Türchen 10: Flocken

KurzgeschichteAllgemein / P12
10.12.2011
10.12.2011
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Dieser One-Shot ist Teil eines Weihnachtskalenders, den die Mitglieder des Schreibprojekts Dantai: Geijutsu erstellt haben. Hinter den Türchen erwarten euch One-Shots zu verschiedenen Fandoms oder Prosa-Kurzgeschichten. Es ist garantiert für jeden etwas dabei! Schaut doch auch bei den anderen Türchen vorbei. In der Favoritenliste "Weihnachtskalender 2011" unseres Share-Accounts findet ihr alle One-Shots auf einen Blick!


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Flocken


Sie saß an ihrem Tisch und hätte am liebsten den Kopf auf das Holz vor sich geschlagen. Es war doch kaum zu fassen, wie eine Stunde Mathematik ihre Laune so sehr in den Keller treiben konnte. Und dabei hatte sie noch eine ganze Stunde vor sich. Allein bei der Vorstellung wäre die junge Frau am liebsten schreiend aus dem Klassenraum gerannt.
Bei dem Stoff, den sie gerade durchnahmen, mochte sie gar nicht an die nächste Klausur in zwei Wochen denken. Das würde sowieso wieder so laufen, wie sonst auch. Sie gab sich Mühe, überwand ihren inneren Trotz und versuchte wenigstens, alles so gut zu machen, wie sie es konnte. Und am Ende kam dann doch wieder eine fünf oder, wenn sie ganz viel Glück hatte, eine vier dabei heraus. Es war doch wirklich zum Kotzen.
Sie stützte ihr Kinn mit einem tiefen Seufzer, was schon eher grollend klang, auf ihrer Handfläche ab und starrte auf die Tafel. Es war ja nicht so, dass ihr Lehrer nicht gut unterrichten konnte. Ganz im Gegenteil, eigentlich war er einer der besten Mathelehrer, die das junge Mädchen in ihren letzten Schuljahren hatte. Vielmehr lag es wohl am Stoff. Sie begriff es einfach nicht.
Sie seufzte ein weiteres Mal und stierte nach draußen. Als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, war in zwei Wochen auch noch Weihnachten. Alle Welt freute sich darüber, nur sie konnte es nicht. Es war im Moment einfach alles scheiße. Das klingt zwar sehr nach der übertrieben pessimistischen Sicht eines Teenagers, aber so war es nun einmal wirklich. Und selbst wenn es übertrieben, klischeehaft und absolutes Teenager-Verhalten war, so war es ihr egal. Sie fühlte sich einfach nur mies und frustriert, und daran vermochte nichts und niemand etwa zu ändern. Es war einfach so. Punkt. Aus. Ende.
Mit einem leisen Grummeln wandte sie ihren Blick wieder ihrem Lehrer zu. Sie wollte wenigstens versuchen, aufzupassen und etwas zu verstehen. Aber diese ganzen Wurzeln und Buchstaben und Punkte, die sie berechnen sollte, waren einfach zu viel für sie.
Ihre Laune sank immer tiefer, je mehr sie auf ihren Collegeblock schrieb und sich Notizen machte.
Sie dachte an die nächsten zwei Wochen, zum einen stand da natürlich diese blöde Matheklausur an, aber auch Weihnachten. Irgendetwas in ihrem Inneren wollte sich darüber freuen und, genau wie all die anderen, in kitschiges Schwärmen verfallen. Allerdings wollte das nicht so ganz funktionieren.
„Hm“, grummelte sie und fuhr sich durch die dunklen Locken. Ist doch irgendwie alles scheiße, heute!, dachte sie trübsinnig und schielte ein weiteres Mal aus dem Fenster. Da sie nun mittlerweile ihre 9. Unterrichtsstunde absaß, war es schon Nachmittag und dementsprechend wurde es langsam, aber sicher dunkel.
Ihr nächster Blick glitt zur Tür. Noch eine Viertelstunde. Na immerhin!
Zehn Minuten später teilte der Lehrer der Klasse die Hausaufgaben zu nächster Woche mit und beendete den Unterricht fünf Minuten eher. In Windeseile hatte sie ihre Sachen zusammengepackt und war in ihre Jacke geschlüpft. Bloß raus hier! Mit diesem Gedanken nuschelte sie ein leises „Tschüss“, als sie aus der Tür verschwand und lief dann durch die Gänge des Schulgebäudes. Eine weitere Woche war überstanden und nun stand wenigstens endlich das Wochenende vor der Tür.
Als sie die großen Türen in der Eingangshalle aufstieß und ihr die kalte Dezemberluft entgegenschlug, entwich ihr ein Seufzen der Erleichterung. Geschafft!
Sie steckte ihre Hände in die Jackentaschen und vergrub ihr Gesicht zur Hälfte in den dicken Wollschal um ihren Hals. Dann machte sie sich auf den Heimweg.
Auf ihrem Weg kam sie an einer der größeren Einkaufsstraßen vorbei, wo nun in den Schaufenstern der Geschäfte, die Lichterketten leuchteten und ein warmes, wohliges Licht verströmten. Vor allem jetzt, wo es langsam dunkel wurde, hatte dies einen wirklich wundervollen Effekt. Ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte, schlich sich ein feines Lächeln auf die Lippen der jungen Frau.
Sie ließ ihren Blick über die Schaufenster gleiten und sog den Geruch, der aus den Geschäften drang, in sich auf. Irgendwie war sie heute gar nicht genervt von den kitschigen Dekorationen und auch die Lieder, die auf die Straße geweht wurden, kamen ihr heute auch kein bisschen übertrieben oder nervig vor. Vielmehr gefiel es ihr beinahe.
Sie schlenderte weiter durch die Straßen und machte einen Umweg nach dem anderen. Jetzt schon nach Hause gehen wollte sie irgendwie nicht.
Als sie weiterging, kitzelte sie plötzlich etwas auf der Nase und als sie nach oben schaute, konnte sie lauter kleine weiße Punkte erkennen, die allesamt auf die Erde hinab schwebten.
Es schneite! Endlich schneite es!
Der erste Schnee in diesem Jahr!, dachte sie freudig. Mit dem Herabrieseln der weißen Flocken war sämtliche schlechte Laune von ihr gewichen.
Vielleicht wurde Weihnachten dieses Jahr doch nicht so übel.

Das 11. Türchen gibt's hier.