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Rainbow Alliance

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12 / Gen
16.01.2012
24.04.2012
6
14.531
 
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16.01.2012 2.940
 
Yay! Jetzt geht es endlich weiter! :)

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Nach der Sportstunde fanden sich alle Mädchen im Umkleideraum ein. Amalia setzte sich wortlos auf einen freien Platz. Unendlich langsam zog sie sich ihre Schuhe wieder an, während die anderen sehr beschäftigt waren sich umzuziehen.
"Ich bin Karina, wo kommst du her?" Eines der blonden Mädchen zog sich gerade ein Hemd über den Kopf und fixierte "die Neue" dabei. Erst fiel Amalia überhaupt nichts ein, aber sie merkte, dass es nicht gut wäre, überhaupt nichts zu sagen. "Berlin."
"Echt, aus Berlin?" Damit war das Gespräch beendet. Nach und nach verschwanden Amalias Mitschülerinnen aus der Umkleide. Der letzten kleinen Gruppe von Mädchen, die in ein Gespräch vertieft waren und nach jedem Satz herzlich lachten, folgte sie durch die dunkle Eingangshalle und eine Etage nach oben. Das einzig Schöne, was sie erspähen konnte war die friedliche Schneelandschaft draußen. Dort standen einige der älteren Schüler und zogen betont gelangweilt an ihren Zigaretten. Für einen Moment glaubte sie auch ein bekanntes Gesicht dort zu entdecken, ein blondes Mädchen mit einem streng geschnittenen Pony. Aber das konnte nicht sein, und schon war sie wieder verdeckt von den anderen, die mit ihr im Kreis standen.

Im Klassenraum suchten sich alle ganz selbstverständlich ihre Plätze und die meisten saßen bereits als Amalia dazukam. Wie sie sich so vergnügt miteinander unterhielten und Amalia ignorierten, beschloss sie, dass sie mit denen nie warm werden würde. Die hatten ihre Chance verspielt. Mit finsterer Miene blieb sie am Eingang stehen, bis eine kalte Hand sie von hinten in den Raum schob.
"Das Fräulein Rothenburg?" Amalia war erst etwas perplex, dann verstand sie, dass Juliana ihr einen Nachnamen verpasst haben musste. Rothenburg ... Hauptsache war anscheinend, dass der Name das Wort "Rot" enthielt.
"Ja, guten Morgen." Sie musterte den großen Mann mit den hellen, schulterlangen Haaren der auf der linken Seite ein Glasauge trug das keine Nachbildung eines realen Auges war, sondern einfach nur ein weißer Glaskörper zu sein schien. Mit seiner ganzen Art machte er ihr Angst, was sie überhaupt nicht verstehen konnte. Niemand sollte ihr Angst machen. Der Lehrer führte sie zu einem leeren Platz in der Mitte des Raumes, hier war ein ganzer Tisch frei. Innerlich seufzend ließ sie sich nieder.

"Vielleicht kannst du deinen Mitschülern erzählen, wer du bist, und sie können Fragen stellen." Amalia war immer noch im Zorn, umso mehr überraschte es sie, wie sanft die Worte aus ihrem Mund glitten. "Ich fühle mich gerade nicht so gut, vielleicht können wir das ein anderes Mal nachholen." Sie war anscheinend überzeugend genug, sodass der Lehrer nickte.
"Dann stelle ich mich dir kurz vor. Mein Name ist Victor Liebknecht. Aber oft benutzen die Leute auch 'Bianchi' als Nachnamen. Vielleicht hast du schon gemerkt, dass an dieser Schule drei Brüder unterrichten, Vincent, Vladimir und ich. Vincent ist mit der Rektorin Juliana Bianchi verheiratet, deshalb sehen uns manche als den 'Bianchi-Clan'."
Amalia nickte höflich. Von den Brüdern hatte sie noch nichts gewusst, aber dass Juliana so mächtig war, dass ihr Name den von drei Männern überdeckte, fand sie bemerkenswert. Ein bisschen war sie stolz darauf, mit Juliana die Nacht in Berlin verbracht zu haben, bedauerlich war es nur, dass niemand etwas davon erfahren durfte.

Amalia schaukelte sich weiter durch den Tag und die verschiedenen Unterrichtsstunden, Deutsch hatte sie stellenweise ganz gut gefunden, den Rest hatte sie hauptsächlich überhört. Trotzdem war sie kaum getadelt worden, denn sie hatte sich schon jetzt ein Gesicht angewöhnt, mit dem sie kaum angreifbar war. Eigentlich sah sie immer interessiert aus, ihre Augen waren vorbildlich auf die Tafel gerichtet. Über die vielen Jahre im Land der Träume hatte sie gelernt, ihre Gedanken unauffällig in ganz andere Richtungen zu lenken, und das tat sie jetzt, auch wenn es ihr ein bisschen leid tat. So lange hatte sie darauf gewartet, etwas von der realen Welt zu erleben, und so schnell war der ganze Zauber und die Aufregung verpufft. Anscheinend, so dachte Amalia bitter, dauerte es nicht lange, von der Superheldin zum normalen Menschen zu werden. Mit all den unausweichlichen, langweiligen Momenten, die man weder löschen noch vorspulen konnte.    

In der Mittagspause stand Amalia mit einem Teller voll Nudeln an der Essensausgabe die sich im untersten Stockwerk befand. Sie versuchte zu durchschauen, wie der ganze Trubel um sie herum eigentlich funktionierte. Wie durch unsichtbare Kommandos schienen die Schüler zu bestimmten Tischen zu laufen und nach wenigen Minuten waren alle Plätze besetzt und der Raum war erfüllt von lauten Unterhaltungen. Ein Mädchen aus Amalias Klasse winkte ihr beiläufig zu, der Platz neben ihr schien noch frei zu sein. Erleichtert ging sie zu dem großen, runden Tisch, an dem ihre halbe Klasse saß. Doch sie waren bereits fest in ein Gespräch über einen bestimmten Lehrer vertieft, den Amalia nicht kannte, also aß sie schweigend und haderte mit der Welt. Selbst das erste Essen nach der langen Zeit konnte sie kaum genießen, dabei war sie in ihren Träumen vor lauter Sehnsucht nach richtigem Essen fast wahnsinnig geworden. Die Nudeln rutschten jetzt einfach die Kehle hinunter. Kein Zauber, keine Befriedigung.

Nach Schulschluss verschwanden die meisten Mitschüler aufgeregt in ihren Zimmern und packten ihre Taschen, denn das Wochenende stand vor der Tür. Zu Hause warteten die Eltern und auf manche auch Geschwister. Amalia hatte sich auf einem der Stühle im großen Mittelgang niedergelassen. Zwischen den Korktafeln, auf denen Neuigkeiten und Veranstaltungen in einem wilden Wald aus Blättern festgepinnt waren, fiel sie kaum auf. Auf den Tafeln um sie herum wurde Musikunterricht angeboten, Mathematik-Wettbewerbe, verlorene Brieftaschen, gefundene Ohrringe, vermisste Katzen, Nordic-Walking-Stunden, Termine für Tanzabende ...
Amalia hatte die Beine über einander schlagen, dazu noch die Arme vor der Brust gekreuzt und verfolgte mit kritischem und missgünstigen Blick ihre Mitschüler, die voll Vorfreude und mit schweren Taschen das Haus verließen. Warum war niemand da, der ihr etwas anzubieten hatte? Etwas, das sie am Wochenende tun konnte?
Nach einer Weile, als der Strom der Abreisenden fast versiegt war, ging sie wieder die Stufen hinauf zu ihrem eigenen Zimmer. Die Tür war offen und der Schlüssel lag auf dem kleinen Schreibtisch am Fenster, jemand hatte ihn dort für sie hingelegt. Ab jetzt hatte sie also auch die Macht, sich hier einzuschließen, wenn sie von der Welt da draußen genug hatte.

Neben dem Schlüssel lag eine Zeitung. Amalia nahm sie in die Hand und schaute auf die Titelseite. Da war ein verwackeltes Foto gedruckt, aber sie wusste ganz genau, dass sie es war, die darauf zu sehen war. Im Hintergrund konnte man die riesige Ameise erahnen, die sich wutschnaubend in Richtung Himmel bäumte.

"Unfassbare Ereignisse am Flughafen Schönefeld", titelte die Zeitung.
"Berlin. Augenzeugen berichteten, ein mysteriöses Mädchen in Uniform hätte das wildgewordene Ungetüm besiegt, das stundenlang von einem Sondereinsatzkommando der Polizei in Schach gehalten worden war, sich aber weder Waffengewalt noch Drahtseilen beugte. Die amerikanische Regierung bietet dem Kanzler Aufklärungsdrohnen an. Doch wer ist das unbekannte Mädchen? Wo kam das Monster her? Dürfen wir an Zauberei glauben?"

Ihr dürft! Amalia schmunzelte innerlich. Es war eine komische Vorstellung, dass sie jemand für eine Zauberin hielt. Die Realität war doch so viel unspektakulärer! Wenn die wüssten, dass sie den ganzen Tag fast niemand wahrgenommen hatte und dass sie in irgendeinem Klassenraum saß und sich mit Grammatik auseinandersetzen sollte, würden sie fassungslos den Kopf schütteln. Sie löste das Deckblatt vom Rest der Zeitung, faltete es und legte es in den Schrank neben den überschaubaren Stapel Wäsche.
Da würde noch einiges hinzukommen müssen, beinahe fand sie es ein wenig unfair, dass man ihr nicht mehr Kleidung zugestanden hatte. Sie fühlte mit den Fingerspitzen den ungewohnt weichen Stoff der Unterwäsche und roch den leichten Hauch von Waschmittel darin. Als sie alles wieder verstaut hatte, ging sie in die Mitte des Raumes und schaute abwechselnd von einem Bett zum anderen. Noch war ihr kein Zimmerpartner zugeteilt worden, aber vielleicht würde ja bald jemand hinzukommen. Sollte sie nun einfach eigenmächtig entscheiden, welches Bett ihr gehören würde? Sie testete beide Matratzen auf ihre Konsistenz. Als sie aber keinen Unterschied feststellte, legte sie sich probeweise hin und schloss auf jedem Bett für jeweils eine Minute die Augen. Es war nur ein unwichtiges Detail in dem großen Leben, das vor ihr lag, aber leicht wollte sie sich die Entscheidung nicht machen, denn sie würde lange an dieses Zimmer zurückdenken, und da war es ihr wichtig, dass es die schönere Seite des Zimmers war. Mit einem Seufzen schmiss sie eines der neuen, weißen T-Shirts aus dem Schrank mitten auf das linke Bett, damit war die Wahl getroffen und das Bett markiert. Doch froh war sie immer noch nicht.

Natürlich hatte sie keinen Palast erwartet, oder Diener, die ihr mit Palmenblättern Luft zufächelten, aber diese kleine Kammer war der unterste Kompromiss, auf den man sich einlassen konnte. Dabei schien das hier doch ein Internat für besonders begabte Schüler zu sein, wie konnte man ihnen da solche Zimmer anbieten? Amalia täuschte sich selber vor, sie würde so abgestoßen sein weil sie den anderen Bewohnern des Internats etwas Besseres gönnte, dabei ging es doch nur um ihre eigenen Wünsche. Aber es fühlte sich besser an, sich etwas für andere zu wünschen. Außerdem konnte man mit erhobenem Haupt wütend sein, wenn man glaubte man würde für große Ziele eintreten und nicht nur egoistisch denken.

Eine Weile blieb sie noch so sitzen und haderte mit der Welt. Sie kramte in ihrer kleinen Hosentasche und fand die regenbogenfarbene Kugel wieder, die nach dem Kampf gegen die Ameise übrig geblieben war. Sie packte sie in die Schublade am Schreibtisch, wo sie leise vor sich hinrollte. Dabei sah Amalia ihre Hand vor sich, sie war immer noch bandagiert, aber sie wagte es den Verband zu lösen und einen kurzen Blick auf die Wunde zu werfen. Sie war relativ gut verheilt, aber immer noch sichtbar. Es formte sich ein grusliges Bild in Amalias Kopf, als sie sich vorstellte, dass sie auch gut ein Loch in der Hand hätte haben können. Sie wickelte den Verband schnell wieder darüber.

Dann schenkte sie der Aussicht aus ihrem Fenster einen langen Blick. Gestern in der Nacht hatte sie nicht herumlaufen dürfen, die Mission war wichtiger gewesen, aber jetzt war sie frei, zu tun, was sie wollte. Sie nahm etwas Anlauf ¬- so viel wie der kleine Raum ihr bot - und sprang in einem Satz aus dem geöffneten Fenster. Schon im kurzen Moment des Fallens merkte sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Mit einem lauten Knirschen landete sie steinhart auf der vereisten Schneedecke, die sofort nachgab und das Mädchen zur Hälfte im Schnee versinken ließ. Für einen Moment nahm sie gar nichts wahr, weder Realität noch Traumwelt, da bewegte sich gar nichts mehr im sonst so bunten und lauten Kosmos. Alles war schwarz, oder auch weiß, es schien keinen Unterschied mehr zu machen. Vielleicht ein Vorgeschmack auf das Gefühl, tot zu sein? Ein seltsamer Gedanke. War es denn schön, nichts mehr zu fühlen und zu sehen, oder war es traurig?
Nachdem die schwarzen, pulsierenden Flecken vor ihren Augen verschwunden waren, traute sich Amalia, vorsichtig wieder Luft zu holen und die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Gebrochen war nichts, aber der harte Aufschlag hatte sie schockiert. Ohne Verwandlung war sie doch nur ein zartes Wesen wie alle anderen Menschen auch. Tränen stiegen ihr in die Augen, das Herz raste und sie fühlte sich unangenehm leicht, als traute ihr eigener Körper ihr nicht zu, den Schmerz zu fühlen. Langsam schmolz der Schnee um sie herum und durchtränkte ihre Kleidung. Eigentlich wollte sie sofort zurückgehen und sich umziehen, als aber zwei Schüler mit neugierigen Blicken in der Ferne vorbeiliefen, erhob sie sich würdevoll, klopfte sich ab und marschierte tiefer in das Parkgelände hinaus. Vorbei an den großen, ehrwürdigen Gewächshäusern, und vorbei an dem kleinen zugefrorenen Teich.

Schon bald spürte sie, wie ihr Körper mehr und mehr auskühlte, die nassen Flecken an ihrer Kleidung gefroren langsam und ihr blieb nichts anderes übrig als sich mit den Armen zu umklammern und mit den Händen die Schultern zu reiben. Zurückgehen wollte sie nicht, denn irgendetwas zog sie tiefer in den Park.

Bis eben verlief der von großen, alten Platanen gesäumte Weg, dem Amalia folgte, noch lieblich. Doch nach und nach offenbarte der Park, der an das Internat und das Schlossgelände angrenzte, seine wahre Identität. Er war wild und undurchschaubar. Zu ihrer linken Seite öffnete sich eine riesige Schlucht, unten verlief ein kleiner Bach mit einer malerischen Holzbrücke und auf schlingernden Wegen konnte man zu Fuß bis hinunter gelangen. Auf der anderen Seite, auf der das Gelände wieder anstieg, sah es fast so aus, als würde ein Wald beginnen. Überall schienen ideale Plätze für Geheimtreffpunkte zu sein.

Amalia kam an einem kleinen, weißen Rondell vorbei, das direkt einlud, sich zum Intrigenspinnen zu verabreden. Auch die Wasserfontäne, die nun halb eingefroren war und ein ganz eigenes Kunstwerk bildete, schien Amalia ein würdiger Platz für geheime Versammlungen zu sein. Ihr Staunen wurde aber immer mehr gedämpft vom Gefühl der eisigen Kälte, die ihre Fühler tief in den Körper streckte und langsam alle Glieder steif werden ließ. Verdammter Scheiß.

Als sie gerade etwas zu weit an den Rand des Weges gekommen war, der links steil abfiel, glitt ihr Schuh über ein vereistes Stück. Die für den Sommer gedachten Halbschuhe, die sowieso wenig Halt boten, gaben sofort nach. Es ging so schnell, dass Amalia noch nicht einmal einen Schrei herausbrachte, und schon rollte sie den Hang hinunter. Es war ihr großes Glück, dass kein Baum und kein Strauch auf dem Weg hinunter wuchsen, denn sonst wäre sie kaum so unverletzt unten angekommen. Auf allen Vieren versuchte sie, langsam wieder Halt zu finden, und als sie vor sich blickte, ragte auf einmal die alte, dunkle Burgruine vor ihr auf. Was das Aussehen der Burg anging, war die Erinnerung der vorigen Nacht schwach, ihre Aufmerksamkeit hatte viel mehr dem Park und dem fallenden Schnee gegolten. Trotzdem war ihr sofort klar, dass es das Gemäuer sein musste, in der sie so lange geschlafen hatte. Außer ihrem rasselnden Atmen war es völlig still, der Schnee schluckte alle Geräusche.

Wenn sie jetzt hier zusammenbrechen würde, würde sie dann überhaupt jemand finden, bevor auch das letzte bisschen Wärme aus ihrem Körper gewichen war? Amalia verdrängte den Gedanken, wollte sich nicht schon wieder mit so düsteren Dingen beschäftigen. Sie rappelte sich auf und fand wieder festen Stand auf ihren Beinen, auch wenn die Knie jetzt viel weicher waren als eben noch, bevor sie den Hang hinunter gerollt war.
Sie sah das Schild "Betreten verboten" über dem Eingang hängen und zögerte. Als sie den ersten Fuß in die Dunkelheit setzen wollte, hörte sie eine Stimme.
"Das hat keinen Zweck!"
Amalia schaute sich erschrocken um, dann sah sie hinter einem dicken Baum, der direkt am Eingang wuchs, lange, blonde Haare hervor blitzen. Sie schluckte kurz. War das am Vormittag nach dem Sportunterricht doch keine Wahnvorstellung gewesen? War das tatsächlich Member Yellow, die ebenfalls erweckt worden war? In dem Moment, als sie heute einen Sekundenbruchteil den Blick auf ihr Gesicht erhaschen konnte, hatte sie sich an sie erinnern können. Irgendwann hatten sie beide sich einmal gut gekannt. Waren sie vielleicht sogar befreundet gewesen? Amalia plagte das Gefühl, dass sie sich diese Frage eigentlich beantworten können sollte, aber ihre Gedanken liefen immer wieder gegen eine hohe Mauer und prallten schmerzhaft daran ab. Doch ohne zu zögern und mit fester Stimme sprach sie das versteckte Mädchen an.
"Ich glaube, ich weiß, wer du bist." Sie näherte sich langsam dem Baum und stellte sich mit dem Rücken zum Stamm, genauso wie ihr Gegenüber, sodass keiner dem anderen ins Gesicht schauen konnte. Sie ließ einige Momente verstreichen und lauschte nur auf den Wind.
"Aber wenn du es bist, was machst du dann hier? Bist du mir gefolgt? Und warum hast du mir gestern Nacht nicht geholfen?" Amalia presste ihre Hände an den kalten Stamm. Selbst die bandagierte Hand tat nun nicht mehr weh.
"Zu viele Fragen auf einmal." Das Mädchen machte eine kurze Pause. "Du heißt jetzt Amalia hier? Du kannst mich Lena nennen."
Amalia nickte und schaute vorsichtig seitlich nach unten, dort war eine der langen, blonden Haarsträhnen am Rand ihres Blickfeldes zu sehen. Sie packte eine Strähne mit zwei Fingern und fühlte wie weich sie war. Amalia wollte sicher zu sein, dass das Mädchen auf der anderen Seite des Stammes auch wirklich existierte.
"Es führt kein Weg zurück in deine Kammer, Amalia, du kannst erst wieder schlafen, wenn die Schlüsselwächter es wollen." Eisiger Wind zog auf und blies den lockeren Schnee von den Baumwipfeln mitten in die Gesichter der beiden Mädchen. Amalia fühlte mittlerweile nichts mehr außer ihrem Zorn.
"Warum hast du mir gestern nicht beigestanden? Zusammen hätten wir das Monster viel schneller erledigt!" Ihre Stimme bekam eine leicht verzweifelte Note, und Amalia hasste das, aber es war zu spät, es zu korrigieren. Lena hingegen war immer noch genauso ruhig wie zu Beginn.
"Weißt du, was gewesen ist, bevor sie uns schlafen gelegt haben? Vor über 2000 Jahren? Weißt du, wie unsere Welt aussah? Kennst du unsere Freundinnen noch? " Amalias Finger waren beinahe steif gefroren und ihren Kopf konnte sie kaum oben halten.
Eigentlich wollte sie etwas entgegnen, aber als sie den Mund öffnete, kam kein Ton heraus.
"Amalia, weißt du, wer schuld an der Katastrophe war?"
Lenas Stimme war nur noch leise zu hören, dann sank Amalia langsam am Baumstamm hinab und verlor das Bewusstsein. Die Kälte und die Erschöpfung hatten ihren Preis gefordert. In Windeseile war ihr Körper vom herumwirbelnden Schnee bedeckt.
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