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In der Kälte der Nacht

von aislingde
KurzgeschichteAbenteuer, Angst / P12 Slash
Old Shatterhand Winnetou
26.11.2011
26.11.2011
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26.11.2011 2.732
 
Vielen lieben Dank an T'len, die für das Beta verantwortlich ist.

Warnung: Es handelt sich bei dieser Story um Pre-Slash. Es ist nicht so, dass es zu sexuellen Handlungen kommt, aber jemanden wird klar, dass seine Zuneigung nicht nur auf brüderliche Gefühle beruhen.

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Nachdem ein Tramp uns vom Pferd band, fesselte er Winnetou und mir die Hände vor den Körper. Wir hätten uns gewehrt, wenn nicht ein halbes Dutzend entsicherter Waffen auf uns gerichtet gewesen wären. Als wir wieder gebunden waren, trieben uns die Tramps mit Stockschlägen zu dem einzigen Steinhaus, das der heruntergekommene Ort zu bieten hatte. Im Gegensatz zu allen anderen Gebäuden der Geisterstadt war es noch nicht zerfallen, doch statt Fenster erblickten wir leere Höhlen.

Im Haus schob man uns zur Tür, die zum Keller führte und stieß uns die Treppe hinab. Weder mein Bruder noch ich konnten aufgrund dieser rohen Behandlung das Gleichgewicht halten und fielen hin.

Ich erhob mich sogleich wieder und beobachtete die Tramps, die an der Treppe standen, doch die beiden Männer machten sich dieses Mal nur über uns lustig, schienen aber kein Interesse zu haben, uns anderweitig zu quälen.

So ignorierte ich sie und beugte mich über Winnetou, der sich aufgesetzt hatte, aber noch keinen Versuch unternommen hatte aufzustehen.

Als man uns an der Furt überfallen hatte, hatten wir uns tapfer gewehrt. Gegen eine Übermacht von 30, zu allem entschlossenen, Männern, hatten wir keinen Erfolg gehabt, so dass wir uns ergaben, bevor sie uns töteten. Winnetou hatte sich im Kampf einige Prellungen und eine Stichwunde im Oberschenkel zugezogen.

Die Tramps hatten uns keine Gelegenheit gegeben, sie zu versorgen und wie er so ruhig da saß und die Männer mit seinem Blick verfolgte, machte ich mir Sorge um die Schwere der Verletzung.

Ich berührte ihn an der Schulter und mein Bruder blickte mich an. Seine Miene war ausdruckslos, doch ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er unter Schmerzen litt. Wie groß diese waren, vermochte ich nicht zu sagen.

Endlich waren es die Kerle leid geworden, über uns zu spotten und sie gingen. Erst als die schwere Tür ins Schloss fiel und ich hörte, wie der Schlüssel sich drehte, nickte Winnetou mir zu. Da wandte ich meinen Blick von ihm ab und sah mich um.

Wir befanden uns in einem gemauerten Gewölbekeller, der soweit leer war. Nur an der Stirnwand standen einige Regale. Dahinter - direkt unter der Decke – befand sich ein kleines vergittertes Fenster, durch das ein wenig Licht hinein kam.

Ich stand auf, ging dorthin, reckte mich tüchtig, um die Gitter zu erreichen und gab kurz darauf auf. Selbst wenn es mir gelang, die Stäbe heraus zu bekommen, war die Wand stabil gemauert. Das Fenster selbst war viel zu klein, als dass wir uns hätten hindurch zwängen können.

Stattdessen lenkte ich mein Augenmerk auf die Regale und stellte fest, dass in einer Ecke einige Flaschen lagen. Ich konnte mir dies nur so erklären, dass die Tramps zu selbstsicher waren und den Raum nicht gründlich durchsucht hatten. Ansonsten hätten sie die Flaschen an sich genommen.

Ich lauschte, ob ich von den Tramps verräterische Geräusche hörte. Anscheinend hatten sie darauf verzichtet, über uns zu kampieren, sondern hatten in nicht allzu weiter Entfernung ein Lager aufgeschlagen. So nah am Fenster konnte ich den Rauch vom Feuer riechen und vernahm Stimmengemurmel. Dann eilte ich die Treppe hoch und tastete die Tür ab. Sie war viel stabiler, als mir lieb war. Eiche und Eisenbeschläge konnte ich mit bloßen Händen nicht zerstören. Trotzdem schlug ich mehrfach kräftig gegen das Holz. Es war laut, aber niemand reagierte, so wusste ich, dass man vorerst vorhatte, uns in dem Kellerloch zu vergessen.

So hatte ich Zeit genug, um mich um die Handfesseln zu kümmern.

Die Riemen hatten die Blutzirkulation in meinen Fingern stark eingeschränkt, deswegen fiel es mir schwer, eine Flasche aus dem Regal zu nehmen und sie auf den Boden zu werfen. Der gestampfte Lehmboden dämpfte den Aufprall, so dass das Glas nicht zerbrach. Ich versuchte mein Glück mit einer weiteren Flasche und war erfolgreich. Sie zerbrach in mehrere Stücke. Der Geruch verriet mir, dass sie mit hochprozentigem Alkohol gefüllt war. Eine Scherbe war spitz und scharfkantig genug, dass ich mir damit meine Handfesseln durchschneiden konnte.

Es war eine mühselige Arbeit und immer wieder fügte ich mir leichte Schnittverletzungen zu. Doch dann war es geschafft und die Riemen fielen von mir ab.

Als nächstes löste ich die Banden meines Bruders.

Ich war sehr besorgt, dass er ruhig, fast teilnahmslos auf dem Boden saß und mich die ganze Arbeit tun ließ. Das war sonst nicht seine Art.

„Wie geht es meinem Bruder?“

„Winnetou hat Probleme mit dem Bein. Es ist nicht mehr Teil seines Körpers und lässt sich nur mit Mühe bewegen. Aber mein Bruder Scharlih macht sich zu viele Sorgen. Winnetou braucht nur etwas Ruhe, dann wird es besser gehen.“

„Ich möchte die Verletzung untersuchen, mit dem gebrannten Alkohol kann ich sie säubern.“

Mein Bruder nickte. „Die Tramps werden ihren Sieg über uns und ihren neuen Reichtum feiern. Nicht lange und sie sind so betrunken, dass niemand mehr laufen kann. Wenn einige Stunden Schlaf mich gestärkt haben, finden wir einen Weg hinaus.“

Seitdem man uns vor zwei Tagen aus dem Hinterhalt angegriffen hatte, hatte man uns keine Ruhe gelassen. Sie hatten uns nicht nur beschimpft, sondern sich immer wieder andere Gemeinheiten ausgedacht, um uns zu quälen. Nichts davon war wirklich schmerzhaft gewesen, aber es hatte uns effektiv vom Schlafen abgehalten. Zudem hatte man ‚vergessen', uns etwas zu essen zu geben und uns selten eine Wasserflasche gereicht.

Ich hoffte von Herzen, dass einige Stunden reichten, damit wir einen guten Plan ersinnen konnten.



Aber erst musste ich mich um die Wunde kümmern.

Winnetou richtete sich auf und schob die Leggins zur Seite, dann drehte er sich so, dass ich mir die Verletzung ansehen konnte.

Viel zu sehen war nicht, da sie von einer Blutkruste bedeckt war. In dem matten Licht konnte ich erkennen, dass die Umgebung der Wunde gerötet war.

„Ich muss die Kruste lösen, um die Verletzung säubern zu können.“

„Winnetou ist bereit“, war die stoische Antwort meines Bruders. Ich hatte mit nichts anderem gerechnet.

Ich holte eine Flasche, schraubte den Deckel ab und schnupperte. Ja, es war etwas Selbstgebranntes. Vermutlich Kaktusschnaps. Niemals würde ich dieses Getränk zu mir nehmen, aber zum Reinigen einer Wunde war es genau richtig.

Da man uns die Taschen geleert hatte, zog ich mein Hemd aus und benässte ein Ende mit dem Alkohol. Da ich das Kleidungsstück schon einige Tage trug, war es nicht sauber, aber es musste reichen.

Vorsichtig betupfte ich die Blutkruste. Der Kaktusschnaps brannte sich seinen Weg durch den Schorf und ich hörte, wie Winnetou nach Luft schnappte. Er vertraute mir so sehr, dass er sich diese Schwäche erlaubte. Gerne hätte ich seinen Schmerz gelindert, aber da er es ablehnen würde, Alkohol zu trinken, konnte ich ihm keine Erleichterung anbieten. Sein angestrengtes Atmen bereitete mir fas körperliche Schmerzen.

Nach kurzer Zeit hatte ich den Schorf komplett abgewischt und ich konnte mir die Verletzung ansehen. Sie sah besser aus, als ich befürchtet hatte. Zwar waren die Wundränder rot und geschwollen, aber ich konnte keinen Eiter sehen. Auch als ich die Verletzung mit Hilfe einer gesäuberten Glasscherbe erneut zum Bluten brachte, war die Flüssigkeit ohne Verschmutzung. Erstaunlicherweise hatte das Messer die Wunde nicht verdreckt.

Gerne hätte ich die Verletzung ausgebrannt, um ganz sicher zu sein, aber jetzt musste es reichen, dass ich einen reichlichen Schuss Alkohol über die Stelle goss, dann war ich fertig.

„Es ist nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe, die Wunde scheint sauber zu sein und nirgendwo ist Eiter zu sehen.“ Auch von einer Blutvergiftung konnte ich nichts sehen. Vielleicht war es wirklich nur die Muskelverletzung, die Winnetou solche Probleme bereitete.

„Scharlih wird jetzt einige Zeit ruhen, Winnetou fühlt zu starke Schmerzen, um schlafen zu können und wird die erste Wache übernehmen.“

Ich wollte widersprechen, doch dann nickte ich. Ich war sehr erschöpft und mein Bruder hatte Recht. Während Winnetou seine Leggins zurecht rückte, zog ich mir wieder mein Hemd und meine Jacke an, dann legte ich mich neben ihn.



Als ich aufwachte, war es dunkel geworden, doch durch das Fenster konnte ich zu wenig vom Himmel erkennen, um die Uhrzeit zu schätzen.

Mein erster Gedanke galt Winnetou. Ich fühlte ihn nicht mehr neben mir.

„Winnetou?“

„Ich bin hier, Scharlih.“

Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich sah seinen Schatten.

Er war nicht weit weg, sondern hatte sich nur einen Platz gesucht, wo er sich mit dem Rücken an die Wand lehnen konnte.

„Wie geht es meinem Bruder?“

„Winnetou ist heiß und kalt zugleich, doch das kommt davon, dass die Wunde heilt, nicht dass es schlimmer wird.“

Ich beugte mich über ihn und berührte seine Stirn. Sie war erhitzt und ich konnte fühlen, dass er stark schwitze.

Ohne dass ich es sehen konnte, wusste ich, dass er ob meiner Fürsorge leicht lächelte.

„Kannst du schlafen, dann übernehme ich die Wache?“

„Winnetou wird es versuchen. Mag Scharlih näher rücken, damit wir die Wärme teilen können?“

Jetzt spürte ich die Kälte, die durch das Fenster hinein zog. Gerne nahm ich seinen Vorschlag an und nahm ihn in den Arm. Es war angenehm, seinen warmen, fiebrigen Körper so nah zu spüren. Nicht nur wegen der Wärme.



„Kann mein Bruder erahnen, was die Männer morgen mit uns vor haben?“ Winnetou wisperte es so leise, dass nur ich es hören konnte. Egal, ob noch eine Wache vor der Tür stand, sie würde nicht mitbekommen, dass wir Pläne schmiedeten.

Ich schüttelte den Kopf. „Das wissen sie noch nicht einmal selbst. Seitdem sie die Nuggets bei dir gefunden haben, sind sie von dem Gedanken besessen, dass wir sie zu einer Goldader führen können. Das ist der einzige Grund, warum sie uns noch nicht getötet haben. Vielleicht werden sie versuchen, uns mit Folter zum Reden zu bringen. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen.“

„Da hat mein Bruder Recht“, stimmte Winnetou mir zu. „Ob die Männer, die unsere Pferde verkaufen sollen, schon erkannt haben, dass es verhängnisvoll sein kann, sich auf ihren Rücken zu schwingen?“ Hatatitla und Iltschi hatten mehr als ein Mal bewiesen, wie gefährlich sie in solchen Situationen waren.

Unwillkürlich lächelte ich. Wir hatten Glück, dass die Tramps noch nicht gemerkt hatten, wen sie überfallen hatten. Sie hatten nur unsere Pferde und unsere Waffen gesehen und gedacht, dass wir eine lohnende Beute wären.

Falls die Ganoven wirklich so dumm waren und versuchten, die Tiere in der nächstgelegenen Ansiedlung zu verkaufen, würden die Einwohner die Pferde erkennen und die richtigen Schlüsse ziehen.

„Wenn sie nur nach Mathies Home geritten sind, dann wird morgen früh ein Rettungstrupp eintreffen“, flüsterte ich. „Wenn nicht, werden wir morgen einen Weg finden, sie zu überlisten und uns zu befreien. Dafür müssen wir ausgeruht sein.“

„Mein Bruder sollte sich nicht zu sehr um Winnetou sorgen. Das Bein fühlt sich besser an.“

„Trotzdem wäre es besser, du würdest schlafen.“

„Ja, Scharlih.“

Der liebevolle Ton ließ mich erröten. Wie froh war ich, dass er dies nicht sehen konnte! Obwohl ich ihn schalt, wie eine Mutter ihr Kind, zeigte er mir mit diesen zwei Worten, wie sehr er mich liebte. Er beschämte mich.

„Winnetou, ich...“, mühsam rang ich nach Worten.

„Wie soll Winnetou schlafen, wenn sein Bruder nicht aufhört zu reden?“

Jetzt neckte er mich auch noch. In einer kalten, unbequemen Zelle, hungrig und verletzt bewies Winnetou einmal mehr, was für ein außergewöhnlicher Mensch er war. Ich barg meinen Kopf in seiner Halsbeuge, inhalierte seinen Duft und war ruhig.



Es dauerte nicht lange und Winnetous Atem wurde ruhiger und tiefer. Er war tatsächlich eingeschlafen.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, strich ich über sein langes, seidiges Haar.

Ich gab mich einer Schwäche hin, die ich lange überwunden glaubte, die aber nur tief in mir geschlummert hatte.

Dabei war er mein Bruder, mein Seelenverwandter. Wir waren uns im Geist so nahe, wie ich es noch niemals erlebt hatte.

Nur nicht im Fleische. Denn es war wider der Natur, wider Gottes Wille. Egal wie oft ich mir dies sagte, es war genau das, was ich mir tief verborgen in meinem Herzen wünschte.

Aber von Winnetou hatte ich nie ein Zeichen bekommen, dass er für mich mehr empfand, als tiefe brüderliche Liebe. Und bevor er mich verachtete, weil ich ihm enthüllte, was ich tatsächlich empfand, schwieg ich.

Unsere Freundschaft musste genug sein.



So war diese Nacht in dem kalten, zugigen Gefängnis für mich ein Geschenk Gottes.

Ich hatte noch nie die Möglichkeit gehabt, Winnetou zu halten und zu wärmen – war er doch immer zu stark und unabhängig, um solche Liebesdienste anzunehmen.

Es war nichts Anstößiges oder Widernatürliches, sondern eine der reinsten Formen der Liebe.

Stunde um Stunde hielt ich ihn, liebkoste sein Haar, wiegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind.



Als der Morgen nahte, schmerzte jeder Knochen in meinem Leib, weil ich mich nicht bewegt hatte, aus Angst Winnetou zu wecken. Ich legte meine Hand auf seine Stirn. Sie war nicht mehr fiebrig heiß, es ging ihm wirklich besser. Das bedeutete für mich, ihn loslassen zu müssen und keinen Grund mehr zu haben, ihn zu herzen, um nicht sein Misstrauen zu wecken.

Vorsichtig rückte ich ein wenig von Winnetou ab, hielt ihn immer noch weiter umfasst, um ihn zu wärmen. Dabei empfand ich in meinem Inneren eine eisige Kälte.



Bei Anbruch der Dämmerung erwachte er. Ich spürte es an der Veränderung seines Atems. Er streckte sich, dann schlug er die Augen auf und sah mich an. Die Intensität des Blickes ließ meinen Atem stocken. Hatte ich ihn all die Jahre falsch eingeschätzt? Wünschte er sich auch das, was ich mir ersehnte?



Ein Geräusch von draußen ließ mich aufhorchen. Auch Winnetou hatte seinen Blick abgewandt und sah zum Fenster.

Gleichzeitig gingen wir zur Öffnung und schoben das Regal zur Seite. Wie schon so oft, arbeiteten wir Seite an Seite, ohne dass wir uns über die Aufgabenverteilung verständigen mussten.

Als wir genug Platz hatten, lehnte ich mich an die Wand und Winnetou stieg auf meine Schulter, um hinaus zu schauen.

Das Knallen von Pistolenschüssen, drang laut und deutlich zu uns durch.

Fragte sich nur, wer die Tramps angriff. Sollten es Kiowas sein, deren Spuren wir vor einigen Tagen sahen, so waren wir vom Regen in die Traufe geraten.

„Kann mein Bruder etwas erkennen?“

„Winnetou sieht nur Staub und Pferdehufe. Sie sind beschlagen, also werden es Weiße sein, die gegen die Tramps kämpfen.“

„Das ist gut, sind es vielleicht Soldaten, die dort kämpfen.“

Es dauerte eine Weile, dann ertönte von dem Apachen ein erstauntes „Uff!“

Als er von meiner Schulter hinab stieg, brannte ich vor Neugierde. Ich bezähmte sie, bis er sich auf den Boden gesetzt hatte. Ich setzte mich neben ihn und sah ihn fragend an.

„Winnetou hat Mary, Sam Hawkins' Maultier, gesehen. Scharlih hat Recht, es ist ein Rettungstrupp aus Mathies Home.“

Es war nicht verwunderlich, dass er sich der Jagd auf die Tramps angeschlossen hatte. Wir wollten uns weiter oben in den Bergen treffen und er hatte dieselbe Route genommen, auf der wir auch unterwegs waren.

„Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis wir befreit werden.“

Winnetou nickte nur.

Danach schwiegen wir und lauschten. Mit meinem Bruder war diese Stille bisher nie unangenehm gewesen, doch heute lastete sie wie ein schweres Gewicht auf meinen Schultern.

Wie hatte ich mich in der Nacht nur meinen Sehnsüchten hingeben können? Jetzt am Tag erschien es mir wie ein törichter Traum.

Ein Traum von dem ich noch lange zehren würde und von dem Winnetou niemals etwas erfahren durfte.



Es dauerte nicht lange und der Schlüssel drehte sich im Schloss. Erwartungsvoll standen wir auf und blickten unserem Befreier entgegen.

Es war Sam Hawkins, der im Eingang stand und grinsend auf uns herab sah.

„Gentlemen, ich hoffe, die Nacht war nicht zu unbequem. Mit Marys Hilfe ist es uns gelungen, euch zu befreien.“ Er kratzte sich seine Perücke. „Das Frühstück erwartet euch, wenn ich mich nicht irre. Hihihi.“

Als er sich umdrehte und ging, folgten wir ihm. Ich sah, dass Winnetou sein verletztes Bein schonte und es nicht voll belastete, aber jeder, der ihn nicht kannte, merkte nichts von der Wunde.

Bevor ich den Kelleraum verließ, drehte ich mich noch einmal um und prägte ihn mir ein. Ich nahm mir vor, ihn später in mein Tagebuch zu zeichnen.





Dazu ist es nie gekommen, genau so wenig, wie ich mich jemals Winnetou offenbart habe. Meine Erinnerung an diese Nacht ist auch heute noch so lebendig wie damals.
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