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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.093
 
Ich kam erst wieder richtig zu Bewusstsein, als ich aus einem Auto gezerrt wurde. Ich nahm anfangs alles nur diffus und verschwommen wahr. Mein Kopf tat weh und mir war schlecht, meine Schnitt- und Schürfwunden brannten, meine Arme pochten vor Schmerz und mein linker Knöchel fühlte sich merkwürdig dick an. Ludwig zog mich am Arm hinter sich her und ich versuchte stolpernd hinterherzukommen und dabei nicht hinzufallen. Wir gingen auf ein sehr großes Haus zu. Das Haus war  größer als ich Ludwigs Haus in Erinnerung hatte. Ludwig öffnete die Tür und stieß mich in das Haus. Ich stolperte und fiel zu Boden. Mir wurde wieder etwas schummrig vor Augen, aber ich merkte, wie mich jemand am Arm festhielt.
„Belgien, bring‘ sie zu den anderen und passt auf sie auf. Verarztet sie so gut wie möglich, ohne dabei unnötig Verbandsmaterial und Medizin zu verschwenden. Wenn sie zu schwach ist, lasst sie sterben.“, hörte ich Ludwig sagen. Das Flimmern vor meinen Augen verschwand langsam. Ich hörte die Tür zuknallen. Schwach hob ich meinen Kopf und blickte in das Gesicht von Belgien.
„Hallo, Leah. Kannst du aufstehen?“, fragte sie und lächelte mich freundlich an. Ich nickte und flüsterte: „Ich werde es versuchen.“
Belgien zog mich an dem Arm, der nicht gebrochen war, vorsichtig nach oben.
„Du siehst echt schlimm aus.“, stellte sie dann fest und ging mit mir den Korridor entlang, wobei sie mich stützte.
„Warum… bist du… hier?“, brachte ich mühevoll hervor. Irgendwie war mein Gesicht geschwollen, konnte das sein?
„Rede nicht. Das macht es nur schlimmer. Wir sind schon da. Du wirst alles erklärt bekommen.“, sagte Belgien und öffnete eine Tür. Ich hatte den Blick auf den Boden gerichtet, während wir das Zimmer betraten. Erst, als Belgien die Tür hinter uns schloss, sah ich nach oben. Ich traute meinen Augen kaum. Dort waren die Niederlande, Polen, Österreich und Ungarn. Sogar Dänemark war da  und Norwegen. Ich sah ihn ungläubig an. Da war Lukas. Er lebte noch. Er sah mir direkt in die Augen und ich glaubte, zu hören, dass er leise „Leah.“ flüsterte.
„Hilft mir vielleicht mal jemand, sie auf ein Bett zu legen? Seht ihr nicht, dass es ihr verdammt schlecht geht?“, beschwerte sich Belgien. Lukas kam langsam auf mich zu und legte vorsichtig meinen gebrochenen Arm um seine Schulter. Dann hob er mich behutsam hoch und trug mich zu einem schmalen Bett.
„Na los, bewegt euch, holt das Verbandszeug und steht hier nicht dumm rum!“, befahl Belgien unterdessen. Als ich auf dem Bett lag, merkte ich erst, wie müde ich überhaupt war. Ich versuchte, die Augen offen zu behalten.
„Hey.“, flüsterte ich leise und versuchte, zu lächeln. Das tat zwar ziemlich weh, aber ich gab mir trotzdem Mühe. Lukas lächelte zurück, nahm meine Hand und sagte: „Schlaf‘, Svalbard. Ruh‘ dich aus.“

Ich wachte erst wieder auf, als es draußen schon dunkel war. Lukas saß an meinem Bett. Auf dem Tisch stand Verbandsmaterial. Außer Lukas war niemand weiter im Raum.
„Wo sind die anderen?“, fragte ich schwach. Erst jetzt hatte Lukas bemerkt, dass ich aufgewacht war.
„Sie machen Abendessen für Deutschland.“, antwortete Lukas und nahm sich einen Wattetupfer von dem Tisch neben meinem Bett, den er in eine durchsichtige Flüssigkeit tränkte.
„Was machst du da?“, wollte ich wissen.
„Ich desinfiziere deine Wunden. Achtung, das könnte jetzt ziemlich brennen.“, meinte er und tupfte vorsichtig über die lange Schürfwunde auf meiner Schläfe. Er hatte Recht, das brannte wirklich höllisch.
„Was ist bloß mit dir passiert, Leah? Die Schnitte sehen zwar schlimmer aus, als sie sind, aber trotzdem… Wer hat dir das angetan?“, fragte er und verzog das Gesicht, als hätte er selbst Schmerzen, wenn er meine Verletzungen sah.
„Das war… Kanada. Ich glaube, er hat das getan, um mir zu helfen. Er hat wohl gedacht, dass ich so zugerichtet keinen Nutzen mehr für Deutschland haben würde…“
„Da hat er wohl falsch gedacht.“
„Er hat gesagt, dass es ihm Leid tut. Es war sein Auftrag.“
Ich wusste selbst nicht, warum ich Matthew verteidigte. Vielleicht, weil er wirklich ehrlich zu sein schien, als er gesagt hatte, dass es ihm Leid tat. Lukas sah sich gerade meinen Arm an.
„Was hat er getan?“, fragte er leise und mit trauriger Stimme.
„Die Kohle- und Treibstoffvorräte abgebrannt und die Infrastruktur und alles, was irgendwie von wirtschaftlichem oder militärischem Nutzen wäre, zerstört.“, antwortete ich ihm. Es klang gar nicht so schlimm. Aber ich merkte mit jedem Atemzug, wie weh es tat. Lukas sah zu Boden. Eine Zeit lang war es völlig still.
„Mit dem Verband müssen wir warten, bis die anderen wieder da sind. Alleine geht das schwer einzugipsen.“, sagte er dann, als wäre nichts gewesen. Er ging an das Bettende und begutachtete meinen leicht geschwollenen Knöchel.
„Eine Salbe und ein einfacher Verband werden reichen.“, meinte Lukas und ging wieder zum Tisch, um die nötigen Sachen zu holen.
„Was ist mit dir los?“, fragte ich ihn, als er sorgfältig den Verband um meinen Fuß wickelte.
„Finnland ist auf der Seite Deutschlands. Dänemark hat nicht den geringsten Widerstand geleistet, als sein Land besetzt wurde. Schweden kooperiert mehr oder weniger mit Deutschland. Während mein Volk stirbt, weil es Widerstand leistet. Aber soll ich denn genau wie alle anderen einfach tatenlos zusehen?“, sagte Lukas. Ich sah ihn mitfühlend an. Wir wussten nicht mehr, was mit der Welt los war.
„Was ist mit deinem Volk, Svalbard? Spürst du auch den Tod jedes Einzelnen?“, fragte er dann schon fast verzweifelt. Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe sie evakuieren lassen.“, erklärte ich leise und setzte mich auf, um näher an Lukas heranrutschen zu können. Ich hatte zwar ziemliche Schmerzen dabei, aber es ging einigermaßen. Lukas schlang einfach nur beide Arme um mich, legte seinen Kopf auf meine Schulter und blickte starr geradeaus, fast so, als müsse er sich an mir festhalten.

„Schon wieder das wässrige Zeug…“, jammerte Polen, der auch stark mitgenommen schien und auf einem Bein humpelte.
„Das ist keine Suppe, das ist heißes Wasser.“, meinte Niederlande und sah das Essen angewidert an. Ich aß die Suppe ohne mich zu beklagen. Auch wenn sie wirklich mehr Wasser war, als Suppe. Ich war froh, überhaupt etwas Warmes zu essen zu bekommen. Aber ein was wunderte mich dann doch…
„Wo sind Dänemark, Österreich und Ungarn eigentlich?“, fragte ich.
„Die essen in der gehobenen Klasse. Als Deutschlands Lieblinge.“, sagte Belgien verbittert. Ich ersparte mir weitere Fragen.

Ende 1941 trat Dänemark dem faschistischen Antikominternpakt bei. Deutschland besetzte zu dieser Zeit weite teile Europas, unter anderem Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Polen, Teile des Balkans und Frankreichs. In Norwegen erlangten Widerstandsorganisationen einen hohen Stellenwert. Es wurden mehrere KZs in Norwegen errichtet.
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