Hinter der gläsernen Wand

von Ylvi
KurzgeschichteAllgemein / P12
15.01.2012
15.01.2012
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Hinter der gläsernen Wand

Gedankenverloren spielte ich mit dem Kuli in meiner Hand und starrte den Papierstapel auf meinem Schreibtisch an, als würde er sich dadurch von selbst erledigen. Es war wie Dösen mit offenen Augen und schlechtem Gewissen. Ich war normalerweise ein sehr pflichtbewusster Mensch, eine Eigenschaft, die mein Chef sehr an mir schätzte und auf die er sich heute – wie so oft – verließ.
Vor wenigen Minuten hatte ich sein Memo gelesen, in dem er mich bat, Tom Schneider beizubringen, dass der Artikel, für den er tagelang recherchiert hatte, nicht erscheinen würde. Stattdessen hatte Böhm, mein Kollege, einen alten Text ausgegraben, der es damals nicht in die Ausgabe geschafft hatte.
Ich musste ehrlich zugeben, dass ich weder den einen noch den anderen Text gelesen hatte. Ich hatte mich darauf verlassen, dass Böhm mir diese Arbeit abnahm. Jetzt musste ich mich trotzdem mit Schneider herumschlagen. Wie so oft hatte Böhm mir die unangenehmste Aufgabe zugeschoben.
Tom Schneider arbeitete seit drei Jahren für die Zeitung, bei der ich als Chefredakteurin angestellt war. Seine Gewissenhaftigkeit war das einzig Positive, was ich über ihn sagen konnte. In den Arbeitspausen flirtete er mit meiner Sekretärin und erzählte sämtlichen Kollegen von seinen letzten Erfolgen im Bett mit einer Arroganz, die ich einfach nur widerlich fand. Er riss frauenfeindliche Witze und bezeichnete alle, die nicht darüber lachten als humorlos.
Er war sicherlich der letzte Mensch, den ich an diesem Tag sehen wollte. Am liebsten wäre ich aufgestanden, hätte die Arbeit liegen gelassen. Wäre nach Hause gegangen, hätte mich ins Bett gelegt und nur geschlafen. Ich konnte nicht einmal mehr sagen, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen hatte. In den letzten Tagen war ich morgens immer so müde gewesen, dass ich kaum aus dem Bett gekommen war.
Es wurde nicht besser davon, dass ich es aufschob. Also beugte ich mich widerwillig zu meinem Telefon vor und wählte die Durchwahl zu Schneiders Arbeitsplatz.
„Gratulation, Sie haben die heißeste Nummer Deutschlands gewählt. Was kann ich für Sie tun?“
„Kommen Sie in mein Büro“, sagte ich und hörte ihn am anderen Ende der Leitung lachen. Idiot.
„Natürlich.“
Er klang nicht im Mindesten zerknirscht. Ich knallte den Hörer auf die Station, lehnte mich zurück und atmete tief durch. Der Nacken tat mir weh und ich massierte ihn ein wenig. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Ich schloss die Augen und wünschte mich weg. Weg von Schneider, der gleich durch meine Bürotür spazieren würde. Am besten weg von allen Menschen. Und weit, weit weg von meiner Arbeit.
Es klopfte und ich öffnete widerstrebend die Augen. Er trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Ich sparte mir einen Kommentar zu unserem kurzen Telefonat. Früher hatte ich ihn immer ermahnt, er solle nicht so arrogant mit Vorgesetzten sprechen, am besten mit überhaupt niemandem. Er hatte es stets ignoriert. Jetzt war ich es leid. Ich hatte keine Nerven dafür übrig.
Ich deutete auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch. Schneider schlenderte darauf zu, setzte sich schwungvoll und nahm eine leicht nach vorne gebeugte Sitzposition ein.
„Sie wollten mich sprechen?“
Seine Augen blitzten hinter verwegen verwuschelten schwarzen Haaren hervor.
„Es geht um Ihren Artikel für die aktuelle Ausgabe. Er wird nicht gedruckt.“
„Aha.“
Er lehnte sich zurück und strich sich die Haare ein wenig aus dem Gesicht.
„Und warum nicht?“, fragte er.
„Er ist ungeeignet und das wissen Sie auch. Die Anweisungen waren klar und deutlich. Halten Sie sich daran. Ihr Artikel geht in die völlig falsche Richtung.“
„Nein, er geht genau in die richtige Richtung“, widersprach er sofort und richtete die Augen an die Decke.
Wir schwiegen kurz, dann schaute er mich wieder an.
„Zumindest Ihnen hätte er doch gefallen müssen. Oder nein, ich vergaß, dass Sie mich nicht leiden können.“
Er grinste spöttisch.
„Persönliche Vorlieben und Abneigungen spielen hier keine Rolle“, sagte ich und wünschte ihn zum Teufel. Da ich ihm das nicht sagen konnte, schwieg ich und knotete meine Finger im Schoß ineinander. Sie waren eiskalt. Ich musste dringend die Heizung aufdrehen.
„Natürlich spielen sie eine Rolle“, gab er zurück und klang ungeduldig. „Sonst würden Sie sich nicht so gegen meine Hilfe stemmen.“ Ich nahm den Kuli wieder in die Hand, drehte ihn in meinen Fingern und hätte am liebsten weggehört. „Ich würde Ihre Reform unterstützen, wenn Sie mich unterstützen! Wir werden den Lange schon zur Einsicht bringen.“
„Dafür sind Sie nicht in der richtigen Position“, sagte ich automatisch.
„Ich werde es aber sein.“ Da war sie, die Arroganz, die ich so sehr hasste.
„Seien Sie sich da nicht so sicher.“
„Ich erinnere mich noch gut daran, wie sicher Sie sich damals waren, dass Sie befördert werden würden.“ Jetzt fing er auch schon an, uns zu vergleichen.
„Ich habe noch viel Arbeit“, sagte ich und deutete zur Tür.
„Ich bin sicher, Sie können es kaum erwarten, damit weiterzumachen“, sagte er und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Wo ist Ihr Feuer?“ Ich antwortete nicht und gab ihm damit Gelegenheit, mir noch eine überflüssige Frage an den Kopf zu werfen.
„Und wo ist die Verfechterin ihrer Ideen, die Sie vor einem halben Jahr noch waren?“
Ja, wo?
„Sie steht vor Ihnen“, sagte ich und erhob mich tatsächlich. „Und jetzt lassen Sie mich arbeiten.“
Er schnaubte. „Aber gerne doch. Denken Sie noch mal darüber nach, was ich heute gesagt habe. Sie sind nicht der einzige Mensch, der seine Ziele erreichen will. Wir könnten uns gegenseitig dabei helfen. Wir könnten-“
Wir können gar nichts“, sagte ich mit aller Bestimmtheit, die ich aufbringen konnte. Er erhob sich und wandte sich endlich der Tür zu.
„Sie können mich nur nicht leiden, weil wir uns so ähnlich sind“, warf er mir unvermittelt an den Kopf.
„Wir sind uns nicht ähnlich!“, sagte ich und spürte zum ersten Mal echte Entrüstung.
„Sie hassen meine Arroganz, dabei sind Sie nicht besser. Eher schlimmer, denn Sie geben es nicht einmal zu.“
„Ihren Humor ist es, den ich nicht leiden kann.“
„Meinetwegen. Sie haben ja keinen Humor. Da wäre ich auch neidisch. Es gibt etwas, das die große Perfektionistin nicht beherrscht: Lachen.“
Er lachte.
Ich nicht.
„Ich halte mich nicht für etwas Besseres.“ Auch ich war aufgestanden.
„Mir machen Sie nichts vor.“ Mit diesen Worten ging er. Erschöpft von dem kurzen Wortgefecht sackte ich auf meinen Stuhl zurück.
Wenn ich ehrlich war, hatte ich noch nie darüber nachgedacht, ob ich mich für etwas Besseres hielt. Manchmal wahrscheinlich schon, das musste ich zugeben. Aber das war mein gutes Recht. Ich hatte schon viel erreicht, mehr als viele andere und mehr als Tom Schneider. Warum sollte ich darauf nicht stolz sein?

Als ich zum ersten Mal dieses Büro als neue Chefredakteurin betreten hatte, hatte ich noch immer das Glas Sekt in der Hand gehalten, übrig geblieben von der kleinen Feier mit den Kollegen. Ich war an dem hohen Fenster gestanden und hatte den Ausblick auf die Stadt genossen. Mein Büro lag im siebten Stock und höher als die umliegenden Gebäude. Ich hatte auf die Straßen und Häuser hinunter geschaut, auf Menschen und Autos, und war glücklich gewesen.
Mit 33 Chefredakteurin. Ich war stolz gewesen, sehr stolz. Ich hatte es kaum erwarten können, meinen Freunden und meiner Familie von dieser Neuigkeit zu berichten. Und Lukas, meinem Freund. Ich hatte gehofft, er würde mich zum Essen ausführen, um diese Nachricht zu feiern.
Noch hatte ich zwar mein Ziel nicht ganz erreicht, aber ich war ihm einen großen Schritt näher.
Ich hatte etwas bewegen wollen. Am liebsten hätte ich sofort damit angefangen und Lange und Böhm meine Ideen und Konzepte vorgestellt.
Ich hatte meinen Sekt ausgetrunken und mein Glas dann auf den ordentlich aufgeräumten Schreibtisch gestellt. Zum ersten Mal hatte ich mich auf dem bequemen Bürostuhl niedergelassen.
Es hatte sich gut angefühlt, die Konkurrenz, die teilweise viel älter und scheinbar auch erfahrener gewesen war als ich, geschlagen zu haben. Ich hatte den Posten bekommen, als der alte Teckel seinen Platz geräumt hatte und in den Ruhestand verabschiedet worden war. Und jetzt wollte ich zeigen, was in mir steckte.

Niemandem hatte ich es gezeigt. Mit meinen Vorschlägen war ich auf taube Ohren gestoßen, auf alte konservative Ohren, die zu einem Kopf gehörten, der nichts von modernem Marketing verstand. Der nicht verstehen konnte, dass wir unsere durchaus guten Verkaufszahlen noch steigern konnten.
„Das Risiko ist mir zu groß. Es ist schön, dass Sie sich solche Mühe gemacht haben. Ich hoffe, diesen Arbeitseifer legen Sie in allen Bereichen an den Tag, Frau Ziegler.“ Mit diesen Worten war ich an Georg Lange abgeschmettert. Ein Schlag in den Magen.

Bei dieser Erinnerung zog ich einen Schlussstrich. Ich wollte nicht über so etwas nachdenken. Ich wollte nicht über den Menschen nachdenken, der einst in diesem Büro gestanden, Sekt getrunken und sich glücklich und stolz gefühlt hatte.
Ich erhob mich von meinem Bürostuhl und es fühlte sich an wie eine große Anstrengung. Langsam ging ich in das an mein Büro angrenzende kleine Badezimmer und drehte den Hahn auf.
Eisig kalt lief mir das Wasser über die Finger. Ich starrte in den Spiegel und versuchte zu begreifen, was ich da sah. Das war ich. Aber wer war ich? Wo war das sichere Gefühl hin, das ich stets empfunden hatte, wenn ich mein Spiegelbild betrachtet hatte?
Eine selbstbewusste junge Frau hatte mich stets daraus angeblickt. Jetzt war nicht mehr viel von ihr übrig. Plötzlich fühlte ich mich alt. Unwillkürlich näherte sich mein Gesicht dem Spiegel. Da waren kleine Fältchen um meine Augen, kaum zu sehen und dennoch vorhanden. War es normal, mit 35 Falten zu bekommen? Und warum war mir das nicht früher aufgefallen?
Die Antwort war einfach: Ich hatte nicht richtig hingesehen. Weil ich nicht richtig hinsehen wollte.
Morgens im Bad, beim Schminken; ein kurzer Blick, bevor ich das Haus verließ; im Autospiegel geprüft, ob der Lippenstift nicht verschmiert war; unterwegs nachgesehen, ob die Frisur noch saß. Das zählte nicht. Ich hatte nicht richtig hingesehen.
Nicht nur die Falten waren mir entgangen, sondern auch die fehlenden Sommersprossen und die Wimpern, die weniger dicht waren als früher.
Ich sollte zum Frisör gehen und mir die Haare schneiden lassen. Allmählich war ich zu alt für lange Haare. Ich war kein Mädchen mehr.
Ich riss mich von meinem Spiegelbild los und blickte stattdessen auf meine Hände, die den Wasserhahn zudrehten und sich abtrockneten. Ohne noch einmal aufzusehen, verließ ich das Bad.

Zurück an meinem Arbeitsplatz musste ich nur einen Blick auf meinen Laptop werfen, um zu wissen, dass ich heute nichts mehr arbeiten konnte. Ich konnte einfach nicht. In mir sträubte sich etwas dagegen, wieder auf den schwarzen Stuhl zu sitzen, Böhm anzurufen, mich mit ihm zu besprechen und Artikelvorschläge unter die Lupe zu nehmen. Nein, ich wollte nicht.
Was Lange dazu sagen würde, konnte ich mir denken. Es störte mich nicht. Ich nahm meinen Mantel vom Haken, zog ihn mir über und verließ frühzeitig mein Büro.  

Es war ein Samstagmittag und die Einkaufspassage, durch die ich musste, um zur U-Bahn zu kommen war entsprechend voll. Ich fuhr immer mit der Bahn zur Arbeit, weil das schneller ging als mit dem Auto. Die Straßen waren morgens einfach zu dicht und der Verkehr kostete mich schon vor der Arbeit den letzten Nerv.
Ich wich allen Menschen aus, als fürchtete ich mich vor jeder Art von Berührung. Vor jedem Laden drängten sie und verstopften die Eingänge. Ich sah lachende und hektische Gesichter an mir vorbeiziehen und wollte keinen von diesen Menschen ansehen. Die Rolltreppe zur U-Bahn hinunter war schleichend langsam und immer wieder schob sich eilig ein Fahrgast an mir vorbei, der Angst hatte, seinen Zug zu verpassen. Ich stellte mich ganz an den Rand der Treppe und grübelte darüber nach, was ich jetzt machen sollte.
Mir stand der Sinn eigentlich nur nach einem: Nach Hause gehen und mir die Decke über den Kopf ziehen. Aber mitten am Tag? Dieser Gedanke erschien mir so seltsam, dass ich ihn sofort wieder verwarf. Ich war ja nicht krank. Von den Kopfschmerzen, die ich seit Wochen mit mir herumtrug, einmal abgesehen. Und dass ich müde war, war ebenfalls kein Wunder, schließlich schlief ich in letzter Zeit sehr schlecht. Ich beschloss, heute Abend früh zu Bett gehen. Morgen würde ich ausruhen und am Montag würde ich dann in alter Frische – nein. Ich wollte nicht zur Arbeit gehen. Meine Fantasie reichte nicht aus, um mir vorzustellen, am Montag einfach wieder in mein Büro zu spazieren. Was war nur los mit mir?
Was war das für ein Gefühl, das mir so gänzlich unbekannt war?
Eine Mischung aus Verschiedenem, das sich in mir zu einem hässlichen schwarzen Klumpen vereint hatte. Noch nie war mir etwas so fremd gewesen, denn ich fühlte, dass es tief aus meinem Inneren kam.
Zuerst einmal war da die Lustlosigkeit. Nichts konnte mich mehr motivieren. Eigentlich hatte ich geglaubt, man könne diesen Zustand leicht überwinden, wenn man es nur wolle, aber dem war nicht so. Ich war viel zu erschöpft und müde, um irgendwas dergleichen zu tun. Gleichzeitig war ich von einer nie da gewesenen Unruhe erfüllt, die mich vom Schlafen abhielt und es auch nicht zuließ, dass ich mir selbst eine Auszeit gönnte. Es war, als würde ich mir selbst im Weg stehen.
Am schlimmsten jedoch war die Gleichgültigkeit, die ich allem gegenüber empfand, was mir sonst lieb und teuer gewesen war. Die Gleichgültigkeit war es auch, die alles andere in mir erstickte, sodass ich mich nicht gegen dieses schwarze Etwas wehren konnte. Es schob mein früheres Ich zurück, versteckte es hinter einer Wand aus Glas und ich musste hilflos mit ansehen, wie alles dahinter immer milchiger und trüber wurde.
Erst jetzt verstand ich, dass einem nichts fremder sein konnte als das eigene Selbst. Ich kannte mich selbst nicht mehr.
Ein Zug fuhr ein. Ich hörte ihn, bevor ich ihn sah und meine Haare wirbelten in mein Gesicht. Unwillkürlich fragte ich mich, wie es war, wenn man von einem Zug überrollt wurde. Ob es wehtun würde, oder ob man schnell tot war.
Ob man dann für immer schlief.
Ich war so müde…
Mit aller Kraft machte ich einen Schritt nach vorne. Dann noch einen. Meine Beine fühlten sich an wie Blei.
Als das Gleis nur noch gut einen Meter von mir entfernt war, rempelte mich ein junger Mann an und brachte mich zur Besinnung. Die Bahn hielt. Türen gingen auf, Menschen stiegen ein und aus. Ich rieb mir geistesabwesend die Schulter und starrte dem Mann hinterher, gegen den ich gestoßen war. Eine Frau lag in seinen Armen. Er küsste sie.
Ich blinzelte und wandte den Blick ab. Früher hatte ich mir immer einen Spaß daraus gemacht, mir zu überlegen, wer die vielen Menschen waren, denen ich täglich begegnete. Jetzt kümmerte es mich nicht.
Das junge Paar erinnerte mich höchstens an mich selbst, wie ich vor einem Jahr gewesen war. Auch ich war glücklich verliebt gewesen, das dachte ich zumindest damals. Heute wusste ich nicht mehr, wie sich Liebe anfühlte.
Lukas hatte ich aus meinem Herzen verbannt, nachdem wir uns getrennt hatten. Es war schmerzhaft gewesen, aber wir hatten davor schon lange Zeit viel gestritten. Alles in allem war es keine große Überraschung mehr, als er dann endgültig auszog. Die große Wohnung bewohnte ich von da an alleine.
Und ich hatte seitdem nichts mehr erlebt, was auch nur annähernd mit einer Beziehung zu vergleichen gewesen wäre. Einige wenige Male war ich mit Männern ausgegangen, im letzten Jahr. Diese Abende konnte ich an einer Hand abzählen. Es hatte mir immer an Zeit gefehlt. Zeit, die ich in eine Sache gesteckt hatte, die mir jetzt vollkommen bedeutungslos erschien.
Plötzlich hatte ich Angst. Angst vor dem, was mit mir passierte und Angst vor dem, was ich tun würde. Ich wollte keine Gesellschaft, aber ich konnte auch nicht alleine sein.
Mir fiel nur eine Möglichkeit ein, wie ich das Alleinsein umgehen konnte. Meine Mutter hatte in der letzten Woche Geburtstag gehabt. Heute gab es bei ihr ein Essen für Freunde und Verwandte. Ich hatte abgesagt, weil ich arbeiten musste. Trotzdem würde ich hingehen. Vielleicht ging es mir dort besser, bei Menschen, die mich schon mein ganzes Leben lang kannten. Meine Schwester würde dort sein und vielleicht auch Marc. Und die Freunde meiner Mutter, die ich von ihren häufigen Besuchen bei ihr kannte.
Automatisch sah ich auf die Anzeigetafel für die Züge und dann auf die Uhr. Ich musste noch fünf Minuten warten.
Auf wackeligen Beinen ging ich zu einer der Bänke und ließ mich darauf nieder. Meinen Blick auf einen Punkt an der Mauer gegenüber fixiert, versuchte ich, an nichts zu denken. Aber es war schwer, sich selbst vom Grübeln abzuhalten.
Ich war beinahe erleichtert, als meine Bahn kam. Ich betrachtete mich selbst durch die Wand aus Glas und wunderte mich, warum es mir so schwer fiel, Erleichterung zu empfinden.

„Bea!“ Meine Mutter schloss mich freudig in die Arme. Ihre Umarmung war mir unangenehm. „Es freut mich, dass du doch noch gekommen bist. Wir haben gerade mit dem Essen angefangen. Setz dich einfach dazu, ich hol dir ein Gedeck!“ Damit ließ sie mich los, drehte sich um und wuselte zurück in ihre Wohnung. Meine Mutter wohnte im unteren Stock einer kleinen Pension, die sie, seit dem Tod meines Vaters, alleine betrieb.
Ich zog Stiefel und Mantel aus, hängte letzteren über einen Kleiderbügel und trat dann ins Esszimmer.
Alle waren da. Meine Schwester Sophie saß neben meinem Lieblingscousin Marc, dem Einzigen in der Verwandtschaft, der in meinem Alter war. Dazu noch meine beiden Tanten, die Schwestern meiner Mutter und einige Freunde. Alle kannte ich.
Es gab ein großes Hallo und Marc stand auf, um mir einen Stuhl zu holen. Er schob ihn zwischen sich und Sophie und ich ging um den Tisch herum, um mich neben die beiden zu setzen.
Seltsamerweise fühlte ich mich nicht erleichtert oder gar glücklich, hier zu sein. Nein, ich zwang mich eher, nicht sofort wieder zu verschwinden. Da kam meine Mutter auch schon mit Teller und Besteck und alle nahmen das Essen wieder auf.
„Klöße?“, fragte Sophie.
„Hm?“
„Willst du Klöße?“
Ich nickte zaghaft.
„Alles in Ordnung?“
„Ja, klar.“ Ich schluckte. Ihre blauen Augen, die meinen so ähnlich waren, musterten mich prüfend. Glücklicherweise blieb ich von weiteren Fragen verschont, denn meine Mutter richtete das Wort an mich.
„Es ist wirklich schön, dass du noch gekommen bist. Ich dachte, du müsstest arbeiten. Nicht, dass ich es dir übel genommen hätte, nein, nein! Ich verstehe, dass man in einem Beruf wie deinem viel arbeiten muss.“ Sie strahlte stolz und ich rang mich zu einem Lächeln durch. Das Lob meiner Mutter konnte ich fast noch schlechter ertragen als die kritischen Blicke meiner Schwester.
„Sophie, wie läuft dein Studium?“, fragte Marc, bevor meine Mutter fortfahren konnte. Was Lobeshymnen auf mich anging, war sie meistens nur sehr schwer zu bremsen. Früher hatte mich das glücklich gemacht. Ich war so froh gewesen, dass sie stolz auf mich war. Jetzt war es mir egal.
„Gut, es macht wirklich Spaß“, antwortete Sophie. „Es hat zwar eine Weile gedauert, aber jetzt bin ich froh, dass ich noch mal neu angefangen habe.“
„Also meinst du, du hast jetzt das richtige gefunden?“, fragte meine Mutter spitz.
Sophie nickte. Sie studierte jetzt Psychologie, nach einem abgebrochenen Soziologie- und einem ebenfalls nicht beendeten Literaturstudium. Meine Schwester war 25. Mit 25 hatte ich mein Journalismusstudium schon beendet und hatte meinen ersten festen Arbeitsplatz gehabt. Nebenbei hatte ich einen Kurs über modernes Marketing besucht.
Sie klang wirklich glücklich. Nichts regte sich in mir bei diesem Gedanken.
Für den Rest des Essens fixierte ich den Blick auf meinen Teller und zwang mich, mir wenigstens ein paar Bissen in den Mund zu schieben. Kürzlich hatte mein Magen mir des Öfteren Probleme bereitet, deshalb aß ich nur wenig und verbrachte die Hälfte der Zeit damit, meinen Kloß zu zerpflücken, bis er kalt war.  
Nach dem Essen setzte ein Chaos ein, wobei jeder in der kleinen Küche meiner Mutter zur Hand gehen wollte, sie aber alle dankend zurück zum Esstisch schickte und sich trotzdem alle um die Spülmaschine drängten.
Marc brachte meinen Teller in die Küche und Sophie amüsierte sich über das Durcheinander. Kurz darauf kam mein Cousin zurück.
„Da drin hält man es ja nicht aus“, meinte er und lächelte mir zu. Das kleine Zucken um meine Mundwinkel kostete mich ungewohnt viel Kraft.
„Kann ich kurz mit dir reden?“, fragte er mich und nickte mit dem Kopf in Richtung Flur.
„Wenn du willst. Gehen wir in mein Zimmer.“

Mein Zimmer. Oder eigentlich: das Zimmer meiner Jugend. Poster an den Wänden gab es keine, dafür ein großes Bild, mit Acrylfarben gemalt, über meinem Bett. Auf dem viel zu kleinen Schreibtisch stand ein alter Computer, auf einem Regal kleine, selbst getonte Figürchen und gegenüber vom Fenster eine Staffelei.
Ich beachtete die vertrauten Gegenstände nicht, sondern ging schnurstracks zu meinem Bett und setzte mich. Ich fühlte mich nicht sicher auf den Beinen.
„Was ist los?“ Marcs Stimme war ganz ruhig, wie immer.
„Nichts“, sagte ich. Er setzte sich neben mich und packte mein Kinn.
„Ehrlich.“
„Nichts.“ Ich schloss die Augen. Meine Lider schienen so schwer zu sein.
„Ich mache mir Sorgen. Und Sophie auch, oder hast du das nicht bemerkt?“ Schwerfällig öffnete ich die Augen wieder und er ließ mein Kinn los.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ist dir das egal?“, fragte er und sah mich dabei so intensiv an, dass ich nicht wegschauen konnte.
„Nein!“, sagte ich und klang nur halb so entrüstet über die Frage, wie ich sollte.
„Was an dir hat jetzt geantwortet? Das hier“, er zeigte auf meine Brust, ungefähr dorthin, wo sich mein Herz befand, „oder das?“ Er stupste mit dem Zeigefinger gegen meine Stirn.
„Ich“, sagte ich.
„Manchmal wollen Herz und Verstand nicht das Gleiche.“
„Bist du jetzt Philosoph?“ Es sollte spöttisch klingen, hörte sich aber eher traurig an. Nicht einmal meine Stimme tat noch das, was ich wollte.
„Ich glaube, bei dir wollen deine Gefühle gerade etwas anderes als dein Kopf. Richtig?“
„Psychologe?“
„Nur, was dich angeht.“ Er lächelte.
Es stimmte, er kannte mich gut. Warum sah er dann nicht, dass ich nicht mit ihm sprechen wollte? Dass ich mich selbst nicht verstand?
Zum wiederholten Mal bereute ich es, hierher gefahren zu sein. Meine Hoffnung, mich in der Gesellschaft meiner Familie besser zu fühlen, hatte sich erschlagen, sobald ich sie gesehen hatte.
„Sprich mit mir!“ Seine Stimme war eindringlich, riss an meinem Herzen, befahl ihm beinahe, sich ihm endlich zu öffnen. Doch irgendetwas hatte sich zwischen ihn und mich geschoben. Immer noch die Wand aus milchigem Glas. Ich konnte nur Schemen dahinter erkennen. Es gab keine Tür. Ich war ausgeschlossen von der Welt, zu der ich geglaubt hatte zu gehören. Berührte mich deshalb Marcs eindringliches Bitten weniger? Freute ich mich deshalb nicht für meine Schwester? Empfand ich deshalb keinen Stolz bei den Worten meiner Mutter?
„Bea!“ Wieder so eindringlich. „Was ist los? Bist du krank? Ist etwas passiert?“
Ich schüttelte stumm den Kopf. Er seufzte.
„Lass mich allein.“
Er war verletzt. Mein Gehirn sah es, aber mein Herz schlug hinter einer Wand und ich konnte mich nicht zu einer Reaktion aufraffen. Ich hasste mich selbst dafür, dass ich nichts empfand.

Er war weg und ich war allein. Ganz allein. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft dazu, mit den Fäusten gegen das milchige Glas zu trommeln. Früher hätte ich es zerschmettert. Mit Feuereifer hätte ich mich daran gemacht, dieses Problem zu lösen. Jetzt war ich ausgebrannt.
Tränen rollten mir übers Gesicht. Ich rollte mich zusammen, machte mich so klein wie möglich, presste mir die Hände aufs Herz, weil es so wehtat. Nichts konnte den Schmerz lindern, den Schmerz der Verzweiflung.
Ich krampfte mich zusammen und beobachtete mich selbst, eingesperrt in ein gläsernes Gefängnis, beim Weinen.
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