Türchen 4: Verstecke

KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12
04.12.2011
04.12.2011
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Dieser One-Shot ist Teil eines Weihnachtskalenders, den die Mitglieder des Schreibprojekts Dantai: Geijutsu erstellt haben. Hinter den Türchen erwarten euch One-Shots zu verschiedenen Fandoms oder Prosa-Kurzgeschichten. Es ist garantiert für jeden etwas dabei! Schaut doch auch bei den anderen Türchen vorbei. In der Favoritenliste "Weihnachtskalender 2011" unseres Share-Accounts findet ihr alle One-Shots auf einen Blick!


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Verstecke



Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte ein junger Mann von dem Zirkusgelände. Er zog die Schultern höher und vergrub die Hälfte seines Gesichts in dem dicken Schal. Es war zwar normal, im Dezember Temperaturen um den Gefrierpunkt zu haben, aber dass es schlagartig so kalt wurde, damit hatte wirklich niemand gerechnet.
Vor sich hin grummelnd lief der junge Mann durch die Straßen und zerbrach sich den Kopf. Seit geraumer Zeit war sein kleiner Gefährte verschwunden. Besser gesagt seit heute Morgen. Gestern Abend hatte er den kleinen Racker noch in seinem Schuhkarton gesehen, wie er friedlich schlummerte. Allerdings war ebendieser Karton heute Morgen vollkommen leer gewesen. Er hatte überall gesucht, aber nicht das geringste Anzeichen über den Verbleib des kleinen Äffchens gefunden. „Verdammter Affe!“, grollte Ryc-Luc Terrencé, besser bekannt als Reed. Selbst die anderen Artisten im Zirkus hatten das kleine Pelzknäuel vermisst. Kaum zu fassen. Eigentlich ging dieser kleine Racker immer allen auf die Nerven, insbesondere Reed. Dieser kannte mittlerweile die Masche des Tieres. Sich erst durch das niedliche Äußere einschmeicheln und dann, wenn man am wenigsten damit rechnet, mit den Fisimatenten herausrücken und voller Grausamkeit zuschlagen.
Vielleicht übertrieb er ein wenig, aber so oder ähnlich spielte es sich oft ab.
Er verzog das Gesicht, als ihm eisiger Wind ins Gesicht schlug. Hoffentlich fängt es jetzt nicht auch noch an, zu schneien!, dachte er griesgrämig. Nasse, kalte Sachen, die ihm vom Wind unter die Kleidung und ins Gesicht geweht wurden, waren Dinge, die Reed am wenigsten gebrauchen konnte, wenn er schlechte Laune hatte.
Also beschloss er, seinen Weg fortzusetzen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Es wurde Zeit, dass er einen heißen Tee in den Magen bekam. Dann würde auch seine schlechte Laune verschwinden. Jetzt eine schöne, heiße Tasse Darjeeling Tee! Reed seufzte wohlig bei dem Gedanken und beschleunigte seine Schritte. Allerdings wollte ihm weiterhin nicht die Frage aus dem Kopf gehen, wohin sein kleines Haustier verschwunden war.
Als er endlich vor seiner Wohnungstür ankam, zitterten seine Hände, sodass er den Schlüssel kaum ins Schlüsselloch stecken konnte. Verflixte Kälte aber auch!, dachte er bei sich und grummelte leise vor sich hin, als er es endlich geschafft hatte, den Schlüssel im Schloss herumzudrehen.
Nun stand er endlich in seiner kleinen Wohnung und rieb seine Hände aneinander. Trotz seiner schwarzen Wollhandschuhe hatte er das Gefühl, seine Fingerkuppen nicht mehr richtig zu spüren.
Reed ließ hinter sich ins Schloss fallen und schritt durch den kleinen Flur. Seine Schlüssel warf er in die Schale auf der Kommode links neben sich. Während er mit dem Ellenbogen den Lichtschalter betätigte, zog er sich die Handschuhe von den Fingern.
Es war still in der Wohnung. Auf seinem Weg durch den Flur Richtung Küche kam Reed an dem Wohnzimmer vorbei, wo noch immer Chaos der vergangenen Feiertage herrschte. Die Geschenke lagen auf dem dafür viel zu kleinen Couchtisch und darunter konnte Reed ein paar Stücke des Geschenkpapieres entdecken. Er schmunzelte, als er an das verrückte Treiben am Heiligen Abend zurück dachte. Das war schon sehr chaotisch und durcheinander gewesen. Aber schön!, schoss es ihm durch den Kopf.
Fast eine Woche später stand schon Silvester vor der Tür. Die letzten Tage im Jahr vergingen immer wieder wie im Fluge und Reed mochte gar nicht an das kommende Jahr denken. Immerhin war in diesem Jahr so viel Gutes und Schönes geschehen, dass das nächste eigentlich nur schlechter werden konnte.
Nichtsdestotrotz freute er sich auf die morgige Nacht. Allein bei dem Gedanken daran, musste er hin sich hineinkichern. Das würde ein Spaß werden, wenn sie wieder zu dritt hier sitzen und um Mitternacht die Korken knallen lassen würden. Eigentlich sind wir ja nur zweieinhalb. Wenn das Äffchen bis dahin wieder auftaucht... Irgendwie war ihm doch etwas mulmig zumute, als er an den kleinen Affen dachte. Immerhin war er noch nie länger als ein paar Stunden weg gewesen. Er schüttelte den Kopf über diese trübsinnigen Gedanken und hing seine Jacke an die Garderobe. Danach drehte er sich in Richtung Küche und wollte diese gerade betreten als -
Überraschung!
Konfetti flog durch die Luft und Reed musste die Augen zusammenkneifen, um nicht von dem plötzlichen Licht geblendet zu werden. Im nächsten Moment spürte er zwei schlanke Arme, die sich um seinen Hals schlangen und Gewicht auf seine Schultern ausübten.
„Alles Gute zum Geburtstag, Reed!“ Liz lachte so herzlich, dass er gar nicht anders konnte, als ebenfalls zu lachen. Er hätte alles erwartet, nur das nicht. So lagen sie sich lachend in den Armen und Reed spürte einen warmen Knoten in seinem Bauch. „Das ist wirklich eine gelungene Überraschung, Liz!“, sagte Reed, als er sich von seiner Freundin löste.
Sie strahlte über das ganze Gesicht und schien sich fast noch mehr zu freuen als er . „Das ist gut! Ich habe sogar einen Kuchen gebacken.“ Ihr Grinsen wurde noch breiter und wenn sie vor Stolz hätte platzen können, hätte sie es getan.
Reed lachte. Dieses kleine verrückte Mädchen war doch immer wieder für eine Überraschung gut. „Ich freue mich wirklich, Liz. Du kannst dir wahrscheinlich denken, dass ich meinen eigenen Geburtstag mal wieder fast vergessen hätte.“
„Ja, das habe ich mir bereits gedacht.“ Liz kicherte und zupfte an einer ihrer Locken. „Wie war's im Zirkus? Ich wäre ja gekommen, um zu schauen, aber dann hätte ich es nicht mehr rechtzeitig hierher geschafft. Du bist mir nicht böse deshalb, oder?“ Sie sah ihn leicht zweifelnd an und Reed zog die Augenbrauen zusammen. „Hörst du wohl jemals auf, mich so anzusehen? Du weißt, dass ich es nicht leiden kann, wenn du so flehend schaust. Das passt nicht zu dir, also lass es!“
Daraufhin musste Liz wieder kichern. „Ist gut. Aber jetzt setzt du dich erst einmal. Nicht, dass du mir meine feine Planung durcheinanderbringst.“
Wieder lachten sie beide. Und so setzte Liz ihren Plan in die Tat um und wuselte in der kleinen Küche herum. Nach einiger Zeit saßen Reed und Liz an dem 90er-Jahre Esstisch und quatschten.
„Sag mal, wo ist Mr. Bones eigentlich abgeblieben? Hast du ihn etwa wieder im Schrank eingesperrt?“, erkundigte sich Liz nach dem Verbleiben des kleinen Affen.
„Das Äffchen? Ich dachte eigentlich der wäre bei dir. Keine Ahnung, wo der schon wieder steckt. Gestern Abend war er noch da.“ Reed erzählte, wann er das kleine Pelzknäuel zum letzten Mal gesehen hatte und dass sich auch die anderen Zirkusartisten gewundert hatten.
„Hm, ist ja merkwürdig.“ Liz runzelte die Stirn. „Das ist doch sonst nicht seine Art...“
„Eben. Ein wenig Sorgen mache ich mir ja schon...“, gab Reed zu.
„Na ja, der wird schon noch wieder auftauchen“, versuchte Liz ihren besten Freund zu beruhigen. „Wir sollten jetzt erst einmal den Kuchen anschneiden, findest du nicht auch?“
Irgendwie hat sie ja recht. Erst einmal abwarten, ob der Kleine nicht doch wieder auftaucht. Reed nickte und Liz holte ein Messer aus der Schublade. Gerade als sie es anhob und den Kuchen anschneiden wollte, bekam die Glasur feine Risse. Liz stutzte und wechselte einen Blick mit Reed, der die Augenbrauen hochgezogen hatte.
Die Kuchendecke platzte weiter auf und was zum Vorschein kam, war ein kleiner runder, pelziger Kopf.
„Das glaub‘ ich jetzt nicht“, entkam es Reed und die beiden staunten nicht schlecht, als sich Mr. Bones, das zu klein geratene Totenkopfäffchen, aus dem Kuchen zwängte.
Noch ein ungläubiger Blickwechsel zwischen Reed und Liz, bis die beiden vor Lachen beinahe auf dem Boden lagen. Somit war die Frage nach dem Verbleiben des kleinen Affen geklärt und Reed brauchte sich den restlichen Abend keine Sorgen mehr um seinen kleinen Freund zu machen.


Das 5. Türchen gibt es hier.