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Sylvesterreise

von writegirl
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
Ben Kessler Katja Metz
28.12.2011
10.01.2012
10
8.634
 
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28.12.2011 877
 
„Last Christmas, I gave you my heart!“
Entnervt drückte Katja den Schalter des Radios und das Lied verstummte.
Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dieser Ohrwurm, den die Radiosender seit Beginn der Adventszeit rauf und runter dudelten.

Eine Stille umgab sie nun, im Aufenthaltsraum des 14. Reviers. Nur gedämpft hörte sie die Geräusche aus dem Wachraum, den sie vor ungefähr einer Viertelstunde verlassen hatte, um in den wohlverdienten Feierabend zu gehen. Warum sie jetzt immer noch hier war, konnte sie sich selbst nicht erklären.

Draußen sah sie erleuchtete Fenster, dekoriert mit Lichterketten und Kerzen.
Das Fest der Liebe, Weihnachten, warf seine Schatten voraus.
Sie stützte sich auf der Fensterbank ab und starrte auf die Straße. Vereinzelt eilten Leute vorbei, bepackt mit Paketen.
Ihr Dienst war für heute beendet. Sie seufzte tief. Obwohl es seit gestern schneite, kam keine richtige Weihnachtsstimmung in ihr auf.
Früher, da hatte sie darauf gefiebert, dass endlich Weihnachten war und konnte kaum erwarten, dass es losging. Und heute?
Sie würde zu ihrer Mutter fahren, gemeinsam mit ihr den Heiligen Abend verbringen. Am 1. Feiertag fuhr ihre Mutter zu ihrer Schwester ins Westfälische. Eigentlich wollte Katja mitfahren, für ein paar Tage, aber dann hatte ihr der Dienstplan einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wenn sie ehrlich, war sie auch nicht unbedingt böse darum. Sie mochte ihre Familie, aber irgendwie war da alles anders. Und diese Fragen. Na, gibt es denn keinen jungen Mann? Und der Beruf macht dir wirklich Spaß? Nein, danke, darauf konnte sie verzichten.


Am ersten Feiertag würde sie arbeiten und ab dem zweiten Feiertag hatte sie frei bis 2. Januar. Sie würde spazieren gehen und dann zu Hause, in Wollsocken und Pyjama sich mit Pralinen und anderen ungesunden Sachen vollstopfen, Fernsehen schauen und.
Und, ja was und? War das der Sinn der freien Tage? Essen, Glotze und Pyjama?
Sie seufzte wieder laut auf.

„Was ist denn mit dir los?“
Harrys Stimme erschreckte sie und sie drehte sich um. Ihre Kollegin stand in der offenen Tür und war allem Anschein nach verblüfft, Katja noch anzutreffen.
Harry schloss die Tür und trat zu ihr ans Fenster.
„Schaust du dir auch die Lichter an? Manche Fenster sind ja ganz schön, aber es gibt welche, da müssen die Bewohner echt an Geschmacksverirrung leiden.“
Katja nickte nur.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte Harry vorsichtig, die merkte, dass ihre Kollegin nicht so sehr gesprächig war.
„Nein, nur erschöpft!“
Das stimmte nicht. Sie war nicht erschöpft. Zwar schon irgendwie leer, aber das kam nicht von der Arbeit. Aber was sollte sie Harry sagen. Sie wusste ja selbst nicht so genau, was mit ihr los war.
„Sollen wir noch was Trinken gehen?“, schlug Harry leise vor.
Katja lächelte.
„Nee lass mal, ich wollte noch ein kleines Geschenk für meine Mama besorgen!“
„Oh, verstehe.“
Jetzt schwiegen beide und sahen auf die Straße. Der Schneefall hatte zugenommen und die vorbeihastenden Passanten mussten vorsichtig gehen.
„Ich glaube, ich verschiebe den Einkauf doch besser auf morgen!“
„Könnte besser sein, bei dem Wetter sollte man schnellstens nach Hause, bevor man irgendwo feststeckt oder hinfällt und sich das Bein bricht!“, meinte Harry.

„Aber irgendwas hast du doch?“ Harry ließ nicht locker. Mit der Teetasse in der Hand sie sie Katja zu, die gerade ihre Stiefel anzog..
Katja, sah zu Harry hoch.
„Nein!“ Ihr Nein klang heftiger als beabsichtigt. Konnte sie denn jetzt mal nicht einfach ihre Ruhe haben?
Harry setzte sich ihr gegenüber.
„Jetzt mach bloß nicht einen auf Psychotante!“, entfuhr es Katja, die Harrys Blick zu deuten wusste.
„Nee, aber du gefällst mir nicht!“
„Harry, ich brauche wohl einfach mal Ruhe. Meine Wohnung sieht total chaotisch aus, ich habe seit Wochen nicht mehr aufgeräumt, Steuerkram liegt rum!“
„Das ist es nicht!“ Harry sprach so, dass Katja nichts erwidern konnte.
„Ist es ein Mann?“, fragte Harry vorsichtig.
„Nein!“ Jetzt war es fast an Katja zu lachen. So ein abstruse Idee.
„Dann bist du doch urlaubsreif!“
„Wars das jetzt, Mama?“
„Ich meine!“
„es doch nur gut!“, beendete Katja Harrys Satz und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Vielen Dank Harry, aber ich muss jetzt einfach in meinen wohlverdienten Feierabend!“
Sie stand auf und zog sich die Jacke an.
„Weißt du schon, was du an Sylvester machst?“
„Sylvester?“
Sylvester, den absolut fürchterlichsten Tag des Jahres für Katja. Es gab nichts Schlimmeres für sie als am 31.12 kurz vor Mitternacht nach einem Abend, der hoffentlich erst um 21.00 Uhr begann, damit die Gesprächsthemen nicht ausgingen, mit lauter Leuten anzustoßen, sich ein gutes neues Jahr zu wünschen, um dann gegen spätestens 1. 00 Uhr ins Bett zu sinken. Und wenn dann noch lauter glücklich verliebte Pärchen anwesend waren, gab es ihr vollends den Rest.

„Was machst du an Sylvester?“, wiederholte Harry ihre Frage.
Harry ließ aber auch nicht locker. Jetzt stand doch erst einmal Weihnachten vor der Tür.
„Mensch, jetzt ist erst mal Weihnachten. Keine Ahnung.“
„ Ich wollte dich sonst fragen, ob du Lust hast, mit uns zu feiern. Sind auch ein paar nette Kerle dabei?“
„Danke, kein Bedarf!“,antwortete Katja schnell.
Der abweisende Tonfall  entging Harry nicht, aber sie konnte nichts mehr erwidern, denn Katja stand fertig angezogen vor ihr.
„So, ich packs jetzt mal! Schönen Abend noch Harry!“
Und flugs war sie verschwunden, bevor sie mit weiteren Fragen genervt werden würde.
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