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Svalbard

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Dänemark Finnland Island Norwegen Russland Schweden
12.12.2011
10.03.2012
37
38.717
 
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12.12.2011 1.100
 
Über ein Jahr dauerte es, bis wir die Evakuierung organisiert hatten. Wir brauchten nicht so lange zum reinen Organisieren, wir brauchten eher so lange, um jemanden zu finden, der uns half. Erst als Deutschland Ivan angegriffen hatte, bemühte man sich um eine Evakuierung.. In diesem Jahr hatte sich wieder so einiges verändert. Tino kämpfte jetzt auf der Seite Ludwigs gegen Ivan. Mathias begann auch langsam, Deutschland zu unterstützen. Berwald ließ Transporte von deutschen Soldaten über seinem Gebiet zu. Island wurde von Arthur und Alfred besetzt. Anfangs war er noch sauer auf mich gewesen, aber inzwischen hatte er sich wieder einigermaßen beruhigt. Von Lukas hörte ich kaum etwas. Arthur berichtete mir manchmal von Gefechten mit den Deutschen, aber was mit Lukas war, wusste ich nicht.

„Arthur!“, rief ich freudig, als ich ihn sah. Er winkte mir zu.
„Sind alle fertig? Ich habe den Befehl, alle sowjetischen Bürger abzuholen und nach Russland zu bringen.“, sagte er.
„Ja, alle sind fertig. Aber was ist mit den anderen? Holt die auch jemand ab?“
„Die holt Kanada ab. Er wird sich dann auch um dich kümmern.“, meinte Arthur und ließ seinen Blick über die verschneite Landschaft schweifen.
„Gut.“, sagte ich erleichtert, „Weißt du etwas Neues von Lukas?“
Arthur schüttelte den Kopf.
„Er wird es schon schaffen. Ich kenne ihn ganz gut. Er leistet sicher ordentlich Widerstand gegen Ludwig.“, sagte er dann.
„Wie geht es Ivan?“, fragte ich.
„Ludwig und Tino setzen ihm im Moment ganz schön zu. Ich bin mir nicht sicher, wie das ausgehen wird, aber… Ich meine, Ivan hat noch nie so wirklich verloren. Kopf hoch, Leah, das wird schon.“, antwortete Arthur und lächelte mich ermutigend an.
„Geht es Egill gut?“
„Ja. Mach‘ dir nicht so viele Sorgen, Leah, sonst bekommst du noch Sorgenfalten. Wie sieht das denn aus, wenn Lukas wiederkommt?“
Daraufhin musste ich lachen. Das war das erste Mal seit einem Jahr, dass ich wieder lachen konnte. Fühlte sich irgendwie gut an.
„Ich mach‘ mich mal wieder auf die Socken. In ein paar Tagen kommt Kanada vorbei.“, sagte Arthur und ging wieder zurück zum Schiff. Ein seltsamer Abschied, aber irgendwie wunderte mich das wenig. Der Krieg war ein einziger Wahn. Warum sollte ich mich darüber wundern, wenn die Beteiligten irgendwie verrückt spielten?

Ein paar Tage später kam Kanada tatsächlich und holte die restlichen Inselbewohner ab, um sie nach Großbritannien zu bringen.
„Sind das alle?“, fragte er mich, nachdem die Menschen an Bord der Empress of Canada gegangen waren. Ich nickte.
„Danke, Matthew. Wirklich, ich bin froh, dass alles gut gegangen ist.“, sagte ich. Matthew nickte nur abwesend. Er verhielt sich seit seiner Ankunft ein wenig seltsam, aber ich hatte es ja aufgegeben, mich über das Verhalten anderer Länder zu wundern.
„Da ist noch etwas…“, sagte er dann und atmete tief durch. Ich hob gerade den Kopf, als mich eine Faust im Gesicht traf. Überrascht von dem Schlag und von der Wucht des Schlages (ich hätte nie gedacht, dass Kanada so stark zuschlagen konnte) taumelte ich rückwärts und landete im Schnee. Meine Wange fühlte sich vor Schmerzen taub an und ich merkte, wie sich Blut in meinem Mund sammelte. Ich versuchte, es so gut wie möglich auszuspucken, was dadurch erschwert wurde, dass sich meine linke Gesichtshälfte wie Watte anfühlte. Ich fluchte leise vor mich hin, doch bevor ich Kanada fragen konnte, was das denn sollte, trat Matthew mit seinen schweren Stiefeln auf meine Schultern und packte meine Arme.
„Tut mir Leid.“, sagte er mit zitternder Stimme, „Aber mein Auftrag lautet, dich für Deutschland unbrauchbar zu machen.“
Mit diesen zog er meine Arme nach hinten. Ich merkte, dass mir Tränen über das Gesicht liefen und dass manche noch auf meiner Haut gefroren. Ich schrie vor Schmerzen laut auf, als ich das laute Knacken hörte, das wohl von meinen Armen kommen musste. Ich wusste nicht, ob Kanada mir beide Arme oder nur einen gebrochen hatte. Es fühlte sich eher an, als hätte er sie in kleinen Stücken abgesägt. Doch mir blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Matthew riss mich an den Haaren nach oben, sodass ich wieder zittrig auf den Beinen stand. Vor mir sah ich eine scharfkantige Felswand. Ich konnte mir denken, was er vorhatte.
„Verdammter Idiot.“, fauchte ich, bevor er mich auf die scharfen Felsen stieß. Ich versuchte, meinen Kopf so gut wie möglich zu bedecken, aber ich konnte nur noch einen Arm bewegen. Also war der noch nicht gebrochen. Auch wenn er höllisch wehtat, konnte ich ihn noch bewegen. Ich merkte, wie ich über die scharfen Kanten schlitterte und wie sich das spitze Gestein in meine Haut schnitt. Vor meinen Augen flimmerte alles und in meinen Ohren hatte sich ein schrilles, lang anhaltendes Piepen festgesetzt. Ich schloss die Augen und weinte leise vor mich hin. Es war kalt. Es war wieder einmal wahnsinnig kalt. Aber sobald ich mich bewegte, hatte ich unheimliche Schmerzen. Also blieb ich einfach liegen und wartete in einem Zustand zwischen Ohnmacht und Bewusstsein. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es wieder, meine Augen zu öffnen und klare Bilder zu sehen. Ich sah, wie in der Ferne Rauch aufstieg. Wieder merkte ich, dass mir Tränen in die Augen stiegen. Da brannte mein Land. Ich wusste nicht, was genau Kanada zerstört hatte, aber es reichte schon, dass er überhaupt etwas zerstört hatte. Erneut versuchte ich aufzustehen, aber meine Gliedmaßen waren von der Kälte so taub und steif, dass ich nur leicht vorwärts stolperte. Und dann waren da diese Schmerzen, diese furchtbaren Schmerzen. In der Ferne konnte ich Menschen sehen. Ich bemühte mich weiter vorwärts zu kommen, damit sie mich bemerkten. Erst als ich erkannte, dass das Ludwig mit einem seiner Soldaten war, blieb ich dort liegen, wo ich war. Aber da war es schon zu spät. Sie hatten mich bemerkt.
„Da ist die Kleine ja.“, sagte Ludwig und kam mit dem Soldaten auf mich zu.
„Die haben alle Kohlen- und Treibstoffvorräte verbrannt und überhaupt alles, was irgendwie von Nutzen gewesen wäre, haben die zerstört. Was wollen wir mit der Kleinen?“, fragte der Soldat.
„Wetterbeobachtungen. Wegen dem Zugang zum russischen Nordmeer. Und um Wettervoraussagen für Mitteleuropa machen zu können.“, erklärte Ludwig.
„Steh auf!“, schrie er mich an. Ich spuckte eine Menge Blut aus und sagte leise: „Fahr‘ zur Hölle.“
Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Ende 1941 wurde die sowjetische Bevölkerung Spitzbergens von britischen Schiffen nach Russland gebracht. Einige Tage später wurde der Rest der Bevölkerung auf der Empress of Canada nach Großbritannien gebracht. Die kanadischen Truppen verbrannten alle Kohle- und Treibstoffvorräte und zerstörten die Infrastruktur und auch alles, was von irgendeinem militärischen oder wirtschaftlichen Nutzen sein könnte. Trotzdem wurden seit 1941 Wettertrupps der Wehrmacht auf Spitzbergen stationiert.
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