Tabuzone

von Jago
KurzgeschichteHumor, Romanze / P12 Slash
12.01.2012
12.01.2012
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A/N:

Dies ist eine Art Vorwarnung (Vorwort + Warnung).
Dieser OS ist etwas sinnfrei, bietet inhaltlich nichts neues, ist eigentlich nur eine ungeplant entstandene Szene, eine Fingerübung, und lässt sich am besten mit folgenden drei Worten beschreiben: kurz, vorhersehbar, überflüssig. Und außerdem ziemlich alt.
Ich weiß nicht, was ich daran finde, aber nachdem ich fast zwei Jahre hindurch überlegt habe, ob ich das Textchen hochladen sollte oder doch lieber nicht, habe ich mich jetzt dafür entschieden. Punkt.
Viel Vergnügen also mit meinem kurzen, vorhersehbaren und überflüssigen OS


Tabuzone

Brad Crawford hatte des öfteren Visionen, die ihn vor Geschehnissen warnten, die ihm ernsthaften Schaden zufügen konnten, wenn er nicht alsbald Abwehrmaßnahmen ergriff.
Das machte ihn zu einem exzellenten Kämpfer. Das machte ihn zu einem gefährlichen Gegner, den man nur schwerlich in die Knie zwingen konnte.
Nun ja, eigentlich war das so ziemlich überhaupt nicht zu schaffen.
Außerdem war er perfekt, vielleicht der einzige zu hundert Prozent perfekte Mensch, der auf diesem Planeten lebte.
Er hielt Ordnung, erledigte seine Arbeit gewissenhaft und an dem Gedanken, sich einem anderen, weniger perfekten Wesen unterzuordnen, hatte er noch nie Gefallen finden können. Die Worte „mein Fehler“ hatte er schon vor Jahren ersatzlos aus seinem Wortschatz gestrichen.
Wie also konnte es sein, dass es trotz all dem noch Lebenssachverhalte gab, die ihn völlig unvorbereitet trafen, vor denen ihn nichts und niemand warnte, und die sich nicht einmal durch die Zurschaustellung ungeschminkter Wut in annehmbare Schranken weisen ließen?
Und wieso musste es immer dieselbe Nervensäge sein, die für diese empfindlichen Störungen seiner natürlichen Ordnung verantwortlich war?
An manchen Tagen trieb es ihn an den Rand des Wahnsinns, und dieser ganz spezielle Donnerstag im schönen Monat Mai gehörte eindeutig zu jener unliebsamen Kategorie.
Er hatte sein Arbeitszimmer kaum betreten, da wusste er auch schon, dass ihm ein Martyrium der besonderen Art bevorstand.
Vorab wäre vielleicht noch anzumerken, dass sein Arbeitszimmer in diesem Haus eben jenen heiligen Raum darstellte, der in einer Kirche ein Altar gewesen wäre. Absolut Tabu. Meistens gestattete er den Zutritt nicht einmal auf Anfrage, und es gab nur einen einzigen hoffnungslosen Idioten, der entweder dumm oder lebensmüde genug war, um eben jene Tabu-Zone konsequent nicht zu respektieren.
Warum warnte ihn seine Gabe an solchen Tagen nicht vor ihm? Er konnte es beim besten Willen nicht verstehen. Schließlich gab es nichts – und er meinte wirklich absolut gar nichts – was ihm auf Dauer mehr Schaden zufügte als Schuldig.
Wie viele Nerven, wie viel kostbare Geduld mochte ihn der Telepath wohl schon gekostet haben? Er wollte sich lieber keine Gedanken darüber machen, denn er fürchtete, dass seine Laune dann schon unrettbar verloren wäre, bevor Schuldig überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Und wenn er erst einmal mit dem Reden anfing, dann wurde es richtig schlimm. Irgendwann würde er ihn doch noch erschießen. Oder eigenhändig erwürgen. Je mehr Eigenleistung, desto besser.
Vorerst jedoch begnügte er sich damit, ihn mit einem leisen, aber nachdrücklichen Räuspern auf sich aufmerksam zu machen und ihm somit gnädig eine letzte Chance zur Flucht zu gewähren. Natürlich war diese Aktion mehr als überflüssig, und das gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen hatte Schuldig ihn selbstredend längst bemerkt und zum anderen lehrte ihn leidvoll die Erfahrung, dass  er an Tagen dieser Art so gar nicht daran dachte, sich seinen Anweisungen zu unterwerfen.
Mit Tagen dieser Art meinte Crawford Tage, an denen der Telepath ebenso unterbeschäftigt wie übermotiviert war, kurz: Tage, an denen er drauf und dran war, in Langeweile zu ertrinken. Hoffentlich, so dachte er, würde er das irgendwann tatsächlich tun...
„Ich warne dich, Schuldig“, zischte er ungnädig, während er sich zielstrebig auf seinen perfekt organisierten Arbeitsplatz zubewegte und etwas unsanft die Lehne des Schreibtischstuhls packte, auf dem es sich der Telepath gemütlich gemacht hatte, um ihn mit einem Ruck zu sich herumzudrehen und ihn böse anzufunkeln. Wie üblich ohne nennenswerten Effekt. „Du hast genau zehn Sekunden Zeit, um zu verschwinden.“
Crawford war bewusst, dass er auch gut darauf hätte verzichten können, ihm eine Gnadenfrist zu gewähren. Sein rothaariger Alptraum blendete den drohenden Unterton vollkommen aus und grinste so breit, als hätte er ihm soeben erklärt, dass er ein paar viele Millionen Sonstwas im Lotto gewonnen hatte.
„Guten Morgen, Braddylein“, flötete er so süßlich und gut gelaunt, dass Crawford sich ernsthaft fragte, warum er nicht einfach dem Drang nachgab, ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln. „Du bist heute aber spät dran. Ich hab' dich schon sehnsüchtig erwartet.“
„Und ich habe erwartet, dass du genug Verstand beweist, dich hier nicht blicken zu lassen!“, gab er schroff zurück.
Schuldig bemühte sich ehrlich, so auszusehen, als hätten ihn seine Worte tief getroffen. Selbstverständlich scheiterte er kläglich. Ein Grund für Crawford, ihm ausnahmsweise einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt zu erlauben, damit er einsehen konnte, dass er im Augenblick ernstzunehmende Mordabsichten hegte.
/Noch drei Sekunden und du bist tot/
Der Telepath stufte sein penetrantes Grinsen zu einem amüsierten Lächeln herab, machte aber keinerlei Anstalten, sich von dem Platz zu erheben, der im Grunde einzig und allein ihm zugestanden hätte.
/Drei, zwei, eins.../
/Null!/, ergänzte Schuldig fröhlich und musterte ihn erwartungsvoll.
Crawford seufzte. Wieder einmal ließ er die Chance, dieser Nervensäge eine ordentliche Ladung nonverbaler Kommunikation zu verpassen, die nicht mehr so einfach wegzudiskutieren war, ungenutzt verstreichen. Wie immer. Was hatte dieser Kerl nur aus ihm gemacht? Wenn er so weitermachte, konnte er seine Autorität bald eigenhändig im Garten begraben und der ewigen Ruhe übergeben. Höchste Zeit, dass er sich in den Griff bekam und Schuldig endlich einmal in seine Schranken verwies. Andernfalls würde es wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ihm auch der Rest des Teams schamlos auf der Nase herumtanzte. Alles was recht war – das hätte ihm gerade noch gefehlt.
/Seltsam. Tot fühlt sich so gar nicht anders an als lebendig/, bemerkte Schuldig süffisant.
Crawford verbannte ihn sogleich aus seinem Kopf. Musste dieser Idiot denn unbedingt auf seiner einzigen großen Schwäche herumreiten? Konnte er sich denn nicht einfach stillschweigend darüber freuen, dass er noch atmete, obwohl er Tag für Tag sein Bestes gab, ihn bis zur Weißglut zu reizen? Wahrscheinlich verstand er einfach nicht, wie sehr Crawford ihn tatsächlich privilegierte.
„Also gut, Schuldig“, lenkte er äußerst zuvorkommend ein. „Ich sage es noch ein Mal, aber das ist dann wirklich ein Ultimatum: Hau' ab und lass' mich arbeiten!“
Der Telepath stützte gespielt nachdenklich das Kinn auf die Hand. „Was für ein Interesse hätte ich wohl daran?“, sinnierte er, und die Worte schienen mehr an ihn selbst gerichtet, als an sein Gegenüber.
Keine Frage, die in irgendeiner Form schwer zu beantworten gewesen wäre.
„Wie wäre es mit einem ganz eigennützigen Interesse an körperlicher und seelischer Unversehrtheit?“, schlug Crawford hilfsbereit vor, aber es sah ganz so aus, als würde Schuldig sich nicht helfen lassen wollen.
„Körperliche und seelische Unversehrtheit, hm?“ Er ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. „Gehört das nicht zu diesen schrecklichen Phrasen, die – nun ja – irgendwie Definitionssache sind?“ Er streckte eine Hand nach Crawford aus, um ihm frech in die Wange zu kneifen.
„Braddy, es gibt Dinge, die sind einfach zu tabu, um nicht gut zu sein“, erklärte er. Und damit meinte er nicht das Arbeitszimmer. Nicht in erster Linie.
Allerdings war jetzt das Ultimatum abgelaufen und das hatte zur Folge, dass Schuldig sich im Nacken gepackt und auf eine, aus diesem Blickwinkel doch recht harte, Schreibtischplatte geschmettert fühlen durfte. Sein rechtes Ohr kribbelte und er vermutete stark, dass mindestens eine Büroklammer an seinem Ohrläppchen klemmte, denn er hatte unterwegs den Postausgang gestreift.
„Schuldig!“
Es war Schuldig nicht möglich, nicht zu lachen, wenn Crawford versuchte, wütend zu sein, obwohl es seinem gegenwärtigen Gemütszustand vollkommen widersprach, auch wenn er sich im Moment ein wenig schwer mit dem Atmen tat, da Crawfords Finger gegen die Seiten seines Halses drücken wie Eisenringe.
Er wusste schon, warum er nie Krawatten trug. Die Dinger schnürten einem die Luft ab wie kleine, bunte Würgeschlangen aus Seide.
Crawfords Finger gaben zwar keine besonders gute Krawatte ab, würgten jedoch noch ein kleines bisschen besser, und folglich war der Vergleich berechtigt. Dass manche Leute aber auch immer gleich ausrasten mussten, wenn sie sich nicht anders zu helfen wussten...
Es amüsierte Schuldig über alle Maßen, zu wissen, dass er Crawford endlich hatte. Er hatte ihn besiegt, gestern Abend, kurz nach Sieben, und es machte so unglaublich viel Spaß, diesen Sieg auszukosten, auch, wenn es gerade ein bisschen weh tat. Aber was war schon körperlicher Schmerz gegen den größten mentalen Triumph, den er Zeit seines Lebens einfahren würde?
Crawford musste einsehen, dass er aus dieser Sache nicht mehr rauskam, dass er nicht mehr zu retten war und dass sich Dinge, die er einmal hatte geschehen lassen, nicht mehr rückgängig machen ließen.
Das schönste an der ganzen Sache war sowieso, dass in Crawfords Leben nichts einfach nur so passierte, weil es eben passierte, nein, alles in Crawfords Leben konnte nur passieren, wenn er es zuließ. Er war besser darin, seine eigenen Orakel zu deuten und notfalls Unannehmlichkeiten abzuwenden, als die antiken Griechen, und die hatten auch eine Menge Übung gehabt.
Ja, der Triumph war vollkommen. Und er schmeckte so süß. Selbst mit Büroklammern am Ohr.
Deshalb, genau deshalb konnte Schuldig nicht aufhören zu lachen, auch wenn es alles andere als leicht war.
Und Crawford konnte nicht aufhören, sich darüber zu ärgern, dass er ausgelacht wurde, und das auch noch mit gutem Grund, und am allerschlimmsten war, dass er Schuldig nicht zum aufhören zwingen konnte, ohne ihn zu erwürgen. Jedenfalls zeigte es kaum einen Effekt, wenn er ein wenig fester zudrückte und deshalb ließ er ihn schweren Herzens wieder los. Er konnte nicht hoffen, seinen Standpunkt vermittelt zu haben.
Er konnte auch nicht hoffen, an diesem Tag noch Gelegenheit zu bekommen in Ruhe zu arbeiten, und wenn, dann nicht vor dem späten Nachmittag.
Schuldig war ein Ärgernis auf zwei Beinen. Warum, warum nur hatte ihn seine Gabe nicht vor diesem ... Subjekt gewarnt? Am besten noch bevor er angefangen hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten. Korrektur: Zu versuchen, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Mit der typischen, Übersprungshandlungen eigenen, verzweifelten Eleganz strich er seinen Anzug glatt und rückte seine teure Krawatte zurecht, während Schuldig noch immer lachend und hustend absolut unelegant vom Stuhl rutschte und ein paar Schriftstücke mit sich riss, die er ganz bestimmt nicht wieder aufheben würde. Es brauchte kein Orakel, das vorherzusagen.
Etwas zu halbherzig, um tatsächlich die gewünschte demonstrative Wirkung zu erzielen, die ohnehin nicht von Erfolg gekrönt gewesen wäre, schnappte Crawford sich seinen Chefsessel, klappte seinen Laptop auf und tat so, als würde er arbeiten. Vielleicht war Schuldig klug genug, zur Türe zu kriechen und ihn verdammt nochmal endlich in Ruhe zu lassen.
Nein, war er selbstverständlich nicht, dachte Crawford resigniert, als sein Telepath sich an der Tischplatte wieder auf die Beine zog, dabei noch ein paar weitere wichtige Briefe entsorgte, und erst einmal nach Atem rang. Seine erste Amtshandlung nach seiner vollständigen Genesung bestand schließlich darin, weiterzulachen.
Und gerade, als Crawford die Hand nach der obersten Schreibtischschubade ausstreckte, in der die obligatorische Schusswaffe auf ihren Einsatz wartete, weil er ja so entschlossen war, Schuldigs Leben und seinem eigenen Elend ein für alle Mal ein Ende zu setzen, kam der Teil von Schuldigs Persönlichkeit zum Tragen, der sein Alias rechtfertigte: Er verstand endlich, wie kritisch seine Lage war und tat das einzige, was ihm jetzt noch helfen konnte, die Situation zu entschärfen, nämlich Crawford an seiner schönen, schweineteuren Krawatte zu packen, bevor seine Hand die verhängnisvolle Schublade erreichen konnte, und ihn so weit über den Tisch zu ziehen, bis er nahe genug war, um anständig um den Verstand geküsst zu werden.
Crawford war so verloren.
Und so froh, dass ihn davor niemand gewarnt hatte.

~fin~
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