Hand. Ein Wunder dass er nichts verschüttet hatte. Oder es einfach nicht gleich fallengelassen hatte. Vielleicht hätte man ihn dann für betrunken erklärt und nach Hause geschickt. Aber Ludwig wusste dass er nicht der Mensch dafür war, Er betrank sich nicht bis zur Besinnungslosigkeit. Das hatte er noch nie getan. Gilbert machte das öfter. Er nicht. Da unterschieden sie sich. Ebenso wie in vielen anderen Dingen.

Normalerweise kostete Gilbert es keine Anstrengungen das Schwert mehrere Stunden mit einer Hand zu schwingen. Nun musste er schon seine gesamte Kraft zusammenkratzen um es mit zwei Händen zu halten und hochzuheben. Daran sahen sie Beide nur zu deutlich, dass nicht nur Roderich erschöpft war, der sein Schwert schon vor einer halben Stunde irgendwo auf dem Kampffeld verloren hatte. Doch noch hatte er einen Trumpf in der Hinterhand. In dem Wissen dass er eh nichts mehr zu verlieren hatte, zog er keine Miene und sah Gilbert gelassen entgegen, als dieser die Klinge auf seine Schulter legte und ihn damit als Besiegten kennzeichnete.
"Gib endlich auf."
"Nein."

Mit lautlosen Schritten näherte der Preuße sich dem Österreicher und stellte sich neben ihn. Auch wenn er ihn nicht hörte, Gilberts Präsenz war in diesem Moment so stark, dass er plötzlich meinte zu ersticken.
"Also, was machst du hier? Dass du nur da bist um an meiner Awesomnes teil zu haben, kann ich nicht glauben."
Roderich verzog das Gesicht.
"Also nicht. Was machst du dann hier?"
"Ich wurde von Vash und Berwald hergeschleppt, nach dem Elizaveta mir was in den Tee gemischt hat."
"Das war klar."
Gilberts trauriges Lachen durchbrach die Stille und die Mauer, die Roderich meinte zwischen ihnen aufgestellt zu haben.
"Dass Ludwig auch meinte dich herschleppen zu müssen."
"Was feiert ihr überhaupt?"
"Meinen Geburtstag."
Roderichs Gesicht verdunkelte sich, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konte.

"Verdammt Roderich, sei nicht so stur!"
"Ich bin nicht stur."
Mit der letzten Kraft die er noch übrig hatte, ließ er in seiner Hand einen Dolch erscheinen und stieß ihn Gilbert in die Brust.

"Wie alt wirst du?"
"Keine Ahnung."
Es wurde wieder still. Gilbert hatte sich neben ihn gestellt und sich mit einem Bier auch ans Geländer gelehnt. Wenn Roderich seinen Wein vorher nicht mal mit dem Arsch angesehen hatte, hielt er sich nun am Glas fest, als wäre das sein letzter Rettungsanker.
"Bist du so unaufmerksam geworden?"
"Nur viel zu alt um die Jahre noch ernsthaft zu zählen."
Abwertendes Schnauben seitens Österreichs, gefolgt von einem amüsierten Grinsen Preußens. Amüsiert nahm Gilbert einen Schluck aus seinem Bierkrug und schielte zum Anderen, der teilnahmslos an seinem Wein nippte.
"Sag mir bloß nicht dass du noch allen ernstes zählst, wie alt du bist."
"..."
"Im Ernst? Wie alt bist du?"
"Keine Ahnung."
"Siehst du. Awesome me hat eben immer recht!"

Geschockt stolperte Gilbert zurück und sah ihn an. Zuerst blitzte Angst in den roten Irden auf. Dann Unsicherheit. Am Ende unendlich große Trauer, bevor der Blick auch schon wieder kühl wurde. Das alles geschah nur in Bruchteilen weniger Sekunden. Aber es reichte Roderich, damit sein Gewissen Amok lief. Auch wenn er versuchte keine Miene zu ziehen, war er sich nicht sicher ob es ihm gelungen war. Denn plötzlich grinste Gilbert, während er noch versuchte für Sekundenbruchteile, sein Gleichgewicht zu halten.
"Wer... ist hier jetzt... das Monster....?"
Das Blut im Mund ließ Gilbert immer wieder inne halten um es runterzuschlucken. Doch trotz seiner Bemühungen, lief es ihm aus dem Mund, tropfte auf die eh schon verdreckte und zerrissene Kleidung und hinterließ hässliche, rote Spuren, neben seinen braunen, bereits getrockneten Kameraden.
"Du."
Preußens Kraft reichte nicht aus um sich aufrecht zu halten. Es folgte auch keine Antwort mehr. Gilbert Sanitäter kamen sofort angerannt und die Chefs trafen sich in der Mitte. Nach einer kurzen Diskussion ging Roderichs Chef zu ihm und klopfte anerkennend auf seine Schulter.
"Gut gemacht. Du hast das Richtige getan."
Doch da war sich Roderich nicht sicher. Denn für den einen Augenblick den er noch in Gilberts Augen gesehen hatte, hatte er die stumme, zynische Frage in ihnen gelesen.
'Sicher?'
Nein.
War er nicht.

Er wusste nicht wie lange sie noch einfach nur nebeneinander gestanden sind und in den klaren Nachthimmel gesehen haben. Wie lange sie sich noch über Belanglosigkeiten unterhalten und an ihren Getränken genippt haben. Doch auch als Gilbert längst gegangen war, stand er einfach noch da und sah nach oben.
Denn als Gilbert gegangen war, hatte er eine ihm nur zu gut bekannte Geste gemacht.
Eine Geste, die er schon seit Jahren kannte.
Eine Geste, wegen der er jedes Mal, hätte schreien können.
Doch nicht diesmal.
Dieser leichte Klaps auf die Schulter. Das leichte Zudrücken um Sicherheit zu vermitteln.

Er kannte diese Geste nur zu gut.
Kannte die Worte dahinter nur zu gut.
Doch diesmal, war es anders.

Du hast das Richtige getan.
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