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Das Erbe der Assassinen

von Erina
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Gen
16.01.2012
07.11.2014
69
482.603
8
Alle Kapitel
163 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
16.01.2012 4.718
 
Hallo! Ich melde mich mit einer neuen Geschichte zurück.

Wie bereits angekündigt, handelt es sich hierbei um die Fortsetzung von Wüstenrose. Die Handlung setzt einige Jahre nach den bereits bekannten Ereignissen ein, nimmt aber Bezug auf ältere Handlungsstränge. Das Lesen von Wüstenrose ist daher empfehlenswert, aber nicht zwingend notwendig. Es werden wieder alt bekannte und liebgewonnene Figuren auftauchen, aber hauptsächlich stehen neue Protagonisten (in die ich genauso viel Liebe hineinstecken werde) im Vordergrund der Handlung.

Es handelt sich wieder um eine Romanze,  wobei auch hier Action und Abenteuer nicht zu kurz kommen werden. Ich weise daraufhin, dass die Handlung im Mittelalter spielt. Es kann also stellenweise durchaus zu blutigen Momenten kommen. Ihr seid also gewarnt!

Ich hoffe, dass es euch gefallen wird und wünsche euch viel Spaß mit den ersten beiden Kapiteln, die als Einführung in die Handlung dienen.

Ich merke nur noch kurz an, dass die aus den Spielen bekannten Figuren nicht mir gehören und ich hiermit auch kein Geld verdiene. Eure Reviews sind mein einziger Lohn ;-)



Liebe Grüße!





Prolog



Akkon im Herbst des Jahres 1168



Heulend drang der eisige Wind des Spätherbstes die Stufen des dunklen Steingewölbes hinab und ließ die Flammen der entzündeten Pechfackeln kurz aufflackern. Vorsichtig stieg James die schlüpfrigen Stufen, die an manchen Stellen bereits abgeplatzt waren, hinab. In seinem Leben hatte er die Stufen, die zum einstigen Prunksaal von Salomons Tempel hinab führten, bereits so oft betreten, dass er genau wusste, wohin er treten musste, ohne zu stürzen. Denn an diesem Abend kreisten seine Gedanken nicht um die bevorstehende Versammlung ihres geheimen Zirkels, sondern weilten bei einer Frau. Edith. Wieso war ihr Streit am Vorabend nur so eskaliert? Sie hatte ihm gestanden, ein Kind von ihm zu erwarten und er hätte sich mehr freuen sollen. Stattdessen hatte die anfängliche Freude nur kurz gewährt, denn all seine Instinkte begehrten gegen die Euphorie auf und erinnerten ihn daran, wer und was er war. Natürlich konnte er sich ehelich binden, aber nicht an eine einfache Frau, die Tochter eines Tuchhändlers in Akkon. Außerdem setzte er Edith durch ihr Zusammensein einer weit größeren Gefahr aus als nur ihr Herz zu brechen. Er konnte seinen zehn Brüdern nicht mehr wirklich vertrauen. Seitdem die ersten von ihnen die Schriftrollen bei einer ihrer Plünderungen in Jerusalem vor fast siebzig Jahren gefunden hatten, drehte sich alles um des Rätsels Lösung. Und nun war es soweit. Dumm und naiv wie er gewesen war, hatte er das Erbe seines Vaters und Großvaters ohne Bedenken angenommen und hatte sich der Bruderschaft des Baphomet angeschlossen. Wie schon sein Vater und Großvater vor ihm hatte alles daran gesetzt die Symbole und Chiffren zu übersetzen, die zum Teil in Altgriechisch geschrieben worden waren, aber auch hebräische Zeilen und andere Dialekte beinhaltete. Es hatte ihn Jahre gekostet, bis er den Schlüssel im Text gefunden hatte. Irgendjemand, vielleicht sogar Salomon selbst, hatte nicht gewollt, dass ein Mensch diese Zeilen je würde verstehen können. Wahrscheinlich auch zu Recht. Die Schriftrolle, die er nun unterm Arm trug schien immer schwerer zu werden. Oder war es nur die Last seines Gewissens? Was er erfahren hatte, grenzte an das Unmögliche. Es war ketzerisch und gefährlich. Manche Dinge mussten in Vergessenheit geraten und am besten auch auf ewig vergessen bleiben.

Doch er selbst war es gewesen, der sich vor drei Jahren daran gesetzt hatte, um das Werk fortzuführen. Er war nun sechsundzwanzig, ein hochrangiges Mitglied des Templerordens und einer von insgesamt elf Anführern ihrer Bruderschaft, von der außer einer überschaubaren Anzahl von Mitgliedern niemand im Orden wusste. Und, wer sich ihrer Bruderschaft verschworen hatte, war ein Nachfahre von den Gründern und allein aus diesem Grund zum Stillschweigen verpflichtet. Er selbst allerdings hatte diesen Schwur gebrochen. Nachdem er vor drei Monaten verwundet worden war und Edith ihn gepflegt hatte, ohne zu wissen, wer er war, hatte er sich ihr anvertraut. Wie erwartet war seine schöne Edith, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, zur Furie geworden. Sie hatte mit ihren Befürchtungen auch recht. Wen sie erst die Artefakte, die in der Schriftrolle beschrieben wurden, in ihren Händen hielten, wäre Frieden nur noch eine blasse Erinnerung. Sie würden sich jedes Volk unterwerfen und selbst zu Herrschern werden. Das Chaos, das der Baphomet so passend symbolisierte, würde niemand mehr aufhalten können. James hatte erkannt, dass er, der eigentlich ein gläubiger Christ war, den schmalen Grat zum Ketzer bereits lange überschritten hatte. Er wusste nicht, wem diese Artefakte dienten oder wer sie erschaffen hatte. Allein sein Wissen darüber, dass die Hölle über die Welt hereinbrechen würde, sobald die Artefakte gefunden waren, ließ ihn nun diesen Schritt tun. Er musste Antoin, der einst sein bester Freund gewesen war, von der Gefahr überzeugen und ihn auf seine Seite ziehen. Leider hatten sie sich in letzter Zeit mehr und mehr entfremdet. Dennoch hoffte James auf Antoins Unterstützung. Die übrigen neun Anführer würden sich ihnen dann anschließen und die restlichen Mitglieder waren ohnehin nicht mehr als Lakaien.

„Da bist du ja endlich. Warst wohl wieder bei der süßen Edith?“ Mit einem schwachen Grinsen wandte er sich um. Antoin de Sable war eine imponierende Gestalt. Groß, blond und muskulös. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war er der jüngste von ihnen, wirkte aber wesentlich älter und erfahrener. In den letzten Jahren hatten sie so oft Seite an Seite gekämpft, Wein und Brot geteilt, so dass er Antoin als seinen besten Freund bezeichnen würde. Weil er ihm sein Leben anvertrauen würde, hatte er Antoin auch von Edith erzählt. Aber anstelle einer Antwort zuckte er nur kurz mit den Schultern. Da Antoins Blick eindringlicher wurde und nach einer richtigen Antwort verlangte, seufzte er schließlich. „Sie will mich nicht sehen.“ Schallend hallte Antoins Gelächter vom hohen Deckengewölbe hinab. „Sie will dich nicht sehen? Dann zeig es hier halt! Sie ist nur eine Frau und sollte dankbar sein, dass sich ein Templer überhaupt zeitweise für sie erwärmen kann. Außerdem… Edith mag zwar hübsch sein, aber du bekommst doch sicher in jeder Schänke Akkons was Besseres serviert. Und diese Weiber überschlagen sich geradezu, um deinen Wünschen nachzukommen.“ Schlagartig wurde James ernster. Zu gut wusste er, wie Antoin allgemein mit Frauen umging. Ihm taten die bedauernswerten Frauen leid, die Antoin sich aussuchte, um sie zu vergewaltigen, denn nichts anderes tat sein Freund mit ihnen. Das war einer der Punkte, die er Antoin hassenswert fand. Die bloße Vorstellung, er könne Edith auch nur versehentlich verletzen, brachte ihn um. Sein Gewissen litt schon genug darunter, dass er sich heimlich mit ihr traf und  ihr ohne Eheversprechen die Jungfräulichkeit genommen hatte und dass auch noch in einem Stall in Akkon. Ihr Vater würde Edith totschlagen, wenn er wüsste, was sie so trieb. Und nun steckte sie seinetwegen noch tiefer im Unglück, da sie ein Kind erwartete. Aber er konnte sie nun einmal nicht zu seiner Frau machen. Es ging nicht, selbst wenn er es wollte. Warum also wunderte es ihn da, dass sie nicht auf ihn reagiert hatte, während er heimlich in einer dunklen Gasse stand und kleine Kiesel gegen die Fensterläden ihres Zimmers geworfen hatte? Keine Frau wollte so behandelt werden. „Da seid Ihr ja. Wir wollen beginnen.“ Robert gesellte sich zu ihnen und wirkte wie immer ernst und stoisch. Er war wesentlich beherrschter als sein jüngerer Bruder und aus diesem Grund auch der Wortführer ihrer Bruderschaft. „Habt Ihr die Schriftrollen?“ James verlagerte die Schriftrolle in seiner Armbeuge und nickte. Fast lüstern funkelten Roberts graue Augen unter den tiefsitzenden Augenbrauen. „Sehr gut.“

Wie jedes Mal wurde gebetet, ehe die elf Anführer an einem langen Tisch Platz nahmen. „Ihr wisst, warum wir uns heute versammeln.“ So begann Robert fast jedes Treffen, doch dieses Mal wussten sie es alle. Zehn Augenpaare richteten sich auf die Schriftrolle, die James vor sich ausgebreitet hatte. „Was denkt Ihr, James? Gibt es die Artefakte? Und wie lange werden wir brauchen, bis sie uns gehören?“ Der Moment der Wahrheit war nun gekommen. Langsam schob James seinen Stuhl zurück und stand auf. Der Reihe nach sah er die Männer an und wartete darauf, dass es ganz still wurde. „Ich denke, wir sollten die Schriftrolle wieder verstecken oder sie gar zerstören. Außerdem sollten wir vergessen, dass sie jemals gefunden wurde und niemals wieder ein Wort darüber sprechen.“ Die eingetretene Stille erstarb in einem aufbrandenden Protesthagel, der unaufhörlich auf ihn einprasselte. Robert hob die rechte Hand und gebot zu schweigen, dann fragte er in bemüht beherrschten Ton: „Wieso dass?“ „Weil es unverantwortlich wäre. Niemand darf eine solche Macht haben. Es wäre die Hölle, wenn wir diese Macht einsetzen würden.“ Robert lehnte sich zurück und sah ihn eine Weile lang einfach nur an. Jeder andere wäre unter diesem Blick zusammengesunken, aber James hielt ihm stand. Antoin, der die Gelassenheit seines älteren Bruders nicht verstand, brauste auf. „Wir sind die einzigen, die diese Macht verdienen. Überleg nur, James, wir könnten die Welt neu formen… Wir wären wie Götter.“ „Ketzer, meinst du wohl. Dämonen, die alles um sich herum vernichten.“ Antoin schüttelte schnaufend den Kopf. „Diese Hure Edith hat dich wohl verhext.“ James Hand schoss vor und packte seinen Freund am Kragen. „Sprich nicht so von ihr! Sie ist mehr wert als jeder andere Mensch!“ „Genug!“, durchschnitt Roberts kalte Stimme die angespannte Stille. Angewidert von dem boshaften Grinsen auf dem Gesicht seines Freundes ließ James Antoin los. Er kannte diesen Blick. Antoin sah immer so aus, wenn er einen besonders brutalen Schachzug plante. Die Gefahr, die von ihm ausging, kroch kalt sein Rückgrat hinauf. „James, ich weiß nicht, warum Ihr auf einmal von einem Rückzug sprecht, aber wir können Euch verzeihen, wenn Ihr uns die Schriftrolle und die dazugehörige Übersetzung aushändigt.“ Auffordernd streckte ihm Robert die Hand entgegen. „Ich habe keine Übersetzung angefertigt. Ich dachte mir, es wäre zu gefährlich, wenn ich die Arbeit meines Vaters fortsetze. Die Aufzeichnungen könnten schlimmstenfalls dem Großmeister in die Hände fallen oder unseren Feinden.“ Das war natürlich gelogen. Er hatte diverse Notizen und Übersetzungen zusammengefügt, sie aber nicht mitgebracht. Stattdessen hatte er sie versteckt.

„Er lügt. Es gibt Unterlagen, die er uns vorenthalten will. Sicher möchte er die Artefakte auf eigene Faust finden und uns hintergehen.“ Wie ein glühendes Messer tötete Antoins Verrat einen Teil von ihm. Er hatte Antoin immer vertraut und er kannte ihn besser als jeder andere hier. „Ich habe auch so einen Verdacht, wo er die Notizen versteckt haben könnte. Edith hütet sicher deine Geheimnisse, wenn sie schon die Beine für dich breit macht.“ Knurrend stürzte er sich auf Antoin und riss ihn vom Stuhl. „Ich habe dir vertraut, du Bastard! Du weißt, dass ich Edith da nicht mit reinziehen würde.“ Antoin nahm den Faustschlag gelassen hin und lachte nur auf eine Art und Weise, die einem Irren nahe kam. „Woher soll ich das denn wissen? Ich glaube, wir sollten der holden Schönen einen Besuch abstatten. Ich übernehme freiwillig die Aufgabe, sie zu durchsuchen. Wer weiß, ob sie die Unterlagen nicht unter ihrem Rock versteckt.“ Außer sich vor Wut rammte James den Kopf Antoins auf den harten Steinboden. Die umstehenden Männer nahm er nicht wahr. Einzig sein Freund, der Verräter, zählte. „Ich dachte, du wärst mein Freund.“ Nun blitzte etwas in Antoins Augen auf. James würde aber nicht so weit gehen, es vielleicht Bedauern zu nennen. Wenn er eines über Antoin gelernt hatte, dann, dass dieser Mann keine Tat je bedauert hatte. „Wir waren auch einmal Freunde. Aber ein wahrer Freund verrät nicht die seinen, James. Wie heißt es noch? Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Damit stieß Antoin ihn von sich. James ließ es geschehen. Wie sollte er sie aufhalten? Nie im Leben würde sie erfahren, wo er die Schriftstücke versteckt hatte, aber, was würde aus Edith werden? Sie würden ihr unvorstellbares Leid antun und sie als Waffe gegen ihn benutzen. Er liebte sie viel zu sehr, um sie ihrem Schicksal zu überlassen. Andererseits durfte er auch nicht zulassen, dass seine Brüder hinter das Geheimnis kamen und die Artefakte nach und nach fanden.

„Ich schlage vor, wir lassen James hier und suchen Edith auf. Sicher kann sie uns weiterhelfen und wenn nicht….“ Jeder wusste, was Antoins bedeutungsvolles Schweigen ankündigte. James zwang sich dazu, ruhig zu bleiben. Wenn man ihn hier mit vielleicht zwei Mann zurückließe, hatte er bessere Chancen als gegen alle anzutreten. Ruhig verharrte er, ließ sich die Waffen abnehmen und ertrug das Geschubse seiner ehemaligen Freunde. Hätte er doch von Anfang an auf Edith gehört. Gott sei Dank bestand die Möglichkeit, dass sie noch immer nicht zuhause war. In diesem Fall konnte er sie abfangen und in Sicherheit bringen. Das Glück war auf seiner Seite. Nur zwei blieben zurück, um ihn zu bewachen. Mit denen konnte er es immer noch aufnehmen. Man hatte ihn ja nicht einmal gefesselt. Bevor er ging, kam Antoin noch einmal auf ihn zu. „Tu das nicht, James. Du bist einer von uns! Wirf nicht alles weg für dieses Weib!“ James schüttelte den Kopf und beobachtete, wie jegliches Gefühl aus den Augen Antoins wich. „Dann bist du mein Feind.“

James sah Antoin nach, ohne eine Reaktion zu zeigen und wartete. Er lauschte angestrengt. Die Schritte auf den Stufen verklangen und er war allein mit den beiden Männern, die ihn nicht weiter beachteten. Er würde sie vermutlich nur überwältigen können, aber nicht töten. Ihm lief die Zeit davon. Es war nicht weit bis zu Ediths Haus und deshalb musste es schnell gehen. Aufmerksam blickte er sich in der Ruine des einstmaligen Prunksaals um. Wie konnte er vorgehen? Langsam setzte er sich in Bewegung. Seine Waffen lagen auf den Tisch, aber außerhalb seiner Reichweite. Ein langer Schwertkampf würde ihn auch nur Zeit kosten. „Was soll dass, James, bleib stehen?“, grollte einer der Männer. Sie kannten sich seit Jahren und ihnen schien es nicht leicht zu fallen, in ihm einen Verräter zu sehen. Vielleicht war das seine Chance. „Kommt schon, gebt mir etwas Wein. Ich bin nach wie vor Templer und ihr kennt mich doch. Würde ich euch ernsthaft betrügen? Habe ich dir nicht letzten Sommer sogar das Leben gerettet, Ewan?“ Der Angesprochene schnappte nach Luft und warf seinem Kameraden einen kurzen Blick zu. Beide nickten sich zu und schließlich war es Ewan , der sich umdrehte und die Weinkaraffe hob, um ihm einen Becher einzuschenken. Jetzt oder nie. Alles in ihm wehrte sich dagegen, seine Freunde und Brüder anzugreifen, denn bis eben waren sie es ja noch gewesen. Er würde es nicht über sich bringen, diese beiden zu töten.

Also nutzte er die Unachtsamkeit aus, denn auch Luc wandte sich kurz um. Blitzschnell sprang er vor und schlug dem aufblickenden Luc die geballte Faust ins Gesicht. Ein dumpfer Schmerz fuhr durch seinen Unterarm und ein lautes Knacken begleitete den Angriff. Jaulend hielt sich Luc die Hände vor die gebrochene Nase, während Ewan sich nur langsam aus seiner Erstarrung löste und den Weinbecher fallen ließ. Die rote Flüssigkeit bildete im Scherbenhaufen eine Pfütze, in die sich nun Lucs  Blut mischte. Ewans Hand wanderte zum Griff seines Schwertes, aber James war schneller. Er trat dem Unglücklichen heftig in den Unterleib. Dann schlug er erneut zu und rammte Ewans Kopf gegen die niedrige Tischplatte. Blind vor Tränen tastete Luc nach seiner Waffe, hielt sich aber immer noch stöhnend die blutende Nase. Ohne sich weiter zu kümmern, stürzte James davon, riss seine Waffen an sich und floh die Treppe hinauf. Hinter sich hörte er das Fluchen der beiden Templer. Nur mit Mühe konnte er den letzten Rest Mitgefühl hinunterschlucken. Nun drang langsam die Einsicht zu ihm durch, denn sowohl Luc als auch Ewan hätten ihn getötet, wenn man ihnen den Befehl dazu erteilt hätte. Im Vergleich dazu war er noch gnädig gewesen.

Die Dunkelheit verschluckte ihn zum Glück sobald er die Nebengasse erreicht hatte. Die anderen würden direkt zu Edith gehen, deshalb wählte er einen anderen Weg. Unaufhörlich betete er zu Gott und allen Heiligen. Hoffentlich war Edith noch nicht zuhause. Wenn er sie nur vorher abfangen könnte… Immer schneller lief er, ignorierte dabei tapfer das Brennen in seiner Lunge und wich den umher taumelnden Menschen im Hafenviertel aus. Dann endlich... Da war sie. Edith stand noch vor einem Marktstand, den Korb am Arm baumend und mit einer anderen Frau plaudernd. Es ging ihr noch gut, obwohl sie traurig wirkte. Kaum hatte sie sich verabschiedet und näherte sich seinem Versteck, sprang er hervor, legte ihr eine Hand auf den Mund und zog sie ins Dunkel der Gasse. Wie so oft in Akkon unternahm niemand etwas, obwohl sicher irgendwer mit angesehen hatte, dass er die junge Frau einfach auf offener Straße entführte.

„Ich bin es, Edith.“ Ihre Gegenwehr nahm ab. Er wartete noch kurz und ließ sie los. Aufgebracht wirbelte sie zu ihm herum und schlug mit dem Korb nach ihm. Geistesgegenwärtig wich er ihrem Angriff aus. „Du dreckiger Mistkerl! Ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen!“, fauchte sie und hob erneut den Korb zum Angriff. Dieses Mal war er schneller und legte seine Hand um ihr schmales Handgelenk. Die Berührung beruhigte Edith sofort. „Es tut mir leid“, sagte er. Edith schnaufte. „Ich habe dich in Gefahr gebracht.“ Ihre blauen Augen, die etwas heller als seine eigenen waren, verdunkelten sich vor Furcht. „Was?“, hauchte sie. James holte tief Luft. Wie sollte er ihr erklären, dass sie nicht mehr zurück konnte? Wie sollte er ihr sagen, dass vielleicht in diesem Moment ihr Vater von Templern erschlagen wurde? Vielleicht sogar ihr Bruder? Stockend erzählte er ihr von den Ereignissen des Abends. Sie war immer dafür gewesen, den Plan abzubrechen. Doch wie hätte Edith ahnen können, dass sich beim Versuch das Richtige zu tun, alles gegen ihn wenden würde? „Du bist in Gefahr“, sagte sie schließlich. „Großer Gott! Mein Vater und mein Bruder!“ Hastig riss sie sich los und begann zu laufen. Den Korb ließ sie achtlos fallen, raffte stattdessen ihren Rock, um schneller laufen zu können. Mühelos fing er sie ab, drängte sie zurück. „Lass mich los, James. Ich muss nach Hause.“ „Sie warten dort auf dich!“ „Das ist mir egal!“, kreischte sie nun und wehrte sich nach Kräften, damit er sie freiließe. „Sie werden dich vergewaltigen, aber nicht töten, Edith. Anschließend werden sie dich benutzen, um mich zu kriegen. Sie wollen die Schriften, die ich dir gezeigt habe.“ „Ich weiß nichts davon. Ich kann ihnen nichts sagen.“ „Du kannst sie nicht aufhalten.“ „Schöne Freunde hast du da!“ Der Schlag hatte gesessen. Ruckartig ließ er sie los. Beschämend wurde ihm bewusst, dass sie sich die Arme an der Stelle rieb, wo er sie festgehalten hatte. „Sie sind wohl nicht mehr meine Freunde und ich gehöre wohl weder zum Templerorden noch zu sonst wem. Ich habe niemanden mehr, wenn du ihnen in die Hände fällst. Sollte dies geschehen, ist mir alles andere egal. Willst du das? Willst du es wirklich?“ Sie schüttelte den Kopf, sah ihn aber immer noch anklagend an. „Ich weiß, du wünschst dir gerade, dass du mich einfach blutend in der Gasse liegen gelassen hättest. Ihr habe dir nur Kummer bereitet und dafür hasse ich mich. Trotzdem kann ich nicht anders als wieder egoistisch zu handeln, indem ich dich nicht in die Hände jener Männer treibe. Verstehst du?“

Sie stand kurz davor nachzugeben. Schon öfters hatten sie gestritten und jedes Mal hatte sie ihn so angesehen, bevor es zur Versöhnung gekommen war. „Ich muss dich und unser Kind in Sicherheit wissen, Edith.“ „Auf einmal“, flüsterte sie. Edith kämpfte um das letzte bisschen Beherrschung, dass ihr noch blieb. Als Antwort nickte er. „Verdammt, ich liebe dich doch.“ Schluchzend stand sie vor ihm und ließ sich umarmen. Erstickt flüsterte sie, dass sie ihn ebenfalls liebe. Erleichtert atmete er aus. Ihm wurde erst jetzt bewusst, wie sehnsüchtig er auf diese Worte gewartet hatte. Ganz gleich, was auch geschehen würde, er musste sie und ihr Kind beschützen. Sie mussten sich verstecken und durften kein Aufsehen erregen.



Sieben Jahre später



Auch noch nach sieben Jahren sah er sich jedes Mal wachsam um, wenn er nach Hause kam, denn seit kurzem glaubte er, verfolgt zu werden. Immer wieder glaubte er, Antoin, Robert oder irgendein anderer Templer könnte ihm auflauern und seine kleine Familie vernichten. Sie würden es zweifelsfrei tun, wenn sie wüssten, wo er sich mit Edith und Aurelia versteckt hielt… genau vor ihren Augen. Edith und er waren in Akkon geblieben, denn kurz nach den Ereignissen, die seine Entdeckung mit sich gebracht hatte, hatten die Templer ihr Hauptquartier von Akkon nach Jerusalem verlegt. Aus diesem Grund fühlte James sich einigermaßen sicher. Als kleiner Handwerker arbeitete er nun und zog immer gleich den Kopf ein, wenn er irgendwo ein rotes Kreuz auf weißem Grund sah. Sicher war sicher. Um keinen Preis durfte er irgendwo auffallen. Bislang hatte es auch funktioniert. Seine Familie war in Sicherheit. Damals hatten sie Edith Vater von den Templern erschlagen vorgefunden. Ihr Bruder Bram war zum Glück erst später heimgekommen. Edith hatte ihm verziehen und ihm das kostbarste Geschenk überhaupt gemacht, eine Tochter. Aurelia. Kaum zu glauben, dass er das Kind ganz zu Anfang nicht gewollt hatte, denn nun war sie alles für ihn. Er liebte sie und ihre Mutter abgöttisch.

Kaum hatte er seine Werkzeuge zur Seite gelegt, sich Hände und Gesicht am nahen Brunnen gewaschen, da hörte er auch schon ein glückliches Kinderlachen. Im nächsten Moment kam Aurelia mit wehenden dunklen Haaren um die Ecke ihres Hauses gerannt, ihre Mutter im Schlepptau. Wie immer fiel ihm seine Tochter um den Hals und drückte ihn so fest, als wäre er Jahre fortgewesen. Lachend hielt er sie fest. Ihre Augen waren so blau wie seine eigenen und aus ihnen blitzte ihm ihr wacher Verstand entgegen. Aus ihr würde einmal eine schöne, starke Frau werden, denn Furcht kannte sein Mädchen nicht. Leise räusperte sich Edith und er beugte sich hinab um sie zu küssen. Wie immer schüttelte Aurelia sich und strampelte, damit er sie los ließ. Wie ein Wirbelwind verschwand sie wieder im Haus. „Und ist dir wieder jemand gefolgt?“ Er wollte Edith nicht beunruhigen, also zwang er sich zu lächeln. „Ich bin wahrscheinlich einfach nur müde.“ Edith wirkte nicht beruhigt, sondern noch aufgeregter. „Heute auf dem Markt… Ich hatte das Gefühl, jemand würde mich beobachten.“ „Hat Aurelia etwas bemerkt?“ „Nein, ich habe mir nichts anmerken lassen. Allerdings sind wir einen anderen Weg nach Hause gegangen.“ „Das war gut.“ Edith wirkte nicht überzeugt. „Wir sollten noch diesen Monat Akkon verlassen. Haben wir denn nicht genug auf die Seite gelegt, um in England ein neues Leben anzufangen?“ Sicher hatten sie das. Die ganzen letzten Jahre hatten sie gespart. „Du hast recht. Ist eine Nachricht von deinen Bruder aus Rom gekommen?“ Edith schüttelte den Kopf. „Bram wird doch wohl nichts geschehen sein?“ Das hoffte er. Es war viel von ihm verlangt gewesen, als er vor Monaten seinen Schwager Bram gebeten hatte, seine schriftlichen Aufzeichnungen über die versteckten Artefakte mit sich nach Rom zu nehmen, wo er Geschäfte machen wollte. Doch nur Gott allein wusste, ob Bram die Unterlagen dem Papst persönlich zu spielen konnte. Es war James Hoffnung, dass der Papst nicht zu viele Fragen stellen und das Wissen, dass diese Aufzeichnung erhielt als gefährlich einstufen würde. In diesem Fall würde sein Wissen, dass er der antiken Schriftrolle, die sich noch immer im Besitz der Bruderschaft befand, dort verschwinden, wo kein Mensch einfach einmarschieren konnte. Im Lateranpalast würde man die Schrift wohl hoffentlich vergessen. Sanft legte er seine Arme um Edith. Es war wirklich besser, wenn sie so schnell wie möglich aufbrachen. Er schüttelte jede mögliche Befürchtung ab und betete zu Gott, dass sein Schwager sicher nach Rom kam. Es wunderte ihn nur, warum er noch nichts von ihm gehört hatte.

Es war bereits spät als er sich endlich erhob. Das gemütliche Kaminfeuer warf tanzende Schatten an die Wand, die ihm Unbehagen bereiteten. Er warf einen Blick auf seine Tochter, die noch immer unterm Tisch saß und sich weigerte, ins Bett zu gehen. Sie war ein Dickkopf durch und durch. Sie kam wohl eher nach ihm. Schmunzelnd beobachtete er, wie Edith an der einen Seite des Tisches kauerte und versuchte, Aurelia hervorzulocken. Seine Tochter aber machte kehrt, um auf der anderen Tischseite aufzutauchen. Damit war sie ihrer Mutter wieder entwischt.  „Aurelia!“, knurrte Edith. Seine Tochter aber lief zu ihm und kletterte auf seinen Schoß. Sie wusste, dass er ihr mehr durchgehen ließ als Edith. Ja und manchmal nutzte er es aus, indem er sich auf die Seite seiner Tochter schlug, was Edith jedes Mal ärgerte. Dabei sah sie so hübsch aus, wenn sie wütend war. „Lass sie noch einen Moment, Edith.“ Seine Frau gab sich geschlagen. „In Ordnung, aber nur noch einen Moment.“ „Stimmt das wirklich, was Mama gesagt hat? Werden wir Akkon verlassen?“ „Ja, bald.“ Aurelia runzelte ihre kleine Stirn. „Wann ist bald?“ Sie würde ihn wieder Löcher in den Bauch fragen. Es gab nichts auf der Welt, was er Aurelia zu ihrer Zufriedenheit erklären konnte. Also lenkte er sie ab. „Soll ich dir noch einmal die Geschichte erzählen von dem Templer und der schönen Frau?“ Aurelia gähnte herzhaft, nickte aber. Sie kannte die Geschichte über ihre Eltern inzwischen auswendig, aber irgendwie hatte er ihr begreiflich machen müssen, warum sie immer so vorsichtig sein mussten. Aurelia wusste, dass es Männer gab, die sie verfolgten und sie töten würden. Für eine Siebenjährige war sie erstaunlich reif und blitzgescheit. Während er ihr also wieder erzählte, wie er ihre Mutter kennengelernt hatte, lehnte sie sich an ihn und schloss die Augen. Er blickte triumphierend zu Edith rüber, die die Bettdecke zurückschlug und nur in sich hinein lächelte. Dann öffnete Aurelia wieder die Augen. „Warum werden wir verfolgt?“ „Darauf hatte er ihr noch nie geantwortet. Sein Kind brauchte nicht alles zu wissen, erst recht keine Dinge, die sie das Fürchten lehren würden.“ Anstelle einer Antwort küsste er ihre Stirn. „Ich liebe dich, Kleines.“ Das Gesicht seiner Tochter erhellte sich und ihre Arme legten sich um seinen Nacken. „Ich dich auch, Papa.“

Die Worte seiner Tochter gingen in einem heftigen Krachen unter. Edith schrie erschrocken und Aurelia klammerte sich zitternd an ihn. Da waren sie… Sein Herz sank als er unter den zehn Männern Antoin erkannte. Sie hatten ihn gefunden. Robert, der neben Antoin stand, schnippte mit den Fingern und drei der Männer, er kannte sie ja alle, gingen auf Edith los, die wimmernd zurückwich. So schnell er konnte, schob er Aurelia in die Zimmerecke und befahl ihr, dort zu bleiben. Seine Waffen hatte er griffbereit immer in seiner Nähe. Dann brach das Chaos aus. Während er auf verlorenem Posten kämpfte, hörte er die entsetzten Schreie von Edith. Einmal blickte er zu ihr herüber und sah Antoin, der sich über sie beugte, um sie zu vergewaltigen. Energischer hieb er in blinder Wut auf seine Gegner ein, versuchte sie von seiner Familie wegzudrängen, wagte aber kaum einen Blick zurück. Was würden sie Aurelia antun? Kurz erhaschte er einen Blick auf das bleiche Gesicht seiner Tochter, die zu ihrer Mutter blickte. Sie verstand sicher nicht, was die Männer genau taten, wusste aber, dass es unvorstellbar schrecklich war. Warum traf es seine Familie? Die Schreie seiner Frau erstarben und endeten in einem ihn zerreißenden Schluchzen. Wieder duckte er sich unter einem Hieb, blickte zu seiner Frau und Tochter. Aurelia musste von hier fort. Doch wohin? Wer würde seiner Tochter helfen und sie retten? Gab es überhaupt jemanden, der ein kleines Mädchen vor einer Gruppe bewaffneter Männer beschützen würde?

Wieder traf ihn ein besonders harter hieb. Das Blut lief an seinem rechten Arm hinunter, sammelte sich am Heft des Schwertes und machte es ihm fast unmöglich, den rutschigen Griff festzuhalten. Taumelnd sank er auf die Knie. Das Leben wich aus jeder Pore seines Körpers, als er zu Robert aufsah. „Und de Sable? Habt ihr erreicht, was ihr wolltet?“ Er sprach zwar zu Robert, aber sein Blick richtete sich auf Antoin. „Erst wenn Ihr Tod seid, eure Familie ausgelöscht ist und euer Verrat endgültig gerächt ist, werde ich zufrieden sein. Bald bin ich dann Großmeister, weil ihr ja als Verräter keinerlei Ansprüche mehr geltend machen könnt.“ Als wenn er das je getan hätte. Er war kein Templer mehr und konnte keinen Prozess erwarten. Er brauchte nicht einmal hinzusehen… Edith war tot und das fühlte er am ganzen Körper. Sein eigener Tod war nahe. Er machte eine Bewegung aus, die ihn hoffen ließ. Aurelia lebte noch. Stumm befahl er ihr zu fliehen. Hatte sie ihn verstanden? Hoffentlich. Als Robert das Schwert hob, um ihn zu töten, sah er gerade noch wie Aurelia unbemerkt entkam. Zum Glück…dann konnte er auch sterben… Niemand würde je erfahren, wo Bram und seine Aufzeichnungen  waren…
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