Erlösung

GeschichteMystery, Romanze / P18
Woody Pride
29.11.2011
29.11.2011
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„Hey, Mom, Jimmy hat sich Kaugummi in die Haare geklebt und ich hab sie ihm abgeschnitten…“ Jimmy lief heulend und schreiend auf seine Mutter zu. Seine Schwester hatte ihm einen Irokesen geschnitten und pinke Leuchtfarbe aus einem Lackstift darüber gekippt, nachdem sie ihm einen Kaugummi hineingeklebt hatte.

„Ginger Alison Smith! Wie konntest du deinem armen, kleinen Bruder das bloß antun! Jetzt reichts! Du wirst nicht mit nach Italien fliegen, du wirst hier bleiben und auf das Haus aufpassen!“!

„Aber Mom!“ Daisy Smith ignorierte die Flüche, Bitten und Schimpfkanonaden ihrer Tochter und nahm den kleinen Jimmy in die Arme. „Ich werde meine Entscheidung nicht ändern, Ginger! Bis wir wegfliegen, hast du Hausarrest, und du stellst nichts, an, während ich jetzt mit Jimmy zum Friseur fahre…“

Ginger stampfte mit dem Fuß auf und lief in ihr Zimmer, wobei sie sämtliche Türen so heftig zuknallte, dass sie wieder aufsprangen. Ihre Mutter schüttelte nur den Kopf, nahm sich die Autoschlüssel und machte sich auf zum Friseur. Was sollte sie nur mit diesem Mädchen anfangen?

Ginger aber saß inzwischen an ihrem Schreibtisch und hatte einen kleinen Plastik- Spiderman in die Mangel genommen. Er war an einen passenden, selbst gemachten Folterstuhl gefesselt, Ginger hatte alles daran detailgetreu und funktionstüchtig angefertigt, was tatsächlich ein Meisterstück war.

Die Ledergurte waren nur fünf Millimeter breit, die Schnallen hatte sie aus Blumendraht gebogen, ohne Beulen oder sonstige Fehler, und die Liegefläche war aus Nussholz geschnitzt und mit einem nicht brennbaren Lack beschichtet, so, wie ihr Schreibtisch und der Rest ihrer Folterinstrumente.

Ginger hatte leicht krankhafte, sadistische Vorlieben, was ihre Methoden zum Abreagieren betraf. Sie nahm ein Streichholz und zündete es an. Gerade, als sie es ihrem Opfer in den Schritt halten wollte, hörte sie es an der Tür klingeln. Sie seufzte, pustete es aus und schnippte es in den Papierkorb, dann schlurfte sie zur Haustür.

„Ich komm ja schon!“ Sie öffnete die Tür. „Ähm… Hi, Ginger! Ich…wollte dich fragen, ob du vielleicht weißt, was wir aufhaben, über die Sommerferien? Alle anderen sind heute weggefahren, sonst würde ich dich eh nicht belästigen, also…“ Ihre Klassenkameradin Abby Bargain stand vor der Tür.

„Halts Maul! Ich sag dir nicht, was wir aufhaben!“ Sie nahm eine Zeitung, warf sie ihr ins Gesicht und knallte die Tür zu, um dann wieder in ihrem Zimmer zu verschwinden.

Sie sah Abby durchs Fenster heulend davonstürmen und grinste hämisch. Aber sie war immer noch nicht besonders gut drauf, also machte sie sich wieder über den Spiderman her. Sie beschloss aber nun, ihm doch nicht die Männlichkeit zu rauben, sondern seine Identität. Sie schmolz ihm die Zeichen auf der Brust und auf dem Rücken weg, übrig blieben nur schwarze Flecken.

Danach schnallte sie ihn wieder ab und warf ihn zurück in die Kiste. Viele Spielzeuge waren nicht mehr unversehrt, sie würde bald neue besorgen müssen. Oder die alten noch mehr zerstören.

So war sie jetzt schon seit vier Jahren, seit ihr Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben war. Als er ihre Mutter ins Krankenhaus gefahren hatte, damit Jimmy zur Welt kommen konnte. Das war der Grund, warum sie so war.

Sie gab allem und jedem die Schuld an seinem Tod, darum quälte sie alles und jeden. Sie hörte die Haustür ins Schloss fallen, während sie ihren Folterstuhl reinigte.

Ihre Mutter war zurück. Sie war gerade fertig mit Putzen, als jemand an ihre Tür klopfte. „Jaah?“ „Ginger?“ Ihre Mutter war es. „Ich habe dir Geld für Essen in die Küche gelegt, schließlich bist du ja zwei Wochen allein.

Bitte kauf dir nicht nur Süßes und Ungesundes damit, ja? Wir fahren morgen, bevor du aufstehst. Gute Nacht!“


Ginger nickte nur und zog den Pyjama an, nachdem sie gegangen war. Als würde sie ihre gute Figur riskieren… Sie aß ja sowieso wenig. Und wenn sie einmal mehr aß, dann war es nur Obst, Gemüse, Brot oder Fisch. Ab und zu auch Krebse. Gähnend schlüpfte sie unter die Bettdecke und schloss die Augen. Sie schlief sofort ein.

„Ginger… hörst du mich?“ Eine geheimnisvolle, aber bekannt wirkende  männliche Stimme dringt in Gingers Unterbewusstsein. Blinzelnd versucht sie, ihre Quelle zu finden, aber alles, was sie sieht, ist ein gleißendes Licht rund um sie. Geblendet schließt sie die Augen. „Ja, was ist denn?! Wo bist du überhaupt? Wer bist du? Und bitte, mach dieses bescheuerte Licht aus!“ Das Licht verschwindet, und Ginger öffnet die Augen.

Vor ihr steht ihr Vater. „Jo!“ Sie nannte ihren Vater nie anders. „Ach Ginger… was ist nur aus dir geworden. Du bist ein Monster, ein Ungeheuer“, sagt er und sieht sie traurig an. „Aber Jo! Du bist tot!“ Ginger laufen Tränen die Wangen hinunter. Jo seufzt.

„Meine kleine Ginger. Nun habe ich endlich die Erlaubnis, dich zu besuchen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ja, sicher habe ich dich vermisst. Aber Kind, du hast keine Ahnung, wie sehr es mir wehtut, wie du deine Mitmenschen behandelst, und die Spielsachen, die ich dir damals geschenkt habe.
Es wird Zeit, etwas zu ändern…“

„Aber Jo! Das kann doch nur ein Traum sein. Du bist gestorben!“ „Genau darum werde ich etwas tun, das dir nicht gefallen wird. Sonst ändert sich genau gar nichts. Auf Wiedersehen, meine Tochter. Und…viel Glück!“
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