Diverse Weihnachtsgeschichten

GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
18.11.2011
08.07.2012
29
85153
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Jonas sah auf die Uhr. In ein paar Minuten musste er den Fisch aus der Röhre nehmen. So stand es im Rezeptbuch. Jonas hatte noch nie nach Rezept gekocht. Im Grunde hatte er noch nie wirklich gekocht, denn Nudeln oder Spiegeleier fielen für ihn nicht unter Kochen.

Dass er jetzt mit einem Anflug von Verzweiflung in der Küche stand, hatte er Steffen zu verdanken. Dieser hatte sich mit einem Lächeln selbst zu Heiligabend eingeladen. Ein Essen erwartete er nicht, hatte er gesagt. Er dachte eher an so etwas Einfaches wie Pizza vom einzigen Lieferservice, der zu Heiligabend noch auf hatte.
Doch Jonas sah das anders.

Wenn er anscheinend dieses Jahr ein richtiges Weihnachtsfest bekommen sollte, dann musste auch das dazu passende Essen auf den Tisch.
Ein leicht konservativer Zug in seinem Wesen, meinte er für einen Augenblick in sich zu spüren, stellte dann aber fest, dass es einfach noch Reste an den Glauben an den Weihnachtsmann waren und das Gefühl, dass diese Zeit etwas besonderes war.
Steffen hatte einfach nur lächelnd zugestimmt und gemeint, dass er etwas Schönes dazu aussuchen würde. Jonas sollte sich einfach überraschen lassen.

Nach ihrer Aussprache von vor noch nicht einmal 72 Stunden hatte sie ihre Beziehung merklich entspannt.
Steffen hatte nicht mehr versucht, sich an Jonas heranzumachen und Jonas vertraute darauf, dass das auch so bleiben würde.
Ein Teil von ihm jedoch erzählte vehement, dass man Liebe nicht einfach so abstellen konnte. Steffen liebte ihn mit Sicherheit immer noch...
Das war ein Problem, über das er jetzt aber nicht näher nachdenken wollte.

Der Fisch in der Paprika-Sahne-Sauce sah gut aus. Ob er geschmacklich zu dem lauwarmen Schokopudding mit der noch zu unterrührenden Sahne passte, konnte Jonas nicht sagen. So schmeckte er aber auf jeden Fall. Noch einmal las er sich die Anweisungen durch.

‚Vorsichtig die geschlagene Sahne kurz vor dem Servieren unter den noch warmen Pudding heben'

Jonas korrigierte das Wort heben durch rühren und wusste, was er zu tun hatte. Die geschlagene Sahne stand im Kühlschrank und der Pudding zugedeckt auf dem kleinen Tisch.

Der Reis würde auch bald gar sein, dann konnte er alles warm stellen. Steffen sollte laut verabredeter Zeit in knapp 10 Minuten da sein. Das hieß, sofern er pünktlich war.

Noch einmal inspizierte Jonas alles.

Seine kleine Wohnung strahlte sogar etwas weihnachtliches aus. Er hatte sich keinen Baum besorgt, da er den Aufwand als nicht gerechtfertigt ansah. Aber überall waren Tannenzweige verteilt und verbreiteten einen angenehmen Duft nach Harz und Grün.
Darauf hatte er ein wenig Feenhaar dekoriert und ein paar silberne und rote Kugeln gelegt.
Er war kein besonders guter Dekorateur, aber eigentlich sah es ganz annehmbar aus.

Ein paar Kerzen verliehen der Atmosphäre etwas feierliches und der Tisch prunkte mit seinem Service und den polierten Gläsern.
Jonas seufzte. Soviel Arbeit. Er hoffte, dass...

Jonas stockte. Ja, was erhoffte er sich eigentlich?

Er hatte keine Ahnung. Vielmehr fürchtete er die Ruhe vor dem Sturm.

Dieser kleine und eigentlich recht intim gestaltete Heiligabend war komplett Steffens Idee gewesen, und auch die Wahl der Örtlichkeit. Vielleicht vermutete er, dass Jonas ihm so mehr trauen würde.
Jonas seufzte.

Wenn es Steffen glücklich machte, warum nicht?

Sorgen bereitete ihm eher das Geschenk beziehungsweise das Nicht-Geschenk. Steffen hatte ausgemacht, dass sie sich nichts schenken wollten. Dazu kannten sie einander zu wenig, um das Richtige zu finden. Außerdem, so das logisch hervorgebrachte Argument, war die Stadt in den letzten Vorweihnachtstagen derart überlaufen, dass sie kaum einen Fuß vor den anderen bekommen würden.
Es klang irgendwie zu glatt. Jonas suchte das Haar in der Suppe und war bis jetzt nicht fündig geworden.

Er kniff leicht die Augen zusammen und verzog die Lippen zu einem schmalen Strich. Wenn er dem Größeren derart misstraute, wie sollten sie dann jemals Freunde werden? Normale Freunde, betonte er.
Eigentlich hegte Jonas immer noch diesen Wunsch: Einfach nur gute Nachbarn und Freunde. Nichts weiter!

Jonas sah sich im Spiegel an. Wahrscheinlich war das der dämlichste Wunsch, den er in Bezug auf einen verliebten Mann haben konnte, vor allen Dingen wenn man bedachte, dass er als Objekt dieser Liebe auserkoren worden war. Wie naiv bist du eigentlich, knurrte er sich selbst an.
Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er dem Frieden nicht traute. Doch Steffen schien immer den richtigen Ansatz zu finden, ihn im passenden Moment zu überrumpeln und aus den Bahnen normalen Denkens zu werfen.
Dieses Essen war ein Ergebnis dieser Aktionen.

"Ich schätze, damit habe ich wohl den Vogel abgeschossen. Und was jetzt?"
Jonas musterte sich in der spiegelnden Fläche. Seine Gedanken schlugen einen Kreis.

Wieder hörte er Steffens Worte. Sie wollten sich etwas schenken, dass man nicht kaufen konnte.
Bis jetzt hatte Jonas sich keinen Reim darauf machen können und wenn er es tat, dann bekam er heftige Kopfschmerzen.

Das Schellen der Klingel riss ihn aus seiner Marter und bescherte ihm neue. Wer auch immer vor der Tür stand, er würde ihm einen interessanten Heiligabend bringen, da war er sich sicher.
Vorsichtig öffnete er die Tür und sah Steffen vor sich. Dieser lächelte ihn begrüßend an und hielt ihm eine Flasche Wein unter die Nase. Passenderweise ein Weißwein und noch dazu einer von der edleren Sorte.

"Fröhliche Weihnachten", meldete er laut genug, dass man es im ganzen Haus hören konnte. Jonas nickte leicht und bat ihn stumm durch Gesten einzutreten.
"Fröhliche Weihnachten", grüßte er zurück, als er die Tür geschlossen hatte.

"Oh, hier riecht es verdammt lecker. Was hast du gekocht?"

"Ähm, nichts besonderes. Fisch in Paprika-Sahnesauce."

Steffen sah Jonas mit großen Augen an.
"Du kannst kochen?"

Jonas schüttelte nur den Kopf.
"Eigentlich nicht. Aber in dem Kochbuch stand, dass es für Anfänger geeignet ist und das jeder Depp das kann." Der kleinere Mann lächelte schief und wanderte in die Küche, wo er den Reis vor dem Verbrennen rettete.

"Ich öffne mal schon den Wein", murmelte Steffen als er den doch recht routinierten Handgriffen zu sah.
Jonas nickte ohne Aufzusehen und ein paar Augenblicken später dampften die genannten Gerichte in Schalen und Schüsseln auf dem gedeckten Tisch.
"Echter Wahnsinn. Dass ich noch mal so etwas Gutes zu Gesicht bekomme."

Jonas entschied sich dagegen, auf das Kompliment einzugehen.
"Greif zu!", bestimmte er stattdessen und erklärte damit das Fest für eröffnet.

Steffen schien jeden Bissen zu genießen und nach einer Weile bedachte er das Mahl mit überschwänglichen Kommentaren.
"Das ist seit langem das Beste, was gegessen habe. Ich hasse den Mensa-Fraß und meine Kochkünste sind nicht mal erwähnenswert."
Jonas zuckte mit den Schultern.
"Meine auch nicht. Aber mit Rezept geht es einigermaßen."

Steffen grinste.
"Tja, Lesen eröffnet völlig neue Welten."

Nachdem sie dem Fisch und dem Reis ausgiebig zugesprochen hatten, visierten sie den Nachtisch an.
"Schokopudding, meine Lieblingsspeise."
Mit diesen Worten tat Steffen sich und Jonas auf.

Gemütlich lehnten sie sich zurück und löffelten das süße Gemisch.

"Du hast ja sogar auf Weihnachten dekoriert.", eröffnete Steffen. "Es sieht schön aus. Ich habe mir erst überlegt, ob ich es lasse. Es ist mein erstes Weihnachten ohne meine Familie. Aber dann habe ich doch einen kleinen Baum aufgestellt."
Jonas sah ihn interessiert an.
"Erzählst du mir davon?"

Steffen sah kurz auf und aß dann scheinbar ruhig sein Dessert weiter. Innerlich war er jedoch aufgeregt. Er hatte bis jetzt niemandem davon erzählt und die Wunden hatten sich noch nicht geschlossen.

Leise räusperte er sich.

"Ich hatte mein Coming-Out vor cirka 8 Monaten.", begann er. "Also noch nicht allzu lange her. Die übliche Vorgeschichte hatte ich schon hinter mich gebracht: Die Erkenntnis, dass ich auf Männer stehe, dass ich Frauen zwar ganz gern mag, aber mehr als sich mit ihnen zu unterhalten, war einfach nicht drin.
Ich hatte mein erstes Erlebnis und dann verliebte ich mich zum ersten Mal. Nichts besonderes.
Heftig wurde es erst, als es meine Eltern herausfanden.

Sie hatten mich und meinen Freund im Bett erwischt. Deutlicher hätte ich es ihnen nicht erklären können.

Ich weiß nicht, wie es herauskam, aber irgendwie verblieb das, was sich danach bei mir zu Hause abspielte nicht in unserer Familie.

Meine Eltern glaubten tatsächlich, dass es nur eine Phase war und dass man mit den richtigen Mitteln und Gesprächen meine Phase wieder beenden könnte. Klassisch, würde ich sage und völlig fehlgeleitet. Als ich das hörte, dachte ich nur noch, dass meine Eltern die letzten Jahre auf einem anderen Planeten verbracht habe müssen."
Steffen seufzte leise.

"Das war schlimm. Sie sahen mich an, als wäre ich ein Totgeweihter. Als würde ich an einer schlimmen Krankheit leiden, unheilbar natürlich.

Schlimmer waren aber die Anderen, meine Freunde und Bekannten. Aber auch die, die dich nur vom Sehen her kennen. So groß ist der Ort nicht, in dem ich geboren worden bin.

In der darauffolgenden Woche reichten die Reaktionen von mitleidigen Blicken für meine Eltern bis zu offenen Beleidigungen gegen mich. Irgendwann bin ich geplatzt und habe mich heftig mit meinen Eltern gestritten. Danach war Sendepause. Perfekt wurde es, als meine Freund mir dann auch noch den Laufpass gab.

Einen Monat später packte ich meine Sachen und bin dann einfach umhergezogen. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen wollte, also bin ich einfach der Nase nach.
Dann fiel mir so ein Flyer in die Hand, in dem stand, dass man noch Anmeldungen für das Wintersemester einreichen konnte. BWL wollte ich schon immer studieren und hatte es bis zu dem Tag, wo alles den Bach runterging, auch vor.

Ich sagte meinen Eltern Bescheid, dass ich hier studieren würde. Sie sagte mir ihre Unterstützung zu. Ich sollte ihnen meine Konto-Nummer geben. Danach war wieder Funkstille. Bis heute.

Ich bekomme jetzt regelmäßig Geld und mit dem, was ich dazu verdiene, komme ich ganz gut über die Runden.

Das erste wirkliche Highlight warst eigentlich nur du."

Steffen lächelte still vor sich hin, mied es jedoch zu Jonas aufzusehen. Sein Schale war schon seit einiger Zeit leer, doch er fand es besser, sich nicht von Jonas Augen einfangen zu lassen.

"Als ich dich gesehen habe, dachte ich nur... Egal, ich fand dich einfach nur niedlich."

Jonas runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts.

Bis jetzt hatte er stumm zugehört. Es machte ihn traurig und melancholisch. Irgendwie war das Gefühl passend für diese Zeit, obwohl er es eigentlich verabscheute. Wenn er melancholisch wurde, dann auch meist depressiv und frustriert. Im Grunde war Weihnachten doch nicht so toll.
Alle Leute erinnerten sich in dieser Zeit an solche und ähnliche Dinge. Immer traurig und immer mit etwas behaftet, dass man nur als Verlust bezeichnen konnte. Einzig die Zeit, als man noch Kind war und unter dem Weihnachtsbaum mit einem Haufen Geschenke überschüttet wurde, war alles noch in Ordnung. Je älter man wurde, um so chaotischer und frustrierender wurde die sogenannte heilige Zeit. Alles geriet durcheinander und schneller als man es sich versah, verschwand der Zauber aus Gold und Flitter.

Jonas seufzte.

Alles schien zerrissen...

Wie gern würde er jetzt zu Hause sein und sich den traditionell geschmückten Weihnachtsbaum seiner Eltern ansehen, und den Duft von Gebratenen riechen. Wenn er es sich genau überlegte, dann war Weihnachten eigentlich immer mit Düften und Farben verbunden, die irgendwie anders als sonst wirkten.
Unsicher sah er sich um. War es jetzt genauso?

Steffen sah ihn mit einen schiefen Lächeln an. Er hatte bemerkt, dass sein Gegenüber mit den Gedanken abgeschweift war. Jonas blinzelte kurz, dann erinnerte er sich an die letzten Worte.
Brummig erwiderte er, dass er nicht niedlich sei.

Steffen grinste: "Ich denke doch."

Jonas senkte kurz die Augen und sah dann Steffen offen, fast herausfordernd an.
"Du gibst nicht so schnell auf, oder?"

Der Größere schüttelte bedächtig und wissend den Kopf.

"Wer sagt, dass es nicht eine bloße Verliebtheit ist, weil du deinen Freund losgeworden bist. Kann doch sein, dass ich bloß ein Spiel für dich bin. Ein Hetero, den du verführen konntest. Eine Eroberung." Jonas klang verbittert und er wusste nicht, woher die Verletzungen rührten, die ihn dazu brachten, so zu reden.

Steffen öffnete sprachlos dem Mund, dann erhob er sich und kniete sich vor Jonas hin.
Dieser wich ein Stück zurück und sah in die warmen, braunen Augen seines Nachbarn.

"Kein Spiel. Ich meine es ernst. Ich riskiere es gern, mich in dich haltlos zu verlieben und dabei zu wissen, dass du es nie verstehen wirst. Ich möchte mit dir zusammen sein und dich berühren dürfen.
Ich weiß, dass ich dich damit bedränge, deine Gefühle und deine Überzeugung völlig übergehe...

Aber ich will dich und wenn du mir eine Chance gibst, vielleicht kann ich dich dann wirklich eines Tages verführen."

Steffen lächelte sanft und hob seine Hand.

Jonas wich nicht zurück, als sie sein Gesicht berührte, ihn zart liebkoste.

"Wie stellst du dir das vor?"

"Ich habe keine Ahnung, aber ich gedenke, das herauszufinden."

Für unendlich lange und aufgeregte Herzschläge schwiegen sie. Steffen ließ Jonas nicht los, als ob er fürchtete, dass dieser sich in einem Augenblick der Unachtsamkeit losreißen würde.

"Darf ich dich küssen?", wisperte er

"Das ist das einzige Weihnachtsgeschenk, das ich mir wünsche."

Jonas versuchte eine Antwort zu finden, während ihm sein Verstand meldete, dass er doch recht gehabt hatte, dass das vorgeschlagene Nicht-Geschenk einen Haken in sich verbarg.

"Wenn ich wieder denken kann und mich bewegen, dann solltest du dich in Sicherheit bringen.", flüsterte Jonas. Er spürte, wie er einfach nachgab und vermochte die Quelle nicht zu ergründen, die ihn dazu bewegte. Wenn es Mitleid war, dann war es ein erbärmlicher Grund, Steffen gewähren zu lassen.

Doch dieser lachte nur leise.

"Es genügt, dass ich dir nicht gleichgültig bin."

Damit zog er zärtlich Jonas´ Gesicht zu sich, während er ihm auf halben Wege entgegenkam. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielt er noch für einen Wimpernschlag inne, versank in den grauen Augen, die ihn an das glänzende Gefieder eines Vogels erinnerten, dessen Name in seinem Kopf keinen Platz mehr fand.

"Ich liebe dich"

Jonas spürte wie sich warme Lippen auf die seinen legten, zaghaft und scheu. Dann schloss er die Lider und erwiderte das Werben.

ENDE
Review schreiben