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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.062
 
Das war eben die beste Nachricht, die ich seit Ewigkeiten gehört hatte.  Ich rannte, so gut ich es mit meinem immer noch nicht verheilten Bein konnte, die Treppe herunter, um in die Küche zu kommen. Dort stand Mathias am Herd und kochte, während Lukas am Fenster saß und nach draußen sah.
„Belgien und Niederlande sind weg!, rief ich und lief strahlend auf Lukas zu.
„Wir müssen nur noch ein kleines bisschen durchhalten, dann muss Ludwig uns auch wegschicken.“, sagte ich, als ich bei ihm angekommen war. Ich griff lächelnd nach Lukas' Hand. Er sah mich an und bemühte sich, auch zu lächeln. Ludwig hatte es jetzt, wo der Krieg zu Ende ging, besonders auf Lukas abgesehen. Oft bekam er wochenlang nichts oder nur wenig zu essen. Im Moment hatte er ein paar gebrochene Rippen, unzählige Blutergüsse und ein blaues Auge. Es tat mir selbst richtig weh, ihn so zu sehen. Aber wenn wir nur noch eine kurze Zeit durchhielten, konnten wir es schaffen.
„Meinst du wirklich, wir schaffen das noch?“, fragte er schwach.
„Ja, natürlich. Du musst ja schon nicht mehr arbeiten. Wenigstens du und Mathias, ihr werdet es schaffen.“, antwortete ich ihm.
„Was ist mit dir?“, wollte Mathias wissen.
„Ich komme hier früher oder später schon wieder raus.“, meinte ich.
„Mit deinem Bein? Du humpelst ja immer noch!“, erwiderte Mathias.
„Aber nicht mehr so schlimm, wie vorher. Nur noch ein bisschen.“
„Sollte ich hier wirklich eher rauskommen, als du, Leah, werde ich alles tun, damit du auch hier rauskommst. Versprochen. Auch wenn es mir lieber wäre, mit dir zusammen zu gehen.“, sagte Lukas.
„Werd‘ erstmal gesund, bevor du dich um mich kümmerst.“, meinte ich lächelnd.
„Kann ich denn ohne dich gesund werden?“, fragte er lächelnd.
„Oh, süß!“, rief Mathias im Hintergrund und verdrehte die Augen. Ich lachte und erwiderte: „Das musst du wohl, da ich nicht glaube, dass Arthur sich so viel Mühe mit mir machen wird.“
Wie auf Kommando kam in diesem Augenblick Deutschland herein und sagte in einem fast schon betrübten Tonfall: „Dänemark, Norwegen, ihr verschwindet jetzt sofort von hier. Spitzbergen bleibt da.“
„Bitte?!“, fragte ich überrascht. Ich hatte das zwar gerade selbst vorausgesagt, aber es war trotzdem komisch, dass es so schnell ging.
„Leah kommt mit.“, sagte Lukas und stand auf. Ich wusste, dass er schon bei jedem Atemzug Schmerzen hatte. Das musste die Hölle für ihn sein.
„Du widersetzt dich mir schon wieder?! Reichen dir deine gebrochenen Rippen etwa noch nicht?“, sagte Ludwig gereizt und sah ihn bedrohlich an.
„Ich gehe nicht ohne Leah.“, wiederholte Lukas. Ludwig kam wütend auf ihn zu. Ich konnte mir das wirklich nicht mehr lange mit ansehen, deswegen ging ich zu Ludwig und hielt ihn an den Schultern fest.
„Lass‘ ihn bitte. Ich bleibe ja.“, sagte ich.
„Was?“, fragte Lukas und sah mich entsetzt an.
„Wenn du noch mehr Verletzungen hast, kommst du keine 100 Meter weit. Geh‘, Lukas. Und denk daran, was du mir versprochen hast.“, entgegnete ich ihm und hoffte, dass er meinen Hinweis verstand. Er sah mich erst verwirrt an, aber dann sah ich, dass er ganz leicht lächelte. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging zusammen mit Mathias.
„Ach, wie niedlich.“, meinte Ludwig nur sarkastisch, nachdem Lukas und Mathias gegangen waren, und grinste mich spöttisch an. Das gab mir den Rest. Ich verpasste Ludwig eine ordentliche Ohrfeige und verließ die Küche.

Die nächsten Monate wartete ich. Die Tage kamen mir länger vor, als je zuvor. Aber nichts geschah. Nur Deutschland bekam irgendwie eine reuevolle Einstellung. Ich erfuhr, dass sein Bruder Gilbert und Maria jetzt bei Ivan waren. In seinem eigenen Haus hatte jetzt Alfred das Sagen. Ein paar Tage, nachdem Mathias und Lukas gegangen waren, war er hier eingezogen. Leider hatte er noch immer keine Zeit gefunden, sich um mich zu kümmern. Ich bekam immer noch nur wenig von der Außenwelt mit. Ich wusste nicht einmal, ob mein Volk wieder in seiner Heimat war oder nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie es dort eigentlich aussah. Also saß ich weiter hoffend am Fenster und wartete.

Eines Morgens wachte ich auf, weil ich mehrere Stimmen aus dem Wohnzimmer kommen hörte. Ich versuchte, zu verstehen, was sie sagten, aber die Wände waren zu dick. Ich hörte nur, dass da  mehr als vier Personen redeten und das war sehr ungewöhnlich. Schnell zog ich mir meine Klamotten an und schlich mich leise aus meinem Zimmer. Da hörte ich  ein lautes Vogelkrächzen aus dem Wohnzimmer. Dieses Krächzen kannte ich! Das war Puffin! Puffin, verdammt nochmal, und wo Puffin war, konnte auch Egill nicht weit sein. Ohne groß darüber nachzudenken, öffnete ich die Tür und rief: „Egill! Icey!“
Dann erst sah ich mich richtig um. Da war nicht nur Egill, der mich etwas überrumpelt anschaute. Da saßen – neben Alfred und Ludwig – Berwald, Mathias, Tino und…
„Lukas!“
Ich lief auf ihn zu und sprang ihm in die Arme.
„Du humpelst ja immer noch ein bisschen, Leah. Ich muss dein Bein ja ganz schön schlecht verbunden haben.“, sagte er und setzte mich wieder auf dem Boden ab. Dann erst sah ich mir die anderen richtig an. Berwald, Mathias und Egill hatten sich kaum verändert. Nur Tino sah extrem mager aus. Und da fiel mir noch jemand auf, der mich interessiert und ein bisschen verunsichert ansah. War das…? Nein, das konnte nicht sein, oder?
„Jan Mayen?“, fragte ich ihn. Er nickte schüchtern.
„Das gibt es doch nicht! Mein Cousin Jan Mayen! Wo habt ihr den denn aufgegabelt?“, wollte ich von den anderen wissen.
„Eigentlich kenne ich ihn schon längere Zeit, aber ich wusste nicht, dass er dein Cousin ist. Jedenfalls habe ich das dann zufällig rausgefunden und da dachte ich mir, ich bringe ihn mit…“, erklärte Lukas.
„Wirklich? Du meine Güte! Ich habe von Jan nur gehört, aber ich habe ihn noch nie gesehen. Ich meine, er gehört zwar zu meiner Familie, aber ich war irgendwie immer mehr so ein Einzelgänger.“, sagte ich.
„Na, dann wird es Zeit, dass du wieder nach Hause kommst, Leah.“

Am 4. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen in den Niederlanden und am 5. Mai in Dänemark. Beim Rückzug der Truppen aus Norwegen wandten die Besatzer die Politik der verbrannten Erde an, wodurch weite Teile Nordnorwegens zerstört wurden.
Die letzte Wehrmachteinheit auf Spitzbergen kapitulierte erst im September 1945.
Jan Mayen ist eine Insel vulkanischen Ursprungs im Nordatlantik. Im Februar 1930 wurde Jan Mayen Teil des norwegischen Königreiches.
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