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Irgendwo nach Toulouse

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama / P12 / Gen
11.01.2012
11.01.2012
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1.332
 
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Irgendwo nach Toulouse

Heute war wirklich der „beste“ Tag in ihrem Leben.
Eigentlich war ja nichts geschehen. Wenn nichts hieß, dass man fast das Jahr (und das wieder nur wegen Französisch, verdammt!) nicht bestand, die Eltern einen nicht mehr verstanden und sowie alles schief lief.

Ihre Mutter war ein wirklich herzensguter Mensch, den man einfach gerne haben musste. Und Mia hatte ihre Mutter eigentlich auch wirklich gerne. Ihr einziges Problem war, dass sie glaubte, immer zu wissen, was das Beste für sie war und praktisch ihr ganzes Leben für sie vorher geplant hatte.

Irgendwann nervte dies Mia so, dass sie begann, nicht mehr auf ihre Mutter zu hören. Seit dem hatte sich ihr Verhältnis leider nur noch verschlechtert, aber Mia sah darin die einzige Möglichkeit ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte.
Sie war kein Bisschen mehr so, wie ihre Eltern sie gern gehabt hätten und sie hatte nur noch das Gefühl, dass sie nicht mehr zu dieser Familie gehörte. Und das dies nicht mehr ihr Leben war, kein Leben mehr das zu ihr passte.

Und irgendwie war dies der Grund, warum sie heute in diesem Zug saß. Sie wusste noch nicht einmal genau, wohin dieser fuhr, was wohl wahnsinnig war, wenn man beachtete, wie viel sie die Fahrkarte gekostet hatte. Der Zug fuhr nach Frankreich, irgendwo nach Toulouse. Ihre Eltern wären sicher nicht stolz auf sie – aber wann waren sie dies schon? Vermutlich war es dumm, in diesem Zug zu sitzen, sie mochte Frankreich noch nicht einmal. Sie konnte auch kein Französisch. Je m'appelle Mia.  Wie weit sie damit wohl kommen würde?

Fast wünschte sie sich wieder auf dem Bahnhof in Berlin zu stehen und sich dagegen zu entscheiden in diesen Zug zu steigen. Aber letztendlich hätte sich ihr Leben damit nicht geändert. Und sie wusste, dass sie diese Veränderung ganz dringend brauchte. Alles, was sie wollte, war, sich für einen Moment lebendig, schwerelos zu fühlen. Also egal, wohin dieser Zug fuhr, Hauptsache weit weg von ihren Eltern und weit weg von ihrem alten Leben.

Manchmal hatte sie das Gefühl, man bekam im Leben eine Rolle zugeschrieben, und wenn man einmal gegen diese handelte, weil man sie einfach satthatte, konnte das niemand verstehen. Sie war nicht mehr die, die sie noch vor zwei Monaten gewesen war und es war nicht mehr ihr Leben. Es passte einfach nicht mehr zu ihr. Der Zug fuhr weiter und immer weiter, während die Landschaft an ihr vorbeizog. Sie wusste noch immer nicht, wo sie war und wo sie landen würde. Irgendwo in Toulouse.  Aber besser als dort, wo sie herkam, würde es sein. Das war alles, was sie wusste.

Sie sah sich in ihrem Abteil um, in welchem sie ganz allein saß. Es war Platz für vier Leute und ihr Gepäck. Irgendwie wirkte dieser Raum nur mit ihr und ihrer kleinen Reisetasche, die sie in nur in einer halben Stunde gepackt hatte, seltsam groß, einsam und leer. Sie hatte auch nicht gerade viel Essen dabei. Was hieß Nudeln mit Tomatensoße auf Französisch? Sie wusste es nicht. Daraufhin zog sie ein kleines Französischwörterbuch aus ihrer Tasche. Wenigstens daran hatte sie gedacht. Sie war schon immer schlecht in dieser Sprache gewesen. Das lag vermutlich auch daran, dass sie nie dafür lernte. Sie mochte Frankreich nicht, doch der Zug rollte weiter, unaufhaltsam, irgendwo nach Toulouse.

Kurz daraufhin betrat eine junge Mutter das Abteil, mit ihrer Tochter an der Hand, diese war höchstens vier. „Hallo“, murmelte Mia, um dann wieder aus dem Fenster zu starren. Sie fragte sich, ob ihre Mutter sich Sorgen machte. Sie hatte gesagt, dass sie gehen würde, weil sie es hier nicht mehr länger aushielte und ihre Mutter lies sie ziehen

Die junge Mutter wandte sich zu ihr um sich mit ihr zu unterhalten. “Du willst also auch nach Frankreich?“  Mia zögerte, da sie wusste, dass Erwachsene meist  nicht allzu viel davon hielten, wenn man keine klaren Vorstellungen von seinem Reiseziel hatte. „Ich weiß noch nicht. Nach Toulouse, vielleicht. Aber ich kann nicht grade sehr gut Französisch.“

Ja, mit den drei Vokabeln, die sie beherrschte, würde sie sicher sehr weit kommen. Die Mutter ihr gegenüber lächelte. „Von Zuhause abgehauen?“, fragte sie. „Das kenn ich. Dies tat ich damals auch, ich ging nach Spanien, obwohl ich kaum drei Sätze auf Spanisch sagen konnte. Ich bereue es nicht, aber ich würde heute dennoch nicht noch einmal tun. Denn in einem anderen Land zu leben, ohne überhaupt zu wissen, was du willst, ist nicht einfach.“

Mia sah wieder nachdenklich aus dem Fenster, als der Zug weiter fuhr, immer weiter.
Irgendwo nach Toulouse.  
“Ich will dich nicht aufhalten, auch wenn ich vermute, dass du nach kurzer Zeit zurückkommen wirst, weil du keinen Job findest, du die Sprache nicht verstehst, und alles auf einmal so viel schwieriger ist als vorher. Es mag einem nicht immer so vorkommen, aber auch Eltern haben teilweise ein schwieriges Leben. Sie müssen sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen, als denen, die du bisher kennst.“

Mia wendete den Kopf ab und starrte weiterhin konzentriert aus dem Fenster. Sie wollte  all dies  nicht hören. Möglichst unauffällig dreht sie ihre Musik noch etwas lauter.
Natürlich war ihr klar, dass ihr Leben so nicht einfacher werden würde, aber sie hätte es einfach keine fünf Minuten mehr in der Wohnung ihrer Eltern ausgehalten. Sie hatte so schnell, wie sie konnte, die wenigen Sachen, die ihr wirklich etwas bedeuteten zusammengepackt und war aus der Tür gestürmt. Ihre Mutter folgte ihr bis zur Tür und fragte sie, wohin sie wollte. „Weg. Einfach nur weg.“ entgegnete sie.

Eigentlich dachte sie erst nur darüber nach für ein paar Tage bei einer Freundin zu übernachten, entschied sich dann jedoch anders, als sie auf dem eiskalten Bahnhof stand. Sie brauchte etwas Freiraum, einen neuen Anfang und deshalb wollte sie weg. Deshalb war sie letztendlich in diesen Zug eingestiegen.

Die junge Mutter betrachte sie immer noch und langsam begann dies Mia zu nerven. „Ich komme schon klar.“, sagte sie zu ihr und wusste in eben jenem Augenblick bereits, dass dies eine Lüge war. Diese entgegnete nichts, so lehnte sie sich für den Rest der Fahrt gegen das Fenster und schloss die Augen.

Der Zug rollte weiter, als sie auf ihr Handy blickte. Fast hoffte sie, es wäre ihre Mutter, die sich doch noch bei ihr melden wollte, weil sie sich um sie sorgte, aber es war nur eine Freundin. Nun ja, ihre beste Freundin. Sie zögerte, bevor sie den Anruf wegdrückte. Vermutlich wusste sie bereits von ihrer Mutter, was passiert war. Aber sie wollte jetzt von niemandem hören, dass sie zurückkommen sollte.

Um sich abzulenken, zog Mia ihr Vokabelheft für Latein  heraus und versuchte diese zu lernen. Im nächsten Augenblick fragte sie sich jedoch gleich, wozu sie dies tat. Sie würde hier wohl kaum noch eine Schule besuchen, also hatte es keinen Sinn die Vokabeln zu lernen. Genervt packte sie diese wieder weg und griff nach einem englischen Buch. Sie hasste sich dafür, dass sie ausgerechnet nach Frankreich abhauen musste. Ein englischsprachiges Land wäre definitiv einfacher gewesen.

Sie hörte die Ansage im Zug, die verkündete, dass sie in 20 Minuten am Ziel sein würden. Sie hätte nicht gedacht, dass bereits so viel Zeit und Weg hinter ihr lagen. Es fühlte sich irgendwie so an als wäre sie noch immer in Deutschland.

Langsam begann sie ihre Sachen zusammen zu packen. Sie hatte sich noch gar nicht überlegt, was sie als Erstes tun wollte, wenn sie schließlich angekommen wäre. Vermutlich wäre es das Beste sich erst einmal einen Schlafplatz zu suchen. Wie das schon klang. Noch nie hatte sie sich bisher Sorgen darüber machen müssen, wo sie schlafen würde. Und jetzt war sie selbst schuld daran. Trotz allem fühlte sie sich freier als jemals zuvor in ihrem Leben.

Der Zug wurde immer langsamer. Als die Ansage ertönte, die, die Fahrgäste dazu aufforderte auszusteigen zog sie langsam ihren Koffer hoch und hinter sich her. Lächelnd stieg sie aus und sah zum ersten Mal Frankreich. Ihr neues Zuhause. Ihr neues Leben. Irgendwo in Toulouse.
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