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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.023
 
„Norwegen und Spitzbergen, ihr kocht das Mittagessen! Der Rest von euch macht hier sauber!“, befahl Deutschland uns und knallte wie immer die Tür hinter sich zu. Wir alle waren seit morgens um sechs auf den Beinen und arbeiteten. Wir alle waren hungrig und hundemüde. Von Griechenland, der inzwischen auch in Deutschlands Haus war, waren wir das ja gewohnt. Für ihn  musste das hier die Hölle sein. Aber wir hatten alle mit uns selbst zu kämpfen. Belgien wäre heute Morgen fast umgekippt. Zum Glück hatte Deutschland das nicht gesehen, sonst hätte sie Schläge bekommen. Oder mehrere Tage lang nichts zu essen. Mein gebrochener Arm war wieder zusammengewachsen, meine Wunden heilten auch. Aber es hatte alles sehr lange gedauert, weil mein Körper sich erstmal um mein Überleben kümmern musste. Finnland kam manchmal vorbei und sah Mathias, Lukas und mich jedes Mal mit einem traurigen und mitleidigen Blick an, sagte aber nichts. Einerseits konnte ich ihn verstehen. Er wollte Rache für den Angriff Russlands von damals. Andererseits war mir unklar, warum er noch immer gegen Ivan kämpfte. Er hatte doch nun schon mehr Land besetzt, als seine ursprünglichen Gebiete. Wieso machte er weiter? Auch Schweden kam manchmal vorbei, allerdings seltener als Finnland. Manchmal, wenn Ludwig nicht zu Hause war, hörten wir heimlich Radio oder lasen die Zeitung. Wenn Ludwig da war, durften wir das nicht, aber bis jetzt hatte er uns nicht erwischt.
„Komm, Leah. Wir sollen Mittagessen kochen.“, sagte Lukas. Ich nickte und folgte ihm in die Küche. Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Kartoffeln und Wurst.
„Schon wieder Bratwurst mit Kartoffeln.“, murmelte ich. Ludwig aß wirklich viel davon. Es mochte vielleicht sein Lieblingsessen sein, aber trotzdem war es irgendwie seltsam, dass er so viel davon aß. Ich nahm mir einen Kartoffelschäler aus der Schublade und begann geistesabwesend die Kartoffeln zu schälen. Ich war so in Gedanken, dass ich meine Umwelt überhaupt nicht wahrnahm. Bis mir plötzlich der Geruch von Schokolade in die Nase stieg. Ich drehte mich um und sah, dass Lukas mit einer Tafel Schokolade in der Hand hinter mir stand.
„Willst du was haben?“, fragte er und lächelte mich an.
„Wo hast du die her?“, wollte ich erstaunt wissen. Lukas zuckte mit den Schultern und antwortete: „Gefunden.“
Mir war klar, dass er sie nicht einfach gefunden hatte. Die Schokolade war von Deutschland und sie war ganz sicher nicht für uns bestimmt. Aber ich hatte so lange nichts auch nur annähernd Leckeres gegessen, ganz zu schweigen von Schokolade.
„Wenn uns Ludwig erwischt! Lukas, leg‘ das weg…“, sagte ich, wenn auch widerstrebend. In Wirklichkeit hätte ich am liebsten die ganze Tafel aufgegessen. Lukas ignorierte mich und brach ein Stück ab.
„Nein, das…“, wollte ich protestieren, doch Lukas zog nur eine Augenbraue hoch. Ich seufzte.
„Mund auf.“, sagte Lukas und schob mir das Stück Schokolade in den Mund. Ich schloss die Augen und ließ mir die Schokolade langsam auf der Zunge zergehen.
„Verdammt, das schmeckt so gut…“, murmelte ich und öffnete die Augen wieder. Lukas hatte die Kartoffeln bereits auf den Ofen gestellt und salzte sie gerade.
„Hör‘ auf, du versalzt die Kartoffeln ja!“, rief ich.
„Das ist Absicht.“, meinte Lukas und machte weiter. Besorgt sah ich zu, wie er den gesamten Inhalt des Salzstreuers in den Topf schüttete. Ich wusste ja, dass Lukas Deutschland gerne provozierte und ihm ordentlich Widerstand leistete. Aber das hier… das war ja schon irgendwo Sabotage. Es war nicht so, dass ich nichts gegen die Zustände in Deutschlands Haus hatte, aber ich machte mir immer wegen der Konsequenzen Sorgen.
„Warum soll Deutschland gutes Essen bekommen, wenn wir von solchen Hungerrationen leben müssen?“, meinte Lukas noch und öffnete das Fenster. Wahrscheinlich, damit der Rauch von den gerade verbrennenden Bratwürsten abziehen konnte.

„Wie konnte das passieren?! Rede mit mir, Maria!“, schrie Deutschland, als er nach Hause kam. Er schrie ständig herum.
„Die haben mir in den Fuß geschossen, mehr nicht.“, hörte ich Marias raue Stimme. Ich hatte mich schon gewundert, warum ich sie noch nicht hier gesehen hatte.
„Die haben dir in den Fuß geschossen, na so was! Das warst du aber nicht zufällig selbst, oder, Maria?“
„Natürlich nicht. Spinn‘ nicht rum, Bruder, sondern hol‘ mir lieber Verbandszeug.“
Ich schaute vorsichtig um die Ecke. Maria lehnte an der Wand, ihr Fuß war blutüberströmt. Neben ihr stand Ludwig mit vor Wut rotem Gesicht.
„Lüg‘ mich nicht an! Du wolltest doch desertieren, du Feigling!“, warf er ihr vor. Maria sah ihn empört an.
„Nein, sag mal, was willst du eigentlich?! Erst soll ich hier für dich Soldat spielen und jetzt, nachdem ich an der Front eine Kugel in den Fuß bekommen habe, sagst du, ich wolle ja nur desertieren. Hast du eigentlich noch alle Tassen im Schrank?!“
In der Küche hatten jetzt auch die anderen den Streit mitbekommen. Wir standen alle dicht gedrängt an der Wand und belauschten die beiden.
„Gebt mir mal eine Tasse, schnell!“, flüsterte ich. Ein paar Sekunden später trat ich mit der Tasse in der Hand hinaus in den Gang. Jetzt drängten sich die anderen an der Tür, um zu sehen, was ich vorhatte. Lächelnd warf ich die Tasse auf den Boden und sagte: „Oh. Offensichtlich hat er nicht mehr alle Tassen im Schrank.“
Aus der Küche bekam ich schallenden Beifall und Jubel zu hören und selbst Maria konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Wegen der Tasse und des verbrannten Essens bekamen Lukas und ich kein Mittagessen und auch kein Abendessen. Die anderen bekamen nur halbe Rationen. Immerhin mussten Deutschland und seine ganzen, tollen Freunde jetzt die abartige Suppe essen, die wir immer bekommen hatten. Die anderen waren uns auch nicht böse, obwohl ich das noch am ehesten erwartet hätte. Immerhin war es unsere Schuld, dass sie weniger aßen, als sonst schon. Und grade Belgien und Polen hatten das Essen bitter nötig. Aber wahrscheinlich hatte jeder von uns heute wenigstens ein bisschen Genugtuung bekommen.

Nachdem der militärische Widerstand in Norwegen gescheitert war, gab es immer mehr Sabotageakte von Seiten der zivilen Bevölkerung. Der norwegische König, der mit seiner Familie im Exil in Großbritannien lebte, hielt von dort aus Radioansprachen, die viele Bürger trotz Verbot anhörten und die auch die Moral und Stimmung im besetzten Land stark beeinflussten.
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