Heldenhafte Farbspiele

von Ne-chan
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Duncan MacLeod Joseph "Joe" Dawson Methos
25.11.2011
25.11.2011
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Heldenhafte Farbspiele

Disclaimer: Mir gehört nichts! Auch kein Geld!


Ich habe ihn nicht kommen hören. Schon das sollte Aufschluss über meine Verfassung geben, in der ich mich gerade befand. Ich drehte mich um und vor mir stand dieser Kerl mit einem meiner Übungsschwerter und bevor ich auch nur ein Laut des Staunens, der Verwirrung, des Schreckens oder gar der Furcht von mir geben konnte, hatte sich die Klinge schon durch meinen Körper gebohrt. Es war lächerlich, wirklich. Er war kein Unsterblicher! Er hatte keine Ahnung, was er da tat! Er reagierte – nein, er überreagierte – auf eine potenzielle Gefahr. Das ich mal als Gefahr in meinen eigenen vier Wänden gelten sollte... Am liebsten hätte ich laut gelacht, aber damit hätte ich diese arme Seele vor mir nur noch mehr verängstigt. Wie ironisch. Ich sterbe hier, aber ich mache mir Sorgen um sein Wohlergehen.

Er ist wohl ein Einbrecher, dachte sicher, in meinem Dojo wäre was zu holen. Richie hätte ihn jetzt schon als Idioten beschimpft. Jeder Blinde würde sehen, dass mein Dojo wirklich nicht der Ort war, um große Beute zu machen. Vielleicht haben es ihn ja auch nur die Schwerter angetan. Dumm nur, dass er meine Wohnung auch noch in seinen Beutezug mit einbeziehen musste. Es war kurz nach Mitternacht, vor 10 Minuten hatte ich Joe gebeten sofort mit Methos bei mir zur erscheinen. Meine schlechte Verfassung hatte damit etwas zu tun.

Nun, ich war sternhagelvoll. Zwei Flaschen Whiskey konnten auch einen Unsterblichen umhauen. Ich hatte am Telefon ganz schön gelallt und Joe hatte mich mit ungehaltener Wut zusammengebrüllt. Es war schon interessant, wie ein Schwert in deiner Brust den Alkohol aus deinem Blut zieht. Vielleicht nicht gerade die angenehmste Art nüchtern zu werden, aber wirkungsvoll.

Das ich noch nicht auf dem Boden lag und mich vor Schmerzen krümmte, war nur meinem mörderischen Dieb zu verdanken, der noch immer krampfhaft den Schwertgriff in seinen Händen hielt und mich damit an die Wand nagelte. Es war nicht gerade die bequemste Position zum sterben, aber ich hatte schon schlimmere. Leider fühlte sich der Junge dazu verpflichtet, geschockt in meine vor Schmerz geweiteten Augen zu starren, während ich starb. Tatsächlich fühlte ich mich von dieser Kleinigkeit ein wenig gestört. Und es störte mich, dass er ein halben Kopf größer war als ich. Es hätte nicht sein dürfen! Verdammt, Cassandra! Ich habe dir den Kopf gerettet und so dankst du es mir? Mit einem Fluch?

Bevor ich weiter in meinen dunklen Gedanken versinken konnte – und wer hätte gedacht, dass ich sogar während des Sterbens dazu in der Lage war – hörte ich den Fahrstuhl und mein jungscher Mörder fiel aus seinem Schock in eine noch tiefere Panikebene. Großartig! Panik. Panik hatte mich zu diesem Komasaufen geführt, welches ich vor einigen Stunden absolviert hatte. Ich mochte es nicht, von einem unangenehmen Gast zweimal am Tag besucht zu werden.

Mit einem Ruck zog er das Schwert aus meinem Körper, fing mich auf, bevor ich zu Boden sinken konnte und wandte sich mit mir dem Fahrstuhl zu, die Klinge nun nicht mehr ganz so ungefährlich an meine Kehle gepresst. Wäre ich noch in der Lage gewesen zu fluchen, wäre jetzt mein junger Geiselnehmer vor Scham gestorben.

Doch nun sollte ein neuer Darsteller die Bühne betreten und ich musste sowieso die Klappe halten. Jetzt war es Zeit für meinen tapferen Ritter in weißer Rüstung, meinen Prinzen auf hohem Ross. Das Fahrstuhllicht war die einzige Lichtquelle im ganzen Raum und als ungehalten und ganz klar verdammt wütend das Gitter nach oben gerissen wurde, blendete es mich für kurze Zeit. Mein Dieb/Mörder/Geiselnehmer zuckte leicht zusammen und ich fühlte eine Blutspur meinen Hals hinab rinnen.

„Du hast hoffentlich einen guten Grund für deinen Anruf, MacLeod. Ansonsten werde ich dich eigenhändig umbringen!“

Ich konnte nicht anders! Ich musste lachen. Okay, es war eher ein atemloses Röcheln und ließ meinen armen Dieb noch einmal gefährlich zucken, aber mit einem Loch in der Lunge war lachen eben nicht mehr so einfach. Von allen möglichen Menschen dieser Welt schickten mir meine Ahnen, das Schicksal oder tatsächlich Gott Methos zu meiner Rettung! Es war einfach köstlich.

Vom Geräusch angelockt trat der alte Mann näher und blieb dann überrascht stehen. Sein Blick war auf mich geheftet und der Blick sagte dieses eine Mal wirklich alles aus: Ich kenne dich, aber woher? Und dann fiel der Groschen und seine Augen wurden größer und seine Kinnlade machte einen Ausflug in den Keller. Eigentlich war dieser Anblick es schon Wert verflucht, betrunken, niedergestochen und als Geisel genommen zu werden. Und das war schon wieder traurig.

Methos Blick wanderte nun endlich von meinem Gesicht zum Schwert, vom Schwert zum Dieb. Seine linke Augenbraue zog sich leicht nach oben und ich wusste, ich würde mir diese Geschichte noch lange Zeit anhören dürfen. ‚Duncan wurde von einem Sterblichen überrumpelt! Duncan wurde von einem Sterblichen überrumpelt!’ Müde legte ich meinen Kopf auf die Schulter meines persönlichen Möchtegern-Mörders und betete, dass der Blutverlust mir endlich das Bewusstsein rauben würde.

Mit einem mulmigen Gefühl nahm ich zur Kenntnis, dass die Klinge an meinem Hals zitterte. Noch mehr Blut sammelte sich in meinen ohne hin schon ruinierten Klamotten und ich warf einen warnenden Blick zu Methos. Mein kleiner Geiselnehmer würde bald jede Fähigkeit des vernünftigen Handelns verlieren. Nein, er hatte sie schon verloren, als er mit dieser dämlichen Geiselgeschichte angefangen hatte. Was dachte sich diese Jugend von heute nur? Jedenfalls hing mein Kopf gerade am seidenen Faden und Methos war manchmal ein sehr unsensibler Kerl.

„Nun mal ruhig Blut, Junge und nicht den Kopf verlieren!“

Haha, Methos. Wirklich haha. Ich sterbe hier! Versuch wenigstens so zu tun, als ob es dir was ausmachen würde. Mein Dieb verstärkte seinen Griff um meinen Oberkörper und ich stöhnte schmerzhaft auf. Das wiederum ließ ihn wieder zucken. Okay, das führte zu nichts. Ich sollte der ganzen Farce jetzt ein Ende machen. Vorsichtig lehnte ich mich noch etwas mehr der scharfen Klinge entgegen. Vorsichtig, Duncan! Sich selbst zu köpfen wäre wirklich dumm. Mit einem letzten Blick zu Methos schnitt ich mir mit einer ruckartigen Bewegung die Kehle auf. Blut spritzte, ein Aufschrei war zu hören. Ich spürte, wie mein Körper auf den Boden aufschlug. Dann wurde es endlich dunkel um mich.

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Ich erwachte mit einem tiefen Atemzug und schlug vorsichtig meine Augen auf. Ich war allein und erschöpft rappelte ich mich in eine sitzende Haltung auf. Methos und der Dieb waren tatsächlich verschwunden und man hatte mich einfach auf dem Fußboden in meinem eigenen Blut liegen lassen. Müde starrte ich auf die Sauerei. Mein Pullover und meine Hose hatten sich mit Blut voll gesaugt und klebten unangenehm an mir. Meine Haare tropften mir das Blut in den Nacken. Angewidert verzog ich mein Gesicht und kämpfte mich auf die Füße. Oh mein Gott, das Zeug war mir sogar in die Schuhe gelaufen! Jetzt war mir wirklich schlecht. Langsam machte ich mich auf den Weg zu meiner Minibar, griff nach der nächstbesten Flasche, öffnete den Schraubverschluss und nahm erst mal einen kräftigen Schluck. Mein Hals brannte leicht, ansonsten zuckte jedoch kein Gesichtsmuskel bei mir. Es hatte etwas für sich als ungehobelter Rüpel in einem barbarischen kleinen Clan aufgewachsen zu sein. Meinen ersten Kater hatte ich mit 12 Jahren. Ich war gerade dabei einen zweiten tiefen Zug aus der Flasche zu nehmen, als ich den Fahrstuhl kommen hörte. Kurz darauf ratterte das Gitter nach oben.

„Wieder auf den Beinen, wie ich sehe. Und auch schon wieder dabei, dich besinnungslos zu saufen. Dabei solltest du lieber die Schweinerei hier wegmachen. Joe kommt in 20 Minuten und wir wollen ja nicht, dass er einen Herzschlag bekommt.“

Ihn ignorierend nahm ich noch einen Schluck, dann ließ ich die Flasche achtlos aus meiner Hand gleiten. Der braune Alkohol vermischte sich mit der Pfütze roten Blutes auf dem Boden, die Glasscherben sprangen über das ruinierte Parkett. Dann zupfte ich mir den Pullover vom Körper und ließ ihn ebenfalls einfach fallen. Die Schuhe, Socken, Hose und Boxershorts folgten wenige Minuten später. Nackt wie Gott mich schuf, marschierte ich auf das Badezimmer zu und lächelte Methos nur zuckersüß zu, als er mich ungläubig anstarrte.

Ohne in den Spiegel zu blicken stieg ich in die Dusche und stellte das Wasser so warm wie möglich ein. Dann begann ich mir wie ein Besessener das Blut von der Haut zu kratzen. Der rote Strom, der im Abfluss verschwand, hätte auch in jeden Horrorfilm vorkommen können. Als ich wieder ein Gefühl der Sauberkeit hatte, wickelte ich mich in ein großes Handtuch und atmete tief durch. Dann trat ich zum Badezimmerspiegel und starrte. Die Augen, die mich aus dem Spiegel heraus ansahen, waren viel zu groß für das schmale Gesicht. Die Augenringe machten den Eindruck nicht besser. Die Haut war viel zu glatt, die Gesichtszüge zu weich. Dieser Mann im Spiegel war ich und dennoch hatte ich dieses Gesicht seit über 400 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich schätzen müsste, war es das letzte Mal mit 17, 18 Jahren. Ich war einen guten Kopf kleiner als normalerweise. Soweit ich mich erinnere, hatte ich einen sehr späten Wachstumsschub. Meine Hände waren kleiner, noch nicht so schwielig von den vielen Schwertkämpfen. Meine Haare hingen mir wild ins Gesicht. Ich sah aus wie ein wildes Straßenkind, bereit jedem eine Menge Ärger zu machen. Und verdammt noch mal, ich fühlte mich auch so! Meine Emotionen fuhren Achterbahn, meine hart antrainierten Manieren schienen wieder unter dem ungehobelten Barbaren verborgen und ich hatte ein unnatürlich starkes Bedürfnis alte schottische Volkslieder zu singen und mich dabei bewusstlos zu trinken. Ich hatte Lust über einem riesigen Feuer ein totes Tier zu braten. Und ich wollte Sex. Mann, Frau, das war mir vollkommen egal. Ich bin da noch nie wählerisch gewesen. Hauptsache wild und ohne Bündnisse danach.

Mit einem Zischen wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab und riss die Badezimmertür auf. Methos Augen folgten mir bis zu meinem Kleiderschrank, dann konzentrierte er sich wieder darauf, dass Blut von Boden zu wischen.

„Dein Besucher wurde übrigens Ohnmächtig von deinem kleinen Stunt. Ich habe ihn ein ganzes Stück von hier an einer Ecke rausgeschmissen und mit einer Flasche Scotch überschüttet. Dann habe ich der Polizei gemeldet, ein Betrunkener hätte in der Gegend randaliert. Es sollte keine Schwierigkeiten geben.“

Ich zog mir meinen jetzt zu großen Pullover über den Kopf und griff mir einer meiner Trainingshosen. Alles hing an mir. Mindestens zwei Nummern zu groß.

„Dann schuldest du mir eine Flasche Scotch.“

Der Fahrstuhl ratterte und kurz darauf stand Joe in meinem Loft.

„Also gut, Mac! Wo bist du?“

Die scharfen Augen des Wächters blieben kurz an Methos hängen, der immer noch damit beschäftigt war, meinen Boden zu wischen. Seltsamer Anblick. Ich hätte nie gedacht, dass die alte Nervensäge jemals einen Putzlappen gesehen hatte, geschweige denn wusste, wie er zu benutzen sei. Aber die 5000 Jahre hatten Methos mit so vielen versteckten kleinen ungewöhnlichen und sonderbaren Talenten ausgestattet. Nein, es sollte mich nicht wirklich wundern.

Ich trat ruhig aus den Schatten hervor, in die mein Schlafbereich gehüllt war und griff nebenbei nach meinem Katana, das vergessen auf meiner Kommode gelegen hatte. Nach diesem unangenehmen Erlebnis wollte ich nicht mehr unbewaffnet der nächsten Gefahr begegnen. Auch wenn Joe mein Freund war, hatte mir dieser Mann schon Schmerzen bereitet, die nicht so schnell vergessen werden konnten und ich war nicht in der körperlichen oder seelischen Verfassung noch viel mehr durchzustehen. Hinzu kam, dass ich ein verdammter Krieger war! Ohne Waffe einer potenziellen Gefahr gegenüber zu treten war einfach reine Dummheit!

Joe hatte mich immer noch nicht gehört oder gesehen und ich lächelte traurig. Wie leicht es jetzt wäre, ihm ein Ende zu setzen. Methos wäre niemals schnell genug und der Schock würde ihn ebenfalls für einige Sekunden kampfunfähig machen. Wie konnte der älteste Mensch nur so unvorsichtig sein? Besonders mit unserer Vergangenheit?

Unbewusst griff meine rechte Hand nach meinem Schwertgriff und leise löste sich die Klinge aus der Scheide. Grazil bewegte sie sich durch die Luft, führte einen eleganten Bogen aus und... Ich sah mein Gesicht nur kurz in der Klinge auf blitzen, aber dieser winzige Augenblick genügte, um mich vor Horror und Scham auf keuchen zu lassen. Kraftlos ließ ich das Schwert aus meiner Hand gleiten und bald kauerte ich neben ihm auf dem kalten Boden. Gott, ich wollte gerade Joseph töten! Ich wollte gerade einen meiner besten Freunde töten! Ich wollte ihm hinterrücks das Schwert in den Körper rammen, nur weil er existierte!

„Mac? Bist du das? Gott, was ist mit dir passiert?“

Joes Augen wanderte von mir zum Schwert und wieder zurück. Mein Atem beschleunigte sich und ich kauerte mich noch etwas mehr zusammen um mich vor möglichen Angriffen zu schützen. Im Stillen betete ich, dass er nicht mit seinem Stock zuschlagen würde. Dann stand plötzlich Methos zwischen Joe und mir. Er starrte mir fest in die Augen, während er sich bückte und mein Katana vom Boden aufhob. Die sonst sanften grünen Augen des Mannes hatten sich in hartes Gold verwandelt und ich rutschte noch etwas von den beiden Menschen weg, dabei ließ ich sie nicht eine Sekunde aus meinen Augen.

„Ich denke, du schuldest uns eine Erklärung, Highlander.“

Methos Stimme war wie Stein. Kalt, gefühllos, hart. Beschämt senkte ich meinen Kopf und ließ meine Haare ins Gesicht fallen. Wie sollte ich ihnen das nur erklären?

„Mac?“

Joes Stimme ließ mich wieder meinen Kopf heben. Gott, hilf mir! Lass ihn nicht näher kommen! Der Stock machte klickende Geräusche, als er sich auf dem Parkett fortbewegte. Panisch sprang ich auf die Füße und wich zurück. Nicht der Stock! Bitte, nicht der Stock! Wie ein Kind klammerte ich mich an die einzige Person im Raum, die mich noch beschützen konnte. Methos gab ein erschrockenes Keuchen von sich, als ich mich Hilfe suchend an seinen Mantel klammerte und mein Gesicht in seiner Schulter vergrub. Ich zitterte am ganzen Leib, mein Herz raste. Flehentlich stieß ich immer nur einen Satz heraus, der durch Methos Schulter so gedämpft wurde, dass er fast unverständlich war.

Bitte nicht den Stock! Bitte nicht den Stock!“

Vor Panik war ich in meine Heimatsprache zurückgefallen. Meine Worte lallten leicht. Irgendwie machte sich der Alkohol wieder in mir bemerkbar. Wie konnte das nur sein? Aber egal! Wie gern hätte ich jetzt etwas zu trinken gehabt! Etwas Hartes. Etwas, was mich wieder auf den Boden der Tatsachen holte. Meine Hände verkrampften sich noch etwas mehr in den weiten Mantel meines Freundes und wenn es möglich gewesen wäre, wäre ich in ihn hinein gekrochen.

Als sich Methos Arme um mich schlossen, spannte sich jeder Muskel in meinem Körper an. Würde er mich meinem Schicksal überlassen? Würde er mich einer Strafe aussetzen, die mir so viel Angst und Schrecken bereitete, dass ich fast keine Kraft hatte, mich auf den Beinen zu halten? Ich verdiente so eine Strafe! Ich wusste das sehr genau! Ich hatte meine Freunde töten wollen! Wie in Trance hatte mein Körper aus eigenem Antrieb gehandelt.

Verzweiflung ließ mich aufschluchzen und wieder begann ich meine Litanei.

Bitte nicht den Stock! Bitte nicht den Stock!“

Shh, niemand wird dir etwas tun! Ganz ruhig. Wir gehen jetzt zur Couch und setzen uns alle hin. Und dann erklärst du uns, was mit dir passiert ist, Kind. Okay?“

Ruckartig hob ich meinen Kopf von der Schulter des alten Mannes und starrte ihn nur an. Er hatte einen leichten Akzent, aber sonst waren seine Worte fließend durch die schottische Sprache geflossen. Er lächelte mich ruhig an und langsam führte er mich zur Couch. Joe folgte uns schweigend. Er hatte sicher kein einziges Wort verstanden und schien es für sicherer zu halten, Methos die Sache regeln zu lassen. Ich beäugte seinen Stock argwöhnisch auf den Weg, aber dieser tat nichts weiter, als den älteren Mann zu stützen. Ich fühlte mich lächerlich. Auf einmal wusste ich nicht mehr, vor was ich solche Panik und Angst gehabt hatte. Trotzdem ließ ich Methos Mantel nicht los.

Bald saßen wir im Wohnbereich. Joe auf dem großen Sessel, Methos und ich auf der bequemen Couch selbst, meine Finger immer noch in seinem Mantel verkrallt. Warum er es zuließ, war für mich ein Rätsel. Ich saß ihm fast auf dem Schoß und er sagte nichts dazu. Mein Katana lag jetzt auf dem Wohnzimmertisch. Im Moment wollte ich es genauso wenig sehen, wie diesen verdammten Stock.

Seufzend lehnte ich meinen Kopf wieder an Methos Schulter und merkte erst jetzt, dass meine Haare immer noch nass von der Dusche waren.

„Und? Was ist passiert?“

Joe war anzumerken, dass ihn die ganze Situation verstörte. Himmel, es verstörte mich! Es verängstigte mich! Und die beiden wussten noch nicht einmal, worum es ging!

„Ich habe heute... nein, gestern Morgen ein Paket bekommen. Es hatte keinen Absender, also habe ich es geöffnet um zu sehen, ob ein Brief beiliegt, eine Karte, ein Name, ein Zeichen, Hieroglyphen. Ich wäre sogar mit dem Gekritzel von Steinzeitmensch zufrieden gewesen. Der Karton war leer. Ich wollte das blöde Ding gerade wegwerfen, als ich mich auf dem Boden wieder fand. Und auf einmal stand Cassandra vor mir.“

Ich spürte, wie Methos sich neben mir versteifte und abwesend begann ich ihm beruhigen über den Arm zu streichen.

„Sie stand da und grinste mich an. Und ich saß auf dem Boden und verstand nicht, was passierte. Ich spürte sie nicht! Ich spürte in dem Moment gar nichts! Ich konnte nicht aufstehen, ich konnte nicht reden, ich konnte nicht fühlen. Ich konnte nur sein! Und sie stand da wie eine Königin, die über einen ihrer Untertanen richtet. Und dann begann sie zu sprechen:

'Duncan MacLeod vom Clan MacLeod! Du hast meine Freundschaft verraten und dich auf die Seite meines Feindes gestellt. Ein Feind, der mir unsägliches Leid angetan hat. Damals habe ich noch nicht verstanden, was dein Verrat bedeutet hat. Was dein Verrat mir bedeutet hat! Aber jetzt weiß ich, dass du Strafe verdient hast! Und so soll dein Körper und Geist die Zeit noch einmal durchleben, die für dich am schmerzhaftesten war.'

Und dann verschwand sie. Sie löste sich einfach in Luft auf! Wie ein Geist!“

Noch immer konnte ich nicht glauben, dass so etwas überhaupt möglich war. Aber nach Ahriman sollte ich wirklich aufhören, solche Dinge noch anzuzweifeln. Methos Augen waren fest auf mein Schwert gerichtet. Seine Gedanken waren hinter einer stoischen Maske verborgen. Joe hingegen guckte zweifelnd.

„Was ist dann passiert?“

Ich schluckte schwer.

„Dann bin ich gestorben. Unzählige Male qualvoll gestorben. Es war später Nachmittag, als ich wieder zu mir kam und diesmal auch wach blieb. Ich erwachte in dieser Gestalt. Ich erwachte mit Gefühlen und Verlangen, die ich schon so lange nicht mehr gespürt hatte. Ich erwachte mit Ängsten und Horror, wie ich sie nicht mehr kannte. Ich verstehe mich selbst nicht mehr! Ich tue Dinge, die ich bei klarem Verstand nie tun würde, aber mein Herz verlangt so sehr danach, dass es mich fast zerreißt, wenn ich mich weigere nachzugeben. Es tut mir so leid, Joe! Es tut mir so leid!“

Joe schüttelte nur leicht lächelnd den Kopf, um mir zu zeigen, dass er nicht wirklich böse war. Trotzdem fühlte ich mich elend.

„Erzähl weiter. Was hast du getan?“

Verlegen blickte ich zu Boden. Jetzt kam der Teil der Geschichte, der mir die ganzen Schwierigkeiten mit dem Dieb erst eingebracht hatte.

„Nun, ich muss gestehen... Cassandra hat mich wieder in ein Alter versetzt, das ich noch immer meine schwarzen Jahre nenne. Ich war damals ein... schwerer Trinker. Alles Schlechte habe ich mit Alkohol bekämpft. Und ich war nach dem Erwachen noch ohne Verständnis für die Situation. Mein Körper reagierte von ganz allein. Ich betrank mich fürchterlich. Dann stolperte ich über irgendwas und brach mir das Genick. Als ich wieder erwachte, war ich so wütend, dass ich einfach weiter trank. Bis mir irgendwann im geistigen Nebel einfiel, dass ich dich anrufen sollte, Joe. Zehn Minuten später stand dieser Einbrecher vor mir und die ganze Sache wurde so hektisch. Als Methos den Kerl an einer Straßenecke absetzte, trank ich schon wieder. Ich denke, ihr solltet das Zeug lieber mitnehmen. Es bringt mir nichts Gutes.“

„Machte sie der Alkohol zu deiner schlimmsten Zeit? Oder gibt es da noch mehr von dem wir wissen sollten?“

Methos emotionsloses Gesicht jagte mir kalte Schauer über den Rücken.

„Der Alkohol machten es zu einer schlechten Zeit für mich. Aber schwarz wurde sie wegen anderen Dingen. Dinge, die damals passierten. Ein herannahender Krieg, ein gespanntes Verhältnis zu meinem Clan, ein besonders schlechtes Verhältnis zu meinem Vater.“

Meine Augen blitzten nur kurz zu Joes Stock, aber beide Männer bemerkten es trotzdem. Müde lächelnd zuckte ich mit den Schultern. 400 Jahre hatten mich gelehrt, nicht mehr so viel darüber nachzudenken. Es war vorbei und mein Vater lange tot. Doch es gab noch ein größeres Problem, das ich anzusprechen hatte.

„Methos, ich kann dich nicht spüren.“

Der alte Mann saß auf einmal kerzengerade.

„Was? Und das sagst du erst jetzt?! Hier hätte also jeder Unsterbliche rein spazieren können und du hättest es noch nicht einmal bemerkt? Und du warst auch noch zu besoffen, um einen einfachen Dieb aufzuhalten! Was wäre gewesen, wenn hier wirklich ein Unsterblicher aufgetaucht wäre?“

Unruhig rutschte ich auf meinem Platz hin und her. Im innersten wusste ich, dass Methos Recht hatte, aber trotzdem wollte ich ihn anbrüllen. Ich wollte schreien! Schreien, dass er sich nicht so aufspielen sollte. Schreien, dass er mir nichts zu sagen hätte. Wütend ließ ich endlich seinen Mantel los und stand auf. Ich brauchte Bewegung! Ich brauchte ein Ventil, um meine Wut loszuwerden! Sofort suchte mein Blick die Minibar.

Gott, was würde ich jetzt für einen Schluck tun! Wie von selbst führten mich meine Beine vor meinen gut gefüllten Vorrat an Spirituosen, meine Hand schwebte schon über der nächsten Flasche, doch dann zischte ich schmerzhaft, als eine fremde Hand mein Handgelenk umschloss. Leicht verwirrt drehte ich mich um und wurde von Methos kaltem Blick an Ort und Stelle festgenagelt. Joe stand nicht minder wütend hinter ihm, sein Gesicht zu einer angewiderten Fratze verzogen. Auf einmal fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das gerade dabei erwischt wurde, wie es andere Kinder aus Spaß ärgerte. Ruckartig zog ich meinen Arm aus Methos festem Griff und rieb meine Hand über die schmerzende Stelle.

„Das ist alles so lächerlich!“

Die Beiden mussten denken, ich hätte meinen Verstand verloren. Meine sprunghaften Gedanken, mein emotionales Chaos, meine unberechenbaren Handlungen… ich war eine wandelnde, hormonelle Zeitbombe! Mit Grauen dachte ich an meinen Mangel an Selbstbeherrschung. Vielleicht hatte ich ja wirklich meinen Verstand verloren! Vielleicht war ich ja total verrückt!

Verzweifelt schlang ich meine Arme um mich und blickte überall hin, nur nicht in ihre Gesichter. Wie sollte es nur weitergehen? War ich verdammt für immer in dieser Gestalt, in diesem Alter, in diesem Gefängnis aus Sehnsüchten, Verlangen und Widersprüchen zu existieren? Hatte mich wirklich jedes Quäntchen Glück verlassen? Müde ließ ich mich einfach auf den immer noch nicht ganz sauberen Parkettboden sinken und arrangierte meine Beine in den berühmten Schneidersitz. Mit aller Macht packte mich das Gefühl der Einsamkeit und drohte mich zu ersticken.

„Wie komme ich nur wieder aus diesem Schlamassel raus?“

Methos seufzte leise, dann hockte er sich zu mir.

„MacLeod, MacLeod! Ich verstehe einfach nicht, wie du immer wieder in solche Situationen gerätst. Aber wahrscheinlich kommst du aus dieser Lage nur so raus, wie du rein gekommen bist. Cassandra.“

Ich sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte und dann konnte ich nicht mehr an mich halten. Ich lachte! Ich lachte sogar Tränen! Cassandra? War das sein ernst?

„Cassandra?“

Ich keuchte vor Sauerstoffmangel und bekam einen Schluckauf, als meine Atmung vollkommen durcheinander geriet. Verzweifelt versuchte ich mich wieder unter Kontrolle zu bekommen und wischte mir die Lachtränen aus dem Gesicht. Joe und Methos starrte nur verwirrt auf das Schauspiel vor sich und wechselten, wahrscheinlich schon zum tausendsten Mal in dieser Nacht, besorgte Blicke. Sahen sie nicht, wie lächerlich das Ganze war? Wie albern? Wie sollten sie Cassandra finden? Und wie wollten sie sie dazu überreden, den Fluch wieder zurückzunehmen? Ausgerechnet Methos! Wieso machte ausgerechnet Methos so einen Vorschlag?

Und auf einmal traf mich der Schlag! Methos! Wieso hatte sie die ganzen Jahre Methos nichts getan? Wieso verfluchte sie mich, aber ließ den wahren Übeltäter unbestraft? Cassandras Wut war heute noch so heiß wie am ersten Tag und doch… und doch saß „Tod“ unbeschadet vor mir. Ein Reiter, der die Apokalypse einleiten sollte. Jemand, dessen Name in der Bibel erwähnt wird. Tod. Ein Mythos. Methos.

„Du weißt, wie du dich vor ihr schützen kannst!“

Der Satz kam aus meinem Mund geschossen ohne vorher den Umweg über das Gehirn zu nehmen. Und doch war er wahr! Ich wusste es einfach! Ich WUSSTE es einfach.

Joe schüttelte nur den Kopf. Er hatte den Faden verloren. Er hatte meinen Gedankensprüngen nicht folgen können und irrte jetzt zwischen den grauen Stellen meines Verstandes umher. Methos spielte den Ahnungslosen, aber seine Augen verrieten ihn. Grün. Adam hatte immer grüne Augen. Der jungenhafte Student. Gott, wie gut er war. Wie schnell er sich dumm stellen konnte!

„Ich weiß nicht wovon du redest.“

Natürlich nicht! Wie könntest du auch? 5000 Jahre. 5000 Jahre und ihm soll nie Magie über den Weg gelaufen sein? Wieso sah ich die Wahrheit erst jetzt? Es war so offensichtlich, so klar! Magie! Selbst ich hatte als Kind an fragwürdigen Zeremonien teilgenommen. Alte Traditionen, vergessene kleine Rituale. Salz bringt Glück, Scherben Pech. Schwarze Katzen, vierblättrige Kleeblätter. Magie! Alles Magie!

„Du weißt, wie man sich dagegen schützt.“

Ich brachte nur noch ein Flüstern heraus. Er schützte sich. Wahrscheinlich sogar in diesem Moment. Wie? Meine Augen hetzten über Methos Körper. Wie schützte er sich? Wie? Und dann sah ich es. Es war so simpel. Für einen Außenstehenden ohne Bedeutung, aber ich wusste jetzt, worauf ich achten musste. Die Kette hang unschuldig von seinem Hals. Ein altes asiatisches Glücksymbol. Solche Sachen waren heute wieder modern. Jugendliche trugen es ohne dessen wirkliche Bedeutung zu kennen. Modeschmuck! Aber nicht dieses hier. Diese Kette war aus Silber. Bestimmt teuer. Alt, schon etwas angelaufen. Meine zittrigen Finger schlossen sich sachte um den Anhänger.

„Du weißt es!“

Am liebsten hätte ich geschrien. Ich wollte toben und vor Wut rasen! Ich wollte ihn am Kragen packen und schütteln. Aber mein Körper war in dieser Nacht schon zu vielen Stimmungsschwankungen und Wutanfällen unterzogen worden. Ich konnte es einfach nicht mehr. Ich war müde, erschöpft und jetzt auch betrogen. Ich ließ den Anhänger kraftlos aus meinen Fingern gleiten und die Hand in meinen Schoß fallen. Methos fuhr sachte mit seinen Fingerspitzen über den Anhänger, dann ließ er ihn schnell unter seinen Pullover verschwinden. Seine Augen waren nicht einmal von mir gewichen.

„Sieh mich nicht so an, MacLeod! Ihr wart befreundet! Ich glaubte nicht eine Minute, dass sie dir etwas tun würde! Außerdem waren wir zu dem Zeitpunkt alles andere als Freunde. Also spar dir deine Vorwürfe!“

Betäubt warf ich einen Blick auf Joe, aber er stand nur hinter Methos und beobachtete. Auf welcher Seite er stand, war unergründlich und es versetzte meinem Herzen einen Stich, als mir klar wurde, dass in meinem Kopf die Seiten schon längst fest standen. Und Joe stand nicht auf meiner. Niemand stand von Anfang an auf meiner Seite! Natürlich, sie kamen zu mir, wenn sie merkten, dass es doch richtig war, was ich tat. Aber es tat weh, mich immer beweisen zu müssen. Ich spürte, dass ich diesmal keine Kraft dafür hatte. Ich konnte niemanden etwas beweisen. Ich konnte niemand helfen. Ich konnte nicht das tun, für das ich geschaffen worden zu sein schien. Helfen! Mein ganzes Dasein bestand darin, anderen zu helfen.

Ich fühlte mich leer. Vollkommen leer! Meine Hände hatten begonnen zu zittern und ich spürte immer mehr, wie schwierig es war, mein inneres Ich nicht zu verlieren. Mich nicht selbst einfach aufzugeben. Ich hatte so viel ertragen müssen. Scheinbar hatte ich jetzt meine Grenze erreicht. Fahrig wischte ich mir die Haare aus den Augen.

„Fein… fein.“

Dann erhob ich mich zitternd und schleppte mich langsam zum Bett. Ich war müde und das Gespräch war mir egal geworden. Ich wickelte die Decke um mich und vergrub meinen Kopf ins Kissen. Sollten Methos und Joe sich um Cassandra kümmern. Sollten sie sich um die verdammte Welt da draußen kümmern! Ich nicht mehr. Ich hatte meine Schuldigkeit getan.

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Ich erwachte wegen aufgeregtem Fluchen in antiken Sprachen. Mein schlafumnebelter Verstand brauchte etwas, um zu erkennen, dass Methos scheinbar immer noch in meiner Wohnung war. Großartig! Dann können ja gleich die anregenden Gespräche von letzter Nacht weitergehen. Voll auf kontra konzentriert zog ich mir die Bettdecke über den Kopf und versuchte den alten Mann zu ignorieren.

„Nein! In allen Sprachen dieser Welt: Nein, ich werde kein Auge zudrücken! Wie kannst du nur deinen Schützling verlieren! Du hättest es sofort melden müssen! Sofort!... Okay, okay… wo hast du sie zum letzten Mal gesehen?“

Eine längere Pause entstand.

„In London! Am Flughafen? Na toll, sie könnte also überall sein, ja? ... Ja, ja, ich überlege es mir. Danke für deine nichtvorhandene Hilfe.“

Stille. Ich begann mich langsam zu fragen, mit wem Methos telefoniert hatte, als meine Matratze nach unten sank.

„Ich weiß, dass du wach bist, MacLeod! Und du hast mitgehört! Verdammt, Duncan! Sie könnte direkt vor der Tür stehen und wir wüssten nichts davon!“

Seufzend zog ich mir die Decke wieder vom Kopf und wandte meinem uneingeladenen Bettgenossen mein Gesicht zu.

„Was überrascht dich so sehr daran, Methos? Ist ja nicht so, als wäre so eine Situation irgendwas Neues für uns, oder?“

„Nichts Neues? Nichts NEUES? Sag mal, spinnst du? Die Frau will meinen Kopf. Ich habe immer dafür gesorgt, soviel Platz wie möglich zwischen uns zu bringen. Ich wusste immer, wo sie war.“

Ich schnaubte leise. Arroganter Mistkerl. Er dachte mal wieder nur an sich.

„Dann verschwinde doch. Ich komme schon klar. Ich bin 400 Jahre ohne dich klar gekommen. Ich brauche dich nicht unbedingt in meinen letzten Monaten oder Jahren, weißt du?“

Methos Blick sagte mir, dass ich gerade etwas Dummes gesagt hatte. Etwas Dummes oder etwas sehr Untypisches für meine Verhältnisse. Sorgsam ging ich noch einmal Wort für Wort in dem Satz durch und mit Überraschung nahm ich zur Kenntnis, dass ich über meinen Tot gesprochen hatte. Und zwar mit voller Überzeugung.

Mühselig stemmte ich mich in eine sitzende Haltung hoch, versuchte ein wenig meine wilde Haarmähne zu bändigen und machte mich innerlich auf eine weitere Frage/Antwort-Runde gefasst. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass er sanft mein Kinn ergriff und mich zwang, ihm in die Augen zu sehen.

„Du wirst nicht sterben, Duncan. Und ich gehe nirgendwo hin, verstanden? Fakt ist, dass die Situation gerade nicht gut aussieht. Geschenkt. Ich meine, für dich ist das eigentlich noch eine recht harmlose Sache. Du bist jetzt zwar eine kleine hormonelle pubertierende Nervensäge, aber aushalten müssen schließlich wir das, nicht du. In gewisser Weise ist das wohl meine Strafe. So, und jetzt hör auf zu schmollen und hilf uns lieber, Cassandra zu finden.“

Seufzend wand ich mein Gesicht wieder von ihm ab und schloss kurz die Augen. Ich musste mich sammeln. Ich fühlte mich immer noch ausgelaugt von gestern und mein Körper nahm mir die Anstrengungen noch sehr übel.

„Was hast du bis jetzt schon probiert, um sie zu finden?“

Methos lehnte sich an das Kopfende des Bettes und schloss die Augen.

„Ich habe meine Kontakte abgeklappert. Natürlich auch ihren Wächter. Aber alle haben sie aus den Augen verloren. Zuletzt wurde sie in London gesehen. Ihr Wächter verfolgte sie bis Heathrow, dann war sie ‚einfach verschwunden’.“

Der alte Mann hatte die letzten Worte in einer Imitation von wahrscheinlich Cassandras Wächter herausgeschnaubt und entnervt die Augen verdreht. Ich ließ mich müde wieder in meine Kissen fallen und starrte an die Decke. Der Wächterorden hatte also keine Ahnung. Nun ja, das war ja nicht das erste Mal. Methos Kontakte wussten auch nichts. Ob sich seine Kontakte mit meinen überschnitten? Ich drehte mich zur Seite und öffnete die Nachttischschublade. Das kleine Buch mit dem schwarzen Ledereinband sah abgegriffen und etwas zerfleddert aus, aber nach so langen Jahren hatte es auch das Recht dazu. Ich ließ es einfach in Methos Schoß fallen und schloss die Schublade.

„Versuch es damit. Sag, du wärst ein Freund und frag nach Cassandra. Halt keinen Smalltalk. Die meisten sind dafür nicht zu haben. Nerv sie nicht, wenn sie dir nicht helfen wollen.“

Neugierig blätterte der alte Mann durch mein Notizbuch, blieb nur ab und zu bei einem der Namen stehen, um dann wieder einen ganzen Buchstaben zu überspringen.

„Willst du sie nicht lieber anrufen?“

Ich zog mir die Decke zu Recht und legte mich wieder hin. Ich hatte nicht vor einen Finger zu rühren. Am Ende würde ich nur wieder alleine mein Leben riskieren, indem ich Cassandra gegenübertrat. Nein, diesmal konnte das ruhig jemand anderes erledigen.

„Du schaffst das schon alleine. Ich wäre sicher keine große Hilfe.“

Ich schloss die Augen und ließ mich wieder ins Land der Träume entführen. Wie schade, dass mich diesmal mein Weg über die Alpträume führte.

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Musik schwoll durch mein Loft wie durch einen tibetanischen Tempel und weckte mich aus meinem unruhigen Schlaf. Zuerst verwirrt, dann vollkommen ungläubig wanderten meine Augen durch den Wohnraum und blieben auf Methos hängen, der geschmeidig seinen Körper durch Übungen bewegte, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Leise setzte ich mich auf und lehnte mich ans Bettende, um besser sehen zu können. Er hatte meine Möbel verrückt, um nirgendwo anzustoßen und mein Gehirn schickte einen kleinen Gedankenblitz in meinen vorderen Stirnlappen. Wieso benutzte er nicht das Dojo?

Methos hatte die Augen geschlossen, wirkte in der Musik versunken. Friedlich, ruhig, ausgeglichen. Alles, was ich nicht sein konnte. Nicht jetzt, vielleicht nie mehr. Leichte Sehnsucht erfasste mich und wie von selbst kletterten meine Beine aus dem Bett und führten mich zu dem alten Mann. Er musste meine Nähe gespürt haben, denn er öffnete die Augen und bevor ich mich versah, stand er hinter mir. Sachte brachte er meine Arme und Beine in Position. Seine Brust war an meinen Rücken gepresst und automatisch passte ich mich seiner meditativen Atmung an. Und so führte er mich wie beim tanzen durch die fremden Schritte, seine Hände immer meine bestimmend. Schon bald ließ ich mich einfach hineinfallen und folgte ihm fließend. Und als er merkte, dass ich mich angepasst hatte, kam eine neue Figur hinzu. Ich schloss meine Augen, konzentrierte mich auf das Atmen und Methos hinter mir.

Frieden. Das erste Mal seit Tagen war mein Kopf leer. Alles ging leicht und geschmeidig. Ich verlor jedes Zeitgefühl und als wir zum Stillstand kamen, zitterte mein Körper vor Anstrengung und mein Kopf ruhte auf Methos Schulter. Nur langsam öffnete ich die Augen und starrte betäubt auf die weiße Zimmerdecke.

„Ein schneller Lerner. Gut, sehr gut.“

Das Lob wurde nur leise geflüstert. Ich hob meinen Kopf und trat einen Schritt nach vorne. Ich fühlte mich wie in Trance. Als würde in meinem Kopf Watte lagern. Die Musik tanzte immer noch durch den Raum und schien sich in den Wänden festsetzten zu wollen. Ich schwebte geradezu mit ihr ins Badezimmer und ließ die Tür einen Spalt geöffnet, um sie auch hier eindringen zu lassen. Ich zog mir die verschwitzte Kleidung vom Leib und trat unter die Dusche. Jede Bewegung war leise und vorsichtig. Als hätte ich Angst, dieses Gefühl durch einen falschen Schritt zerstören zu können. Das Wasserrauschen der Dusche vermischte sich bald mit den seichten Tönen und meine Welt verschwamm zu einem Meer aus Farben, Geräuschen und Gerüchen. Ich lehnte mich gegen die Duschwand. Was hatte Methos nur mit mir gemacht?

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Dieses Gefühl von Frieden hielt den ganzen Tag an und auch das schrille Klingeln meines Telefons konnte mich aus diesem Zustand nicht herausreißen. Lethargisch saß ich auf der Couch und lauschte Methos unendlichen Gesprächen mit meinen Kontakten. Mein Magen schrie nach Nahrung, aber niemals wäre ich von mir aus aufgestanden und hätte mir etwas gemacht. Zum ersten Mal kam ich in den Genuss von Methos Kochkünsten. Er machte Fladen aus süßem Teig mit frischen Früchten und ich liebte es. Wie er sie machte war mir jedoch ein Rätsel. Für die Fladen hatte er den Zucker nicht einmal berührt und doch waren sie süß. Selbst die Früchte schmeckten anders als sonst. Der Gedanke an Drogen tropfte träge in meinen Kopf und wurde von einer Welle der Entspannung weggespült. Ich konnte nicht mehr verstehen, warum ich gestern so getobt und geschimpft hatte. Was auch immer es war, dass mich so friedlich stimmte, ich hoffte es hielt noch lange an.

Joe kam am späten Abend vorbei, um seine Ergebnisse mit denen von Methos abzugleichen. Sie machten es sich auf den Barhockern am Küchentresen gemütlich. Ich blieb, wo ich war. Das letzte Abendlicht brach sich in einer Kristallvase am Fenster und fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich hörte nur mit halbem Ohr den beiden Männern zu. Methos leise Stimme erreichte mein Gehör.

„Etwas gefunden?“

Ein Schnauben war die Antwort.

„Cassandra war bei den Wächtern nicht als gefährlich oder auffällig eingestuft worden. Also wird sie auch nicht…“

„…übermäßig stark gesucht werden, weil sie das Spiel nicht vorantreibt. Verdammt!“

Ich wusste nicht, wie der alte Mann noch immer die Energie zum Fluchen aufbringen konnte, nach dieser Meditationsübung heute Vormittag.

„Ich kann auch nicht die Sache vorantreiben, da ich dann eine Begründung abliefern müsste. Und ich glaube, diese Geschichte sollte nicht publik werden. Noch nicht, jedenfalls.“

Ich hörte ein zustimmendes Brummen, dann schwiegen sie eine Weile.

„Wie weit kam Adam?“

Ich lächelte über diese Frage. Joe war der einzige, der Methos noch immer Adam nannte. Ich würde mir wahrscheinlich die Zunge brechen, wenn ich auf einmal den alten Mann anders als Methos ansprechen sollte. Es war mir einfach in Fleisch und Blut übergegangen. Aber Joe war auch der Einzige, der Adam wie einen imaginären Freund von Methos behandelte. Oft hörte man ´Wie geht es Adam?´ oder ähnliche fragwürdigen Sätze, wenn er mit Methos sprach. Als wären sie nicht dieselbe Person.

„Nun, meine Kontakte haben nichts gebracht. MacLeods habe ich noch nicht alle erreicht. Vielen habe ich Nachrichten auf dubiose Anrufbeantworter gesprochen und warte noch auf Rückruf. Ich muss schon sagen, sein Bekanntenkreis ist gewaltig.“

So wie meine Verluste. Fast monatlich kann ich einen Namen aus dem Buch streichen.

„Was hast du eigentlich mit Duncan gemacht? Er starrt schon seit einer halben Stunde auf die Vase…“

Kristall, Joe. Sie war aus Kristall.

„…und hat es kaum geschafft, mich zu begrüßen.“

Tatsächlich mochte ich diese Vase sehr gerne. Ich hatte sie mal geschenkt bekommen. Das war schon über 150 Jahre her. Wie hieß dieser Lord noch mal?

„Wir haben nur etwas meditiert, Joseph.“

Oh oh, Joseph war immer ein schlechtes Zeichen.

„Ich wusste nicht, dass man durch Meditation die Fähigkeit zum klaren Denken verliert. Und seh‘ mich nicht so unschuldig an! Das zieht bei mir nicht!“

Stimmt. Joe schien immun gegen Methos zu sein. Ich sollte das irgendwann mal ausnutzen.

„Ich habe nichts gemacht! Wir haben nur eine kleine körperliche Übung gemacht und dabei etwas Musik gehört, stimmt’s Mac?“

Ich rollte meinen Kopf auf der Rückenlehne der Couch in die Richtung von Joe und Methos und konnte noch gerade so beobachten, wie das Gesicht des sterblichen Mannes rot anlief.

„Ihr habt was?“

Bei dem Tonfall erstarrte der alte Mann und blinzelte. Und dann schien ihm ein Licht aufzugehen.

„Pfui, Joe. Hol deine Gedanken aus der Gosse! Wir haben hier nur Entspannungsübungen gemacht. Die weißt schon! Wie Thai Chi! Außerdem glaube ich nicht, dass Sex so eine Auswirkung auf unseren Highlander haben würde. Außer er hatte ungemein besseren Sex, als ich in den letzten Jahrhunderten.“

Ich konnte nicht anders, als verträumt zu lächeln. Ja, dieser Lord mit der Vase war wirklich nicht schlecht. Wenn ich doch nur den Namen noch wüsste.

„Was hast du ihm gegeben, Methos?“

Vitamine. Diese Früchte waren voll davon. Mein Kichern ließ die Beiden kurz zu mir hinüber schielen.

„Keine Drogen, kein Alkohol, nichts zum rauchen. Nur etwas Massageöl aus Kräutern, das ich im Schlaf auf seine Schläfen aufgetragen habe, weil er so unruhig schlief. Die Übungen nach dem Aufstehen haben nur die Wirkstoffe tiefer in sein System eindringen lassen. Morgen ist er wieder sein nerv tötendes Selbst. Zufrieden?“

„Woher hattest du…?“

Methos lächelte geheimnisvoll. Also hat er mich doch unter Drogen gesetzt. Drogen aus der Natur! Ein Funken entzündete sich in mir und gab mir genug Energie, um mich auf die Beine zu kämpfen. Tapsig wankte ich auf Methos zu und blieb bedrohlich schwankend vor ihm stehen. Mahnend erhob ich meinen Zeigefinger und wollte gerade zu einer Tirade ansetzten, als sich mein Gedächtnis endlich wieder meldete.

„Arthur! Arthur Davis!“

Verständnislosigkeit schwappte mir von meinen Zuhörern entgegen und wage zeigte ich in die Richtung der Vase.

„Er hat mir die Vase geschenkt. Vor 150 Jahren als Erinnerung an eine Nacht in London. Er war ein Sammler und liebte Kristallglasvasen. Hübscher Mann, etwas zu steif in seinem Benehmen, aber hübsch.“

Eine Minute sahen mich Joe und Methos nur sprachlos an, dann bekam der alte Mann einen Lachanfall. Joe stand der Mund offen, dann konnte er sich auch ein Lächeln nicht verkneifen. Verwirrt blickte ich von einem zum anderen.

„Was ist so lustig?“

Bevor mir jemand antworten konnte, klingelte mein Telefon. Methos rutschte vom Barhocker und schlenderte immer noch kichernd zum Telefon. Fragend blickte ich zu Joe, der nur leicht den Kopf schüttelte und mich dann am Arm auf den Hocker zog, den Methos gerade verlassen hatte.

„Bei MacLeod!“

Ich untersuchte interessiert eine Fliese mit dem meine Tresenarbeitsplatte gefliest worden war und hörte, wie leicht und selbstverständlich der 5000er Baujahr-Unsterbliche in eine andere Sprache rutschte. Spanisch? Italienisch? Mein Kopf weigerte sich, die gesuchte Information auszuspucken. Besonders, da er doch gerade erst so eine große Leistung vollbracht hatte, war diese neue Aufgabe doch etwas viel verlangt. Abwesend begann ich mit den Beinen zu schaukeln. Etwas, dass ich mit meiner normalen Größe niemals zustande gebracht hätte.

Auf einmal hörte ich einen freudigen Aufschrei! Methos hatte aufgelegt und kam breit grinsend auf mich zu. Ohne Warnung wurde ich in den Arm genommen, vom Hocker gehoben und zweimal im Kreis gewirbelt, bevor ich wieder auf meine unsicheren Füße gesetzt wurde. Dann zerzauste er mir das Haar. Ich ließ das ganze teilnahmslos über mich ergehen.

„Ich nehme an, das waren gute Nachrichten.“

Joes trockener Sarkasmus schien an dem älteren Mann abzuprallen, als er sich nur wieder auf seinen Barhocker fallen ließ.

„Du wirst nicht raten, wer am Telefon war! Antonio Davis! Ein hübscher, aber leider etwas zu steifer Brite, der schon einige Jahre im schönen Rom verweilt und auf meine Anfrage vor zwei Stunden einige Freunde kontaktiert hat. Cassandra wurde vor einer halben Stunde in New York gesichtet. Sie war gerade dabei einen Wagen zu mieten. Sein Freund bleibt dran und meldet sich bei mir, wenn es etwas Neues gibt.“

Strahlend wandte er sich mir zu.

„So eine Kristallvase kann doch Wunder bewirken!“

Verständnislos lächelte ich zurück und fragte mich insgeheim von was für einer Vase er redete.

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In dieser Nacht konnte ich nicht gut schlafen. Methos hatte sein Lager auf der Couch aufgeschlagen und lag nicht eine Minute still. Einmal hörte ich ein verdächtiges ´Rums` und leises Fluchen. Ja, meine Couch war nicht bequem, wenn sie als Schlafstätte missbraucht wurde. Aber ich verstand sowieso nicht, warum er noch hier war! Er wohnte nicht weit von mir. Er hatte ein Auto. Alles also kein Problem. Trotzdem hatte sich der antike Unsterbliche entschieden, sich seinen Rücken auf meiner Couch zu ruinieren.

Methos war jedoch nicht das einzige, was mich wach hielt. Die Wirkung dieses Wundermittels, das mich den ganzen Tag auf Wolke 7 verbringen hat lassen, hatte vor ein paar Stunden seine Wirkung verloren und ließ mich innerlich aufgewühlt und nervös zurück. Am liebsten wäre ich jetzt joggen gegangen, um meine Anspannung zu bezwingen. Joggen oder ins Dojo. Oder eine Flasche Whiskey aus meiner Hausbar. Müde schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken aus meinen Gehirnwindungen zu vertreiben. ´Schlafen, Duncan!´ Ich drehte mich zum x-ten Male auf die andere Seite und vergrub mein Gesicht noch tiefer ins Kissen, doch es half nichts. Meine Anspannung stieg von Minute zu Minute und ich warf mich von Seite zur Seite, bis meine Decke sich fest um meine Beine gewickelt hatte. Mühselig setzte ich mich auf und befreite mich aus meinen selbst auferlegten Fesseln. Erschöpft blickte ich zu Methos hinüber. Es war seltsam still geworden. War er tatsächlich eingeschlafen? Verärgert zog ich eine Grimasse. Ich konnte in meinem bequemen Bett kein Auge zutun, aber der Schuldige an meiner Lage lag auf der verdammten Foltercouch und schlief tief und fest! Unfair! So unfair! Dabei war doch alles seine Schuld!

Ich stand auf und tapste Barfuß zu dem anderen Mann in den Wohnbereich des Lofts. Methos Stirn lag sogar im Schlaf in Sorgenfalten. Leise kniete ich mich neben ihn und betrachtete gedankenverloren dieses sorgenvolle Gesicht. 5000 Jahre. 5000 Jahre voller Sorgen, Kummer, Gewalt, Hass, Angst. 5000 Jahre alleine.

Erstaunt bemerkte ich, wie meine Hände anfingen zu zittern und mir Tränen in die Augen stiegen. Ich wollte ihm nicht einmal eine Nacht lang Schlaf gönnen. Erbärmlich… erbärmlich! Ich faltete die Hände, um das Zittern zu stoppen und senkte den Kopf. Ich hatte schon lange kein Gebet mehr gesprochen, kein ernstes Gespräch mit Gott geführt, seit mir klar wurde, dass er Lasten auf meine Schultern erlegt hatte, an denen ich fast zerbrochen wäre und er mir nicht zur Seite stand. Ich hatte den Glauben nicht verloren, nur die Überzeugung an der Unfehlbarkeit Gottes. Doch dieses Mal betete ich nicht um meine Seele oder um mein Herz zu erleichtern. Ich betete für den alten Mann vor mir. In der Sprache, die mir seit Geburt her gelehrt wurde und die als einziges Stück Heimat immer bei mir blieb.

Vater im Himmel, ich bitte dich! Lass alles Schlechte an dieser Seele vorüberziehen und zeige ihr Hoffnung. Gebe ihr Kraft, den stärksten Sturm unbeschadet zu überstehen. Und gib ihr Geduld, wenn andere Menschen sie auf die Probe stellen. Gib ihr besonders viel Geduld mit mir, da ich mich dieser Tat schon öfter schuldig bekennen musste.“

„Mac, was machst du?“

Seine Stimme klang nicht so verschlafen, wie ich es angenommen hätte. Hatte er gar nicht geschlafen?

Allmächtiger Gott, gib diesem Herz Mut, sodass kein Schrecken dieser Welt ihm etwas anzutun vermag. Gib ihm Hoffnung, wenn Dunkelheit sein Wesen bedroht. Gib ihm Ruhe, wenn um ihm Chaos herrscht. Wieder eine Tat, der ich mich schuldig bekennen muss.

Heiliger Vater, ich war diesem Kind von Dir keine große Hilfe. Ich habe ihm unmenschliche Prüfungen gestellt. Ich habe ihm keinen Fehler erlaubt. Bitte Vater, zeige deine Größe, indem Du nicht denselben Fehler begehst! Zeige ihm Deine Güte! Denn auch, wenn ich bei Dir in Ungnade gefallen bin, hat diese unsterbliche Seele mich niemals aufgegeben. Und so gib auch ihn nicht auf. Amen.“

Ich öffnete meine Augen und atmete einmal tief durch. Erst dann machte ich das Kreuzzeichen. Meine Hände zitterten immer noch. Tatsächlich hatte es sich noch verstärkt. Was war nur los mit mir? Hilflos faltete ich wieder die Hände und legte sie vor Methos auf die Sitzfläche der Couch. Der alte Mann war noch immer verunsichert, wegen meinem plötzlichen religiösen Ausbruch, doch als er meine Hände sah, setzte er sich alarmiert auf.

„Kind, was ist denn los?“

Ich schluchzte auf. Ich konnte nicht anders! Methos hatte als einziger das Recht mich Kind zu nennen. Er tat dies nicht oft und wenn, dann mit Wärme und einem Lächeln in den Augen. Ich nahm es niemals ernst. 400 Jahre machten mich nicht zu einem Kind! Selbst im Vergleich zu seinen 5000 Jahren nicht. Nicht nach meinem Gefühl, nicht nach meinem Glauben. Doch dieses Mal traf es mich ins Herz! Kind! Ich war wirklich nicht viel mehr als ein Kind! Emotional, launisch, stur. Ich legte meine Stirn auf meine Hände und versuchte, meine Gefühle wieder hinunterzuschlucken. Aber bald zitterte mein ganzer Körper von der Anstrengung.

„Tu etwas, Methos. Bitte tu irgendwas! Ich kann nicht mehr. Dieses ganze Chaos in mir! Erst bin ich sauer, dann melancholisch, dann traurig, dann energiegeladen! Das bin nicht ich!“

Methos Fingerspitzen fuhren durch meine wilden Locken, dann brachte er mich sanft dazu, meinen Kopf zu heben und ihn anzublicken.

„Duncan, es stürmt jetzt alles auf dich ein! Natürlich hast du Schwierigkeiten damit fertig zu werden. In ein paar Tagen wirst du sicher damit zu Recht kommen. Es braucht einfach Zeit. Und wenn wir eins haben, Kind, dann ist das Zeit! Du hast jetzt ein anderes Verständnis für die Welt als damals. So viel Verständnis, gefangen in einem Körper, der gerade so viele Veränderungen durchmacht. Du bist da nicht rein gewachsen, sonder rein gedrängt worden.“

Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Methos verstand nicht! Ich war nie so gewesen! Selbst damals nicht, als ich dieses Alter wirklich lebte! Niemals war ich so durcheinander. Meine Gefühle waren nie so ausgebrochen!

„Das bin nicht ich.“

Meine Stimme brach, als ich diesen Satz flüsterte. Gott, hilf mir! Das war nicht ich! Methos seufzte und zog mich zu sich auf die Couch. Sofort legte ich meinen Kopf auf seine Schulter.

„Erkläre es mir.“

Ich lächelte. Endlich wollte jemand eine Erklärung!

„Ich war niemals so… durcheinander. Ich war nicht so emotional, so schwunghaft. Wieso verkörpere ich jetzt so das Chaos?“

„Wir sehen uns immer anders, als unsere Mitmenschen, MacLeod. Du hast jetzt die Sichtweise eines Erwachsenen. 400 Jahre sind vergangen. Damals war es vielleicht anders, als wie du dich erinnerst.“

Ich schnaubte abfällig.

„Du glaubst, mein Vater hätte mir so etwas durchgehen lassen? Eher wäre die Hölle zugefroren! Ich war Sohn eines Clan-Chiefs! Ich wurde so erzogen, dass ich den Clan MacLeod nach außen vertreten konnte! Nein, ich bin anders als früher. Heute muss man mich unter Drogen setzten, um mich ertragen zu können.“

Als Methos sich bei diesen Worten leicht verspannte, lächelte ich nur traurig.

„Schon gut! Du hast Ruhe gebraucht, um dich um Cassandra zu kümmern. Mich auch noch von der Hausbar fernhalten zu müssen, wäre ein Fulltimejob gewesen.“

„Darum ging es nicht, MacLeod! Du brauchtest Ruhe! Du warst so aufgekratzt.“

„Das bin ich immer noch! Noch schlimmer als vorher!“

Methos griff nach meinen Händen. Das Zittern war weniger geworden und unter den warmen Händen des alten Mannes wurden sie noch ruhiger.

„Es lag dir nur zu viel auf der Seele. Morgen wird ein anstrengender Tag. Unser Spitzel will uns verraten, wohin Cassandra unterwegs ist und wir müssen eine Falle vorbereiten. Also wird jetzt geschlafen!“

Er gab mir einen kleinen Stoß und ich erhob mich murrend. Dann sah ich ihm zu, wie er sich auf der Couch ausstreckte und dabei sein Gesicht verzog.

„Wieso hast du eine neue Couch gekauft, Highlander? Auf der alten konnte man wenigstens schlafen!“

Ich zuckte hilflos mit den Schultern.

„Sie war kaputt, weil man sie ständig als Schlafstätte missbraucht hat.“

Methos warf mir nur einen bösen Blick zu, dann versuchte er verzweifelt eine bequeme Stellung zu finden. Nach einer Minute sah er aus, als ob er furchtbare Schmerzen litt. Seufzend sah ich auf mein Bett. Es war groß genug für zwei.

„Komm schon, alter Mann. Nimm dein Bettzeug. Aber wehe, du klaust mir die Decke!“

Methos grinste nur frech.

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Ich hätte es wissen müssen. Es war 5 Uhr früh. Ich hatte das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein und da wurde ich auch schon wieder geweckt. Methos zog an meiner Decke und ließ so lange nicht von ihr ab, bis ich sie ihm freiwillig zuschob. Ich hätte bei diesem Grinsen schon Alarmglocken läuten hören müssen. Außerdem drängelte er.

Müde und jetzt auch kalt rollte ich mich auf die Seite und schloss noch einmal die Augen. Ein paar Stunden Schlaf! Nur noch ein paar Stunden! Aber mein Körper weigerte sich. Seufzend drehte ich mich wieder auf den Rücken, öffnete wieder die Augen und starrte an die Decke. Ich müsste mal wieder streichen. Ich hustete leicht und wandte meinen Blick von der Decke ab und zu Methos hin. Er schlief tief und fest. Seine kurzen Haare standen in alle Richtungen ab und er sah dadurch so jung aus, dass ich mich fragte, wie alt er eigentlich bei seinem ersten Tot gewesen sein musste. Mitte 20, Anfang 30? Ich war noch nie sehr gut im schätzen gewesen.

Diesmal war mein Husten stärker und verwirrt runzelte ich die Stirn. Ich konnte doch gar nicht krank werden. Kaum hatte ich das gedacht, zerriss mich eine ganze Hustensalve und ließ mich atemlos zurück. Beunruhigt sah ich zu meinem Bettgefährten, aber der schlief immer noch wie ein Stein. Sollte ich ihn wecken? Wegen Husten? Etwas übertrieben für meinen Geschmack. Ich wollte mich wieder auf die Seite drehen, als mich diesmal ein so starker Hustenanfall heimsuchte, dass ich überhaupt keine Luft mehr bekam. Hilflos röchelte ich. Dann hatte ich nicht einmal mehr dazu genug Luft. Panisch warf ich mich mit dem Gesicht zu Methos.

„Me…“

Ich bekam seinen Namen nicht heraus! Mühselig kroch ich etwas näher an ihn heran und packte ihn an den Schultern. Wild schüttelte ich ihn. Hilf mir! HILF MIR!

Methos schrak hoch, wurde aber von mir gehindert, sich im Bett aufzusetzen.

„Verdammt MacLeod! Was soll das?“

„…thos. Kei… Lu…!“

Methos Reaktion war wirklich die Schnellste, die ich je gesehen hatte. Er zog mich in eine sitzende Position, schob sich hinter mich und zog meinen Oberkörper an seinen. Sein Arm lag fest um meine Taille, damit ich nicht wegrutschte.

„Hast du was verschluckt?“

Ich schüttelte nur heftig den Kopf. Vor meine Augen sah ich schon schwarze Punkte. Ich klammerte mich an seinen Arm, meine Fingernägel waren sicher schon in seiner Haut versunken.

„Mac!...“

Ich konnte die nächsten Worte schon nicht mehr hören. Mein Kopf sank gegen seine Brust und ich spürte wie meine Lunge kollabierte. Es rauschte kurz in meinen Ohren, dann war es zu Ende. Ich war tot.

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Mein Erwachen war diesmal auf meinem weichen Bett. Die Decke war über mich gelegt worden, mein Kopf ruhte auf einem zweiten Kopfkissen. Ich blieb still liegen, um mich erst einmal zu orientieren. Meine Atmung war wieder normal und ruhig. Als wäre nie etwas gewesen. Ich rollte mich auf die Seite und versuchte, etwas zu dösen. Nur ein wenig. Es war so schön friedlich.

Nur schwer durchdrangen die Stimmen von Methos und Joe meinen Dämmerzustand.

„Er ist einfach so erstickt?“

„Nein! Das war nicht einfach, Joseph! Es war qualvoll. Ich habe so etwas schon oft gesehen, aber niemals in dieser Geschwindigkeit!“

Ich horchte auf. Was hatte das zu bedeuten?

„Was meinst du?“

„Es sah so aus, als wäre er schwer krank! Als wäre er von einer Minute zur nächsten schwer lungenkrank geworden und daran gestorben. Aber das ist unmöglich!“

Ich schluckte schwer. Lungenkrank? Ich? Ich war niemals lungenkrank gewesen! Das hätte ich damals wahrscheinlich eh nicht überlebt.

„Und wenn es ein Teil dieses verdammten Fluchs ist? Adam, vielleicht war er ja damals krank und sie hat das Ganze nur mit dem magischen Getue noch verstärkt!“

Mein Körper verkrampfte sich. Sie hatte was?

„Joe, das ist eine schwere Anschuldigung. Und eine schwer beweisbare!“

Methos hatte Recht! Es könnte alles Mögliche sein! Sie würde so etwas doch nicht tun. Oder? Nein, Duncan, hör auf, das ist nicht…

„Es würde vieles erklären!“

Was?

„Seine extremen Stimmungsschwankungen, die selbst für Teenager gewaltig sind. Dieses Übermaß an Alkoholismus. Seine sprunghaften Handlungen und extremen Reaktionen. Er hatte damals vielleicht eine schwere Erkältung und daraus machte sie eine tödliche Lungenkrankheit. Sie hat seine schlimmste Zeit genommen und ums hundertfache verstärkt!“

Mir kam die Galle hoch. Joes Erklärung machte so viel Sinn! Alles machte auf einmal einen Sinn! Aber… aber das würde bedeuten…

„Unser Spion hat sich wieder gemeldet. Sie ist hier, Joe! Hier in Seacouver! Am Stadtrand haust sie in einer alten Lagerhalle!“

…es würde bedeuten, dass sie mich nicht nur bestrafen wollte! Sie wollte mich quälen! Sie folterte mich! Und sie ist hergekommen, um mir beim leiden zuzusehen! Ein kaltes Gefühl entstand in meinem Magen und breitete sich langsam über meine ganzen Gliedmaßen aus. Sie wollte mir beim Leiden zusehen!

Ich stemmte mich in eine sitzende Position. In meinen Ohren rauschte es und mein Herz raste.

„Was willst du jetzt tun? Du kannst nicht hinter ihr her ohne Mac hier alleine zu lassen. Und dann wäre er wie ein Fisch im Haifischbecken.“

„Ich weiß, Joe. Warum meinst du habe ich auf dieser Couch genächtigt? Bestimmt nicht, weil sie so gemütlich ist. Nein, ich kann nicht weg. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht. Sie ist hierher gekommen, um ihr Werk zu betrachten. Sie wird von sich aus kommen.“

Ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Methos war hier, um mich zu beschützen? Der Mann, der eher seine ganze Existenz aufgab, als sein Leben in Gefahr zu bringen. Aber er riskierte alles, um mich zu schützen. Die Frau, die ich Freundin nannte, folterte mich jetzt und der Mann, den ich als Monster abstempelte, riskierte sein Leben, um meines zu schützen. Verkehrte Welt! Vollkommen verdrehte, verzehrte, auf den Kopf gestellte Welt!

Ich stand vom Bett auf und schlich leise zur Kommode, wo ich, nach dem unschönen Vorfall mit Joe, mein Schwert weggeschlossen hatte. Behutsam befreite ich es aus seinem Gefängnis und betrachtete für kurze Zeit mein verzerrtes Spiegelbild in der Schwertklinge. Cassandra würde her kommen, um ihren Fluch in Aktion zu sehen. Aber bis dahin war sie vorbereitet und klar im Vorteil. Das durfte ich nicht zulassen! Sie hatte Duncan MacLeod herausgefordert! Nun würde Duncan MacLeod vom Clan MacLeod die Herausforderung annehmen! Und sie würde sterben! Niemand, der den Clan bedrohte, hatte das Recht zu Leben!

Ich überlegte, ob ich mich umziehen sollte, aber eigentlich war es nutzlos. Alle meine Sachen waren mir zu groß. Selbst das T-Shirt, was ich zum schlafen trug, war zu weit. Aber es war noch dezent, im Gegensatz zu den anderen. Ich zog nur noch eine alte Jeans über und krempelte die Hosenbeine nach oben, dann wandte ich mich meinen Freunden zu, die noch immer in der Küche leise miteinander flüsterten. Langsam durchquerte ich meinen Wohnbereich und blieb am Küchentresen stehen.

„Es wird Zeit auf die Jagd zu gehen.“

Methos ausdrucksstarke Augen richteten sich auf mich und ich musste die nächsten Worte nicht hören, um zu wissen, dass er nicht einverstanden war.

„Du kannst sie nicht einmal spüren, MacLeod! Wie willst du sie finden? Wie willst du verhindern, dass sie dich von hinten überrumpelt?“

Ich zuckte nur mit den Schultern.

„So, wie ich es früher auch getan habe. Mit meinen Ohren, mit meinen Augen, mit meinem Instinkt.“

„Sehr schön.“

Der Sarkasmus triefte geradezu, doch es machte mich nicht wütend. Er wollte mich schützen.

„Und wenn du sie mit deinen tollen Fähigkeiten tatsächlich in die Knie zwingst, was dann?“

Und nun konnte ich mir ein böses Lächeln nicht verkneifen.

„Dann wird sie sterben. So wie alle anderen, die vor mir knieten, es taten.“

Joes Augen weiteten sich. Was? Du warst mein Beobachter! Es sollte dich nicht so schocken, Joe. Methos kam um den Küchentresen auf mich zu gelaufen. Er trug ein frisches T-Shirt und andere Hosen. Joe musste sie ihm vorbeigebracht haben. Doch das Haar war noch immer zerzaust, als wäre er auch gerade erst aus dem Bett aufgestanden.

„Und der Fluch?“

Joes Stimme war leise, aber eindringlich und ich senkte kurz nachdenklich den Kopf.

„Entweder er geht mit ihrem Tot oder…“

Oder? Oder ich blieb eben verflucht. Ein Muskel zuckte in meinem Gesicht, aber sonst ließ ich mir meinen Unwillen nicht anmerken. In diesem Zustand für immer zu bleiben war eine Vorstellung, die drohte, meinen Geist zu lähmen und das durfte ich jetzt nicht zulassen.

„Sie könnte ihn aufheben. Nur ein wenig Geduld, ein guter Plan und du wärst frei. Wäre das nicht die bessere Alternative?“

Ich hob meinen Kopf nicht, aber meine Augen lugten unter den langen schwarzen Locken hervor, die mir ins Gesicht gefallen waren. Verlockende Worte, sanfte Stimme. Methos wollte mich manipulieren. Seine ganze Körperhaltung wirkte in diesem Moment einnehmend. Seine Lippen waren zu einem gewinnenden Lächeln gebogen, seine Augen strahlten vor Unschuld und Wohlwollen.

Mit zwei schnellen Schritten stand ich direkt vor ihm. Meine freie Hand vergrub sich in sein kurzes Haar im Nacken und zog ihn in einen unbarmherzigen Kuss. Es war wohl der Schock, der Methos in seinen Fängen gefangen hielt. Er zuckte nicht zurück oder machte Anstalten, sich zu befreien. Und als ich von ihm abließ, starrte er mich nur sprachlos an. Ich ließ meine Finger die kurzen Haare etwas glätten, dann trat ich einen Schritt zurück.

„Ich danke dir für deine wachsamen Augen und deinen guten Willen. Es ist schon lange her, dass jemand mich beschützen wollte. Doch ich werde mich nicht hierhin setzten und warten, bis sie meint, es wäre ein guter Augenblick, um über mich zu lachen. Ich bin Duncan MacLeod vom Clan MacLeod und wenn sie sich über mich lustig macht, macht sie sich über alle meine Ahnen lustig. Und dieses Tun verlangt den Tod als Antwort. Was mit mir am Ende passiert, ist nicht von Bedeutung.“

Ich verbeugte mich leicht vor dem älteren Mann, dann trat ich Rückwerts auf den Fahrstuhl zu. Ich kannte Methos lange genug, um zu wissen, dass ich ihm nicht den Rücken zukehren sollte, wenn er glaubte, er sei im Recht. Ich brauchte lange, diese Eigenheit von ihm zu akzeptieren, aber nun nahm ich sie mit einem Lächeln hin. Er kam mir langsam hinterher, immer noch mit diesem erstaunten Ausdruck im Gesicht.  Wenn ich gewusst hätte, was ein Kuss alles bei ihm ausrichten konnte, hätte ich mich vielleicht schon früher dazu hinreißen lassen. Leider hielt dieser Zustand nicht lange.

„Deine Ahnen sind tot, Duncan. Sie haben nichts mehr davon, wenn du dich auch noch umbringen lässt.“

Ich stand schon im Aufzug. Das Gitter war schon heruntergezogen, der Schlüssel steckte schon. Seine Worte ließen mich nur kurz innehalten, aber ich schüttelte den Kopf.

„Connor lebt noch, ihr lebt noch. Auch, wenn ihr nicht den Namen MacLeod tragt, seid ihr doch ein Teil meiner Familie. Und ich liebe euch genauso sehr, wie ich meinen Clan damals geliebt habe.“

„Dann geh nicht! Renn nicht in dein eigenes Ende, wegen so einem Blödsinn!“

Joes Worte trafen ins Herz. Aber er verstand nicht!

„Ich habe nicht vor zu sterben, Joe.“

Und damit drehte ich den Schlüssel und drückte den Knopf nach unten.

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Ich musste mich beeilen! Methos und Joe würden sich bald von dem Schock erholen und handeln. Und da wollte ich schon lange weg sein. Mein Schwert machte kurzen Prozess mit Joes Autoreifen. Ich würde sie ihm später ersetzen. Das heißt, wenn ich das ganze überlebte! Ich sprang in meinen Wagen und machte mich auf den Weg. Das Industriegebiet am Stadtrand von Seacouver war groß. Es würde mich viel Zeit kosten alles abzusuchen. Besonders jetzt, wo ich sie nicht mehr spüren konnte.

War das ihr Plan? Zuerst wollte sie mich schwächen, dann quälen und zum Schluss kam das Ende? Sollte ich ohne Würde sterben? Ich konnte kaum glauben, dass sie so viel Hass auf mich entwickelt hatte.

Ich parkte den Thunderbird etwas weiter entfernt von meinem Ziel. Ich wollte meine Anwesenheit nicht schon vorher preisgeben. Doch nun merkte ich die Nachteile meiner übereilten Flucht sehr deutlich. Ich hatte nichts, womit ich mein Schwert verbergen konnte. Ich war ohne Mantel losgestürmt! Trottel!

Hektisch begann ich, mein Auto zu durchwühlen. Methos war kein Idiot! Er brauchte sicher nicht lange, um mich ausfindig zu machen. Und Joe hatte schließlich eine ganze Horde Beobachter, die er auf mich hetzen konnte, um mich zu finden! Es war nur eine Frage der Zeit!

Ich war so vertieft in meine Suche, dass ich den Mann neben meinem Auto gar nicht bemerkte. Aber wenn ich ein Geräusch im Schlaf erkannte, dann war es ein Schwert, das auf Metall traf. Bevor ich wusste, was überhaupt passierte, lag mein Katana in meiner Hand und ich war zur Beifahrertür aus dem Auto gehechtet. Derweil zog mein Angreifer sein Schwert aus meiner Autotür.

„Du bist ja ein ganz Schneller, Lockenkopf.“

Er war groß! Groß, breite Schultern, blond, blaue Augen. Jemand, der wusste, wie es war, eine Rüstung zu tragen. Also alt. Gefährlich. Und mir völlig unbekannt!

„Ich bin Duncan MacLeod vom Clan MacLeod.“

„Calvin Stoker! Der letzte, den du noch lebend sehen wirst.“

Oh bitte!

„Könnten wir aufhören zu reden und zum Kampf übergehen? Ich habe nicht so viel Zeit.“

Oh, das hat ihm nicht gefallen. Mit einem Satz stand er auf meiner Autohaube und setzte mir nach. Ich sprang zurück, das Schwert erhoben. Die Kraft hinter seinen Schwerthieben war gewaltig und ich konnte mich nur mit Müh und Not gegen sie behaupten. Zum ersten Mal wurden mir mein kleinerer Wuchs und der damit verbundenen Kraftverlust richtig bewusst. Auch die Klinge fühlte sich ungewohnt in meiner Hand an. Aber ich hatte 400 Jahre Training! Mit zwei schnellen Hieben trieb ich ihn etwas zurück. Das gab mir genug Zeit, um meine Haltung den neuen Umständen anzupassen. Ich musste mich jetzt einfach ein wenig mehr auf die Technik und Schnelligkeit verlassen, als auf Kraft.

Stoker befreite sich aus seiner Jacke und schleuderte sie mir entgegen, um mir die Sicht zu nehmen. Ich ließ meine Klinge einfach hindurch gleiten wie durch Butter und parierte seinen folgenden Schlag knapp. Doch er ließ mir keine Zeit zum Luft holen. Er schlug zu und ich parierte. Zuschlagen, parieren, zuschlagen, parieren. Parieren, parieren, parieren. Meine Arme wurden von den harten Schlägen schwer, doch ich musste nicht mehr lange durchhalten. Ich war während seiner Angriffe immer weiter zurückgewichen und hatte bemerkt, wie schwerfällig seine Beinarbeit war. Harte Schläge, aber langsam! Ich musste nur noch einen Weg finden, seine Schwerthiebe zu unterbrechen und dann blitzschnell zustechen.

Mit Schrecken fühlte ich auf einmal eine Mauer hinter mir und mein Gegner grinste triumphierend. Er stach zu. Ich merkte sofort, dass ich nicht ausweichen konnte und so tat ich das einzig mögliche. Ich ließ die Klinge eindringen, umklammerte mit einer Hand den Schwertgriff und zog den Mistkerl noch näher an mich heran. Sein Grinsen verwandelte sich in Erstaunen, dann in Ärger, als er merkte, dass er die Klinge nicht so leicht wie erwartet aus meinen Griff lösen konnte. In dem Moment trat ich zu. Und traf ihn wohl an der empfindlichsten Stelle, die ich treffen konnte. Seine Augen weiteten sich und er stöhnte schmerzerfüllt auf. Diesmal grinste ich, als ich mein Katana hob und ausholte.

„Es kann schließlich nur Einen geben!“

Mein Hieb war nicht der eleganteste, den ich jemals geführt hatte, aber nichtsdestotrotz effektiv. Unglauben hatte sich in seine Gesichtszüge gefressen, als mein Schwert seiner Kehle entgegen sauste und er würde jetzt ewig in seinen aufgerissenen Augen zu lesen sein. Ich ließ hastig mein Schwert fallen und zog seine Klinge aus meinem Körper. Dann spürte ich schon die ersten Blitze, die auf mich niederprasselten.
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