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Anders, als man denkt

von Miuu
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Drake Jamie Jay "JJ" Adams
24.12.2011
29.12.2011
2
3.765
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24.12.2011 2.060
 
Anders, als man denkt

2. New Year’s Eve


Vor seinen Fenstern war die Sonne bereits vor einiger Zeit untergegangen. Aber es konnte keine Rede davon sein, dass die Straßen vor dem Haus nun in ruhiger Dunkelheit dalagen. Im Gegenteil – alle paar Minuten durchstach das Zischen und Heulen eines einzelnen Böllers die Geräuschkulisse der Nacht, das Kreischen einer verfrühten Rakete, das Johlen der Halbstarken, die sie gezündet hatten.
JJ schnaubte verächtlich.
Es war wie jedes Jahr. Bereits seit dem frühen Nachmittag wurden von irgendwelchen Spaßvögeln Knaller gezündet, die sich schelmisch über den Krach amüsierten.
Er hatte an sich nichts gegen die Knallerei zu Mitternacht, erst recht nichts gegen das Feuerwerk. Sicher, es war laut, es stank, und wenn man sich zufällig gerade außerhalb eines Gebäudes befand, konnte das Atmen während der ersten Minuten nach Null Uhr ein wenig schwierig werden. Aber das gehörte eben dazu, und er war wohl der letzte Mensch auf dieser Welt, der so einen Anlass ruhig und beschaulich begehen wollte. Nur das Knallen vorher, bereits einige Stunde vor Mitternacht, das nervte ihn.
Vielleicht nervte es ihn aber auch nur, weil ihn an diesem Abend einfach alles nervte, weil ihn der Abend an sich nervte und weil er von seiner eigenen Genervtheit, nun – genervt war.
Etwas trostlos wirkte die Wohnung um ihn herum, in der er allein mit dem flimmernden Fernsehbild war. Aber er fühlte sich nicht einsam, und er hatte es ja nicht anders gewollt.
„Denk dran, JJ, heute Abend ist Party mit ein paar Jungs vom 27. Revier. Wird sicher nett, die anderen mal wieder zu sehen.“
„Ich werd’ nicht kommen. Keine Lust.“
„Ach, komm schon, stell dich nicht so an! Es werden alle da sein!“
Genau, es würden alle da sein. Ted und Drake und der Boss. Und Dee. Und Ryō.
Er konnte gut und gerne darauf verzichten, das Liebesglück auch noch an diesem letzten Abend im Jahr um sich herum zu haben. Wirklich, er gönnte ihnen ja alles Gute, aber er wollte ihnen dabei nicht zusehen.
Und das hatte nichts mit Trotz zu tun.
Jedenfalls hatte er sich dazu entschlossen, nicht an dieser Party teilzunehmen. Wozu auch. Er konnte genauso gut zu Hause hocken, er hatte hier alles, was er brauchte, und wenn er sich ganz verrückt und kreativ fühlte, würde er einfach früh zu Bett gehen und das neue Jahr verschlafen.
JJ verzog das Gesicht bei diesen Gedanken, die so überhaupt nicht zu ihm passten, und seine Miesepetrigkeit ging ihm selbst auf den Geist.
Er hätte doch auch einfach auf irgendeine andere x-beliebige Party in dieser Stadt gehen können. An Möglichkeiten mangelte es da wohl kaum. Aber nein, er hatte sich ja dazu entschließen müssen, zuhause zu bleiben und zu schmollen.
Aha.
Da gab er es also zu.
Er schmollte also doch.
Und so grundlos.
Seufzend erhob JJ sich von dem Platz auf seiner Couch und schaltete den Fernseher ab, von dem er sowieso nicht sagen konnte, was für ein Programm er gezeigt hatte.
Es war doch kindisch, den geselligsten und vielversprechendsten Abend des Jahres nur aus Trotz heraus auf solch eine Weise zu verbringen.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es noch nicht zu spät für eine Planänderung war.

Seine Miene hellte sich schlagartig auf, als er das Treppenhaus betrat, das zu dem Raum führte, den man für die Party heute Abend organisiert hatte. Das Blechern der Musik, Stimmen angeregter Gespräche und vergnügtes Lachen schallten durch das ganze Haus, und was für den normalen Beobachter nur wie ein Haufen lärmender Feiernder klang, war für ihn die Welt, in der er sich mehr zuhause fühlte als allein in einer leeren Wohnung.
Es dauerte keine Minute, bis die ersten Kollegen sein Erscheinen bemerkt hatten und ihn sogleich fröhlich in ihre Mitte nahmen.
Und es dauerte keine weiteren fünf Minuten, bis er Dee und Ryō entdeckt hatte.
Er atmete einmal kurz durch, bevor sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit machte.
„Dee!!“ Kaum eine Sekunde später hatte er sich auf den Mann gestürzt, ihn fast mit sich zu Boden gerissen und klammerte sich in altbekannter Manier nun an ihn, während er genüsslich seine Wange an der von Dee rieb.
„JJ! Verdammt, was machst du hier?! Hast du nicht gesagt, du willst nicht kommen?“ Mit einer Mischung aus Schock, Überraschung und Panik versuchte er, das glückliche Bündel von sich zu reißen.
„Hast du mich vermisst, ja, Dee?“
„Nein, du Idiot! Ich habe dich keine einzige Minute vermisst, und nun runter von mir!“ Ryō stand für einen Augenblick etwas ratlos daneben, musste dann aber lachen und entschied, dass er sich in diesen Kampf nicht einmischen würde und dass die beiden das besser unter sich ausmachten.
„Ach, komm schon, Dee! Du könntest wenigstens heute etwas netter zu mir sein!“ Mit einem breiten Grinsen schlang er seine Arme um Dees Hals, schmiegte sich dichter an den Schwarzhaarigen und für einen Moment hatte er vor, ihn zu küssen, auch wenn ihm das wahrscheinlich einen heftigen Hieb eingebracht hätte. Aber nein, man küsste keine Männer in festen Händen, und so lockerte er seinen Griff, sodass Dee sich nun endlich wieder befreien konnte. Einen Hieb brachte es ihm trotzdem ein, aber JJ konnte sich einbilden, dass er sanfter ausgefallen war, als es bei einer anderen Entscheidung der Fall gewesen wäre.
„Trottel …“
„Schön, dass du doch noch gekommen bist, JJ. Was hat deine Meinung geändert?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Nichts Besonderes. Zuhause war’s langweilig.“
„Und da dachtest du, ruinier ich doch Dee und Ryō ein bisschen den Abend! Echt, es ist immer das gleiche – wenn nicht gerade Bikky dabei ist, uns zu stören, dann tauchst du plötzlich auf! Hast du keine anderen Hobbys?“
„Entschuldige. Ich lass euch ja schon in Ruhe.“ Er lächelte, hob die Hand kurz zum Gruß und ließ die beiden dann stehen.
Es war schwer zu sagen, wer von ihnen ihm verwirrter hinterher sah.
„Ok, das war gruselig … Meinst du, ich war vielleicht doch ’ne Spur zu hart mit ihm?“
„Ich weiß nicht … vielleicht sieht er’s auch einfach endlich ein.“
„Dass du mich abgöttisch liebst und niemals irgendetwas zwischen uns stehen wird?“
„Dee …“
„Na was denn?!“

Er trat auf einen kleinen Balkon, dessen Türen wohl geöffnet worden waren, um dem stickigen Raum wieder zu einem gewissen Grad an Frischluft zu verhelfen. Nach wie vor ging mal hier, mal da ein Böller hoch, auch wenn es im Gegröle des Radios, das die Partyhits der letzten dreißig Jahre trällerte, zumeist unterging.
Vielleicht hätte er sich unglücklich fühlen müssen, aber er tat es nicht, und wahrscheinlich war darüber niemand so verwundert wie er selbst. Er ertappte sich sogar dabei, dass er noch immer lächelte. Ja, vielleicht war er wirklich darüber hinweg. Vielleicht war es wirklich nur noch die Gewohnheit, die ihn jedes Mal dazu verleitete, Dee an den Hals zu springen und ihn mit Liebesbekundungen zu überschütten, vielleicht war es einfach eine Art Ritual zwischen ihnen, das er nur aufgrund von Gewohnheiten nicht ablegen konnte.
„Das ist doch mal ungewöhnlich.“ Er wandte sich um, und das Lächeln wurde ein wenig breiter, als er Drake erblickte.
„Was?“
„Dass du dich so schnell geschlagen und deinen Dee hergibst.“ Er stellte sich neben den anderen Mann an das Balkongeländer, eine Flasche Bier in der Hand, und ließ seinen Blick auf die Häuserlandschaft vor ihm gleiten.
„Ach, weißt du …“ Auch JJ richtete seinen Blick nun in die Nacht. „Ich glaube, dass ich in letzter Zeit so niedergeschlagen war, lag gar nicht nur an Dee. Oder vielleicht sogar überhaupt nicht. Ich denke, viel mehr, als dass ich wirklich ihn haben will, bin ich einfach nur … neidisch auf die zwei. Ich hätte … einfach auch gern mal wieder jemanden. … Das klingt ziemlich verzweifelt und blöd, oder?“
„Aber nachvollziehbar. Das macht der Dezember.“
„Ja, ich glaub auch, sowie Weihnachten und Neujahr und das alles vorbei sind, hab ich mich auch wieder gefangen.“
„’Ne Ex von mir hat’s mal gebracht, sich eine Woche vor Weihnachten von mir zu trennen. Das war ein tolles Fest.“
„Echt?“ Er lachte leise. „Wir haben wirklich kein Talent für solche Dinge.“
„Darum hab ich ja gesagt, wir sollten uns einfach nur noch auf die Arbeit konzentrieren und Frauen, oder von mir aus Männer, einfach vergessen.“
„Und hat’s geklappt?“
Ein Grinsen legte sich auf seine Lippen.
„Nein, natürlich nicht. Weil wir zwei unverbesserliche Volldeppen sind. Wir werden’s wohl nie lernen.“
Für eine Weile standen sie schweigend, der Partylärm hinter ihnen und das Böllergeknalle vor ihnen jedoch zu laut, um es als stillen Moment bezeichnen zu können.
Dann ließ Drake den Blick zu seiner Armbanduhr wandern.
„Wollen wir wieder reingehen? Es ist bald soweit.“
JJ nickte und folgte ihm.

„5!“
„4!“
„3!“
„2!“
„1!“
Was für Glückwünsche auch immer danach ausgesprochen worden waren, sie gingen im allgemeinen Getöse, im Gejohle und im Neujahrslärm unter. Am New Yorker Nachthimmel präsentierte sich spektakulär wie jedes Jahr ein gigantisches Feuerwerk, aus dem Radio drangen die vertrauten Klänge von Auld Lang Syne.
Und hier und da lag man sich in den Armen und tauschte den Neujahrskuss aus. Dee und Ryō, natürlich, aber sogar der sonst so steife Berkeley hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Diana in einem erstaunlich innigen Kuss gefangen zu nehmen.
JJ wandte den Blick ab.
„Küss mich, wenn du willst.“
Und richtete ihn augenblicklich auf Drake, von dem diese Worte gekommen waren.
„Bitte?“
„Du kannst mich küssen, wenn du willst. Ist besser, als niemanden, oder?“
Er war sich nicht sicher, ob er dieses ominöse Angebot verwirrend oder einfach nur verwirrt finden sollte.
„Drake, das ist ’ne Nummer größer als Kekse essen.“
„Sagt man nicht, dass einem ein einsames Jahr bevorsteht, wenn man niemanden für den Neujahrskuss hat? Und einsame Jahre hatten wir jetzt wirklich genug. Außerdem ist es ja nicht so, als wär’s das erste Mal …“
„Ja, aber beim ersten Mal warst du alles andere als begeistert.“ Er wunderte sich, dass JJ das damals in seinem überschwänglichen Eifer überhaupt mitbekommen hatte.
„Da hast du mich aber auch überrumpelt, und jetzt hab ich’s dir angeboten – JJ, wenn du noch länger wartest, ist es eh zu spät.“
Er küsste ihn.
Für einen Moment war Drake dann doch überrascht, dass so plötzlich keine Widerworte mehr gekommen waren, und für einen weiteren breitete sich ein gewisses Unbehagen in ihm aus, aber er schob diesen Gedanken sogleich wieder von sich und ließ es geschehen.
Eigentlich hatte JJ geglaubt, es würde ein kurzer, flüchtiger Kuss werden, eine einfache Geste, nicht mehr. Umso erstaunter war er, als er merkte, dass Drake diesmal scheinbar tatsächlich nichts dagegen einzuwenden hatte und als der andere Mann es zu einem richtigen Kuss werden ließ und die Arme um ihn legte. JJ, nun ganz sicher kein Kind von Traurigkeit, brauchte keine zweite Aufforderung, um seinerseits die Arme um Drakes Nacken zu schlingen und aus diesem Kuss rauszuholen, was nur irgendwie möglich war. Beiläufig huschte ihm die Frage durch den Kopf, wie auch nur irgendeine Frau einen Mann verlassen konnte, der so verflucht gut küssen konnte, schalt sich dann aber für diesen armseligen Gedanken und verdrängte ihn.
Sie waren längst zum Mittelpunkt einiger Aufmerksamkeiten im Raum geworden. Zwischen einigen mehr als verwirrten, vielleicht sogar annähernd verängstigten Blicken, die man ihnen zuwarf, kniete sich in Dees Mundwinkel ein Grinsen, das breiter wohl nicht hätte sein können. Er wollte gerade zu irgendeiner gehässigen Bemerkung ansetzen, aber da hatte Ryō ihm schon eine Hand über den Mund gelegt und ignorierte den Protest, während er selbst freudestrahlend zu den beiden Männern sah, die erst jetzt wieder von einander ließen und nur ein kleinwenig weniger verwirrt wirkten als die übrigen Anwesenden, die Zeugen dieses Szenarios geworden waren.
„Frohes neues Jahr.“ Es war vielleicht das Dümmste, was Drake in dieser Situation hätte sagen können, aber vielleicht auch einfach das Sinnvollste.
JJ jedenfalls dachte nicht groß darüber nach und erwiderte die Worte. Einen kurzen Moment noch sahen sie einander etwas ratlos an, mussten aber gleich darauf lachen und sofort danach schien es, als wäre nichts Besonderes zwischen ihnen geschehen.
Gläser klirrten, Neujahrsglückwünsche wurden unter den Anwesenden ausgetauscht, und schnell war dieses seltsame Ereignis für die meisten von ihnen vergessen, untergegangen im Trubel und im Feuerwerkslärm.
Nur manchmal ging der Blick von JJ oder von Drake ein wenig unsicher zum jeweils anderen, und wenn sich ihre Blicke trafen, mussten sie unwillkürlich lächeln, ohne zu wissen, was es bedeuten sollte. Wohin sie das führte. Und ob überhaupt irgendwohin.
Aber das Jahr hatte ja gerade erst angefangen.
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