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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 944
 
„AUFSTEHEN!!!“, dröhnte es laut an mein Ohr. Ich öffnete verschlafen meine Augen und sah Tino, Jan, Mathias, Ivan und Katja an meinem Bettende stehen.
„Oh nein…“, murmelte ich nur. Morgen war die Hochzeit. Und heute wollten die fünf wohl meinen Junggesellinnenabschied oder Polterabend oder was weiß ich was feiern. Ich gähnte und war gerade dabei, wieder einzuschlafen, als Katja in ihr Megaphon rief: „RAUS AUS DEN FEDERN! BEREIT MACHEN ZUM FINNISCH-DEUTSCHEN POLTERABEND!“
Ich sah sie wehleidig an und grummelte: „Lasst mich in Ruh‘.“
„Niemand wird hier in Ruhe gelassen!“, rief Mathias und zog mir die Bettdecke weg. Ich quiekte kurz erschrocken auf, da es ohne Bettdecke auf einmal sehr viel kälter war. Seufzend sah ich wieder zu den fünf grinsenden Persönchen. Diese Leute waren gemein. Warum mussten gerade die meine Freunde sein?
„Jetzt steh‘ schon auf, Leah. Glaub‘ nicht, dass wir dich noch mal schlafen lassen.“, sagte Tino. Ich seufzte noch einmal, dann rollte ich mich zum Bettrand und stand auf.
„Ist ja gut. Was passiert jetzt mit mir?“, fragte ich.
„Zieh‘ dich an, wir gehen in die Sauna.“, verkündete Tino. Ich nickte nur. Finnisch-deutscher Polterabend. Das hätte ich mir irgendwie denken können.

An der Saune warteten noch Belgien und Yekaterina auf uns.
„Was ist mit Lukas? Bin ich die einzige, die das heute durchmachen muss?“, fragte ich Tino.
„Oh, nein, nein. Lukas muss sich der ganzen Sache auch unterziehen.“, antwortete er mir. Ich nickte. Tino hatte mir ja erklärt, dass der finnische Polterabend normalerweise getrennt nach Geschlechtern gefeiert wurde, aber da es mir an weiblichen Freunden mangelte, lief bei mir nur der Sauna-Teil getrennt ab. Während wir also in der Sauna saßen und schwitzten, verkündete Katja: „Also, Tino hat mir ganz genaue Anweisungen gegeben. Auf das Ausschreien der bösen Geister verzichten wir heute, das machen wir später mit der deutschen Methode. Jetzt kommen wir erstmal zum Auswaschen der ehemaligen Liebschaften.“
„Aha…“, meinte ich nur. Katja schob zwei Behälter auf mich zu. Ich schluckte und schielte in die Behälter. In dem einen war Salz, in dem anderen Mehl.
„Das ist nicht euer Ernst…“, sagte ich.
„Oh, doch.“, meinte Belgien grinsend.
„Aber ich hatte keine ehemaligen Liebschaften!“, protestierte ich.
„Das ist uns so was von egal. Füge dich deinem Schicksal, Leah. Du wolltest heiraten.“, erwiderte Katja. Ich seufzte.
„Also gut. Augen zu und durch.“, sagte ich.
„So ist’s gut.“, entgegnete mir Katja und grinste.

„Jetzt wirst du erstmal neu eingekleidet.“, sagte Tino. Okay. Das klang äußerst verängstigend. Nach allem, was ich bis jetzt erlebt hatte, konnte das ja noch lustig werden.
„Also gut. Dann mal los.“, meinte ich. Yekaterina machte sich freudig daran, mich in ein Bettlaken zu wickeln. Nachdem sie fertig war, fixierte Jan es mit schwarzem Isolierband. Katja klebte ein paar Kohlestücken an mein neues Bettlakenkleid und von Ivan bekam ich dicke Wanderstiefel angezogen. Zum Glück war es Winter. Sonst wäre ich geschmolzen. Zuletzt steckte Belgien mir die Haare hoch und setzte mir irgendeine komische Mütze auf, während Tino mir kleine, hellblaue Schneeflocken ins Gesicht malte.
„Und welchen tieferen Sinn hat das jetzt?“, fragte ich, als sie fertig waren.
„Spaß!“, warf Katja (richtigerweise) ein.
„Es steht mit dir in Zusammenhang! Die Kohlen für den Bergbau und die Schneeflocken und das weiße Bettlaken für den vielen Schnee.“, sagte Tino fröhlich.
„Und Spaß ist auch ein tieferer Sinn.“, wiederholte Katja.
„Und was jetzt?“, wollte Ivan wissen. Jan drückte mir einen Korb mit Bonbons und anderem Kleinkram in die Hand.
„Leah, du gehst jetzt Geld verdienen.“, meinte er dann.
„Okay…“
„Wir verkaufen jetzt die Sachen in dem Korb und wenn der leer ist, dann singst du!“, erklärte Tino strahlend.
„Was?!“, war meine erste Schockreaktion.
„Du wirst singen und wenn du nicht singst, dann werden wir dich dazu bringen, dass du singst.“, meinte Katja.
„Und wie gedenkt ihr, dass zu tun?“, erwiderte ich und zog die Augenbrauen nach oben.
„Es gibt da ein kleines Wundermittel, das nennt sich Alkohol.“, meinte Ivan. Ich begann zu grinsen.
„Das ist gut. Kommt, wir beeilen uns, damit der Korb schnell alle wird und wir dann zum Alkohol übergehen können!“, sagte ich begeistert.
„Ja, so kennen wir dich doch, Leah.“, meinte Ivan.

Nach einer Weile hatten wir wirklich alles verkauft und wir kamen zum interessanten Teil des Abends. Yekaterina hatte superleckeren Sekt mitgebracht, Ivan natürlich Wodka und Tino hatte Salmiakki dabei. Belgien hatte einen Schoko-Likör dabei, Jan irgendetwas Selbstgemachtes und Mathias ein bisschen Bier. Katja hatte auch etwas aus ihrer Heimat mitgebracht. Keine Ahnung, was das war, aber es schmeckte gut und es drehte. Wir gönnten uns gerade eine Runde Salmiakki, als etwas auf den Boden gedonnert wurde. Etwas aus Keramik oder Glas, jedenfalls hörte man deutlich, wie es zerbrach. Wir drehten uns um. Auf einem Tisch stand Katja, die vermutlich gerade einen Teller auf den Boden geschmissen hatte.
„Jetzt kommen wir zum deutschen Teil des Abends.“, verkündete sie und warf noch einen Teller auf den Boden, dann deutete sie auf eine große Kiste, voll mit Geschirr und Waschbecken. Ich lachte, nahm mir eine Tasse und kletterte zu Katja auf den Tisch.
„So, Leah, jetzt lass‘ es krachen!“, rief sie. Ich lachte und schmetterte die Tasse auf den Boden.

Der finnische Polterabend findet in der Regel getrennt nach Geschlechtern statt. Zuerst geht man in die Sauna, wo verschiedene Rituale durchgeführt werden, wie das Ausschreien böser Geister oder das Auswaschen alter Liebschaften mit Mehl und Salz.
Danach werden die Kandidaten neu eingekleidet. Meistens stehen die neuen Sachen in Verbindung mit der Person. Allerdings sind der Phantasie dabei keine Grenzen gesetzt. Dann geht man in der Stadt oder in Bars kleine Gegenstände verkaufen. Beliebt sind vor allem Bonbons. Manchmal wird auch gegen ein kleines Entgelt etwas gesungen.
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