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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 996
 
Irgendwie war heute ein seltsamer Tag. Ich wachte schon mit einem komischen Gefühl auf. Aber niemand schien ein ähnliches komisches Gefühl zu haben. Mathias war nervig wie immer. Tino war fröhlich und auch Berwald und Egill verhielten sich ganz normal. Immer noch ein wenig beunruhigt ging ich dann schließlich einkaufen. Heute war ich dran und es schien eine längere Einkaufsliste zu sein. Also machte ich mich auf den Weg. Trotzdem hatte ich weiter ein ungutes Gefühl, obwohl es ein ganz normaler Julitag war. Es lief sogar alles ziemlich gut. Das Einkaufen ging schnell und ich hatte noch ein bisschen Zeit, um in die Bibliothek zu gehen. Dort fand ich auch einen Haufen interessanter Bücher. Ich ignorierte also einfach mein ungutes Gefühl, was dann sogar recht gut klappte, so dass gegen Mittag alles wieder so gut wie vergessen war. Doch als ich dann mit dem Zug heimfuhr, hörte ich, wie sich zwei junge Frauen über einen Anschlag unterhielten. Einen Anschlag, hier in Oslo. Sofort kam das seltsame Gefühl zurück. Ich hörte genauer hin. Was mich ein wenig beruhigte, war, dass es wohl nur wenige Todesopfer gab. Allerdings galt der Anschlag dem Regierungsviertel. Lukas hatte heute Morgen gesagt, dass er dort hin müsse, um etwas zu erledigen. Ich schaute aus dem Zugfenster und redete in Gedanken beruhigend auf mich ein. Es half, wenn auch nur wenig. Die Zeit, bis ich wieder zu Hause war, kam mir ewig vor. Die letzten paar Meter bis zur Haustür sprintete ich regelrecht. Ich klingelte etwas zögerlich. Auf einmal hatte ich Angst, nach Hause zu kommen  und Lukas nie wieder zu sehen. Erst nachdem ich das zweite Mal geklingelt hatte, öffnete Tino die Tür.
„Was ist passiert? Ist Lukas da? Geht es ihm gut?“, fragte ich Tino panisch und packte ihn an den Schultern.
„Oh Gott, Leah, du lebst! Lukas ist da, aber ich bin mir nicht sicher, ob es ihm gut geht.“, sagte Tino und brachte mich ins Wohnzimmer. Dort lief im Fernsehen eine dieser Dauernachrichtensendungen, die immer liefen, wenn irgendetwas Schlimmes passierte. Mein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. Ich ließ mich auf einen der Sessel sinken. Sie berichteten nicht von Oslo. Diese Nachrichtensendung war über Utøya. Eine kleine Insel in der Nähe von Oslo. Ich kannte die Insel, ich war selbst schon dort gewesen. Und dort… gab es noch einen Anschlag?
„Wo ist er?“, fragte ich Tino.
„Er ist oben. Seit er wieder zu Hause ist, hat er sich dort verbarrikadiert.“, antwortete mir stattdessen Mathias. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch er, Egill und Berwald mit im Wohnzimmer waren.
„Er meinte, er will alleine sein.“, sagte mir Tino. Ich schaute auf den Fernseher. Die Leute da draußen starben. Ich wusste, dass man als Land den Tod jedes Einzelnen spürte. Und zwar schmerzhaft. Ich konnte Lukas jetzt nicht alleine lassen. Auf gar keinen Fall. Das war der Mann, den ich liebte. Sein Volk wurde gerade getötet. Wie hätte ich ihn da allein lassen können? Ohne auf Tinos Einwand zu hören, stand ich auf und ging durch das Haus bis zu unserem Zimmer. Vor der Tür blieb ich stehen und atmete kurz durch. Dann öffnete ich vorsichtig die Tür. Das Zimmer hätte ich fast für leer gehalten. Lukas saß in einer dunklen Ecke auf dem Boden. Er hatte die Beine angezogen und schien nur noch ein zitterndes Nervenbündel zu sein. Das war das erste Mal, dass ich Lukas so sah. Schwach und verletzlich. Sonst war ich immer diejenige gewesen, die schwach war und Hilfe brauchte. Ich schloss die Tür hinter mir und ging zu ihm. Ich kniete mich neben ihn hin und griff nach seiner Hand. Er schaute kurz auf. Seine Augen waren gerötet. Er sah mich fast emotionslos an.
„Leah…“, flüsterte er nur mit leiser, gebrochener Stimme. Ich rückte etwas näher an ihn heran und schlang meine Arme um ihn. Er ließ sich an meine Schulter sinken. Es schien, als hätte er überhaupt keine eigene Kraft mehr.
„Wie lange noch.“, fragte er ohne jegliche Intonation. Ich strich ihm beruhigend über den Rücken.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete ich ihm. Ich merkte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
„Svalbard…“, flüsterte er und verzog im nächsten Moment schmerzvoll das Gesicht. Er klammerte sich verzweifelt an mir fest. Das beruhigte mich ein wenig. Ich fand es verängstigender, als er sich fast überhaupt nicht aus eigener Kraft bewegt hatte.
„Ich kann nichts tun. Ich kann einfach nichts dagegen tun. Gott, sie sind noch so jung…“, flüsterte er mit zittriger Stimme. Ich hielt ihn einfach weiter fest und strich ihm über den Rücken.
„Sch…“, machte ich und küsste seine Stirn. Es war seltsam. Warum gerade Lukas? Was hatte er falsch gemacht?
Die Tür öffnete sich. Tino kam  herein und sagte: „Es ist vorbei. Das Schlimmste ist vorbei.“
Lukas sah zu Tino.
„Wirklich?“, fragte er ungläubig. Tino nickte.
„Gott sei Dank…“, murmelte er und brach schluchzend in meinen Armen zusammen.

Ein Blumenmeer. Das war es, was uns mitten im Stadtzentrum von Oslo erwartete. So viele Menschen hatten Blumenkränze oder nur einzelne Blumen niedergelegt, dass das Blumenmeer schon fast bis auf die Straße reichte. Zwischen den Blumen standen immer wieder vereinzelt ein paar Kerzen und Fotos. Auch wenn es traurig war, sahen die vielen Blumen wunderschön aus.
„Wie schön.“, sprach Egill im selben Moment meine Gedanken aus. Lukas nickte. Tino legte zuerst einen Kranz aus Blumen nieder, dann Berwald, danach Mathias und Egill. Danach legte ich meinen Kranz aus Arktis-Mohn, meiner Svalbardvalmue, nieder und zuletzt legte Lukas seinen Kranz dazu und zündete eine Kerze an.
„Es ist vorbei.“, sagte er, als er wieder aufgestanden war. Dieses Blumenmeer und die ganzen Menschen, die in ihrer Trauer so zusammenhielten, waren einfach überwältigend. Ich lehnte mich an Lukas' Schulter an und ließ mich von dem Blumenmeer einfach überschwemmen.

Am 22. Juli 2011 wurden zwei verheerende Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya verübt, die insgesamt 77 Todesopfer forderten. Premierminister Jens Stoltenberg bezeichnete die Anschläge als „nationale Tragödie“ und als schlimmste Gewalttat seit dem Zweiten Weltkrieg.
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