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Franchesca - Eine Ewigkeit für die Musik

von Dibbie
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Alec Athenodora Caius Demetri Felix Jane
15.11.2011
03.03.2013
41
68.333
11
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15.11.2011 1.026
 
1. Unerwartete Entdeckung


Venedig 1547.

Caius steckte dem jungen Mann einige Münzen zu, bevor er voller Vorfreude das Theater in der Nähe des Markus-Platzes betrat. Er war nun schon seit zwei Tagen in Venedig, welches er regelmäßig besuchte, um die gesellschaftlichen Veränderungen und selbstverständlich auch die Entwicklungen der verschiedenen Künste persönlich miterleben zu können.

Caius war selbst Zeitzeuge der Kultur der alten Griechen gewesen und sehr gespannt darauf zu beobachten, wie die schon längst in Vergessenheit geratenen Errungenschaften von einst nach und nach wieder zum Leben erweckt und in den Mittelpunkt gerückt wurden.

Ursprünglich hatte er nicht vorgehabt während seines kurzen Aufenthaltes ein Theater zu besuchen, doch hatte er seit seiner Ankunft schon so viel von der dort gastierenden Theatergruppe gehört, dass er sich dennoch dazu entschlossen hatte. Die Schauspieler seien »außergewöhnlich gut«, die gespielten Stücke »mehr als unterhaltsam“ und das musikalische Zwischenspiel gar »unbeschreiblich“.

Caius nahm gerade seinen Platz am Rande des bereits gefüllten Hauses ein, als auch schon ein Mann mit einer Kerze in der Hand die Bühne, welche sich in der Mitte des Raumes befand, betrat. Er sprach einige erklärende Worte zu dem von ihm selbst verfassten Stück „Amore“, von welchem es ihm eine Freude war, es in einer der schönsten Städte – nein DER schönsten Stadt der Welt präsentieren zu können. Augenblicklich musste Caius schmunzeln. Dieser im Grunde unscheinbare Mann wusste nur zu gut, wie er sein Publikum von Anfang an begeistern konnte. Nun blies er die Kerze aus und es wurde dunkel im Saal.

Die erste Szene fing mit dem schweigsamen Einmarsch fünf ganz in weiß gekleideter, maskierter Schauspieler, die in ihren Händen schwach leuchtende Kerzen vor sich her trugen, an. Es sah gespenstisch aus. Sie begannen gemeinsam eine Art Beschwörungsformel aufzusagen. Erst leise, dann immer lauter werdend. Dabei bildeten sie einen Kreis und hoben die Kerzen langsam hoch. Mit einem Ruck – und einem dazu vernehmlichen Knall, warfen sie die Kerzen gleichzeitig zu Boden.

Roter Dampf stieg auf. In dessen Mitte erschien nun, eine ebenfalls maskierte, ganz in rot gekleidete Frau. Sie stand auf nur einem Bein, das andere hob sie elegant mit beiden Armen in der Luft, und verharrte einige Sekunden in dieser Position, während die Männer langsam auf ihre Knie sanken. Die Frau drehte nun einige Pirouetten, bevor sie, sich immer noch wild drehend, aus dem Kreis der Männer entfernte.

Ihre langen schwarzen Haare wirbelten durch die Luft, so dass man beinahe befürchten musste, dass die Krone, welche ihr Haar zierte, bald herunterfallen würde. Tanzend umrundete sie nun den Kreis der Männer, wobei sie jedem der Schauspieler durch eindeutige Gesten und Berührungen zu verstehen gab, dass sie ihn begehrte, sich aber nicht entscheiden konnte. Wieder nahm sie Abstand zu den Männern, unter denen nun ein lautstarker Streit ausbrach – jeder wollte die Schöne für sich alleine haben!

Sie kämpften, bis alle fünf am Boden lagen, derweilen die Frau sich böse lachend von ihnen entfernte und die Bühne verließ.
Während die am Boden liegenden Männer versuchten möglichst unauffällig von der Bühne zu verschwinden, trat wieder der Sprecher nach vorn. »Vertraue nicht der Liebe einer Frau, werde nicht zum Kavalier. – Denn sie spielt ihr Spiel meist nicht nur mit dir!«

Ein Lachen ging durch das Publikum, indes nun normal gekleidete Schauspieler die Bühne betraten. Es folgten viele komödiantische Szenen, die die Geschichte von der rassigen Adligen Theodora, die sich einen Spaß daraus machte, Intrigen zu spinnen und sowohl dem Zimmermann Marco, als auch dem adligen Jüngling Antonio schöne Augen zu machen, erzählten.

Am Ende brach ein Kleinkrieg zwischen den Beiden aus. Antonio schwärzte Marco bei dessen Kundschaft an, Marco rächte sich mit einem Korb Eier, den er Antonio auf dem Marktplatz ins Gesicht schleuderte und ihn so dem Gespött der Leute aussetzte. Theodora aber hatte längst das Interesse an diesen Männern verloren und verführte stattdessen den Geistlichen Fabio, in den sie sich unsterblich verliebte.

Doch Fabio wollte nach dieser einen Liebesnacht nichts mehr von Theodora wissen. Er wandte sich wieder seinem Glauben zu und gelobte, nie mehr wieder der Fleischeslust zu verfallen. So endete die schöne Theodora als einsame alte Frau, währenddessen ihre ursprünglichen Objekte der Begierde brave, züchtige Frauen ehelichten.

Damit war das eigentliche Theaterstück am Ende angelangt, doch die Vorführung sollte noch eine Überraschung bereit halten. Nachdem der Applaus des begeisterten Publikums verebbt war und der Sprecher »die einzigartige Franchesca« angekündigt hatte, schritt ein junges, vielleicht 14-jähriges Mädchen, schüchtern auf die Bühne.

Sie trug ein schlichtes, weißes Kleid und in ihrer Hand hielt sie eine wunderschön verzierte Laute, die sie nun langsam anhob. Ihr schwarzes, langes Haar war zu einem strengen Zopf geflochten, doch einige einzelne Strähnen hatten sich ihren Weg in die Freiheit erkämpft. Caius erkannte, dass sie grüne Augen und ein, für einen Menschen, recht feines Gesicht besaß. Er befand, dass sie eines Tages eine sehr beeindruckende Frau werden würde.

Sie stimmte mit der Laute eine einfache Melodie an. Die zarten Töne erklangen erst zögerlich, doch dann immer bestimmter. Als sie zu singen begann, geschah etwas Unglaubliches. Für wenige Augenblicke sah und hörte man Franchesca auf der Bühne spielen und singen, dann aber änderte sich das Bild allmählich. Franchesca war verschwunden.

Bunte Farben schossen durch den ganzen Raum, um sich dann zu einem Regenbogen vereinen. Nun war ein Fluss zu sehen, der in einem tosenden Wasserfall endete. Aus dem wild sprudelnden Wasser heraus galoppierten Pferde, die von mysteriös wirkenden Männern und Frauen geritten wurden. Caius hatte für einen Moment den dringenden Wunsch auszuweichen, denn die Pferde schienen direkt auf ihn zu zukommen. Wenige Zentimeter vor ihm lösten sie sich in Luft auf.

Noch einmal veränderte sich die Szenerie. Ein Liebespaar saß, sich küssend, eng aneinander geschlungen auf einer Blumenwiese. Ein starker Wind kam auf, die Blütenblätter wurden von den Blumenköpfen gerissen und umspielten nun das Paar, umhüllten es letztendlich vollständig, bis es gänzlich verschwunden war. Dann wurde es dunkel und Franchesca, die ihre Laute wieder sinken ließ, trat aus der Dunkelheit heraus.

Es folgte eine absolute Stille, die jedoch bald von einem inbrünstigen Applaus abgelöst wurde. Franchesca lächelte, verbeugte sich tief und schritt wieder von der Bühne. Damit war die Vorstellung vorbei.

Caius war mehr als beeindruckt. Diese Entdeckung konnte er nicht für sich behalten!
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