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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.068
 
„Es ist so dunkel hier!“
„Hast du Angst im Dunkeln, Erik?“, fragte ich den kleinen, blonden Jungen, der seinen Teddybären fest umklammert hielt.
„Ein bisschen…“, murmelte er schüchtern. Ich lächelte und nahm ihn in den Arm. Ich war gerne hier im Kindergarten und half ein bisschen mit aus. Der Kindergarten war erst vor Kurzem gebaut worden, aber die Kleinen waren so süß, dass ich schon jetzt wahnsinnig viel Zeit mit ihnen verbrachte.
„Du brauchst keine Angst vor der Dunkelheit zu haben. Außerdem ist es ja nur dunkel, weil das hier der Keller ist. Was wolltest du denn hier unten?“, fragte ich ihn.
„Oben hat jemand nach dir gefragt.“, antwortete Erik. Ich sah ihn überrascht an. Wer sollte denn nach mir gefragt haben?
„Na, dann lass‘ uns mal wieder hochgehen.“, sagte ich und ließ ihn los. Gemeinsam gingen wir die Treppe nach oben und zurück in das Spielzimmer. Ich hatte mir mein Bein doch operieren lassen. Endlich humpelte ich nicht mehr. Es war aber irgendwie auch ein komisches Gefühl, immerhin war das Humpeln irgendwie ein Teil von mir geworden. Vor der Tür wartete Lukas auf mich. Ich lächelte und sagte: „Geh‘ schon mal rein, Erik.“
Der Kleine rannte fröhlich in das Zimmer.
„Holst du mich ab?“, fragte ich schmunzelnd. Lukas drehte sich um und lächelte. Er nickte.
„Wie war die Konferenz?“, wollte ich wissen. Tino hatte irgendeine Konferenz organisiert. Ich wusste nicht wirklich, um  was es dabei gehen sollte.
„Es war langweilig ohne dich…“, sagte er und küsste mich.
„Du scheinst mich ja wirklich vermisst zu haben…“, meinte ich und lachte. Lukas nickte nur.
„Wie geht es mit dem Flughafen voran?“, fragte er, zog mich zu sich heran und legte seinen Kopf auf meinen.
„Wenn du mich hier so einquetschst, kann ich schlecht antworten.“, sagte ich und lachte leise.
„Ich verstehe dich ganz gut, erzähl‘ ruhig weiter.“, erwiderte Lukas. Ich seufzte und antwortete dann: „Also gut, der Flughafen. Die Arbeiten gehen gut voran. Ich denke, er wird bald fertig sein. Dann kann ich zu dir fliegen.“
„Und ich zu dir. Berwald hat uns zum Kräftskiva eingeladen, wollen wir hingehen?“
„Zu was?!“
„Zum Kräftskiva, dem traditionellen Krebsfest. Man isst Flusskrebse mit Baguette, Knäckebrot und Käse. Außerdem werden Trinklieder gesungen.“
„Trinkt man dann auch?“, murmelte ich müde.
„Ja, und nicht gerade wenig.“
„Dann gehen wir hin.“

Berwald hatte unsere Terrasse mit Hunderten von Kerzen und Lampions geschmückt. Tino begrüßte uns in einer Schürze mit einem Krebs darauf und setzte Mathias, Egill, Lukas und mir Hüte auf.
„Was wird das?“, fragte Egill und schielte nach oben.
„Das sind die traditionellen Hüte.“, antwortete Tino und lächelte.
„Jedes Jahr dieselbe Tortur…“, murmelte Lukas nur. Wir betraten das Haus, welches auch schon festlich geschmückt war. Auf einem Tisch war ein Buffet aufgebaut. Tino hatte sich inzwischen wieder an den Herd gestellt und kochte Krebse. Als ich die Krebse sah, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wie man so etwas aß. Ich war mit russischer und norwegischer Küche ziemlich gut vertraut, aber so etwas wie Krebse hatte ich noch nie gegessen. Ich sah ein bisschen hilflos zu Egill.
„Weißt du, wie man die Dinger isst?“, fragte ich ihn. Er sah mich auch ziemlich planlos an und antwortete: „Mathias und Lukas erklären es mir jedes Jahr, aber ich kann es mir einfach nicht merken.“
Inzwischen war auch Berwald von draußen reingekommen. Er  hatte einen kleinen Ofen auf der Terrasse aufgestellt, in dem ein kleines Feuer brannte.
„Lukas, hast du ihr schon von den Neuigkeiten erzählt?“, war das erste, was er in einem bedeutungsvollen Tonfall und fehlerfrei fragte. Ich sah zu Lukas. Er nahm meine Hand uns schlenderte mit mir zur Terrasse.
„Welche Neuigkeiten?“, wollte ich wissen.
„Ich habe ein paar Erdölvorkommen entdeckt. Das heißt, dass ich eine Art gesichertes Einkommen haben werde.“, antwortete Lukas mir. Inzwischen hatten wir das Grundstück schon fast verlassen und kamen zu einem kleinen Nadelwald. Es war immer noch nicht dunkel. Wir hatten Spätsommer und somit wurde es erst sehr spät völlig dunkel. Der Wald war in ein tiefrotes Dämmerlicht getaucht und einzelne, schwache Sonnenstrahlen fielen zwischen den Bäumen hindurch.
„Weißt du, Leah, das heißt auch, dass ich jetzt richtig für dich sorgen kann. Und deswegen wollte ich dich fragen, ob du mich heiraten willst.“, sagte Lukas als nächstes. Ich glaubte in diesem Moment, dass mein Herz eine Sekunde lang aussetzte. Ich meine, wir waren immerhin seit über 50 Jahren zusammen, aber Heiraten war nie so wirklich ein Thema gewesen. Klar hatte ich, wie jedes Mädchen, immer gehofft, einen Antrag zu bekommen. Aber irgendwann hatte ich nicht mehr daran geglaubt. Immerhin war schon so viel Zeit vergangen. Aber jetzt erst wurde mir klar, warum er so lange gewartet hatte. Er wollte für mich sorgen können, mir etwas bieten können! Ich fand das so rührend, dass mir beinahe die Tränen kamen. Während ich noch versuchte, sie zu unterdrücken, nickte ich stumm. Anscheinend verstand er, was ich ihm damit sagen wollte, denn er umarmte mich fest und murmelte leise in meine Haare: „Svalbard. Mein Svalbard.“

„Da seid ihr ja wieder! Ihr ward ganz schön lange weg.“, sagte Mathias und grinste, als wir wiederkamen. Ich grinste nur zurück und hielt ihm stolz meine Hand mit dem Ring unter die Nase. Ich dachte wirklich, dass ihm fast die Augen aus dem Kopf fallen würden, so sehr weiteten sich seine Augen.
„Das gibt’s doch nicht!“, meinte er dann. Jetzt schauten auch Egill und Tino auf meine Hand. Letzterer sprang, als er den Ring sah, auf und umarmte mich so stürmisch, dass ich beinahe umgefallen wäre, wäre hinter uns nicht die Hauswand gewesen.
„Ich freu‘ mich ja so für dich!“, quiekte Tino, nachdem er mich wieder losgelassen hatte. Sogar Egill lächelte fröhlich, was ich sonst eigentlich gar nicht von ihm kannte. Als Nächstes verteilte Berwald ein paar Schnapsgläser und sagte: „Ein Kr‘bs, ein Schn‘ps, `n Lied.“
„Halte ich für eine gute Idee.“, sagte ich und lachte.

1975 fand in Helsinki die KSZE (Konferenz über  Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) statt.
Nachdem 1967 Erdöl in der Nordsee gefunden wurde (Nordseeöl), entwickelte sich Norwegen zu einem der reichsten Länder in Europa
Kräftskiva ist ein Fest, dass in Schweden traditionell im Spätsommer gefeiert wird. Anlass ist die Krebsfangsaison. Die Beteiligten tragen lustige Hüte, Schürzen oder Ähnliches, die Terrassen und Häuser werden mit Kerzen und Lampions geschmückt. Es werden viele traditionelle Trinklieder gesungen und Trinksprüche ausgebracht. Einer der bekanntesten ist : „Ein Krebs, ein Schnaps, ein Lied.“
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