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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.004
 
„Wollt ihr ein Taxi nehmen oder laufen? Innerhalb von Longyearbyen haben wir Straßen. Nur sobald man aus der Stadt raus will, braucht man andere Fortbewegungsmittel.“, erklärte ich Katja und Ivan, die mich für ein paar Tage besuchen kamen.
„Habt ihr fließend Wasser oder muss man sich das vom Brunnen holen?“, fragte Katja, während sie und Ivan auf die Taxis zusteuerten. Ich lachte.
„Natürlich haben wir fließendes Wasser. Ihr könnt die Wasserleitungen sogar sehen. Wegen des Permafrostes mussten wir sie oberirdisch verlegen.“, sagte ich dann. Ich war es ja irgendwie gewohnt, für unzivilisiert gehalten zu werden. Auch wenn es auf der Welt sicher Orte gab, die noch unzivilisierter waren. Bei mir war wenigstens ordentlich was los.
„Baut ihr eigentlich noch Kohle ab?“, wollte Ivan wissen.
„Ja, aber es gibt nur noch eine Zeche. Hauptsächlich wird in Svea und Barentsburg abgebaut.“
„Wie verdient ihr dann euer Geld?“
„Durch Forschung und Tourismus.“
„Tourismus?!“, fragte Katja leicht schockiert.
„Ja. Es ist zwar relativ kühl hier…“
„Kühl?! Es ist arschkalt! Bei mir sind im Sommer um die 20° C mehr!“
Ich schmunzelte amüsiert.
„Fahr‘ erst mal nach Grönland oder Alaska.“, meinte ich und setzte dann meine Erklärungen fort: „Im Winter haben wir die Polarlichter und im Februar das PolarJazz-Festival. Am 15.Mai haben wir ein Fest, weil es der erste Tag des Jahres ist, an dem die Sonne wieder sichtbar wird. Während der Sommermonate kommen natürlich viele, um die Mitternachtssonne zu sehen. Im Juni findet der Spitzbergen-Marathon statt, der nördlichste Marathon der Welt. Viele Menschen kommen auch einfach nur, um sich die Flora und Fauna und die Landschaft anzusehen. Oder sie machen Exkursionen nach Pyramiden. Die Siedlung ist aufgegeben worden und jetzt eine Geisterstadt.“
„Und was ist mit deinen Einwohnern? Können die sich auch amüsieren?“, fragte Katja. Man sah ihr an, dass sie durchaus leicht platt war.
„Klar. Es gibt diverse Geschäfte, Kneipen, Restaurants und Kindergärten. Außerdem haben wir eine Schule, ein Schwimmbad mit Sauna, eine Indoor-Kletterhalle, ein Kino, eine Tankstelle und natürlich den Hafen. Und eben UNIS. Unter anderem haben wir auch eine Sternwarte und eine Bibliothek.“, zählte ich auf.
„Okay, ich gebe es zu, jetzt bin ich platt. Meine Brüder haben Städte mit deutlich mehr Einwohnern und da ist deutlich weniger los als hier.“, sagte Katja.
„Ich vermute, dass diese Städte keine Inseln sind und damit nicht so unheimlich vom Festland und größeren Städten abgeschnitten sind, wie Spitzbergen. Ist das richtig?“
„Keine Inseln stimmt. Von größeren Städten sind sie trotzdem abgeschnitten.“, meinte Katja.
„Was? Warum das denn?“
„Schlechte Verkehrsanbindungen und wenn denn mal Züge oder Busse fahren, dann hat man lange Fahrzeiten. Außerdem fahren viele Züge und Busse später am Abend nicht mehr. Das ist dann immer so eine Art Glücksspiel, ob man den Zug nun erwischt oder nicht. Glaub‘ mir, ich weiß es, ich habe es selbst erlebt. Als ich Gilbert besuchen wollte, habe ich auch mal einen Zug verpasst und saß dann bis zum nächsten Morgen fest.“, erzählte Katja. Jetzt war ich platt. Bei uns flog man zur Not halt auch mal mit dem Hubschrauber, wenn man sonst gar nicht weg konnte.
„Aber warum baut ihr die ganze Sache nicht aus?, wollte ich wissen.
„Das frage ich mich auch. Gilbert sagt, sie hätten kein Geld dafür, aber ich meine, schau‘ dich doch mal in Europa um! So ziemlich jeder hat Staatsschulden. Da hat niemand Geld und sie schmeißen es trotzdem zum Fenster raus, wie verrückt.“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. Mir kam da eine Idee.
„Habt ihr vielleicht Butter übrig?“, fragte ich. Katja sah mich stirnrunzelnd an und meinte nur: „Wozu?“
„Ach, nur so.“, antwortete ich. Irgendwie war das mit der Butter peinlich.

Nachdem ich Katja und Ivan Longyearbyen gezeigt hatte und sie in einem Hotel untergebracht hatte (mein kleines Holzhaus war definitiv zu klein, zumal auch noch Lukas da war), ging ich noch auf den Hausberg. Von dort aus hatte man einen wunderbaren Blick auf Longyearbyen und den Isfjord. Vor allem jetzt im Sommer, wenn nur so ein bisschen Dämmerlicht schien, sah das sehr schön aus. Ich kam oft hierher, wenn ich mich ein bisschen ausruhen wollte. Doch als ich heute auf den Berg stieg, stellte ich fest, dass ich nicht alleine dort war. Lukas schien schon eine ganze Weile dort zu sitzen und sich die Stadt anzuschauen.
„Du hast also auch schon entdeckt, wie schön es hier oben ist?“, fragte ich ihn, als ich bei ihm ankam. Ich setzte mich neben ihn und seufzte leise. Einfach nur, weil es ein anstrengender Tag war und ich froh war, dass ich ihn hinter mir hatte.
„ Ja, es ist wirklich schön hier.“, sagte Lukas und lächelte. Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter und schaute auf die vielen Reihen aus bunten, kleinen Holzhütten, die sich durch die Stadt zogen. Vor gut 150 Jahren wollte ich noch sterben, weil ich einsam war. Ich konnte kaum glauben, wie sehr ich mich verändert hatte. Damals war ich noch mehr wie ein kleines, verschüchtertes Mädchen. Ich sagte relativ wenig und war irgendwie ständig deprimiert. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich einmal so war. Es hat sich einfach so viel geändert. Ich habe es sogar geschafft, mich wieder einigermaßen mit Arthur, Francis und den Niederlanden zu vertragen. Damals wäre das undenkbar gewesen für mich.
Ich sah zu Lukas. Er hatte sich immer so gut um mich gekümmert und dabei wusste ich noch nicht einmal, ob ich das überhaupt verdient hatte. Wahrscheinlich nicht. Trotzdem war er immer für mich da.
„Was schaust du mich so nachdenklich an?“, fragte er und lächelte.
„Ich hab‘ nur nachgedacht. Über die Vergangenheit.“, antwortete ich ihm. Er küsste mich sanft und sagte: „Lass‘ uns lieber schauen, was die Zukunft bringt.“

Im Spätsommer und Herbst 2011 kam es in Norwegen zur nationalen  Butterkrise. Durch eine populäre Diät, bei der wenig Kohlenhydrate und viele Fette aufgenommen werde, stieg der Butterverbrauch in der norwegischen Bevölkerung um knapp 30%. Dadurch kam es zu einem Butterengpass, vor allem in der Vorweihnachtszeit. 250 g Butter wurden zeitweise für umgerechnet 13 € verkauft.
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