Hinter unsichtbaren Gittern

von Jari
GeschichteAllgemein / P12
Quen Rachel Mariana Morgan Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
30.11.2011
30.11.2011
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Für S.. Die erste Praktikantin, die nicht nur weiß, was Fanfiction sind, sondern auch welche liest :-)

Von der Rachel-Morgan-Reihe hat sie zwar keine Ahnung, aber sie muß noch 1 ½ Wochen mit mir verbringen *haarrrr* (nach Bearbeitung durch meine Beta sind’s nur noch 1 ½ Tage, aber in denen kann ich noch viel erzählen *irres Hexenlachen*).

Im Zoo von Cincinatti war ich leider nicht – aber ich habe mir den Plan angeschaut *g* Und ein wenig dazu erfunden.
LG, Jari

Hinter unsichtbaren Gittern

Die Dame an der Kasse starrte mich an, als hätte sie noch nie eine Frau gesehen, die an einem Dienstagmorgen in den Zoo gehen wollte.

Gut, es konnte an meinem Outfit liegen. Liebevoll strich ich mit den Händen über den roten Lack meines kaum die Knie bedeckenden Rockes. Jenks hatte mich davor gewarnt, dazu die hohen Schnürstiefel mit den mörderischen Absätzen zu tragen, aber was wußte der schon? Erstens flog er die meiste Zeit seines Lebens und zweitens war er keine Frau und verstand so viel von Mode, wie ich vom Schneckenzüchten. Außerdem hatte ich nicht vor, im Galopp durch den Park zu rennen, sondern in Ruhe ein paar Tiere anzuschauen.

„Das macht 24 Dollar“, schnarrte die Kassiererin mit einer Stimme, die es gewohnt war unzählige Besucher pro Tag abzufertigen; ohne jede Art von Betonung.

Ich schob einen Schein durch das Guckloch, nahm Wechselgeld und Lageplan entgegen und machte mich auf den Weg. Seit meiner Kindheit hatte ich den Cincinatti Zoo & Botanical Garden nicht mehr besucht. Hinter dem Eingang blieb ich stehen und warf einen Blick auf die Karte. Links von meinem Standort befanden sich der Wildlife Canyon, Gorilla World und die World of the Insect mit dem Schmetterlingsgarten, rechts das Elephant Reserve sowie Giraffen und die Oriental Gardens.

Auf Insekten konnte ich gut und gerne verzichten, also entschied ich mich vorerst für die Elefanten und ging los. In weiter Ferne lief ein grauhaariges Pärchen, das ich alsbald aus den Augen verlor. Genau das war der Grund, warum ich mich zu einer Zeit aus dem Bett gequält hatte, zu der ich mich gewöhnlich gerade in der Tiefschlafphase befand. Mit etwas Glück würde ich ein paar Rentnern mit Jahreskarte oder der ein oder anderen Schulklasse begegnen, aber der Großteil von Cincinattis Bürgern wäre auf der Arbeit.

Das Elefantengehege erreichte ich nach wenigen Minuten. Früher hatte es aus nicht mehr als einem umzäunten Gebiet mit hartem, kaltem Steinboden und wenig Ablenkung für die Tiere bestanden. Jetzt bot sich mir eine im indischen Stil gehaltene Anlage dar; inklusive einer dem Taj Mahal nachempfundenen Behausung. Vermutlich bemerkten die Tiere nicht einmal, daß sie sich in Gefangenschaft befanden. Drei von ihnen standen dicht zusammen und kraulten sich gegenseitig zärtlich mit ihren Rüsseln, und eine Elefantenkuh und ihr Junges bespritzten sich mit Wasser aus einem künstlich angelegten See. Es war so harmonisch, daß ich mich auf eine Bank fallen ließ und das Treiben beobachtete.

Nachdem ein Wärter auftauchte, die Tiere in das Bauwerk trieb und sich danach mit Schubkarre und Schaufel bewaffnet der Beseitigung von Elefantenexkrementen widmete, ging ich weiter. Langsam schob sich die Sonne aus der noch vorherrschenden Wolkendecke. An einem der unzähligen Snackstände kaufte ich mir ein Eis. Die harte Schokolade zerbrach unter meinem forschen Biß und zartschmelzende Vanille schmeichelte meinen Geschmacksknospen.

Mit jedem verstreichenden Moment nahm die Kraft der Sonnenstrahlen  zu. Bald schon war mir so warm, daß ich die graue Strickweste auszog und mir um die Hüfte band. Eine Brise erfaßte meine Locken, bevor ich es schaffte, sie zusammenzunehmen und zu einem dicken roten Zopf im Nacken zu binden.

Zwei offenbar schulschwänzende Jugendliche pfiffen mir nach und schrieen, ich wäre eine „heiße Braut, die sie gerne flachlegen würden“.  An jedem anderen Tag hätte ich ihnen gezeigt, daß ich in Lederstiefeln nicht nur verdammt heiß aussah, sondern auch dazu in der Lage war, mit diesen verdammt fest zuzutreten. Ich lächelte. Doch nicht heute. Wie lange war es her, daß ich einen Tag ganz allein für mich hatte? Ivy und Jenks  hatten mich begleiten wollen und es hatte mich das Versprechen gekostet, abends für sie zu kochen, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber ich brauchte Zeit für mich. Vor dem späten Nachmittag hatte ich nicht vor, in die ehemalige Kirche zurückzukehren.

Mein Lageplan war durch den Aufenthalt in meiner Rocktasche arg zerknittert, doch ich schaffte es zu entziffern, daß es geradeaus zu den Wings of the World ging und dahinter das Areal mit den Großbären und Wölfen lag. Die Entscheidung fiel leicht. Für Vögel hatte ich mich noch nie begeistern können.

Mit dem Eintreten in das Gebiet der Bären und Wölfe veränderte sich die Luft. Es roch nach Tier. Nicht wie im übrigen Zoo, wo es nach Heu und sauberen Gehegen duftete. Hier waren die Gerüche gefährlicherer, wilderer Natur, und machten deutlich, daß die Tiere zwar eingesperrt, doch keineswegs gezähmt waren.

Mächtige Bäume schufen ein dämmriges Zwielicht und sperrten Sonnenlicht und Wind aus. Sämtliche Bären, egal ob Eisbär, Schwarzbär oder Brillenbär, lagen träge in ihren Gehegen. Meine Hoffnungen lagen in den Ottern und Wölfen. Ich weiß, daß es sich bei Wölfen um dämmerungsaktive Tiere handelt, aber wenn ich mich aus dem Bett bequemen konnte, um sie zu sehen, dann machten sie vielleicht eine Ausnahme.

Auf einer weiteren Steinbank vor dem Wolfsgehege saß jemand. Ein Mann mit feinem Haar wie Silbergespinst, das sich trotz der nicht vorhandenen Brise leicht bewegte. Wer besitzt solch ein Haar und geht in einem Ich-koste-mehrere-Tausend-Dollar-Anzug in den Zoo? Richtig, Trenton Kalamack. Oh nein, was wollte der denn hier?

Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mich dezent zurückziehen können, denn er schien von meiner Anwesenheit keine Notiz zu nehmen. Doch meine Füße gehorchten mir nicht und ich bewegte mich wie eine Marionette auf ihn zu. „Hallo.“

Er schien in keiner Weise überrascht zu sein. „Guten Morgen, … Rachel.“

Mieser Täuscher. Bestimmt hatte er meine Anwesenheit sofort bemerkt. Ich ließ mich so neben Trenton auf der Bank nieder, daß ich ihn anrempelte. Sofort rückte er ein Stück zur Seite. „Und? Was treibt dich hierher?“

Er deutete auf ein vor dem Gehege angebrachtes Messingschild. Ich beugte mich ein Stück vor, um es besser lesen zu können: „Die Patenschaft für das Timberwolfrudel übernahm Kalamack Industries“.

„Aha. Dein Pressesprecher hielt es also für notwendig, daß du dich mal hier blicken läßt.“

Keine Reaktion auf meinen Konfrontationskurs. Er zuckte bloß mit seinen wohlgeformten Schultern. „Wenn du meinst.“

„Wo ist Dein Babysitter? Ich kann Quen nirgends sehen.“ So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte Trentons Bodyguard nicht entdeckten. Dabei gab es gar nicht viele Versteckmöglichkeiten. Vor dem Wolfsgehege stand die Bank, drum herum ein paar Bäume. Viele Schatten. Wie ich Quen kannte, konnte es tatsächlich sein, daß er sich in der Krone eines Baumes versteckte. Möglichst unauffällig versuchte ich, die Zweige und Blätter in Augenschein zu nehmen.

„Ihr verlaßt Euch nur auf das, was ihr zu sehen glaubt. Nicht darauf, die Natur zu spüren.“

„Ihr?“ Manchmal sprach der Mann einfach in Rätseln.

„Menschen, Hexen“, erklärte Trenton. „Manchmal sogar Werwölfe und Vampire. Auch wenn die es eigentlich besser wissen sollten.“

Schweigend saßen wir eine Weile nebeneinander.

„Sie sind wie ich.“ Trentons Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.

„Was?“

„Die Wölfe.“ Unnatürlich hell glühten seine Augen in der Dämmerung. Wie grünes Glas, das von einer Kerze bestrahlt wurde. In diesem Moment war er mehr Raubtier, als ein Vampir oder Werwolf es jemals vermochte zu sein. „Sie sind wie ich. Gefangen hinter unsichtbaren Mauern. Das ist es, was mich hierher treibt. Ich fühle mich ihnen verbunden.“

Es stimmte, daß das Gehege –ähnlich wie bei den Elefanten- keine offenbaren Mauern aufwies. Das eigentliche Gebiet befand sich in einer Senke, die genauso gut natürlichen Ursprungs sein konnte. Viele Bäume, die bis zu ihrem Sitzplatz reichten, der oberhalb des Geländeeinschnitts lag. Die Begrenzungen bestanden aus Felsen, die unmöglich von einem Tier überwunden werden konnten, und vielen Holzbrettern, die auf den Rückseiten mit Metall verstärkt waren.

Ich wußte nicht, wie das Leben als elfischer Großindustrieller und Drogenbaron war, aber ich konnte mir vorstellen, daß sich Trenton mit all seinen gesellschaftlichen, politischen und firmenrechtlichen Verpflichtungen tatsächlich manchmal wie eingesperrt vorkam. Ein Hoch darauf, eine unabhängige Hexe zu sein!

„Es sind aber gar keine Wölfe zu sehen“, beschwerte ich mich.

Das brachte Trenton dazu, seine Aufmerksamkeit auf mich zu fokussieren. Unbehaglich rutschte ich unter seinem brennenden Blick auf der Bank umher. „Sie sind da. Verlasse dich nicht nur auf deine Augen. Konzentriere dich. Fühle die Natur. Wo würdest du dich verstecken, wenn du ein Wolf wärst?“

Ich versuchte es. Aber alles, was ich wahrnahm, bestand aus Schattierungen in Braun, Grau und Grün. Erde, Felsen, Bäume, Gras. Wie sollte ich da einen Wolf erkennen? Nach einer Weile nahm Trenton meine linke Hand. Ich wollte sie ihm entziehen, aber sein Griff war fest. Und ja, ich gestehe, es fühlte sich gut an, wie er meine Hand hielt. Dann begann er, zu singen. Nur leise. Keine Wörter, die für mich irgendeinen Sinn ergaben.

„Hör auf mit deinem Elfenzauber.“

„Ruhe!“ Noch fester schloß sich seine Hand um meine. „Das ist kein Zauber. Du hast nichts zu befürchten.“

Ha, wie lustig, er versuchte mich zu beruhigen. Als hätte ich Angst vor was auch immer er da genau tat. Wie auch immer: Es funktionierte. Nach einer Weile veränderte sich meine Wahrnehmung. Trentons fast übermächtige Präsenz wurde mir schlagartig bewußt, als hätte man mich mit dem Holzhammer darauf hingewiesen, daß ein extrem gutaussehender Elf neben mir saß. Ein leichtes Schwindelgefühl  bemächtigte sich meiner. Die Luft war geschwängert von seinem anziehenden Wein- und Zimt-Geruch, gepaart mit einem Hauch Frische wie von einem kühlenden Regenguß an einem heißen Sommertag.

Gewaltsam riß ich mich von den Gedanken an Mr.-Sexy-Elf los und konzentrierte mich auf das Wolfsgehege. Jetzt, wo ich mit Superwahrnehmung ausgestattet war, konnte ich das Rudel deutlich erkennen. Es lag dicht um einen Stapel umgestürzter Baumstämme und bestand aus sieben, nein, sogar acht Tieren. Ihr graubraunes Fell verschmolz perfekt mit dem Boden des Waldes. Ich spürte, wie ihre Herzen schlugen, wie sie sich danach sehnten zu jagen und doch nur bereits totes Wild vorgesetzt bekamen.

Die Bäume um mich herum wurden zu Giganten, die den Lauf der Jahreszeiten beobachteten, wie unsereins eine Fernsehsendung. Die Monatswechsel waren für sie nicht mehr als ein Wimpernschlag.

Die Steinbank drückte sich liebkosend an mein Gesäß. Granit, handgefertigt und frostsicher flüsterte eine Stimme in meinem Kopf.

Hölle! Fühlten alle Elfen auf diese Weise? Ein Wunder, daß sie nicht wahnsinnig wurden.

Ein Blatt löste sich aus einer der Baumkronen und trudelte über unseren Köpfen langsam zu Boden. Seine Adern waren in einem wunderschönen Geflecht angeordnet. Es pulsierte noch der Saft in ihnen, doch mit jeder verstreichenden Sekunde wurde die Kraft schwächer und ...

„Ich muß gehen.“ Trenton ließ meine Hand los, was mich aus der Betrachtung des fallenden Blattes katapultierte. Es war nur noch ein Blatt. Nicht mehr ein Teil eines lebenden, atmenden Wesens. Der Elf stand auf und klopfte sich den nicht vorhandenen Staub von seiner Hose. Aus den Schatten einer nahen Eiche löste sich eine Gestalt. Das beschämte mich. Trotz meiner vorübergehenden Elfenwahrnehmung hatte ich ihn nicht bemerkt. Er grüßte mich mit einem Nicken und begab sich zu einer lichten Stelle, an der er stehen blieb.

„Mach’s gut, Rachel.“ Schnell schloß Trenton zu Quen auf.

„Trenton?“ rief ich ihm hinterher. Er blieb stehen, wandte sich jedoch nicht zu mir um.

„There’s no cage that can’t be broken, no wall that can’t be climbed”, sang ich leise die Zeilen eines weltbekannten Takata-Liedes. Er schenkte mir nicht mehr als eine erhobene Hand, aber ich wußte, daß er mich verstanden hatte.

E n d e

Soohoo, wenn ich jetzt nicht gerade massig Arbeit hätte, könnte ich mich an meine Rachel-Morgan-Weihnachtsstory setzen (bin gerade total in Stimmung), aber mit 1000 zu bearbeitenden Akten muß ich das noch etwas verschieben … *seufz*
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