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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.041
 
Ich war so froh, wieder zu Hause zu sein. Auch wenn hier fast alles zerstört und niedergebrannt war. Ludwig hatte fast keinen Stein auf dem anderen gelassen, aber das war nicht nur hier der Fall. Auch weite Teile Nordnorwegens und Finnlands waren zerstört. Wie es im restlichen Europa aussah, wusste ich gar nicht so genau. Es wurde wirklich mal Zeit, dass ich mein Volk zum Schreiben einer Zeitung animierte. Die Zeitungen vorher hatten immer Wochen mit der Post gebraucht und das war irgendwie wirklich nervig. Aber darum konnte ich mich immer noch später kümmern. Erstmal musste ich meine Städte und Siedlungen wieder aufbauen. Dafür musste ich den Bergbau, meine Haupteinnahmequelle, vorantreiben. Gut, das allein würde nicht reichen, Lukas würde mir auch noch ziemlich viel Geld leihen müssen, aber immerhin hatte ich erst einmal einen Plan.
Schweden, Finnland, Dänemark und Norwegen hatten jetzt beschlossen, in eigene Häuser zu ziehen. Ich war mir jedoch ziemlich sicher, dass sie es nicht lange alleine aushalten würden. Immerhin lebten sie seit ihrer Kindheit zusammen und es würde ihnen garantiert langweilig werden, ohne ihre alltäglichen Plänkeleien. Ivan und ich waren wieder die besten Freunde, wie eh und je. Es ging ihm in letzter Zeit immer besser und das, obwohl er im Krieg die meisten Opfer hatte. Maria und Gilbert wohnten jetzt bei ihm. Allerdings war Gilbert nicht mehr Preußen, sondern hieß DDR und Maria hieß Katja. Außerdem war sie in Kaliningrad umbenannt worden. Lukas war Ivan gegenüber ein wenig misstrauisch, aber ich glaube, das war normal. Außerdem waren Lukas und ich Arthur und Alfred zum Dank verpflichtet. Die beiden – vor allem Alfred – hatten wirklich Probleme mit Ivan, deswegen war es für mich gar nicht so einfach, mit ihm befreundet zu sein.

Lukas und ich liefen, wie so oft, wenn er mich besuchte, durch Longyearbyen, das gerade wieder aufgebaut wurde. Überall werkelten und bauten Personen. Es war richtig ermutigend, zuzusehen. All diese Menschen gaben sich auch richtige Mühe. Die fertigen Hausfassaden wurden in schönen, bunten Farben angestrichen, die einen lebhaften Kontrast zu den rauen Farben in der Natur bildeten. Es war einfach so schön, mitanzusehen, wie mein Volk alles neu aufbaute und sich so darüber freute, wenn etwas fertig war. Danach half man den Nachbarn bei ihrem Haus und so ging es immer weiter. Es war so eine gemeinschaftliche Stimmung, dass einem richtig das Herz dabei aufging. Es war fast, als würde ein kleines Paradies nach der Apokalypse geschaffen.
„Ihr seid ja schnell mit dem Bauen!“, staunte sogar Lukas, als er sah, was wir in der kurzen Zeit alles geschafft hatten.
„Ja, nicht? Ich bin irgendwie wirklich stolz auf mein kleines Multi-Kulti-Völkchen.“, sagte ich und lächelte zufrieden.
„Aber wollt ihr nicht die alten Gebäude und Grubenseilbahnen auch noch abreißen und neue hinbauen? Ich meine, so viel ist ja nicht davon übrig geblieben…“
„Nein!“, rief ich laut. Lukas zuckte leicht zusammen.
„Daran wird nichts verändert. Das ist das Einzige, was noch übrig geblieben ist. Das bleibt stehen. Alles, was aus der Zeit vor 1945 stammt, darf nicht verändert werden.“, erklärte ich dann. Seit dem Krieg hatte ich einfach eine extreme Angst vor Veränderungen. Es sollte alles so bleiben, wie es war.
„Okay. Ich glaube, ich weiß, was du meinst.“, sagte Lukas dann. Wir gingen  ein Stück weiter, bis wir an das schwarze Brett kamen. Es gab dieses schwarze Brett schon lange, aber es war selten etwas Sinnvolles darauf zu lesen. Heute hingen da aber ein paar ziemlich wichtig aussehende Blätter dran.
„Hey, schau‘ mal da!“, sagte ich zu Lukas und zog ihn hinter mir her zum schwarzen Brett. Ich sah mir die Seiten genauer an.
„Svalbardposten…“, las Lukas vor.
„Hast du dir etwa ohne mein Wissen eine Zeitung angeschafft?“, fragte er dann und lächelte.
„Nicht, dass ich wüsste… Aber das scheint wirklich eine Zeitung zu sein. Komisch, ich weiß nichts davon.“, antwortete ich und sah mich um. Dann rief ich einen Arbeiter, der gerade vorbeilief, zu uns heran und fragte ihn, ob er etwas darüber wisse.
„Das ist die erste Ausgabe unserer eigenen Wochenzeitung. Toll, nicht? Jetzt haben wir hier auch endlich eine Zeitung, wie alle anderen auch.“, antwortete der Arbeiter lächelnd.
„Das ist ja wirklich toll… Wenn die Sache echt funktioniert, das wäre… genial.“, meinte ich begeistert. Sie waren selbst auf die Idee gekommen, eine Zeitung zu gründen. Ganz ohne, dass ich sie dazu animieren musste. Das hatte ich wirklich nicht erwartet, aber es schien, als würden diese Menschen alles daran setzen, Spitzbergen zu einem schönen Wohnort zu machen.
„Es würde natürlich besser funktionieren, wenn wir eine Telefonverbindung zum Festland hätten. Aber vielleicht kriegen wir die ja auch noch! Das wäre natürlich richtig super. Wir wollen das bald mal bei Sysselmannen anbringen. Aber ich muss jetzt weiter. Auf Wiedersehen!“, sagte der Arbeiter und ging wieder an die Arbeit. Ich sah Lukas mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Hast du’s gehört? Mein Volk will telefonieren.“, meinte ich lachend.
„Ja, das habe ich schon mitbekommen. Und was soll ich da jetzt deiner Meinung nach machen?“
„Was du meiner Meinung nach machen sollst?“
„Ja, genau das will ich wissen.“
„Wie wäre es, wenn du deinen Chef schon mal seelisch und moralisch darauf vorbereitest, dass mein Chef eine Telefonverbindung für mein Volk will?“
„Du meinst, ich kann da was machen?“
„Ja, das meine ich.“
Lukas seufzte.
„Also gut. Du hast gewonnen. Und was bekomme ich dafür?“, fragte er und lächelte leicht.
„Mein Vertrauen und meine Hochachtung?“, bot ich ihm grinsend an.
„Und was noch?“
„Dass ich zu diesem NATO-Zeug mitkomme und dein offizielles Anhängsel bin?“
„Oh, gut, dann wäre das auch geklärt. Das wollte ich dich sowieso noch fragen. Alfred wird sich bestimmt freuen.“, meinte Lukas und verdrehte kurz die Augen. Offiziell war er zwar auf Alfreds Seite, aber eigentlich fand er ihn sehr nervtötend.
„Ich vermute, damit bist du auch noch nicht zufrieden, oder?“, fragte ich.
„Da liegst du wohl richtig.“, antwortete er und zog mich zu sich heran, um mich zu küssen. Ich lächelte und sagte: „Ich glaube, darüber sollten wir weiter verhandeln, wenn wir wieder zu Hause sind.“

Nach dem Krieg wurde Longyearbyen vollständig wieder aufgebaut.
Es ist in Spitzbergen gesetzlich verboten, etwas zu verändern, das aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg stammt.
1948 erschien die erste Ausgabe des „Svalbardposten“, der Wochenzeitung Spitzbergens, als Wandanschlag.
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