Diverse Weihnachtsgeschichten

GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
18.11.2011
08.07.2012
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Die Glocke klingelte leise.

Straßenlärm drang in den Laden und ließ die Frau hinter der Theke von ihrer Lektüre aufsehen. Zwei junge Männer betraten den Verkaufsraum und schlossen die Tür hinter sich. Der Lärm verstummte wieder mit einem erneuten Glockenklingeln und zurück blieben die leise klassische Hintergrundmusik und die Geräusche der beiden Besucher. Die Frau wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu, als wäre allein dieses der Mittelpunkt ihrer Welt. Die zwei Männer schloss sie daraus vollkommen aus.

Ein wenig verwundert von der fehlenden Reaktion zuckte Henning, einer der beiden jungen Männer, nur mit den Schultern. Ihm war es nur recht. Seine Toleranzgrenze, was Verkäufer anging, war am heutigen Tag stark gesunken. Gut, es war der 23. Dezember und es war ziemlich viel los in der Stadt; aber der eine Verkäufer hatte ihn angeschrieen, nur weil er ihn nach einem Buch gefragt hatte, das wohl seit gut zwei Wochen vergriffen war. Ganz zu schweigen von den äußerst unfreundlichen Leuten und deren Reaktion auf eine weitere ziemlich harmlose Frage in den Bekleidungsgeschäften. Und zum bisherigen Schluss des Tages die junge Auszubildende in dem Teegeschäft; sie war in Tränen ausgebrochen, als sie ihm sagen musste, dass ausgerechnet diese Teesorte (irgendetwas ziemlich Exotisches, was Jan Niklas lieber unkommentiert gelassen hatte) schon seit vier Tagen nirgends mehr zu bekommen sei. Eine Verkäuferin, die sie also schlicht und ergreifend ignorierte, kam ihm persönlich ziemlich recht.

Jan Niklas zupfte an seinem Ärmel. "Das ist das letzte Geschäft", schimpfte er leise. "Meine Nase ist abgefroren und von meinen Füßen existieren nur noch Eiswürfel. Wieso zum Teufel fällt dir das erst ein, als deine Mutter dich anruft? Jetzt noch was zu bekommen, gleicht einem Wunder! Langsam bin ich dafür, dass du an irgendeiner Tanke was kaufst. Die haben immer irgendwelchen Schnickschnack und vielleicht entschuldigt deine Mutter ja deine Einfallslosigkeit."

Jan Niklas war Hennings bester Freund und zweiter Mitbewohner in ihrer Männer-WG am Bahndreieck unweit des Hauptbahnhofes. Im Moment stampfte er mit seinen Füßen auf, um ein wenig Leben in sie zu bringen und damit sie sich nicht mehr wie Eisklumpen anfühlten. Doch der gerechte Zorn, der in seiner Stimme nur zu deutlich mitschwang, wärmte sicherlich auch innerlich ganz schön durch. Dennoch hatte Henning den Anstand, einigermaßen geknickt auszusehen. Schließlich war es eine Tortur, was er seinem Freund abverlangte.

"Ich dachte, ich sehe sie erst nach Weihnachten", sagte er zum, wie es ihm schien, hundertsten Mal an diesem Tag. Er nahm seine Mütze ab und kratzte sich am Kopf. Er hatte geplant, seine Mutter erst kurz vor Silvester zu besuchen, aber heute Morgen am Telefon hatte er dann irgendwie versprochen, mit ihr gemeinsam am 24. zu Abend zu essen. Daher war er nun in der Not, ein Geschenk finden zu müssen und er hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht, was er ihr schenken wollte.

"Und ich kann nichts an einer Tanke kaufen. Das hab ich letztes Jahr gemacht." Den letzten Satz murmelte er leise in der vagen Hoffnung, dass Jan Niklas ihn überging. Seine Mutter hatte ihm das Geschenk letztes Jahr nicht übel genommen, jedenfalls hatte sie es ihm nicht gezeigt, wenn es sie geärgert hatte.

Hennig sah mit reichlich schlechtem Gewissen, wie Jan Niklas seine Stirn gegen das nächste Regal stieß. Es war eindeutig eine Geste des Frustes und er konnte es nur zu gut nachvollziehen; es erging ihm doch kaum anders.

"Du bist einfach nur faul. Stinkendfaul. Schon am Nikolaus hast du gemeckert, dass du noch Geschenke einkaufen musst. Du hast dich sogar vorm Wichteln in der Studentenschaft gedrückt, weil du es hasst. Also erzähl nicht, dass du das nicht mit Absicht gemacht hast. Dir macht es Spaß, im größten Trubel mit gefährlichen Weibsbildern vor und hinter den Kassen zu kämpfen. Hast du die eine dicke Frau vorhin gesehen? Die ist mit einem Messer aus der Küchenabteilung auf mich los, weil ich aus Versehen die letzte Barbie, die aus der Was-weiß-ich-für-eine-Reihe kommt und wohl millionenfach dieses Jahr unter irgendwelchen Weihnachtsbäumen liegt, angefasst habe. Hennig, diese Zeit ist lebensgefährlich!

Sein Freund sah ihn mit einem Blick an, in dem sowohl ein schlechtes Gewissen als auch ein gewisses Amüsement zu erkennen war.

"Es war nur ein Pfannenwender", berichtigte er Jan und schmunzelte leicht. "Und schau mal, hier ist gar nichts los. Ich bin sicher, hier finden wir etwas."

Er nickte vage in Richtung des inneren Verkaufsraumes.

Jan sah sich zweifelnd um. Er zupfte seine Fausthandschuhe von den Händen und verzog das Gesicht. "Das ist ein New-Age-Geschäft. Meinst, deine Mutter steht auf Jesus mit Flügeln und Bergkristallkette?"

"Magie-Laden, bitte", sagte die Verkäuferin ohne von ihrem Buch aufzuschauen oder sonst zu reagieren. Henning sah sie etwas verwundert an. Jan wirkte eher ertappt und verschwand weniger aus Zufall hinter dem nächsten Regal, wo er sich räusperte.

"Magie-Laden", raunte er und gluckste. Er lupfte seinen Schal und sah sich eher misstrauisch um. "Äh, und wo kriegen wir einen Zauberspruch her?", fragte er frech, wirkte aber, als könne er kein Wässerchen trüben. Doch die Frau gab keine Antwort und Henning, der ihm hinter das Regal gefolgt war, meinte: "Lass sie! Ich bin froh, dass sie weder schreit, weint, noch Todesblicke aussendet."

Er stopfte seine Mütze in die Tasche seiner Jacke und schaute ein wenig hilflos auf die Bücher im Regal.

"Meine Mutter hat ein paar dieser Esoterikbücher zu Hause und Kristalle und so \'nen Kram."

Jan folgte ihm auf den Fersen. "Erinnert mich an meine Mutter. Fragt sich nur, warum du einen riesigen Bergkristall neben deinem Bett stehen hast. Bist kein Gothic. Bist kein Freak. Nun ja, fast nicht", zog er Henning auf. Dieser lächelte verborgen.

"Du musst es ja wissen", meinte er dann und blieb schlagartig stehen. Das Bücherregal endete in einer kleinen Nische mit jeder Menge Haken an der Wand. Daran hingen recht abstruse Gegenstände. Mit einer Grimasse betrachtete Henning die getrockneten Hühnerbeine. Als er sich nach Jan umsah, konnte er erkennen, dass dieser gerade auf eine Horde anderer getrockneter tierischer Objekte gestoßen war.

"Voodoo", hörte Henning ihn zwischen den Zähnen zusammengepresst murmeln. "Äh", ratlos wandte sich Jan zu ihm. "Kann sein, dass wir hier nichts finden, was so in den Bereich von Haus- und Küchenmagie passt. Das hier ist, äh, umfangreicher."

"Andere Seite", erklang die Stimme der Verkäuferin vom Verkaufstresen her. Henning zuckte zusammen. Diese Frau wurde ihm langsam ein wenig unheimlich. Er konnte sie nicht sehen, aber er war sich sicher, dass sie immer noch genauso unbeweglich dasaß wie zuvor. Er kam etwas zögerlich hinter dem Regal hervor und sah diese Theorie bestätigt. Henning schaute auf Jan, der hinter ihm stand und deutete ihm zu folgen. Dann ging er etwas unbehaglich an der Verkäuferin vorbei zur anderen Seite des Verkaufsraumes.

Dort fanden sie Bücher über Küchenmagie. "Kräuterküche, Kochen mit Kräutern, Die Hexe zu Hause, Edelsteinmagie... Das ist jetzt wohl die Hausmagie", murmelte Jan. Er zupfte wieder an Hennings Ärmel. "Ich schätze, bei Bergkristall wird es nicht bleiben. Aber eines ist dir dieses Jahr gewiss: Es gibt nichts Originelleres als Schwarze Magie zu Weihnachten!"

Henning lachte lautlos in sich hinein.

"Kochen mit Kräutern klingt doch nett", sagte er wandte sich mit einem Lächeln zu Jan. Ein paar Schritte hinter seinem Freund sah er einen Schrank mit allerlei Glassachen. "Lass uns das noch ansehen. Du musst dir nämlich alles ansehen, um einen ausreichend schaurigen Bericht über deinen Einkaufsbummel mit mir im Voodoo-Laden abgeben zu können."

Jan Niklas seufzte tief. "Wenn ich das meiner Oma erzähle, schleift sie mich an den Ohren zum Priester und lässt mich in Weihwasser baden." Er ächzte, folgte aber artig und schaut interessiert in die Vitrine. "Mhm, nett, aber wofür ist das alles? Teuer ist es auch. Wie viel Geld hast du mit?!"

"Wäre auf jeden Fall unterhaltender als das übliche Weihnachtskrippenspiel", meinte Henning zu Jans Theatralik und ignorierte die Frage nach dem Geld für den Moment. Er betrachtete die Auslage.

"Das da sind Kristallpendel", murmelte er halb zu sich selbst. "Ich glaube, sie hat mal darüber gesprochen, sich eines davon zu kaufen. Ich könnte eines der kleineren zusammen mit dem Kräuterbuch nehmen, was meinst du?"

"Die Hexe zu Hause?", fragte Jan frech.

"War da irgendein \'Kräuter\' im Titel?", fragte Henning zurück.

"Ja, Kräuterhexe! Und wie jage ich den katholischen Priester aus dem Haus?. Du solltest ihr noch ein Huhn schenken. Wegen der Zukunftswahrsagerei und so!", murmelte Jan. Seine Augen funkelten und unterstützten seine herausfordernden Worte. Henning sah daraufhin etwas genervt in die Luft und schüttelte leicht den Kopf.

"Da das hier der letzte Laden ist, in den ich gehen darf, werde ich die beiden Sachen mitnehmen", beschloss Henning mit einem amüsierten Lächeln. "Was dein gefährdetes Seelenheil angeht… du musst weder das Buch lesen noch das Pendel benutzen und dürftest somit vor allen Inquisitoren sicher sein. Zu Weihnachten gibt es bei uns übrigens immer Ente oder Gans. Huhn ist nicht so festlich."

Jan verzog seinen Mund zu einem schiefen Grinsen. "Ich wusste gar nicht, dass deine Familie so schräg angehaucht ist. Esoterik und so. Meine Oma wäre entsetzt. Hatte ich dir schon gesagt, dass sie mich aufgezogen hat? Was für ein Trauma. Jeden Sonntag zur Kirche!"

"Ah, deswegen also…", scherzte Henning und schaute dann in Richtung der Verkäuferin. "Ich hätte gern eines der Pendel, können Sie die Vitrine für uns öffnen?"

Die Frau blätterte eine Seite in ihrem Buch um, ein leises Klicken ertönte und sie sagte ohne aufzusehen: "Sie ist offen."

Als Henning zurück zur Vitrine sah, bemerkte er, dass die Glastür tatsächlich jetzt leicht offen stand.

Jan räusperte sich.

"Die stand vorher nicht offen", zischte er. "Die sind hier moderner ausgestattet als ein Computerfachgeschäft. Die müssen die Türen noch per Hand öffnen." Er warf einen misstrauischen Blick zu der Verkäuferin, die gerade ihre Augen auf die nächste Seite heftete. Sie las offenbar schneller als die meisten Leute, die Jan kannte. Henning schaute ebenfalls zu der Verkäuferin und betrachtete dann erneut die Vitrine.

"Ist doch egal", meinte er schließlich und öffnete die Tür ganz. Nach kurzem Überlegen nahm er zwei der Pendel heraus, um sie genauer anzusehen. Der Vergleich der Preisschilder nahm ihm seine Entscheidung ab, und so er legte das andere zurück. Als er die Tür schloss und zu dem Regal gehen wollte, lief er direkt in Jan hinein, der ihn jedoch auffing.

"Was, schon vom Zauber getroffen oder hast du heimlich am Weihnachtspunsch auf dem Weihnachtsmarkt genascht?"

"Hab dich nicht gesehen", murmelte Henning verlegen und versuchte an Jan vorbeizugehen.

Dieser lachte und wich ein Stück zur Seite.

"Ja, ja, wenn der Teufel keine Ausreden mehr weiß, dann friert die Hölle zu."

Henning warf ihm einen stechenden Blick zu, ging aber kommentarlos zum Regal. Jan jedoch zog probehalber noch an den Türen der Vitrine. Sie war fest verschlossen.

"So was will ich auch haben", murmelte er und folgte Hennig.

"Was?", fragte Henning, der mit Buch und Pendel in der Hand hinter Jan aufgetaucht war. Dieser zuckte merklich zusammen und sah vorwurfsvoll über seine Schulter.

"Na, die Vitrine mit diesem Verschlussteil. Ist doch klasse, einfach drücken und alles ist verschlossen. Okay, du gehst an meine Sachen nicht ran. Aber Gaston ist da nicht so."

Henning wusste, dass Jan und ihr dritter WG-Bewohner sich ganz und gar nicht verstanden.

"Am besten, ich mache das auch mit meiner Zimmertür. Gute Idee", sinnierte Jan weiter.

"Bei deiner Angewohnheit Schlüssel zu verlieren", antwortete Henning, während sie zur Theke gingen, "weiß ich nicht, ob das eine so gute Idee ist."

"Wieso Schlüssel?", begehrte Jan auf. "Das hier funktioniert auch ohne Schlüssel, nicht wahr?" Auffordernd sah er die junge Frau an, die indigniert von ihrem Buch aufsah und sich eindeutig gestört fühlte. Sie starrte ihn einen Moment lang abweisend an, dann antwortete sie: "Es funktioniert in der Tat ohne Schlüssel."

Ohne auf eine passende Antwort von Jan zu warten, nahm sie Henning Buch und Pendel ab und tippte die Preise in die altmodische, schwarze Kasse neben ihr.

"Und, wie funktioniert es?", fragte Jan provokativ, während er sich aufdringlich auf die Theke stützte und sie intensiv musterte. "Durch Magie oder durch einen Trittschalter?"

Sie starrte ihn durchdringend an und ihr Mund verzog sich missbilligend.

"Durch Magie natürlich", antwortete sie in einem leicht verärgerten Tonfall und packte Hennings Einkäufe in eine weiße Papiertüte mit der Aufschrift *** - Wenn Sie die richtige Tür finden, finden Sie uns überall! - *** und einem Emblem darunter.

Jan grinste frech. "Ja, so etwas in der Art habe ich mir schon gedacht." Er sah Henning verschwörerisch an, der nach seinem Geld fahndete. Es war wohl doch teurer, als er veranschlagt hatte. "Schwedische Magie, Ikea für 79,90 € das Stück."

Henning sah die Verkäuferin um Entschuldigung heischend an, als er ihr das Geld reichte. Ihr Blick wurde etwas sanfter und sie gab ihm die Tüte, sein Wechselgeld und die Quittung mit einem kleinen Lächeln.

"Beehren Sie uns bald wieder", sagte sie zu Henning, bevor sie Jan einen Blick zuwarf, der eindeutig sagte, dass Henning das nächste Mal aber bitte allein kommen solle.

Jan seufzte mitleidsheischend. "Dann eben nicht", murmelte er. "Ich hätte wirklich so gern diese Technik gehabt." Missmutig trottete er hinter Henning her, welcher an der Ladentür angekommen war und an der Klinke herumfummelte.

"Runterdrücken", murmelte Jan trocken.

"Versuch ich ja", knurrte Henning und drückte die Klinke erneut herunter, um dann kräftig an der Tür zu ziehen. "Sie klemmt."

Jan sah sich den Versuch an. Auch für sein technisches Verständnis hätte sich die Tür in diesem Moment bewegen müssen. Tat sie aber nicht. Als Henning ein Stück zurücktrat, drückte er probehalber.

"Äh", meinte er etwas ratlos. "Klemmt wirklich. Wer wirft sich dagegen?"

Mit einem leicht besorgten Blick auf die Glaseinlagen in der Tür sagte Henning: "Ich bestimmt nicht."

Er wandte sich an die Verkäuferin, die unbeirrt von allem ihr Buch las.

"Entschuldigen Sie, aber wir haben ein Problem mit der Tür. Sie scheint zu klemmen."

Ein Blick aus dunklen Augen streifte sie beide geradezu abfällig. "Ja, warum wohl?", meinte sie. "Einfach nach oben kucken und das Problem sollte klar sein, oder?"

Nach oben?

Henning und Jan blickten gleichzeitig aufwärts. Henning entdeckte nichts Besonderes, nur eine kleine goldene Türglocke und einen unscheinbaren Mistelzweig.

"Ich verstehe nicht", erwiderte er verwirrt.

Die Verkäuferin verdrehte die Augen.

"Männer", murmelte sie. "Sagt mal ihr zwei, tut ihr nur so, oder wisst ihr wirklich nicht, was das heißt? Ihr wisst doch offenkundig auch über Hühner und Voodoo Bescheid. Was ist so schwer an einem Mistelzweig zu begreifen?"

Jan riss die Augen auf.

"Sie haben gehört, was ich gesagt habe? Sie haben verdammt gute Ohren!"

Die junge Frau sank sichtbar zusammen.

"Mistelzweig!", wiederholte sie resigniert.

"Was soll mit dem Mistelzweig sein?", frage Henning, aber die Verkäuferin reagierte nicht. Er sah zu Jan. "Hast du eine Ahnung, was sie meint?"

Jan erwiderte seinen Blick mit stumpfen Augen. "Ne", antwortete er - es wirkte aber eindeutig widerwillig.

Henning kam ein Gedanke. Er beugte sich zu Jan und flüsterte in sein Ohr: "Vielleicht hat sie ja einen Trittschalter für die Tür."

"Sie will, dass wir uns küssen", grummelte Jan jedoch. "Und natürlich hat sie einen Trittschalter und sie steht drauf!"

"Warum will sie, dass wir uns küssen?!", platzte Henning überrascht hervor.

"Weil wir unter einem Mistelzweig stehen, deshalb!", sagte Jan giftig.

Henning starrte ihn an und wirbelte dann regelrecht zu der Verkäuferin herum.

"Sie können doch nicht von uns verlangen, dass wir uns küssen! Lassen sie uns gehen! Das ist Kidnapping oder so", herrschte er sie an. "Außerdem sind wir zwei Männer."

"Trotzdem verliebt", war ihre kurze abwesende Antwort. Sie blätterte in ihrem Buch weiter.

"Häh?", machte Jan. Er trat sicherheitshalber aus den Bannkreis des Mistelzweiges. "Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Wir sind Kumpels. Wohnen in einer WG. Aber verliebt? Blödsinn! Ich weiß nicht, was Sie lesen, aber Sie sollten das Buch wechseln. Gehen Sie einfach von dem Trittschalter runter. Fertig!"

Die Frau legte mit einem genervten Seufzer ihr Buch zur Seite und stand auf. Sie trat hinter den Tresen hervor und lief schnurstracks zur Tür, welche sie mühelos öffnete und wieder schloss. Dann deutete sie mit einer Hand auf die Tür und sah Jan auffordernd an.

Dieser sah nach oben. Die Frau stand unter dem Mistelzweig.

"Okay", meinte er. "Dann küsse ich Sie!" Er trat frech darunter und sah sie mit seinem schönsten Lächeln an.

"Das wird nicht helfen", erklärte sie ungerührt. "Der Zauber wirkt nur bei Verliebten und löst sich erst nach einem Kuss derselbigen auf."

"Wir könnten es ja mal probieren!" Jan ignorierte den Hinweis mit den Verliebten, während Henning nach Luft schnappte. "Oder wollen Sie einfach nicht zugeben, dass dies hier eine ganz abgeschmackte Sache ist?" Er legte seine Hand auf die Klinke, drückte sie jedoch nicht.

Die Frau antwortete jedoch nicht auf Jans Herausforderung, sie starrte ihn nur grimmig an, während Jan herausfordernd zurückstarrte.

Henning wurde es zuviel. Er griff nach der Klinke in Jans Hand und drückte beide herunter. Die Klinke bewegte sich, doch als sie gemeinsam daran zogen geschah nichts. Henning ließ los und sah nicht wenig erschrocken zu der Verkäuferin.

"Das ist doch unmöglich", murmelte er.

Sie zuckte nur mit den Schultern. "Ich habe nur den Zweig aufgehängt und den Zauber gesprochen. Für den Rest seid ihr zuständig. Ich kann ja nichts dafür, wenn ihr es bisher nicht gewusst habt. Gute Gelegenheit, auszuprobieren, ob der Mistelzweig wahr spricht. Und sagt mir nicht, dass ihr davon noch nie gehört habt! Mittlerweile sollte auch jeder Europäer wissen, was die Amis mit Mistelzweigen meinen, schließlich kann man sie auf dem Weihnachtsmarkt kaufen. Und nun küsst euch, ich will in zwanzig Minuten schließen und mein Buch wollte ich auch noch zu Ende lesen."

Henning war entsetzt.

Sie sprach von Zaubern und dass Jan und er verliebt seien und sich küssen mussten, um aus dem Laden zu kommen! Das war doch verrückt.

"So was… wie Magie", brachte er stockend hervor, "gibt’s nicht. Und wir sind nicht verliebt. Sie sind doch verrückt! Lassen Sie uns hier raus oder wir rufen die Polizei."

Mittlerweile wirkte die Verkäuferin reichlich genervt.

"Meinetwegen ruft die Polizei. Die erstens reinkommen und wieder rausgehen können und euch zweitens verwarnen werden, weil ihr sie wegen nichts gerufen habt", erklärte sie patzig.

Sie raffte ihren langen Rock - Jan sah erstaunt an ihr herab; sie wirkte wie eine waschechte Hexe damit - und ging zurück an ihren Platz. Demonstrativ nahm sie ihr Buch wieder auf und las. "Beeilt euch. Was ist so schwer an einem Kuss? Vielleicht gefällt es euch ja auch!", murmelte sie, bevor sie wieder in die Welt ihres Buches versank.

Jans Augen waren bei jedem Wort größer geworden. Er konnte es nicht fassen, dass er so was zu hören bekam. Schockiert sah er Henning an.

"Die meint es ernst!", flüsterte er.

"Die ist irre!", sagte Henning ungehalten. "Lass uns die Polizei rufen. Oder willst du mich etwa küssen? Vor allem, was, wenn sie plötzlich entscheidet, dass sie noch mehr sehen will…"

Die Hexe sah auf. "Ehrlich? Mir wäre es lieb, ihr würdet euch beeilen!"

Jan sah sie genervt an. "Klappe!", rief er.

"Jan!", sagte Henning etwas unbeherrscht zu seinem Freund. "Was machen wir jetzt? Rufen wir die Polizei?"

Jan fuhr unbeherrscht herum. "Willst du denen erklären, dass wir hier fest hängen, weil wir uns nicht küssen?", fragte er Henning wütend.

"Wir hängen hier nicht fest, weil wir uns nicht küssen!" Henning schrie die Worte fast. "So was wie Magie existiert nicht! Ich muss es wissen, meine Mutter experimentiert seit Jahren damit und es kommt nichts dabei raus."

Jan sah ihn verblüfft an. "Hätte ich jetzt nicht gedacht", murmelte er.

"Glaubst du etwa, was die da sagt?", fragte er mit einer Handbewegung auf die Verkäuferin. "Das hier ist irgendein Trick. Es sind immer Tricks. Ich hab keine Ahnung, was es ihr bringt, wenn sich zwei Männer in ihrem Laden küssen; aber vielleicht hat sie irgendeine perverse Freude daran."

Die Hexe räusperte sich laut und fixierte die beiden. "Typisches Verdrängungsverhalten, würde ich sagen", sagte sie zu niemandem speziell. "Und ich bin nicht pervers. Noch so eine Beleidigung und ich zeige euch, was Schwarze Magie ist."

Ehe Henning auffahren konnte, hob Jan seine Hand und legte sie ziemlich schwer auf Hennings Schulter, so dass dieser verblüfft seinen Mund hielt.

"Egal, ob Sie das gemacht haben oder nicht, wir sind frei, wenn wir uns küssen?", fragte er.

"Ja", erwiderte die Hexe schlicht.

"Du kannst nicht ernsthaft in Betracht ziehen…", fing Henning an.

"Weißt du!", meinte Jan unschuldig. "Ich habe nichts dagegen, dass wir hier Weihnachten verbringen. Es gibt eine Menge zu finden. Zwar fehlt der Weihnachtsvogel, wenn man von den getrockneten Hühnerbeinen absieht; aber du wirst definitiv den einmaligen Gänsebraten von deiner Mama verpassen. Es ist schon spät und ich habe Hunger für drei. Wenn du dich dazu entschließen könntest, dieser, äh, Verkäuferin einen merkwürdigen Gefallen zu tun und wir kommen hier früh genug raus, bekommst du ein Maxi-Menü deiner Wahl bei McDonalds."

Henning sah ihn aufgrund der Leichtigkeit seiner Worte verblüfft an. Er konnte ihn doch nicht ernsthaft küssen wollen. Er verstand nicht, warum Jan das eher in Betracht zog, als die Polizei zu rufen. Nervös trat er einen Schritt zurück und streifte dabei Jans Hand von seiner Schulter.

Dieser verzog das Gesicht. Demonstrativ legte er seine Hände auf den Rücken, wandte sich ab und ging einfach. "Überleg\'s dir. Alternativ können wir sie ja auch bestechen oder sonst etwas machen!", meinte er noch und schaute sich die Auslagen an.

Sprachlos sah Henning auf Jans Rücken.

Nach einem Moment ging er zur Tür und setzte sich daneben. Er war verwirrt und wütend, beides ließ ihm keine Zeit klar zu denken. Er atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen. Er sah zu Jan Niklas, welcher noch immer bei den Auslagen stand, und sah dann schnell wieder weg auf den Boden.

Er überlegte welche Möglichkeiten sie hatten. Ohne Jans Rückendeckung wollte er die Polizei nicht rufen. Jan schien entschlossen die Kusssache durchzuziehen. Etwas was für ihn nicht in Frage kam!

Er rutschte unbehaglich hin und her.

Sie könnten sich küssen, vermutlich würde die Verrückte sie dann rauslassen. Aber der Gedanke, Jan zu küssen, war irgendwie untragbar. Henning zog die Knie an sich heran und schlang seine Arme darum.

Er hörte, wie es an der Theke raschelte. Die Verkäuferin hatte sich erhoben und zählte die Einnahmen des Tages. Sie würdigte sie dabei keines Blickes. Als Henning kurz versuchte, die Tür zu öffnen, blieb sie jedoch genauso verschlossen wie zuvor. Nicht einmal die Klinke ließ sich betätigen. Jan hatte derweil ein Buch herausgenommen.

"Liebesmagie, ist das eigentlich nicht verboten?", fragte er.

"Von wem?", fragte die Hexe kurz angebunden und packte das Geld in einen braunen Umschlag. "Wir sind hier nicht in Harry Potter. Hier gibt’s kein Zaubereiministerium oder anderen Humbug."

Henning schüttelte den Kopf. Er verstand nicht, wie Jan das so einfach hinnehmen konnte.

"Willst du mich küssen?", fragte er leise ohne vorheriges Nachdenken.

Jan hörte auf, so zu tun, als würde er sich ernsthaft unterhalten.

"Vielleicht", meinte er ausweichend.

Henning starrte ihn ungläubig auf den Rücken.

"Warum?", fragte er und ignorierte die Aufregung, die Jans Antwort in ihm auslöste.

Jan wollte erst antworten, um hier rauszukommen. Ließ es dann jedoch.

"Weiß ich nicht. Ist das jetzt wichtig?", fragte er stattdessen.

"Weiß ich nicht…", wiederholte Henning Jans Antwort. "Wenn…"

Er brach ab und starrte auf die Tür und zurück zu Jan. Er war so verwirrt. Jan schien keine Probleme mit der Bedingung für ihre Freilassung zu haben. Was ihn dazu führte sich zu fragen, warum er es nicht so leicht nahm.

"Es fühlt sich nicht richtig an dich zu küssen, um…", er brach ab und fügte dann hinzu, "um hier rauszukommen."

Jan hob eine Augenbraue. Dann eine zweite. Dann gluckste er. "Äh, wir können ja dann noch eine Weile hier drin bleiben. Ich fürchte nur, dass sie gerade ihren Besen rausholt. Hey, wir können das wirklich bei einem Burger klären. Keine Ahnung, was das für ein Mistelzweig ist. Aber ich will wirklich meine Weihnachten woanders feiern."

"Wie kannst du das so leicht nehmen?", stöhnte Henning und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Jan leckte sich nervös die Lippen und kaute dann zur Krönung auf seiner Unterlippe. Hilflos sah er zur Verkäuferin, die vorgab, nichts zu hören oder zu sehen. Er seufzte. Nach einer unentschlossenen Geste ging er zu Henning und hockte sich vor ihn hin.

"Keine Ahnung, ob wir uns lieben, wie sie behauptet", flüsterte er. "Aber dass wir uns mögen, steht wohl außer Frage, oder? Ich meine, ich... Sorry, Henning, aber ich kann so was nicht. Ich kann nicht sagen, dass ich dich liebe. Das kann ich nicht mal den Mädels sagen, und die stehen da echt drauf. Aber... das hier ist noch ne Nummer schwerer."

Es war verdammt schwer, stimmte Henning ihm gedanklich zu und rang sich dazu durch, zu Jan aufzusehen und seine Hände vom Gesicht zu nehmen. Er fühlte sich gar nicht gut. Sein Kopf glühte und war sicher ziemlich rot, sein Magen hatte sich verknotet und seine Hände zitterten leicht.

Jan hatte ihm gerade mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, dass er Gefühle für ihn hatte. Dem Gesichtsausdruck seines Freundes konnte er entnehmen, dass ihm das nicht leicht gefallen war.

Er warf einen nervösen Blick über Jans Schulter zu der Verkäuferin, die irgendetwas hinter der Theke sortierte, und dann zurück zu Jan. Sein Blick blieb an Jans Lippen hängen und unwillkürlich befeuchtete er seine eigenen.

"In Ordnung", sagte er und musste sich dann räuspern. "Wie… ich meine…"

Sich innerlich einen Feigling schimpfend überwand er sich dazu etwas zu tun und griff nach Jan, während er sich gleichzeitig vorlehnte.

Jan grinste. Er packte ihn kurzerhand am Kragen, zog ihn zu sich und neigte seinen Kopf. "So!", wisperte er, ehe er ihn küsste. Hörbar knackte die Tür neben ihnen. Henning hörte das zwar, verstand das Geräusch aber erst, als Jan ihn wieder losließ. Ein bisschen abwesend blinzelte er seinen Freund an und stellte fest, dass er dessen Jacke ergriffen hatte, als sie sich küssten. Er ließ sie verlegen los und sah zur Tür.

"Heißt das, wir können gehen?", fragte er niemand bestimmten.

"Ja, raus jetzt ihr zwei", rief die Hexe. Sie grinste breit. "Mein Gott, braucht ihr lange."

Sie warf etwas in die Luft und Jan fing es in einem Reflex heraus auf. "Ein Geschenk für euch und jetzt macht, dass ihr Land gewinnt. Ich will auch Weihnachten feiern."

Mit einem misstrauischen Blick auf das Geschenk rappelte sich Henning auf und griff nach seiner Papiertüte. Wenn sie jetzt gehen konnten, dann wollte er das auch so schnell wie möglich tun.

"Lass uns gehen", murmelte er zu Jan, der mit ihm aufgestanden war. Dieser nickte nur und so stürzten sie wie auf der Flucht vor dem Leibhaftigen raus.

Alicia lächelte.

Sie holte ein schwarzes Notizbuch hervor. "Ich habe gewonnnen!", rief sie offenbar zu niemand Bestimmtem. Im hinteren Zimmer raschelte es. Dann war wieder Stille. "Komm endlich raus, Gwen, und tu nicht so, als ob du die Buchführung machen würdest. Ich habe gewonnen. Ich habe einundfünfzig Pärchen, davon zwei Schwulenpaare. Du hast nur neunundvierzig und keine Schwulen. Einzig der Schwarze mit seiner Freundin ist etwas, was man als etwas Ausgefallenes einstufen könnte. Und davon habe ich auch zwei. Sogar zwei Chinesen."

Gwen kam schmollend in den Verkaufsraum und sagte zu Alicia: "Ja, weil du dieses Jahr die Nachmittagsschicht hattest. Ich hatte die Vormittage und da kommen immer nur Langweiler."

"Ausgleichende Gerechtigkeit, Süße", meinte Alicia. "Die letzten Zwei eben wussten nicht mal, dass sie sich mögen. Habe ihnen jeweils einen Talisman geschenkt. War echt lustig, sie zu beobachten." Während sie das sagte, tänzelte sie zur Tür und hängte das Schild Open auf Closed um und schloss ab. "So, und jetzt bist du dran, deine Schuld einzulösen. Einmal Lumumba auf dem Weihnachtsmarkt." Sie grinste. Blind griff sie nach dem Mistelzweig und für einen Moment stand sie in einem Regen befreiter Magiefunken.

Gwen lachte. Sie zog ihren Mantel über und reicht dann Alicia den ihren. "Natürlich! Es ist mir eine Ehre. Auf eine schöne Weihnachtszeit und ein neues Jahr", rief sie.

Alicia fiel in das quirlige Lachen ein und folgte dem roten Lockenschopf von Gwen zur Hintertür hinaus.


ENDE
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