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Kurzgeschichte: Live Love unperfect

KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Finkelstein Jack Skellington Sally
25.11.2011
25.11.2011
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25.11.2011 4.793
 
2 Januar Halloween Town

Ich konnte mich nicht entsinnen, dass ich eingeschlafen bin. Die Sonnenstrahlen drangen in die Bibliothek und Zeros Bellen hatte mich aufgeweckt.
Langsam quälte ich mich in eine aufrechte Position und rieb mir das Gesicht. Ich hatte irgendwas Komisches geträumt. Mit Sally. War das ein Traum gewesen, dass Sally bei mir war und wieder gegangen ist, nachdem ich sie geküsst hatte? Da kam der Geisterhund zu mir geflogen, mit dem fettesten Grinsen auf dem Gesicht.
„Naa, gut geschlafen?“
„Hmm…ja geht so.“ murmelte ich.
„Und hast du auch was nettes geträumt?“ säuselte er weiter.
„Ich weiß nicht, Ich kann mich nicht mehr erinnern, wenn ich ehrlich bin.“
„Ich schon!“ grinste er mich noch breiter an. „Anscheinend nämlich was ziemlich schönes!“
„Was…wieso?“ fragte ich verwirrt. „Hab ich im Schlaf geredet?“
„So ungefähr.“ Prustete er. „Wenn du eine echte Antwort willst, dann sieh mal unter deine Decke!“
Langsam sah ich an mir hinunter.
Und erlebte den peinlichsten Moment in meinen ganzen Leben. Kreischend sprang ich aus dem Bett und flüchtete ins Bad, um mir erst mal eine trockene Hose anzuziehen.
Zero lachte mir beherzt hinterher und kugelte sich auf dem Boden.
„Hahaha!!! Tja, so kann’s kommen, wenn man von nackten Mädels träumt! Da will der kleinere von euch beiden auch seinen Senf abgeben!! Haha, verstehst du? Senf abgeben!“
„Das ist nicht witzig!“ fauchte ich heraus und zog mir eine neue Jogginghose an, die andere warf ich sofort in die Wäsche. Tatsächlich allerdings fühlte es sich untenrum an, als hätte ich stundenlang Sex gehabt. Es fühlte sich irgendwie schmerzhaft an, andererseits aber auch zu angenehm, um es zu leugnen. Ich hatte das Gefühl, dass ich, kurz bevor ich aufgewacht war, erneut beinahe dabei gewesen wäre, die Decke noch mehr zu bekleckern, als sie jetzt schon war.
„Hattest du denn bis jetzt nie feuchte Träume? Anscheinend nicht, du hattest nämlich die ganze Nacht lang zu tun, du Romantiker!“
„Lass den Mist! Du bist ein Hund, dir passiert das nur, wenn du eine andere scharfe Hündin siehst!“
Murrend kam ich wieder heraus und warf sofort Decke, Kissen und Bettbezug in den Wäschekorb.
„Ok, ok ich hör auf zu lachen!“ prustete Zero und wischte sich die Tränen davon. „Naja, aber kannst du dich jetzt erinnern, was du geträumt hast?“
Ich verharrte in meiner Bewegung und versank in Gedanken. Ich hatte geträumt, dass Sally und ich wieder auf dem Spiralberg waren und den Vollmond ansahen. Aber nichts ist passiert. Rein Garnichts. Ich verstand mich selbst nicht.
Selbst als wir beide anfinge, mehr oder weniger zu Frühstücken, mümmelte ich gedankenversunken an meinen Brot und starrte hinaus. Was gestern Abend passiert war, war doch schon etwas traurig. Auf dem Sofatisch standen immer noch der angebrochene Rotwein und die zwei Gläser, die Decke, die Sally getragen hatte und ihre leere Kakaotasse. Ich seufzte. Da fiel mein Blick plötzlich vor die Haustür.
Dort langen zwei schwarz- weiß gestreifte Stulpen. Sallys Stulpen.
„Die hat sie wohl hier vergessen…!“ sagte ich verwundert. Zero sah von seinen Napf auf und starrte mich an.
„Hm was?“
Da entsann ich mich, dass er ja nicht wusste, dass Sally gestern da war. „Ach nichts, hab nur laut gedacht.“ Beschwichtigte ich ihn und grinste kurz, dann versuchte ich schnell mein restliches Stück Brot aufzuessen und mich schleunigst anzuziehen. Doch das ging nicht besonders gut, wenn man Anzug, Hose und Fliege gleichzeitig anziehen wollte und mit der freien Hand eine Nachricht auf einen Zettel schreiben wollte. Wankend versuchte ich noch das Gleichgewicht zu halten. Als ich endlich alles anhatte und fertig war, griff ich nach den Stulpen und wollte gerade gehen, da roch ich plötzlich einen eigenartigen Duft, der von dem Stoff aus kam. Ich schnupperte. Erdbeerfelder und Baumharz. Mit entglitt ein verträumtes Seufzen. Immer wenn ich diesen Duft riechen durfte, verdrehte es mir völlig den Kopf.
„Bis später Zeroooo~“ flötete ich noch und tänzelte dann wie ein Vollidiot aus der Tür.
„He-hey, warte wo gehst du denn jetzt hin?“fragte er verwirrt, da schloss sich schon die Tür hinter mir und die eisige Luft blies mir die Glücklichkeit wieder aus dem Grinsen. Die düsteren Straßen waren immer noch klatschnass und keiner war draußen. Die Stadt wirkte wie ausgestorben. Nur ab und zu hörte ich, wie ein Straßenhund bellte. Murrend knöpfte ich den Anzug bis ganz oben zu und beeilte mich, zum Labor des Professors zu gehen. Eigentlich wollte ich eh ihn besuchen, doch ich hatte einfach keine Lust, jetzt über irgendwas zu reden, schließlich war es wirklich das erste Mal im Jahr, dass ich wegen der schlechten Wetterbedingungen Freizeit hatte.
Über mir war eine Wand aus dunklen Regenwolken, die die Sonne kaum rausließen.
Überall waren Pfützen aus braunem ekligem Schmutzwasser. Bei einer blieb ich stehen und sah hinein. Ein Skelett, mit männlichen, ernsten Zügen, müden Augenhöhlen und gespaltenen Lippen glotzte mir entgegen. Aus Spaß grinste ich siegessicher und dachte: „Hach, ich sehe auch heute wieder zum Anbeißen aus“ ehe ich über mich selbst lachend meinen Weg fortsetzte und den nassen Pfand an dem toten Garten hinauf zum Labor hinaufging. Oben leuchtete ein Licht. Ich klopfte an die Tür. Lange Zeit hörte ich nichts. Dann ertönte eine Stimme: „Die Tür ist offen.“
Vorsichtig öffnete ich die Eisentür und sah mich um.
„Hallo?“
„Jacob Skellington.“ Hörte ich die heisere Stimme des Professors von weit oben. „Welch eine freudige Überraschung.“
Plötzlich streckte jemand den Kopf aus einer der vielen Türen an der Treppe. Sally!
„Jack!“ rief sie freudig und kam eilig zu mir hinunter, blieb aber dann vor mir stehen und sah schüchtern zu Boden. „Hallo…“
„Hey, ich wollte eigentlich nur kurz bleiben, weil…“
Da kam Finkelstein hinuntergefahren, der Rollstuhl quietschte unangenehm in den Ohren. Der Kittel und die Handschuhe des verrückten Wissenschaftlers waren mit einer eigenartigen roten Flüssigkeit beschmiert. Blut! Für einen Moment erstarrte ich, dann schüttelten ich den Kopf und sah wieder zu Sally.
„Du…hast die gestern verloren.“ Sagte ich, ohne auch nur anmerken zu lassen, dass sie gestern bei mir zuhause war und hielt ihr die Stulpen hin. Die Flickenpuppe betrachtete den Stoff und erkannte sie wieder.
„Oh, ähm, vielen Dank.“ Antwortete sie etwas nervös und sah immer wieder zu ihren Erschaffer. „Die sind mir gestern bestimmt aus der Tasche gefallen.“
„Gerne!“ grinste ich sie an und übergab sie ihr, dabei sah ich unauffällig zum Professor hinüber. Der sah so aus, als würde er etwas wittern. Mit zusammengezogenen Augenbrauen musterte er die zwei vor sich und schien sehr hellhörig geworden zu sein. Scharf sah er sich das Schauspiel vor sich an. Nachdem nach vielen schüchternen hin und her wieder aus der Tür verschwand, mit der Ausrede, ich hätte noch viel zu tun, blieben die beiden noch lange stehen und sahen mir hinterher. Es wurde still im Labor des Wissenschaftlers. Sally konnte es beinahe kaum fassen, dass er zurückkam um ihr die Stulpen zu bringen. In ihrer Brust hämmerte es.
Finkelstein allerdings sah mir hinterher in vollem Hasse. Dass er es wagen konnte, mit seiner Sally in Kontakt zu kommen, das war zu viel für ihn.
„I-ich…“, brach seine Tochter schließlich die stille. „Ich geh dann mal wieder in mein Zimmer.“
Mit einen unauffälligen grinsen auf den Lippen tapste sie die Stufen hinauf und begutachtete ihre Stulpen auf mögliche Schäden. Dabei spürte sie etwas Viereckiges, Hartes im Stoff. Verwirrt drehte sie und wendete es und fand einen kleinen Zettel, zusammengefaltet, in einer Falte. Vorsichtig öffnete sie es. In einer recht hässlichen Schnellschrift, sogar mit einigen Fehlern, stand drauf: „Tut mir Leid wegen gestern. Ich warte auf dich auf dem Spiralberg heute Abend.“
Bei diesen Worten schloss sie genüsslich die Augen und presste den Zettel an sich. Er verzieh ihr. Gottseidank.
„Ach ja…“ hörte sie die Stimme des Professors. „Ich hätte da doch noch eine kleine Aufgabe für dich.“
Sally sah aufmerksam hinunter und blieb ein paar Meter vor ihrer offenen Zimmertür stehen.
„Unten im Keller musst du noch kurz einige Spinnenfäden wegmachen, ich komm da nicht dran.“
Nickend legte sie die Stulpen und den Zettel versteckt unter dem Stoff auf ein kleines Tischchen ab und lief an ihm vorbei in den Keller. Finkelstein sah ihr noch eine kurze Zeit hinterher, dann richtete sich sein Blick langsam hinauf in ihr Zimmer. Seine Hand betätigte den Schaltknüppel an seinen instabilen Rollstuhl und fuhr langsam die Stufenlose Treppe hinauf, durch die schwere Eisentür ihres Raumes und blieb vor dem Tischchen stehen. Er entdeckte den Zettel sofort, nahm ihn und faltete ihn aus. In Jacks unverkennbarer Schnellschrift standen die Sätze, die den Professor innerlich fast zum Explodieren brachten. Knurrend funkelten seine Augen auf die Sätze und er war kurz davor, ihn zu zerknittern und in den Müll zu werfen, doch dann würde Sally bemerken, dass er die Nachricht gelesen hätte.
„Jaja, heute allein auf dem Spiralberg!“ knurrte er bedrohlich. „Ich werde dir das schon schön versauen, das sag ich dir!“
Er steckte den Zettel wieder in die Stulpen, entfernte sich langsam und rollte die Treppen hinauf in sein Labor. Denn er hatte noch was vor.

Es war schon später Abend und Sally stand im Bad vor dem Spiegel und kämmte ihre langen, seidigen Haare. Lippenstift und Wimperntusche hatte sie schon auf. Sie hoffte innerlich, dass Jack sie schön fand und ihr doch noch vergeben könnte. Ihr Herz klopfte jetzt schon vor Freude, wenn sie an die gemeinsamen stunden dachte.
Zwar hatte sie noch keine Ahnung, wie sie entkommen sollte und wann sie genau auftauchen sollte, doch sie hatte schon alles nötige für den Abend eingepackt: Wein, zwei Gläser, eine Taschenlampe, eine Decke und das ein oder andere kleine Päckchen für eine mögliche Liebesnacht. Die hatte sie dem Professor geklaut, was sie immer noch zum Lachen brachte. Schließlich wusste sie ja nicht, wozu ihr Erschaffer das noch brauchte, wenn er nicht mal mehr außer ihr eine weibliche Art im Haus hatte.
Schnell zog sie sich ihre Unterwäsche an und ihr Kleid drüber. Vorsichtig strich sie es glatt und betrachtete sich in ihren langen Spiegel.
Sie selbst fand sich nicht für die allerhübscheste, obwohl man wirklich behaupten konnte, dass sie die schönsten Augen hatte, die es gab. Und auch ihre Statur war zierlich und schlank und kurz gesagt: perfekt.
Als sie sich für fertig empfand, wollte sie erst den leichten weg nach draußen checken. Denn auch wenn es der leichteste war, war er der gefährlichste. Denn auf Finkelsteins Befehl zog manchmal sein Gehilfe Igor seine Runden um die Treppen und bewachte ihre Zimmertür.
Doch sie musste erst gar nicht von ihm erwischt werden. Denn es klopfte an ihrer Tür, kurz bevor sie selbst rausgegangen wäre.
„Moment!“ rief sie und schob den Korb unter ihr Bett. Die Tür wurde geöffnet und tatsächlich stand Igor da und sah sie mit halb geschlossenen Augen an.
„Der Professor wollte dich nochmal sprechen. Es ist wichtig.“
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging die Treppen erneut hoch.
Zögernd folgte sie ihm hinauf zum Labor. Ein Kloss steckte ihr im Hals. Was wartete dort oben wohl auf sie? Was hatte er mit ihr vor? Hatte er die Nachricht gelesen?
Ihr wurde mulmig zumute.
Oben angekommen öffnete Igor ihr die Tür und ließ sie eintreten. An dem kleinen Tisch in der Mitter dieser riesigen Maschinen saß der Professor mit zwei Gläsern in der Hand, gefüllt mit einer roten Flüssigkeit. Rotwein.
„Sally, ich hab grad noch gesehen, dass ich Wein da hatte und ich wollte mit dir anstoßen, darauf, dass du immer so gute Arbeiten für mich verrichtest. Du hilfst mir wirklich eine Unmenge.“
Sally atmete erleichtert auf und trat zu ihm. Kurz bevor sie sich ihm gegenübersetzten konnte, ließ Finkelstein unauffällig eine Tablette in ihren Glas verschwinden, die sich sofort auflöste.
Mit einen warmen Lächeln, das natürlich gestellt war, stellte er ihren Rotwein auf den Tisch, sein Glas hielt er in der Hand.
„Das ist ziemlich lieb von dir.“ Lächelte Sally etwas unsicher zurück. „Wie kommt’s, dass du so gut drauf bist?“
„Nun…“, er sah zu einer seiner Maschinen, die sehr benutzt aussah. „Ich darf ein gelungenes Experiment feiern, weiter nichts.“
Seine Tochter stockte. Das war das Gerät, mit dem er diesen Menschen das Herz ausgerissen hatte. Langsam versank sie in ihren Stuhl.
„Naja, jedenfalls…“, er sah sie wieder an. „Will ich deswegen auch mit dir anstoßen.“
Er nahm sein Glas in die Höhe. Sally nahm ihrs auch, ließ es gegen das ihres Vaters klirren und setzte an ihre Lippen an. Langsam trank sie die rote Flüssigkeit Stück für Stück hinunter, schmeckte den bitteren, aber doch lieblichen Geschmack des Alkohols und stellte es wieder hin. Die Hälfte war leer. Sie wollte nicht weitertrinken, da sie eh gleich mit Jack ihre Flasche anbrechen würde.
Finkelstein sah sie sehr zufrieden an. Sein Plan war aufgegangen.
„Jetzt darfst du gehen, wenn du willst, ich hab noch was zu tun.“
Sally nickte und stand langsam auf.
„Dankeschön, Professor.“
Und sofort machte sie sich wieder auf den Weg in ihr Zimmer, um ihren Korb zu holen und endlich abzuhauen.
Sie entschied sich, den leichten Weg zu gehen. Igor und der Professor waren eh oben und würden sie bis nach Sonnenaufgang eh nicht vermissen. Angekommen in ihrem Zimmer holte sie den Korb wieder und tapste dann lautlos die restlichen Treppen hinunter durch die Tür.
Ganz vorsichtig ließ sie die Tür ins Schloss fallen.
Geschafft.
Sie war draußen.
Und fing sofort an zu frieren. Der Regen hatte nicht nur dem Dorf eine ordentliche Dusche gegeben, sondern auch noch eiskalte Winde gebracht. Zitternd hielt sie sich ihren Ausschnitt zu und tapste gegen den Wind die Straße entlang, an den Musikern vorbei, Richtung Friedhof.
Auf einmal wurde ihr ganz komisch.
Mit jedem Schritt, den sie machte, kam so ein Druck in ihren Kopf auf und Schwindel überrumpelten ihre Sicht. Zuerst war es nur ganz schwach, doch mit jedem weiteren Meter, den sie hinter sich brachte, wurde es unerträglicher. Keuchend und ächzend hielt sie sich irgendwann am Gemäuer neben ihr fest und starrte zu Boden. Runtergucken ging gar nicht, denn dann kam noch plötzliche Übelkeit dazu. Was stimmte mit ihr nicht? Mit einem Mal fing sie an zu würgen, und sie hielt sich den Magen fest. Spitze, schmerzhafte Stiche durchzuckten ihre Körperteile, ihr entglitt ein kurzes Schmerzensstöhnen. Sie brach zusammen, fiel hart auf ihre Knie.
Ihr Korb fiel hin und alle Sachen purzelten heraus. Mit der restlichen Kontrolle, die sie noch so hatte, streckte sie ihren Arm aus und hielt die Weinflasche auf, die kurz davor war wegzurollen.
Doch was sie da sah, war nicht ihr Arm.
Es war eine Pfote!
Eine schneeweiße, fellige, mit Krallen bespickte Katzenpfote.
Bevor sie realisieren konnte, was das auf sich hatte, wurde ihre Sicht durch einen schwarzen Schleier bedeckt, der sie zu Boden zwang.
Er war schwer.
Für einen langen Moment saß sie da, atmete laut, starrte ängstlich hin und her.
Was war mit ihr geschehen?
Was hatte das zu bedeuten?
Vorsichtig tapste sie nach vorne und hob den Kopf. Über ihr war der Himmel mit den Sternen, vor ihr die Straße.
Doch: der Himmel schien weiter entfernt zu sein, als normalerweise und die sonst Hüfthohe Mauer war für sie unerreichbar geworden. Entgeistert ging sie immer weiter nachvorne, bis sie ängstlich an sich herunter sah. Sie war weiß. Schneeweiß und befellt, ihre Hände waren zu samtigen Pfoten geworden, auf ihrer Brust ragte ein struppiges Fellbüschel. Ständig huschte eine Art Schweif um ihre eigenen Beine.
Sie war eine Katze.
Eine kleine, weiße, verwirrte, einsame Katze.
In ihr machte sich Panik breit.
Was um Himmelswillen ist nur passiert?
Sie musste jemanden finden! Sie musste Jack finden.
Ohne nachzudenken lief sie auf allen vieren los, ließ den Korb und den Schleier, der sich nur als ihr abgefallenes Kleid herausstellte, hinter sich, hüpfte instinktiv über die Straße. Bis zum Friedhof war es nicht mehr weit, wenn sie sich beeilen würde. Ihr Blick fiel auf die große Uhr in der Dorfmitte.
Halb zwölf nachts.
Bitte, dachte sie. Bitte, Gott, lass ihn da sein!
Hinter ihr hörte sie plötzlich Stimmen.
„Hey, was machst du hier?“ fragten sie energisch. „Verschwinde aus unseren Territorium, du Fellkrause!“
Erschrocken blieb sie stehen und wirbelte herum. Wer hatte da mit ihr gesprochen?
Eine Schwarze Katze, die, die sie sonst immer gerne streichelte, wenn sie sie traf, stand fauchend und mit aufgesträubten Haaren ein paar Meter von ihr entfernt.
„Bist du taub?“ knurrte sie. „Hau endlich ab!“
Und ohne Warnung holte sie mit der Pranke aus und verfehlte Sally nur ganz knapp. Mit einen erschrockenen Miauen sprang sie schleunigst davon und blieb Atemlos auf einen Grabstein stehen.
Sie verstand einfach die Welt nicht mehr.
Was ist nur passiert, dass sie jetzt eine Katze war?
Vor Schreck fing sie an, sich zu putzen. Sie konnte sich gar nicht erklären, wieso, aber sie musste erst mal ihr Fell wieder in Ordnung bringen, damit sie den Stress abbauen konnte.
Sie leckte sich über die Pfote und strich sie hinter ihr Ohr, schüttelte sich kurz und sah sich um.
Der Spiralberg war hinter einen Haus rechts von ihr versteckt. Dort wartete Jack schon auf sie. Sie musste ihn finden und irgendwie erklären, was vorgefallen war.
Ohne einen Plan zu haben, wie sie das machen sollte, sprang sie von ihrer Säule und hechtete durch das hohe, tote Gras, an all den vielen Grabsteinen vorbei. Wie erwartet stand im grellen Vollmondlicht in einer Grabsteinreihe ein großes, dürres, jedoch elegantes Skelett, den Rücken gegen eine Statue einer Schreienden Seele gelehnt, den Blick verträumt und doch ungeduldig in den Himmel gerichtet. Im Zwielicht sah er noch schöner aus als sonst. Verzaubert von diesem Anblick tapste sie langsam weiter, konnte die Augen nicht von ihren Geliebten abwenden, musste sich ihm immer weiter nähern. Egal, ob sie nun eine Katze war, oder nicht, sie konnte sich nicht wehren. Auf einmal spürte sie, wie etwas ihren Arm gewaltsam packte.
Erstarrt vor Schreck sah sie noch rechtzeitig die Hand aus einer der Gräber aus der Erde hervorbrechen, deren lange, grüne Fingernägel sich durch ihr Fell und ihr Fleisch gruben. Mit einem lauten Schmerzensschrei sprang sie auf und versuchte sich zu befreien. Mit aggressiven Fauchen und wilden Prankenhieben schaffte sie es, dem Griff mit einer tiefen, blutenden Wunde zu entkommen, eher sie von den Untoten Verdammten mit in die Erde gezogen werden konnte und gefressen wurde. Sie lauerten jede Nacht auf ein unachtsames Opfer, um es mit Haut und Haar zu verschlingen. Wäre Sally ein Mensch, hätten sie es sich niemals getraut, sie anzugreifen, davon abgesehen, dass sie nun den Geruch den Kürbiskönig trug und sie ihren Herren niemals ein Haar krümmen würden.
Immer noch völlig geschockt rannte sie weiter und blieb irgendwann vor Erschöpfung stehen. Sie musste ständig humpeln, es schmerzte wie die Hölle. Mit jämmerlichem Schmerzensmiauen leckte sie sich das Fell wieder sauber und schmeckte das heiße Blut, das das Gras unter ihr färbte.
Jack war wie zum Greifen nah, jedoch schienen ihm die Schmerzensschreie gar nicht zu interessieren. Immer wieder schaute er auf seine Taschenuhr, schaute wieder in den Himmel und erneut auf seine Uhr. Er wartete. Auf Sally. Ich bin da, Jack, dachte sie und versuchte zu sprechen, doch egal, was sie sagte, es kam mit einen unverständlichen Katzengeräusch heraus. So schnell sie mit dem verletzten Arm laufen konnte, kämpfte sie sich die letzten Meter voran und blieb vor Jack stehen. Sie musste weit nach oben gucken, um ihn ins Gesicht zu sehen.
Erst als sie miaute, sah er von seiner Uhr ab und schaute zu seinen Füßen.
Da stand eine kleine weiße Langhaarkatze, erwartungsvoll blickte sie ihm entgegen, wedelte mit ihren buschigen Schweif hin und her und miaute ihm zur Begrüßung.
Verwundert ging er langsam in die Knie.
„Hey, wer bist du denn?“ fragte er freundlich, streichelte sie über den Kopf und lächelte.
Freudig genoss Sally diese Art seiner Berührung vollkommen und schnurrte unwillkürlich.
Doch sofort zuckte er zurück, als er ihre Narbe am Ärmchen entdeckte.
„Oh Gott, was ist mit dir passiert?“ entsetzt musterte er die triefende Wunde. „Das muss ganz schön wehtun.“
Er sah sich um und schaute wieder zu ihr hinunter.
„Nun, ich schätze, dass ich hier noch stunden warten müsste. Na komm!“
Seine Hände schoben sich langsam unter ihren Bauch. „Lässt du dich hochnehmen?“
Ohne Wehr wurde sie behutsam von ihm hochgenommen und liebevoll unter sein Jackett an seine Brust geschmiegt.
„Ich bring dich erst mal zu mir nach Hause, dann sehen wir, wie ich dir helfen kann.“
Sally war überrascht. Sie wusste gar nicht, wie sehr sich doch Jack um die Lebewesen um sich herum kümmerte. Ein anderer aus dem Dorf hätte sie bestimmt ignoriert, verjagt oder gefressen. Sie hatte also Glück, ihm zu begegnen. Doch so sehr sie das auch genoss – sie musste ihm klar machen, dass sie Sally war! Bloß wie?
Sie fing an lauter zu werden, rief immer wieder seinen Namen.
Jack! Jack! Hör mich an, ich bin es Sally!
Doch Jack konnte natürlich nichts verstehen. Dadurch, dass sie in seinen Griff sich wild wandte und zappelte, sagte er nur ernst: „He, lass das! Ich helfe dir nur!“
Es brachte nichts. Wehrlos war sie gezwungen, ihm zu folgen.
Zwar wurde ihr im Jackett nicht unbedingt wärmer, und er drückte ihre Wunde schmerzhaft gegen sein weißes Hemd, was sofort rote Flecken bekam, doch sie wollte nicht erneut einen Mucks herausbringen.
Wer weiß nämlich, ob er es sich nicht doch überlegen würde?
Zuhause angekommen setzte er Sally auf den Küchentisch ab und betrachtete die Wunde genauer.
„Herrje, was hast du nur gemacht? Dich mit einer anderen Katze geprügelt?“
Er lächelte sie warm an, doch er wartete gar nicht auf eine Antwort. „Ich hol schnell Verbandszeug!“
Und so verschwand er in der Küche.
Sally sah ihm noch lange hinterher.
Wirklich süß, wie er sich um sie kümmerte. Da fiel ihr plötzlich ein, dass sie sich für heute Abend ja verabredet hatten. Er hatte so lange auf sie gewartet und dachte nun, dass sie ihn hätte sitzenlassen.
Jack, ich bin hier! Keine Sorge, ich bin hier!
Plötzlich hörte sie neben sich ein Rascheln.
Zero kam angeflogen, die Augen zugekniffen, den Blick nicht von ihr abgewendet.
„Hey, was machst du hier, Kratzbürste?“ knurrte er. Sally rückte ein Stück weiter von ihm weg und sah demonstrativ von ihm weg.
Der Geisterhund schnupperte.
„Moment mal, den Geruch kenne ich…“ fiel ihm irgendwann verwundert auf. Er schnupperte noch mehr. Dann weiteten sich seine Augen und er stotterte.
„B-bi-bist du etwa…?“
„Einen Mucks!“ zischte sie drohend und funkelte ihn an. „Einen Mucks und du bist tot!“
Zero machte den Mund auf, um etwas zu sagen. Da ihm aber vor Verblüffung nichts einfiel, klappte er ihn wieder zu und sah sie finster an.
„Das wird ein Nachspiel für dich haben, Sally!“ grummelte er.
Fußstampfen ertönten und Jack kam zurück, in seiner Hand eine Mullbinde, eine Schere und Pflaster. Sein Blick fiel auf das ungewöhnliche Paar vor ihm.
„Oh, hast du schon Zero kennengelernt?“ fragte er.
Sally miaute, was so viel heißen sollte wie: „Ja, hab ich, Jack. Und wir sind jetzt schon beste Freunde!“
Mit einen siegessicheren Grinsen auf dem Gesicht rieb sie ihren Kopf an Zeros und wusste ganz genau, dass er das hasste.
Angewidert entfloh er ihrer haarigen Wange und zog sich mit ekelnden Würggeräuschen ins Wohnzimmer zurück.
Das Skelett musste nur lachen.
„Keine Sorge, er reagiert immer so auf Neulinge und besonders auf Katzen.“
Ich nehm’s ihm nicht übel, Jack.
„Komm, ich verarzte dich!“
Er griff ihr wieder unter die Ärmchen und trug sie zur Fensterbank.
Vorsichtig nahm er ihre Pfote und wickelte langsam den Verband um die Wunde.
Er war ganz behutsam, als hätte er Angst davor, sie verletzten zu können.
„Tja, ich muss ehrlich sagen, dass ich noch nie eine Katze wie dich zuvor gesehen habe.“ Brach er irgendwann die Stille.
Sally sah auf und hörte ihm zu.
„Sonst laufen hier nur schwarze Katzen herum. Meine Freundin spielt oft mit Katzen, weißt du? Bist ihr vielleicht mal begegnet?“
Die weiße Katze wusste sofort, dass sie gemeint war. Doch sie tat so unwissend, wie es ihr nur gelang.
„Nun, sie heißt Sally und hat rote Haare, immer ein buntes Kleid an und trägt den Geruch von Erdbeeren und Baumharz. Eigentlich wollte ich mich heute mit ihr verabreden, aber ich glaube, dass sie wegen ihrem Erschaffer nicht raus durfte. Sie tut mir so leid. Rücksichtslos hält er sie in seinem Labor gefangen und lässt für ihn die Drecksarbeit erledigen. Solch ein schreckliches Schicksal hat ein so wundervoller Mensch wie sie nicht verdient. Und sie hält sich für hässlich und nicht richtig. Aber wenn sie wüsste, wie hübsch sie ist, dann würde sie statt mir einen anderen suchen…“
Sally sah ihm tief in die Augen. Es machte sie schon fast traurig, solche Worte von ihm zu hören. Denn wenn er wüsste, wie sehr sie ihn brauchte…
Sie konnte sich gar nicht vorstellen, ihn zu verlassen.
Jack stand auf, machte den Verband zu und wollte es gerade wegbringen.
Doch Sally konnte nicht anders und sprang von der Fensterbank herunter, umkreiste seine dünnen Beine und schmiegte sich schnurrend an ihn.
Jack, ich bin so froh, dass du auch so denkst wie ich, dachte sie.
Doch bevor sie wusste, was er vorhatte, nahm er sie erneut hoch, drückte sie sachte an seine Brust und ließ sich rückwärts aufs Sofa fallen.
Seine dünnen Finger durchstreiften ihr Fell, kraulten sie unnachgiebig hinter den Ohren, schon fast ohne es zu merken verwöhnte er sie an allen Ecken.
„Schade…“ sagte er irgendwann und strich mit dem Daumen über ihren kleinen Nasenrücken. „Ich hatte mir gewünscht, du wärst wenigstens ein bisschen Kratzbürstig.“
Er schob sie immer näher an sich heran und hauchte ihr einen Kuss auf die weiße Stirn.
„Aber du bist so sanft und anschmiegsam…“
Sally schloss die Augen. Es war beinahe wie in einen Traum. Sie lag an seiner Seite, wurde von ihm auf eine Art berührt, wie sie es noch nie gespürt hatte, merkte, wie sehr sein Herz an das ihres kettete. Sie holte tief Luft.
„…dass es mir schwerfallen wird…“
Alles, was sie noch hörte, war seine Stimme in ihrem Ohr. Seufzend merkte sie, wie sie langsam in einen tiefen Schlaf fiel.
„…dich wieder gehen zu lassen…!“

„Professor?“
Der Wissenschaftler mit der eigenartigen, Entenförmigen Schnute, der dunklen Sonnenbrille und den aufklappbaren Kopf starrte nachdenklich aus dem großen Fenster in seinen Labor, schien den blick durch das gesamte Dorf zu bohren. Der Vollmond erhellte die Straßen trüb, die Uhr schlug fast Mitternacht.
„Hm?“
„Ich weiß immer noch nicht ob das eine so tolle Idee war, ihre eigene Tochter in eine Katze zu verwandeln.“
„Und warum?“ fragte Finkelstein monoton.
„Weil…es ist nun mal ihre eigene Tochter. Sie haben sie erschaffen! Und ich finde, sie hat es nicht verdient, so zu leben, selbst wenn sie nicht zu dem wurde, wie sie es gern möchten. Wie lange wollen sie noch ohne schlechtem Gewissen sie zu Schuftereien zwingen?“
Der Professor sah lange schweigend, den Blick gleich, die Gedanken dieselben, aus dem Fenster.
„Irgendwann wird sie es sowieso erfahren! Halten sie sie also nicht so auf. Sie ist vielleicht ein Fehlschlag, aber sie haben sie erschaffen, damit sie leben kann. Und dass sie zu solchen Umständen gezwungen…“
„Igor…“unterbrach er ihn irgendwann. „Geh mir nicht auf die Nerven!“
„Ich…“
„Sally gehört mir! Und sie wird tun und lassen, was ich will.“
Und damit kurvte er an seinen Gehilfen vorbei und zu seiner Kommode auf der anderen Seite des Raumes. Dort standen zwei Fotos, um sie herum Kerzen, Rosen und Kreuze. Er nahm eine erloschene und hielt den Docht an eine Flamme, um sie erneut zum Brennen zu bringen.
„Wenn ich es nicht besser gemacht hätte…“, wisperte er mehr zu sich als zu Igor. „Dann wären allen dieses schreckliche Schicksal erspart geblieben…“
Er griff nach einen der Fotos, wo ein junger Mann abgebildet war, mit schwarzen kurzen Haaren, entschlossenen Augen und einen leichten Lächeln auf den Lippen.
Sein Gehilfe kam zu ihm und legte ihm die Hand mitfühlend auf die Schulter.
„Sie haben ihr Bestes getan, Meister…“ er legte eine nachdenkliche Pause ein. „Aber nicht für jeden ist das Schicksal gerecht.“
„Schicksal…“ hauchte Professor Finkelstein und starrte mit weiten Augen auf das andere Foto. Es war eine Frau, wunderhübsch, mit großen, offenen Augen, roten langen Haaren und einen Kussmund.
Zitternd ließ er das Foto fallen, das Glas zersprang.
Seine Pupillen flatterten verstört und irre zuckend starrten sie nach unten, seine Hand immer noch in der Luft, am ganzen Körper zitternd, in seinen verborgenen Augen bildeten sich Tränen.
Verständnisvoll hob Igor den Rahmen hoch, legte das Foto wieder in die richtige Position, stellte es auf die Kommode zurück neben das andere Bild und umklammerte die Griffe des Rollstuhls.
„Kommen sie.“
Vorsichtig schob er ihn weg von dem Gedenken Altar und brachte ihn zu seinen Schlafgemach.
„Igor…“ sagte Finkelstein mit stotternder Stimme.
„Ja, Meister?“
„Handel ich falsch? Handelt mein Leben falsch mit mir?“ er hörte sich tatsächlich an, wie ein kleines verlorenes Kind.
„Ich weiß es nicht, Meister.“, antwortete der. „Ich weiß es nicht…“
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