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Kurzgeschichte: Live Love unperfect

KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Dr. Finkelstein Jack Skellington Sally
25.11.2011
25.11.2011
6
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25.11.2011 4.156
 
Live Love unperfect

Lieber Jack
Es ist schon so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Fast schon etwas unheimlich, was? Und, haste mich schon wieder vergessen? Naja, ist ja auch nicht schlimm, ist ja auch schon mindestens zwölf Jahre her. Nun, wie geht’s dir denn so? Schon etwa deprimierend, wenn man immer noch keinen Mann an seiner Seite hat, so wie ich. Also, wollte mich nur mal melden und ich habe noch eine kleine Überraschung:
Ich komme dich demnächst mal besuchen.
Also halte dir am besten die nächsten paar Tage frei.
Bis dann
Deine…


1.  Januar Halloween Town

Das war das erste, was heute vor meiner Tür stand. Kein aufgeregter Bürgermeister, keine abgestürzte Krähe, kein Streich des Schabernacktrios.
Nein.
Es war dieser eine Brief, unter meiner Haustür in die Wohnung geschoben, noch lange bevor ich überhaupt richtig munter war.
Die Sonne war gerade erst aufgegangen, da wurde ich wieder durch Zeros aufgeregtes Bellen geweckt, der mir den Stapel Briefe unter die Nase hielt und resignierend wieder in sein Körbchen flog. Ich, gerade aus dem warmen Bett geschält, las den ersten und konnte mir wirklich nicht ausmalen, wer es sein konnte, der mir dies schreiben würde, abgesehen davon war der Zettel aufgeweicht und einige Sätze konnte ich nicht mal lesen, so wie den Absender.
War es vielleicht Sally gewesen, die heimlich unter anderen Namen sich ausgibt, um mich zu testen? Bei dem Gedanken musste ich schmunzeln. Sally…
Die schöne Flickenpuppe schaffte es tatsächlich jedes Mal, wenn ich an sie dachte, mir den Kopf zu verdrehen. Seit Weihnachten und unseren ersten Kuss auf dem Spiralberg waren wir zusammen – heimlich. Denn es gab auch noch ihren bösartigen Erschaffer und Vater, Professor Finkelstein, der sie gnadenlos in seinem Labor festhält und zum Haushaltputzen zwingt.
Aber ich machte mir wirklich zu viele Gedanken an diesen Morgen.
„Danke für die Post, Zero!“ begrüßte ich ihn und streckte mich. Der Geisterhund antwortete mit einen leisen Schnarchen.
Gähnend zog ich mein Oberteil aus und stampfte ins Bad, um mich fertig zu machen. Mit der Zahnbürste im Mund und den noch tropfenden Kopf, den ich eben noch in eiskaltes Wasser gehalten hatte, starrte ich in den Spiegel und dachte nach.
Wen hatte ich seit zwölf Jahren denn nicht mehr gesehen? Kannte ich sie gut? Wahrscheinlich. Sonst würde sie mich ja nicht in so einer Art ansprechen.
Irgendwie überraschend, andererseits auch etwas skurril. Denn es ließ mich tatsächlich den Kopf darüber zerbrechen. Vielleicht war das auch das Ziel: Dass ich zu sehr nachdachte.
Plötzlich hörte ich einen langgezogenen Schrei.
Vor Schreck wirbelte ich hoch und knallte mit dem Schädel gegen die Ablage vor dem Spiegel.
„Arrg!“ fluchte ich und suchte nach meinem Hemd.
Doch ich fand es einfach nicht. Hektisch sah ich mich um, während ich mir die Beule rieb.
Es klingelte stürmischer.
„I-ich bin gleich da!“ rief ich hinunter.
Ich wurde immer nervöser und beschloss, einfach so hinaus zu gehen. Was sollte der Geiz? Man durfte als Mann doch auch mal seine Muskeln zeigen. Also stürmte ich aus dem Bad die Treppen hinunter in die Bibliothek und weiter hinunter zum Wohnzimmer.
„Jack, mach schnell auf!“ hörte ich die aufgeregte Stimme des Bürgermeisters, der gegen die Tür hämmerte.
Mit einem Filmreifen Sprung flog ich die restlichen Meter zur Türklinke und drückte sie runter.
Eher ich ihn begrüßen konnte, warf sich der Verwalter heulend um meinen Hals und stammelte:
„Es ist alles so schlecht! Alles ist dahin, Jack! Wir sind verloren! Verlooooooren!“
Einige Bürger sahen irritiert zu uns hinüber. Konnte mir vorstellen, dass es ganz schön dämlich aussah, wenn sich der Bürgermeister flennend in die Arme eines halbnackten Skeletts warf, auf dessen Stirn gleich ein Horn wuchs von der Beule.
Flüchtig grinsend packte ich ihn am Kragen und warf die Tür hinter uns zu.
„Beruhigen sie sich doch erst mal!“ versuchte ich ihn zu besänftigen und setzte schnell heißes Wasser auf. Wimmernd hörte ich ihn, wie er auf seinen Stammplatz bei mir saß, den Hut voller Selbstmitleid an die Brust gepresst und die Pläne wild in der Wohnung verteilt waren. Er sah tatsächlich aus, als ob etwas passiert wäre. Nichts Gutes.
Als endlich der Kaffee fertig war und ich ihm seine Tasse hingestellt und ein weiteres Taschentuch gereicht hatte fing er endlich an mich aufzuklären:
„Es ist eine echte Tragödie, Jack! Die größte, die es je gab!“
Er nahm einen Schluck.
„Was genau ist denn? Ich wette am Ende ist es doch nicht so schlimm, wie es sich anhört.“
„Doch, das ist es!“ bedauerte er.
Mit einen Seufzen stützte ich mein Kinn auf den Ellenbogen auf. Ich wusste jetzt schon, dass ich am Ende alles wieder ins Lot bringen musste.
Aber ich riss mich zusammen und hörte zu:
„Burberry und ich haben wie immer die Pläne bearbeitet und schon eingeschickt und wieder bearbeitet und wieder bearbeitet. Und dann…“,
„Ja?“
„…Dann hat Burberry die Hälfte der Pläne mit dem Spielzeug seiner kleinen Welpen vertauscht!“
Ich sah ihn perplex an.
„Das heißt also, die Pläne sind…?“
Der Bürgermeister holte einen Klumpen Papierfetzten aus der Tasche und warf es gereizt auf den Tisch. „Das passiert, wenn man kleinen Kötern Papier zum zerfetzten gibt! Was sollen wir denn jetzt machen? Ich bräuchte noch mindestens zwei Wochen, um die wieder zu rekonstruieren! Jack, du hast doch immer spontane Einfälle, nicht? Kannst du dir denn nicht die letzte Seite einfach improvisiert neu gestalten? Ich bitte dich, ich hab schon Burberry und Bartholomew dem Müllmonster Bescheid gesagt.“
Genau das war das schwierige an dem ständigen Pessimisten: er machte unangekündigte Sachen viel zu oft und anscheinend viel zu gern. Eigentlich hatte ich ja wie schon gesagt vor, mir frei zu nehmen, um diese unbekannte Brieffreundin empfangen zu können. Doch die Pflicht ruft.
„Natürlich mach ich das.“ Beruhigte ich ihn und sammelte lächelnd die anderen Pläne wieder ein.
„Gott sei Dank!“ atmete der erleichtert auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Was würde ich ohne dich nur machen, Jack?“
Einen anderen die Freizeit rauben, dachte ich.
Manchmal nervte es schon, Plichten zu haben und ständig alle, die etwas versauten, den Kram hinterher zu räumen.
Aber das war halt mein Job. Und ich wollte ihn für nichts und niemanden hergeben.
Nach einigen hin und her Gedanke machte sich der Bürgermeister wieder auf den weg und ließ mich mit einen Stapel Papierrollen zurück.
Es wurde erneut still im Haus.
Zu still.
Plötzlich erst spürte ich, wie still es um mich herum war, wenn nur ich und Zero alleine hier wohnten. Irgendetwas fehlte. Stille war bedrückend, wenn man weiß, dass man Lärm und Stimmen gewohnt war. Es macht einen Angst, ein ungutes Gefühl.
Nachdenklich raffte ich alles zusammen und schleppte sie hinauf zu meinem Arbeitszimmer und sah mir die genauen Schäden an.
Im Grunde waren die Pläne fertig, nur fehlten an einigen Stellen einfach die genaueren Konstruktionsbeschreibungen. Mit einen Seufzen, da ich durch das hektische Reagieren des Volksvertreters schon das schlimmste gehofft hatte, setzte ich mich vor die Pläne, drehte die Gaslampe neben mir auf und beugte mich mit einem Stift über die ausgebreiteten Rollen.

Es war komisch. Ganz eigenartig.
Denn auf einmal erwachte ich aus einem seltsamen Traum und fand mich wieder in meinen Stuhl am Schreibtisch, die Gaslampe warf lange Schatten an die Wände. Draußen
wehte ein eisiger Wind und rüttelte an meinen Fensterläden, dicke Regentropfen hämmerten gegen die Scheibe. Neugierig sah ich hinaus. Ich sah nur zwei Monster, die sich zischend zurückzogen und die heutige Nacht nicht jagen konnten. Ich hatte tatsächlich solange gearbeitet, bis ich wieder eingeschlafen bin? Die Sonne schien schon lange untergegangen zu sein, kein Mond oder Sterne waren zu sehen, nur eine beschlagene Sicht durch die Scheibe hinaus auf die Lichter in den anderen Häusern, die wie Laternen leuchteten.
Ich sah auf die Uhr neben einen Foto von meinen Dad und einen Locher:
Acht Uhr abends.
„Scheiße!“ murrte ich und stieß mich mit gesenktem Kopf vom Schreibtisch ab. Ich hatte den gesamten Tag verschlafen, ohne mich draußen einmal blicken zu lassen. Dabei hatte ich dem Professor versprochen, ihm heute einen Besuch abzustatten. Nun ja, eher gesagt Sally.
Aber der war eh jeden Tag kaum außer Haus, da könnte ich ihn auch morgen treffen.
Gerade wollte ich nach Zero fragen, ob er nicht schon angefangen hätte aus Hunger das Sofa aufzufressen, da zerriss ein schriller Schrei die Luft, ich erschrak fürchterlich und kippte samt Stuhl rückwärts um.
Fluchend rappelte ich mich schnell wieder auf und rieb mir die schmerzende Schulter.
„Ich hasse diese blöde Klingel!“ knurrte ich und stolperte die vielen Holztreppen hinunter.
Erneut klopfte es. Es war ein zaghaftes, aber auch demonstratives Klopfen, als wollte jemand unbedingt mich sehen.
Ich griff nach der Türklinge und riss die Tür auf.
Vor mir, völlig durchnässt, fröstelnd und zitternd, die pitschnassen Haare im Gesicht klebend und die Arme um die Hüften geschlungen, stand eine kleine, hübsche Flickenpuppe mit den großen Kulleraugen, der Narbe quer über das rechte Auge und den roten Kussmund, eingekleidet in ihren üblichen kunterbunten Kleid, wie immer einen Korb in der Hand.
„Hallo Jack.“ Hauchte sie schüchtern.
„Sally!“ rief ich erschrocken und zog sie sofort hinein zu mir ins trockene. „Komm schnell rein!“
Sofort legte ich mein Jackett um sie und brachte ihr eine Decke und einen heißen Kakao um sich wieder aufzuwärmen.
„Danke, danke…“ schlotterte sie mit einem dankbaren Blick und sah sich um. Sie war zuvor noch nie wirklich bei mir und musste erst mal sich gewöhnen, hier von nun an öfters zu sein.
Zaghaft setzte sie sich auf das Sofa und starrte vor sich hin, ehe ich wieder in der Küche Ordnung geschafft hatte und peinlich berührt einige rumliegende Klamotten schnell weggeschafft hatte.
„Bist du lebensmüde, dich mitten im Regen aufzuhalten?“ fragte ich sie aus der Küche heraus. Aber sie antwortete nicht.
Vorsichtshalber sah ich zurück ins Wohnzimmer, wo Sally immer noch saß, in der Decke eingewickelt, den Kakao in ihrer Hand und den leeren, müden Blick zu Boden gerichtet. Ich spürte, dass irgendetwas nicht stimmte. Ihr sonst so lieblicher Blick, wenn sie in meiner Nähe war, war nicht mehr aufzufinden. Und ganz klar war: es hatte war mit dem Professor zu tun.
„Sally?“ fragte ich besorgt.
Als sie immer noch nicht antwortete, setzte ich mich vorsichtig neben sie und sah sie mitfühlend an.
„Was ist passiert…?“
Sally schloss die Augen und eine Träne kullerte ihr über das Gesicht. Zitternd stellte sie den Kakao auf den Tisch vor ihr.
Zaghaft wollte ich ihr gerade die Hand auf die Schulter legen, da kam sie mir zuvor und warf sich in meine Arme. Für einen Moment eine kleine Überraschung, dann drückte ich sie fest an mich. Wie ein Kind, dass Schutz bei dem Vater suchte, presste sie ihr Gesicht an meine Brust, umschlang mein Kreuz und schluchzte einige unverständliche Worte aus.
„Sally, ist ja gut, ich bin ja hier!“ beruhigte ich sie und wiegte sie hin und her. Plötzlich war die Stille, die zuvor in meinen Herzen war, durch starkes Herzklopfen völlig verflogen. Ich versuchte, ganz zärtlich zu ihr zu sein und spürte selbst, wie ängstlich und schüchtern ich war.
Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte und sich kurz umgezogen hatte (sie durfte sich solange ihr Kleid am Kamin trocknete eine Hose und eine Bluse von mir ausleihen) begann sie endlich zu sprechen.
„Tut mir leid, dass ich dich einfach so überrumpelt hab eben.“ Lachte sie unglücklich und wischte sich die verschmierte Schminke weg.
„Ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich musste es jemanden sagen!“
„Was denn?“ fragte ich neugierig.
Sie holte tief Luft und nahm wieder ihren Kakao.
„Du weißt ja, wie schwer ich es hab, dort oben im Labor, nicht? Finkelstein benutzt mich für seine bösen Experimente und lässt mich den Haushalt für ihn erledigen. Eben alles das, was er nicht kontrollieren kann – genauso wie mich. Deswegen sperrt er mich ja auch ein.“
Ja, das wusste und bedauerte ich. Ich spüre, wie sehr es dich schmerzt und verzerrt, nicht in meiner Nähe sein zu dürfen. Ich fühle jedes Mal das gleiche.
Aber zum Glück dachte ich das nur und hörte ich weiter zu.
„Aber was ich heute gesehen habe, war nicht einfach nur grotesk und unmenschlich – es war geradezu irre! Weißt du…ich war gerade dabei bei ihm die Pflanzen zu gießen und ihm sein Essen zu bringen, da hab ich kurz einen Blick in das Labor des Professors geworfen. Es war wirklich nur ein ganz kleiner Hingucker. Und da sah ich etwas, was ich ab heute bereue, gesehen zu haben: Finkelstein hat…“
„Was?“ fragte ich „was hat er?“
„Er hat einen Menschen, einen lebenden Menschen, das Herz herausgerissen. Sein Mund war völlig zugeklebt, er war gefesselt. Er hat das noch schwach schlagende Herz in seiner Hand dann in ein Glas geworfen und…er hat den sich windenden Körper anschließend einfach weggeworfen. Als ich das gesehen hab, bin ich vor blanken Horror beinahe zusammengefallen. Ich musste sofort fliehen. Ich musste jemanden davon erzählen. Aber ich wusste nicht wohin.“
Zwar wusste ich nicht wirklich, was man in so einer Situation spürte, mal abgesehen davon, dass ich solchen Horror ja als Herr des Spuks gewohnt war. Trotzdem nahm ich sie wieder in den Arm und strich ihr sachte über das Haar.
„Sally, egal was passiert, du kannst immer und jederzeit, wenn es dir schlecht geht zu mir kommen.“
Ich hörte sie erleichtert seufzen.
„Danke.“ Hauchte sie.
Die restliche Nacht, die wir zusammen verbrachten, verging wie im Flug. Wir erzählten uns lustige Ereignisse, um von den schlimmen Gedanken wegzukommen, ich holte sogar ganz alte Kinderfotos von mir wieder raus und zusammen lachten, bewunderten und wurden mitfühlend.
„Ich glaub, ich hab noch ne‘ Flasche Rotwein unten.“ Säuselte ich. Sally, nun wieder völlig munter und aufgeregt wie ein kleines Kind, klatschte in die Hände. „Oh ja, Rotwein!“
Grinsend verschwand ich erneut in der Küche und suchte alles nötige zusammen.
Währenddessen hatte Sally endlich die Möglichkeit, sich in meinem Haus umzusehen.
Wenn man durch die Eingangstür ging, kamen einem sofort die zwei Sofas mit dem kleinen Tisch in der Mitte entgegen. Links stand der Kamin mit einem Sessel und einen großen Spiegel, der leider zerbrochen war an einigen Stellen. Die Treppe lang gegenüber dem Sofatisch. Die Wände aus schwarzem Holz sahen etwas alt an einigen Stellen aus, überall waren diese kleinen Steingorgonen, die mit weit aufgerissenen Mäulern ins leere funkelten. Spinnenweben, manchmal tote aber auch lebende Insekten tummelten sich auf dem Boden. Auf Ordnung, hatte sie das Gefühl, achtete Jack, wie auch jeder normale Mann, nur zweitstellig. Rechts war ein Esstisch und daneben ging es sofort hinein in die Küche. Was danach kam, wusste sie nicht, und auch nicht wie es oben war. Zum Beispiel im Schlafzimmer…
„Ok, hier.“ Kam ich mit einer großen Flasche dunkelroter Flüssigkeit und zwei Gläsern zurück.
Sally nahm warm lächelnd ein Glas an und ließ sich von mir eingießen.
„Dein Haus ist wirklich geschmackvoll.“ Sagte sie. „Wirklich traurig, dass ich es noch nie zuvor gesehen hab.“
Ich konnte mich noch erinnern, als ich das erste Mal bei ihr im Zimmer war. Ihre engen Wände waren aus roten Ziegelsteinen gemacht, auf der rechten Seite stand ein altes, quitschiges Feldbett mit einer dünnen Decke. Außer einer kleinen Spinnmaschine, einem Schreibtisch, Putzkram und einem kleinen Bücherstapel war nichts für sie übriggeblieben.
Dafür aber hatte sie die schönste Aussicht auf Halloweentown durch ihr riesiges Fenster. Manchmal, wenn ich mit Zero abends noch einmal zum Spiralberg ging, um die Zeit tot zu schlagen, da sah ich sie am weit geöffnetem Fenster, wie sie verträumt in den Nachthimmel starrte und die Welt um sie herum vergaß.
„Ach was, das ist nur ein altes Haus meiner Vorväter.“ Sagte ich bescheiden.
„Nun…“, sie sah hinauf. Über uns klaffte ein großes Loch in der Decke. „Dass es alt ist, sehe ich.“
„Da-das muss ich irgendwann mal wieder reparieren!“ lachte ich noch peinlicher berührt als vorhin.
Sie trank den Rest ihres Glases leer und sah immer noch hinauf. Obwohl ich schon etwas angeheitert war und nicht wusste, dass das eigentlich nicht so meine Art war, nahm ich sie bei der Hand.
„Wenn du noch nie bei mir warst, soll ich dich dann mal herumführen?“
Die Flickenpuppe sah wieder zu mir und nickte zaghaft. „Wenn es denn keine Umstände macht…“
„Ach was!“ lachte ich und stand auf. „Vetrau mir einfach.“
Sie nickte und folgte mir die knarrenden Treppen hinauf.
Oben angekommen standen wir in einen großen Raum, eher als Halle zu bezeichnen. Die Wände waren vollgestellt aus Bücherregalen, in der Mitte waren achtlos einige Bücher hingeworfen. Auf der rechten Seite stand ein Schreibtisch mit allerlei Dingen, den ich allerdings kaum zum Schreiben benutzte.
An der Decke hing ein Kronleuchter, der nur gedimmt Licht abgab.
Sally klappte der Mund auf. So eine riesige Heimbibliothek hatte sie noch nie gesehen.
„Wow…“ staunte sie. „Du…liest anscheinend viel, was?“
„Es geht.“ Grinste ich dämlich und zog sie weiter zu einer Wendeltreppe.
„Hier ist mein Arbeitsbereich.“ Verkündete ich und ließ das rothaarige Mädchen vorlaufen.
Die Runde Decke gab Sally zu wissen, dass sie nun den höchsten Punkt erreicht hatten. Hier war der Schreibtisch mit den ausgerollten Pergamenten, eine Tafel, wo immer noch die Rechnungen für Weihnachten standen, die für Sally wirklich wenig Sinn ergaben, zumal Mathematik ihre Schwäche war.
Ein großes Körbchen, wo Zero gerade seinen Schlaf fand, einige Arbeitsgeräte aus der Chemie und der Physik, womit sie auch nichts anfangen konnte und die ganzen bunten Lichterketten aus Christmas Town.
Da sie den Geisterhund nicht stören wollte, gingen wir wieder runter.
„Wirklich beeindruckend, Jack.“ Sagte sie eher etwas schüchtern. „Mir entging wirklich immer was.“
„Naja, ist ja nicht schlimm.“ Beruhigte ich sie.
„Aber du weißt ja, du kannst immer zu mir kommen, egal wie oft und wann, ja?“
Wir sahen uns lange an. Plötzlich war mir so, als ob ich mit ihren Blick verschmolz. Ihre Augen schimmerten in der Dunkelheit um uns herum wie zwei Laternen, ich spürte, wie ich langsam all das Gewicht auf mir verlor. Meine Hände fingen an zu zittern, mein Herz, das kein Herz war, fing an wie wild gegen meine Brust zu hämmern, in meinen Bauch fühlte es sich so an, als flatterten hundert kleine Schmetterlinge. Sally starrte wie gefesselt in meine Augenhöhlen. Sie wusste als einziges, das diese leeren Augenhöhlen sie mit dem gleichen Blick ansahen, wie sie ihn. Sie fing an zu zittern, ihre Knie wurden weich, irgendwas in ihrem Herzen schrie – aber nicht vor Schmerzen. Sondern vor Glück. Dieses Gefühl hatte sie schon einmal gespürt, als sie mit mir zusammen war. Dieses Gefühl, der erfüllten Liebe, die wir gegenseitig auf einander ausgeübt hatten, heimlich zu lieben und heimlich zu fühlen. Wie automatisch legten sich meine Hände an ihre Hüfte, ganz vorsichtig, damit ich sie nicht verletzten konnte. Sally kam immer näher an mich heran, ich konnte ihren Atem beinahe an meinen Nacken spüren. Langsam kamen meine zitternden Lippen ihren näher.
Sie schloss die Augen.
Erst spürte ich ihren Mund nur ganz sachte, wie sie ihn auf meinen lehnte. Zaghaft wich sie allerdings wieder zurück. Etwas zielstrebiger legte ich schließlich meine Lippen auf ihre. Es schmeckte nach Kirsche. Etwas blass, aber doch lieblich. Sie atmete ruhig. Ich konnte spüren, dass sie in meinen Händen zitterte. Instinktiv strich ich die eine Hand höher an ihr Kreuz und drückte sie sacht an mich. Ich hörte, wie draußen der Regen plätscherte und Donner leise grollten. Die Tropfen schlängelten sich über das Fenster und fielen erneut von der Fensterbank. Doch das hörte ich kaum noch.
Alles was ich spürte, war die Nähe und die Wärme von Sally, hörte ihren gleichmäßigen Atem, hörte ihren Herzschlag.
Ihre Lippen kamen meinen immer wieder näher, wenn sie sich erneut lösten. Ich holte tief Luft. Im Innern flehte ich die Zeit an, sie möge für immer stillstehen. Wieder war es, als ständen wir auf dem Spiralberg. Der Schnee fiel langsam zu Boden, die Kalte Luft war nichts gegen unsere Liebe, die ich spürte, als Sallys Arme meinen Nacken umschlangen.
Einer meiner Hände ging plötzlich auf Wanderschaft. Meine Finger erkundeten ihr liebliches Kreuz, tasteten sich über ihren Nacken, über ihre Schulter und ihren Hals, durch ihre Haare, die den Duft von frischen Herbstblättern trugen, gingen wieder zurück und blieben an etwas stehen, was unter ihren Kleid zu finden war. Die Verschlüsse ihres BHs.
Sollte ich? Würde sie mir zustimmen?
Erst ganz unauffällig, tastete ich weiter nach den Bügeln, dann etwas auffälliger, versuchte anzudeuten, einen zu öffnen. Meine andere Hand konnte nicht anders und schob ganz sachte ihr Kleid von unten an. Ich spürte ihre weiche Haut ihrer Beine an mir.
Plötzlich spürte ich, wie Sally sich von mir wieder entfernte. Sie stand vor mir und sah mich etwas empört, aber auch ängstlich an.
„Es…es ist schon spät und der Regen hat auch etwas aufgehört. Ich glaub ich geh jetzt besser.“
Zuerst sah ich sie etwas traurig an, verstand dann aber, dass ihr Erschaffer tatsächlich sich irgendwann doch fragen sollte, wo seine Tochter steckt.
Zaghaft tapste sie die Treppen mit mir hinunter, gab mir das Jackett wieder, das nun klitschnass war und zog wieder ihr Kleid an. Ich öffnete ihr die Tür. Draußen hatte es sich nicht verändert. Es regnete immer noch. Wortlos ging sie an mir vorbei und wieder zurück in den Regen. Sie blieb stehen und starrte ins Leere. Ich wartete. Wartete darauf, dass sie wieder umkehrte und bei mir blieb. Ich lehnte mich lässig an den Türrahmen und sah sie an.
„Willst du wirklich gehen?“ fragte ich sie.
Sie sah auf.
„Wenn er sich wundert, wo du bist, nehme ich die Schuld auf mich. Ich will nicht, dass du gehst.“
Doch sie antwortete nicht. Ich spürte, dass sie vor irgendwas Angst hatte. Irgendetwas bedrückte sie.
„Tut mir Leid Jack.“ Sagte sie nur, so ruhig und ernst wie sie es schaffte. „Wir sehen uns dann irgendwann, ja?“
Und damit verschwand sie in der Dunkelheit.
Ich stand noch lange da, starrte ihr hinterher und wusste nicht, was ich machen sollte. Stumm sah ich in das regnerische Wetter.
Hinter mir kam Zero angeflogen, verschlafen und noch recht benebelt.
Er sah die zwei Weingläser und den Rotwein.
„Sag mal, war eben jemand hier?“ fragte er mit einen Gähnen.
„Nein.“ Antwortete ich schließlich traurig. „Niemand war hier.“
„Dann mach endlich die Tür zu, mir ist kalt!“
Ich starrte noch etwas ins Leere, dann schloss ich die Tür hinter mir.
Die Wolken verdunkelten den Vollmond und machten aus der wunderschönen Nacht ein trauriges Antlitz. Der Regen fiel immer noch in Strömen. Keiner war mehr unterwegs bei diesen Unwetter. Nur eine ging müden Schrittes durch das Gewitter, die Tränen auf ihrer Wange von den Regentropfen weggespült.
Sally konnte sich es selbst nicht erklären, einfach so abgehauen zu sein. Was hatte sie von ihm abgestoßen? Warum hat sie ihn verlassen? Wollte sie nicht in seiner Nähe sein? Wollte sie ihn verlassen?
Hatte sie Angst?
Erst als sie pitschnass zuhause ankam, sich unauffällig in ihr Zimmer verschanzte und das nasse Kleid auszog, dachte sie nach. Wieder saß sie an ihrem Fenster, starrte hinaus, ließ den Kummer in ihr Herz fließen und schluckte immer wieder einen Kloß hinunter.
Sie hatte Angst gehabt.
Angst vor seiner Berührung.
Angst, jemanden ihr Herz anzuvertrauen.
Sie konnte es sich einfach nicht erklären, aber sie hatte Angst gehabt, dass es nicht bei dem Kuss blieb, sondern dass er sie verletzten würde. Dass er zu einem ganz anderen Menschen werden würde und sie nur benutzen würde. Natürlich würde sie das nie von ihren geliebten Jack erwarten. Trotzdem sagte irgendwas in ihr tief drinnen, dass sie Angst hatte. Angst, Angst vor ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Vielleicht war sie nicht bereit, oder sie war Bindungsphobisch – jedenfalls war es ein Fehler gewesen, wieder gegangen zu sein. Nachdenklich und enttäuscht von sich selbst trottete sie unter die Dusche. Der Kalte Regen wurde durch das warme Wasser weggespült, Sally holte tief Luft und atmete lang wieder aus. Während sich ihr Körper wieder langsam aufwärmte, dachte sie immer noch nach, wie er ihr verzeihen könnte.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, etwas Warmes, noch viel wärmeres als das Wasser, tastete sich langsam an ihrer Haut entlang. Zuerst war es nur wie eine Einbildung, dann spürte sie richtig, wie Finger über ihre Hüfte strich, langsam über ihren schlanken Bauch fuhr. Wie erstarrt blieb sie stehen. Für den ersten Moment fühlte es sich ungewöhnlich angenehm an. Eine zweite Berührung, an ihrer Schulter. Vorsichtige Finger glitten an ihren eleganten Schwanenhals entlang. Sie merkte, dass diese Hände zärtlich waren, doch genau wussten, was sie taten. Sie traute sich nicht, an sich hinunterzusehen um diese fremden Hände zu inspizieren, die dort ihr Blut langsam zum Brodeln brachten. Aber sie wusste, dass es Jacks Hände waren.
Zuerst spürte sie, wie all der Kummer verging, ihr Herz begann abermals zu schlagen. Doch auf einmal wirbelte sie herum. Die Berührungen verschwanden auf einen Schlag. Hinter ihr war nicht Jack, den sie sich so erhofft hatte. Nur die kalte weiße Wand.
Es brauchte eine längere Zeit, bis sie sich erneut wieder fing und zu Boden starrte. Was ging da nur vor in ihr? Sie musste sich bei ihm entschuldigen – und zwar all zu bald.
 
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