Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.12.2011 960
 
Es war Winter und ich war wieder daheim. Draußen lag eine ganze Menge Schnee und der Boden war von Eis bedeckt. Wir hatten noch immer Polarnacht. Es war ein bisschen deprimierend, dass es ständig dunkel war, aber das Glitzern des Schnees im Mondlicht machte das wieder wett. Und man konnte sich den ganzen Winter über wieder auf den Sommer freuen und umgekehrt. Tino hatte etwas länger gebraucht, um die Erlaubnis von Ivan zu bekommen, wieder mit uns zusammenzuziehen. Im Moment bastelten wir noch an unserem Haus, denn immerhin mussten wir es ja neu bauen. Egill hatte sein Misstrauen Mathias gegenüber aufgegeben. Es nützte ihm ja nicht viel. Dieser hielt sich allerdings erstaunlicherweise noch immer an seine guten Vorsätze. Das wunderte mich wirklich, denn normalerweise war Mathias nicht so prinzipientreu. Wahrscheinlich hatte er es wirklich ernst gemeint, als er gesagt hatte, dass wir ihm fehlten.
Es war Anfang Februar und an diesem Morgen hatte mein Chef mich zu sich bestellt. Über Nacht war eine ganze Menge Schnee gefallen. Eigentlich hatte ich schon vor Ewigkeiten vorgehabt mir einen neuen Hundeschlitten anzuschaffen, aber ich war einfach noch nicht dazu gekommen. Jetzt musste ich wohl eine andere Möglichkeit finden, um einigermaßen ordentlich voranzukommen. Das bedeutete, ich musste wohl oder übel auf meine alten Skier zurückgreifen. Ich hoffte, dass ich das Skifahren mit meinem verletzten Bein noch hinbekam. Aber irgendwie musste ich ja durch den Schnee kommen, ob es nun wehtat oder nicht. Also stellte ich mich auf meine Skier und kämpfte mich vorwärts.

Nach einer guten Stunde war ich angekommen. Es hatte besser geklappt, als ich gedacht hätte. Ich lehnte meine Schneeschuhe an die Hauswand und betrat das Hau meines Chefs. Er wartete scheinbar schon auf mich.
„Tut mir Leid, dass ich zu spät bin.“, sagte ich, lächelte entschuldigend und deutete auf mein Bein.
„Schon gut, Leah.“, meinte mein Chef.
„Nein, das ist nicht gut. Ich war immer zu faul, um mir einen neuen Hundeschlitten anzuschaffen und jetzt musste ich die Skier nehmen und mit meinem Bein…“
„Was hältst du davon, dir ein Schneemobil anzuschaffen?“, unterbrach mich mein Chef. Ich sah ihn skeptisch an.
„Diese hypermodernen Dinger? Also, ich weiß ja nicht…“
„Sie sind gut. Überleg‘ es dir. Wenn dein Bein nicht besser wird, wäre es wohl vorteilhaft.“
„Das wird nicht besser. Ich werde für den Rest meines Lebens humpeln. Es sei denn, ich lasse mich operieren, aber ich weiß nicht, ob ich es verkraften kann, wenn man mir noch einmal das Bein bricht. Seit dem letzten Krieg habe ich eigentlich genug davon. Aber früher oder später werde ich es wohl machen müssen. Aber das ist ja jetzt egal. Warum wollten Sie mit mir sprechen?“, fragte ich. Mein Chef atmete tief durch.
„Leah, wir haben ein Problem.“, begann er. Ich sah ihn fragend an, woraufhin er fortfuhr: „Wir müssen immer mehr Minen schließen. Momentan lohnt sich der Kohleabbau kaum noch.“
„Aber Schweden hatte doch vor, eine Mine zu eröffnen. Was ist damit?“
„Die Svea-Mine steht momentan auch auf wackligen Füßen. Wir müssen wohl oder übel versuchen, unser Geld auf andere Art und Weise zu verdienen.“
„Aber was bleiben uns denn für Möglichkeiten? Wir leben ja vom Kohle-Bergbau!“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, Leah. Noch geht es ja. Vielleicht wird es auch gar nicht so schlimm, wie ich denke. Aber für die Zukunft müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Irgendwann werden die Minen leer sein, Leah.“
„Aber das dauert doch noch lange, oder?“, fragte ich leise, „Oder?“
„Vielleicht 20 oder 30 Jahre. Vielleicht auch 40, aber dann werden die Vorräte langsam knapp. Oder bis dahin gibt es neue, günstigere Wege der Energiegewinnung.“
„Aber was können wir denn tun? Tourismus?“
„Das ist vielleicht gar keine so schlechte Idee.“
„Was?! Hier ist es kalt, das halbe Jahr ist es dunkel, es laufen überall Eisbären rum und das Wetter ist ziemlich launisch. Es gibt kaum nennenswerte Pflanzen, auch wenn Lukas das Gegenteil behauptet. Wir haben keine Straßen, sondern nur innerhalb von Longyearbyen ein paar befestigte Wege. Wer soll hier Urlaub machen wollen?“
„Natürlich müssten wir dafür erstmal etwas Geld investieren…“
„Wo sollen wir das hernehmen?“
In dem Moment hörten wir ein extrem lautes Geräusch. Ich hatte das schon einmal gehört und es war noch gar nicht so lange her. Aber ich kam einfach nicht darauf, was es war. Also schaute ich einfach weiter aus dem Fenster. Da kam etwas geflogen. Ein Flugzeug, natürlich. Das war das Geräusch. Das Flugzeug flog ziemlich tief. Die wollten doch nicht etwa hier landen, oder? Wer war das überhaupt?
„Das ist die norwegische Luftwaffe…“, murmelte mein Chef, als ob er meine Gedanken lesen könnte.
„Norwegische Luftwaffe? Wollen die hier landen?“, fragte ich.
„Scheint so…“
„Um Himmels willen! Lukas ist lebensmüde geworden.“, sagte ich und öffnete das Fenster, um nach draußen zu klettern. Die wollten tatsächlich landen! Ich glaubte es ja nicht. Etwa 50 Meter von dem Haus meines Chefs entfernt kam das Flugzeug zum Stehen. Aus dem Cockpit sprangen ein Pilot und Lukas. Ich ging auf sie zu.
„Seid ihr verrückt geworden?“, fragte ich Lukas, während ich mich ihm näherte. Langsam und leicht humpelnd.
„Nein, warum? Durch das Eis können wir hier gut landen.“, sagte Lukas. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Aber wozu fliegt ihr hierher?“
„Zum Beispiel könnte man durch eine Flugverbindung Post befördern. Oder Besucher könnten schneller hin- und herkommen. So könntest du einfacher zu mir kommen. Oder ich zu dir.“, antwortete Lukas lächelnd, zog mich zu sich heran und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

Am 9. Februar 1958 landete erstmals eine Catalina der norwegischen Luftwaffe im gefrorenen Adventdalen . Ein Jahr später wurde erstmals Post befördert und ein weiteres Jahr später landete das erste Passagierflugzeug. Da sich die Piste auf der gefrorenen Tundra befand, war der Flugverkehr nur im Winter möglich.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast