Weiße Weihnacht

von Aku
KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
30.11.2011
30.11.2011
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Fandom: Das zweite Königreich (von Rebecca Gablé)
Warnungen: Alternatives (modernes) Universum, gereizte Nerven und Weihnachten.
A/N: Entstanden zu einer Challenge von 120_minuten auf Liverjournal.



"Pass auf!", brüllte Eadwig und Rufus riss ruckartig das Lenkrad herum und die Nase des alten Minis glitt knapp an der Stoßstange des auf sie zu rutschenden LKW vorbei. Mit einem dumpfen Knallen stoppte der Wagen in der nächsten Schneewehe, eine kleine Lawine ergoss sich auf die Motorhaube.
Und vielleicht, nur vielleicht, drückte Ed dem anderen Mann vor Erleichterung einen Kuss auf die Wange, bevor er sich wieder in das abgenutzte Polster sinken ließ und mit geschlossenen Augen langsam bis zehn zählte. Und dann bis dreißig, weil sich sein Herzschlag noch immer nicht beruhigt hatte.


"Und jetzt?"

"Wir stecken fest", erklärte Rufus das Offensichtliche mit vor Sarkasmus triefender Stimme und trat das Gaspedal durch, wahrscheinlich nur, weil er das Geräusch mochte, mit dem sich die Reifen immer weiter in den Schnee gruben.

"Ach ernsthaft?" Eadwig biss sich auf die Zunge. Es half nie, Rufus Sarkasmus zu kontern, und bekanntermaßen war er derjenige, der für ihrer beiden geistige und sonstige Gesundheit verantwortlich war. "Die Frage lautet: Was machen wir jetzt?"

"Du könntest aussteigen und uns ausbuddeln." Sie kannten sich seit sie vierzehn Jahre alt waren und ihren Schleifer von einem Fußballtrainer gemeinsam überlebt hatten, aber bis heute hatte Eadwig noch nicht herausgefunden, wie Rufus es schaffte, diesen ätzenden Tonfall mit seinem üblichen breiten, freundlichen Grinsen zu kombinieren. Aber es war eine effektive Mischung, fast war Eadwig geneigt, dem Vorschlag folge zu leisten.
Aber ihm fiel noch rechtzeitig ein, wie beschissen kalt es war. "Geh doch selber!"

"Wir sind deinetwegen hier draußen..."

"Er ist auch dein Freund."

"Caedmon war Richards Freund." Für einen Moment verdunkelte sich Rufus Miene. "Und er ist und bleibt dein Bruder. Geh buddeln!" Der letzte Teil klang beinahe herrisch. Eadwig verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wer hat uns denn hier reinmanövriert?"

"Der Kerl, der dir deinen niedlichen Arsch gerettet hat, zeig also ein bisschen Dankbarkeit."

Es waren Momente wie diese, wenn Rufus nicht ätzend klang sondern übertrieben ruhig und als gehöre ihm die Welt, in denen Eadwig sich fragte, warum zur Hölle er den anderen eigentlich mochte. Rufus war launisch, unglaublich leicht reizbar und ein echtes Arschloch, wenn er wollte. Eadwig seufzte und betrachtete das Profil seines Mitbewohners und Beinahe-Soetwas-Ähnliches-Wie-Freund, der die Schneewehe anstarrte, als wäre er Superman und könnte sie mit seinem Hitzeblick schmelzen. Seine Wangen waren rot, das blonde Haar hing ihm unordentlich ins Gesicht und die Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst, so wie immer, wenn er zu lange mit seinem Vater telefonierte. Und jetzt hatte er die letzten Tage allein bei seinen Eltern verbracht, natürlich lagen da die Nerven blank...
Und eines Tages musste Eadwig wirklich aufhören, sich immer neue Ausreden für ihn einfallen zu lassen. Rufus war ein Hitzkopf und hatte kein Taktgefühl. Punkt. Wenn er der Meinung war, dass er sich hoffnungslos in solche Kerle verknallen musste, dann musste er halt mit den Konsequenzen leben.

Was nicht hieß, dass er auch nur einen Fuß nach draußen setzen würde, ernsthaft.
"Meinen niedlichen Arsch?", wiederholte er stattdessen grinsend.

Rufus Züge glätteten sich sofort und streckte Eadwig die Zunge raus. "Was glaubst du, warum ich mich mit dir abgebe?"

Und das war einfach... Eadwig drückte den Türgriff runter und stemmte sich mit dem ganzen Körper gegen die Tür um den Schnee, der sie verklemmte, zur Seite zu schieben. Auf einmal war das Auto viel zu klein für sie beide und alles - auch die beschissene Kälte da draußen - war besser als dieses bescheuerte Grinsen.
Der Schnee knirschte und die Tür bewegte sich einen halben Zentimeter.
"Ed?" Rufus Stimme war belegt.
Die Tür bewegte sich kein Stück weiter.

Prinzipiell wusste er, dass es in dieser... nun, was auch immer das zwischen ihnen war, um mehr als Sex ging. Rufus sagte alles, was ihm durch den Kopf ging und dazu gehörten auch betrunkene Liebeserklärungen und die Feststellung, dass er Eadwig brauchte, dass er ohne ihn verrückt werden würde.
Aber manchmal zehrte es wirklich an seinen Nerven, dass der andere zwar kein Problem damit hatte, nach einem Fahrradunfall mit Tränen in den Augen an seinem Krankenhausbett zu stehen, oder ihn wie selbstverständlich zu Familienfeiern mitzunehmen, aber dass zuzugeben, dass sie eine Beziehung hatten, ein Ding der Unmöglichkeit war. Nicht nur vor seinem Vater, sondern immer. Selbst Leif, Leif der schon damals in ihrem Fußballteam gewesen war, wurde immer wieder erklärt, dass sie nur Freunde waren. Leif verdrehte dann die Augen, weil er weder blind noch blöd war, und Eadwig grinste und ignorierte den kleinen Stich, den ihm das versetzte.

Natürlich hatten sie nie darüber gesprochen, was das zwischen ihnen jetzt war. Sie kannten sich seit ungefähr hundert Jahren (oder sechszehn, irgendwo da fing es an, egal zu sein), waren schon immer unzertrennlich gewesen. Sie hatten an einander Küssen geübt und hatten in einem Bett geschlafen, während Leif im Schlafsack auf dem Boden lag, und es wäre völlig abwegig gewesen, mit irgendjemand anders Sex zu haben oder sich eine Wohnung zu teilen. Es war so eine Art Naturgesetz, nichts worüber man reden musste.
Und es war wirklich nur manchmal, ganz speziell zu Weihnachten, unglaublich frustrierend.

"Hey Ed..." Rufus legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Vergiss das mit dem Ausbuddeln, ich geh schon..."

Eadwig konnte sich nicht helfen, er musste grinsen. Angesichts der Tatsache, wie sehr Rufus Kälte und Schnee hasste, war das schon eine echte Entschuldigung. Und wie immer knapp am Thema vorbei. Er gab sich Mühe, das Grinsen zu unterdrücken und warf sich nur aus Prinzip ein weiteres Mal gegen die Tür. Nichts.

Eine zweite Hand legte sich auf seinen Arm. "Du weißt doch, dass das ein blöder Scherz war. Eigentlich behalte ich dich, weil dein Name so wunderbar bescheuert ist..."

Kopfschüttelnd drehte Eadwig sich zu ihm um. "Und das von einem 'Rufus'. Ernsthaft?"

Der andere warf theatralisch die Arme in die Luft (soweit ihm das sein lächerlich kleines Auto erlaubte), aber seine Augen musterten Eadwig weiterhin besorgt. "Ich hab mir diesen Spitznamen nicht ausgedacht! William ist ein völlig normaler Name, ihr weigert euch ihn zu benutzen."

"Rufus..."

Er senkte den Kopf. "Alles in Ordnung?", erkundigte er sich kleinlaut und Eadwig schüttelte den Kopf. Er verzieh dem Idioten alles und es sprach Bände über Rufus, dass er sich dessen in all den Jahren nie sicher geworden war.

"Wenn du uns hier rauskriegst, ja." Er würde ihm ja auch helfen. Sobald er die Tür auf bekam.


Wie sich herausstellte, schaffte es keiner von ihnen beiden, seine Tür zu öffnen.

"Was hast du auch für ein dämliches Auto!"

Rufus verdrehte die Augen. "Es ist ein gutes englisches Auto, stell dich nicht so an!" Er mochte englische Dinge manchmal nur aus Prinzip um davon abzulenken, dass seine Eltern Franzosen waren.

"Bei einem Viertürer kämen wir jetzt hier raus. Oder wenn es so groß wäre wie ein echtes Auto, könnten wir durch den Kofferraum raus klettern. - Aber nein, du musst einen Mini fahren. Wir werden jämmerlich in einem Mini erfrieren. Das ist unglaublich peinlich."

"Halt doch die Klappe, du magst den Wagen."

Eadwig grinste. Er mochte nicht unbedingt den Wagen, aber er mochte den Anblick, wie Rufus sich aus ihm raus faltete. Und er mochte, wie Rufus das Amaturenbrett tätschelte, und die Erinnerung an ihren wahnwitzigen (von vorneherein zum Scheitern verurteilten) Versuch, Sex auf der Rückbank zu haben.

"Nur gut, dass wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben und Handys erfunden wurden." Triumphierend zog Eadwig sein Telefon aus der Hosentasche und ließ es mit einer dramatischen Geste aufschnappen. Der Bildschirm leuchtete auf. Er blätterte durch das Telefonbuch. "Wo sind wir? Vielleicht kann Caedmon uns hier rausholen... Nein!"

Er schüttelte das Handy und Rufus lachte. "Nur zu schade, dass du immer noch nichts von der Erfindung des Ladegeräts gehört hast."

Eadwig versuchte, das Handy wieder anzustellen, aber der Akku blieb gnadenlos und bestand darauf, dass er geladen werden wollte. "Wo ist deins?"

"In der Jackentasche..." Rufus deutete vage auf das Gepäck, das sie unordentlich über Rückbank und den winzigen Kofferraum verteilt hatten.

"Das gibt’s doch gar nicht..." Eadwig seufzte. "Also, worauf wartest du?"

"Du bist der schlanke Jüngling von uns beiden, quetsch du dich durch die Sitze."

"Ich hasse dich."

"Ich dich auch." Aber Rufus Grinsen war breit, offen und so unglaublich und, verdammt, Eadwig hatte diesem Grinsen noch nie etwas abschlagen können. Nur der Form halber protestierte er noch ein bisschen, während er sich zwischen den Sitzen nach hinten lehnte und in ihrem Gepäck herumwühlte.

"Wir haben zu viele Geschenke..."

"Du hast zu viele Nichten und Neffen."

Er fand Rufus Mantel schließlich und ränkte sich fast den Arm aus, im Versuch, die Tasche zu erreichen. Als er endlich herein greifen konnte, zog er einfach alles heraus, was er zu packen bekam.
Zurück in einer einigermaßen sitzenden Position betrachtete er seine Beute: Bonbonpapiere, ein Kaugummistreifen, das Handy und ein sehr kleines, in rotes Papier eingeschlagenes Kästchen. "Oha, für wen ist das denn?"

Er hielt das kleine Päckchen hoch und so etwas wie Panik trat in Rufus Augen. "Gib das her!"

Eadwig versteckte es hinter seinem Rücken. "Erst wenn du mir sagst, für wen es ist, und was es ist!"

"Gib her!" Rufus lag halb auf ihm und verteilte das Bonbonpapier malerisch über den Fußraum. "Ed! Verflucht!"

"Naaaaaaah? Wem schenkst du Schmuckkästchen? Hyld? Aliesa?"

Rufus Wangen wurden noch roter als sie das ohnehin sonst waren. "Gib es her, du Idiot!"

"Vielleicht sollte ich es auspacken..." Er grinste. "Schmuck für meine Schwester oder meine Schwägerin, also, ja?"

"Gott, du Volltrottel, es ist für dich. ...Und warum sollte ich dir Schmuck schenken? Oder überhaupt irgendwas?" Rufus richtete sich wieder auf und verschränkte die Arme vor der Brust. "Gib mir das Handy, wenn uns hier nicht bald jemand rausholt, bring ich dich noch um."

Grinsend reichte Eadwig das Telefon weiter und hörte mit halbem Ohr zu als Rufus Caedmon ihre missliche Lage beschrieb. Neugierig zog er das kleine Geschenk wieder hinter seinem Rücken hervor und betrachtete es. Es sah wirklich aus wie ein Schmuckkästchen. Ihm fiel nichts ein, was man so klein hätte verpacken können, außer einer Speicherkarte vielleicht und warum zur Hölle sollte Rufus ihm eine Speicherkarte schenken?

Er war schon immer ein bisschen neugieriger gewesen, als gut für ihn war. Beinahe ohne es zu merken öffnete er das Geschenkpapier und förderte ein kleines schwarzes Pappkästchen zu Tage. Er warf einen kurzen, schuldbewussten Blick zu Rufus, der aus dem Fenster sah, offenbar auf der Suche nach irgendwas, mit dem er ihre Position beschreiben konnte.
Er öffnete das Kästchen und zog scharf die Luft ein.

"Ed, verdammt!" Rufus riss ihm das Kästchen aus der Hand. "Dein Bruder packt hier grade seine Geschenke aus", erklärte er dem Telefon und starrte Eadwig vernichtend an.

Eadwig hätte nichts egaler sein können. "Ein Ring?", erkundigte er sich, halb geneigt zu glauben, dass er Halluzinationen hatte. "Ein Ring?"

Rufus legte das Handy auf der Ablage ab. "Passend zu deinen langen Mädchen-Locken", knurrte er und das Blut schoss ihm ins Gesicht.

"Ein Ring, ernsthaft?" Eadwig wusste nicht, ob er lachte, weil das so ein bescheuertes Geschenk war, oder weil er sich über alles, was das andeutete, freute. "Sollte da etwa noch ein Antrag zugehören?"

"Mach dich nicht lächerlich. Als ob ich dich jemals heiraten würde, ich bin nicht wahnsinnig." Er drehte den Kopf zur Seite und starrte aus dem Fenster. "Aber wir wohnen zusammen und haben nur ein Bett und ich kann mich nicht erinnern, wie es ohne dich war, und das ist so dämlich, da fehlt doch nur noch der verschissene Ring, oder?"


Caedmon würde sie in ein paar Stunden, wenn sie gerettet waren und vor dem Tannenbaum in Helmsby saßen, fragen, was das für ein spitzer Jubelschrei gewesen war, und sie würden beide leugnen, dass irgendjemand irgendetwas geschrien hatte. Dann würden sie ihm erklären, dass das Handy unter den Sitz gefallen war und es wirklich sehr lange gedauert hatte, es wiederzufinden, schließlich war das Auto unglaublich eng, und Caedmon würde lächelnd den Kopf schütteln und gar nicht erst nach Eadwigs neuem Ring fragen.
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