Arachnoid / Schuldgefühle

von wini
KurzgeschichteDrama / P12
13.11.2011
13.11.2011
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Hier agiere ich wieder als Mittler zwischen der Autorin (meiner Mum) und euch. Wenn euch Stil und Story gefallen, kann ich auch noch mehr ausgraben XD
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Schuldgefühle

Ninat führte sie in Richtung der hinteren Säulen des Kelutral. Neytiri sah ihn schon von Weitem, Ninat brauchte gar nichts zu sagen.
Jake lehnte in einer seltsamen Stellung sitzend an einer der Säulen. Er schien ihr Näherkommen nicht zu bemerken. Als taronyu waren die Sinne so geschult, dass man auch im Heimatbaum das Näherkommen eines Anderen wahrnahm. Er reagierte auch nicht, als sie direkt neben ihm stand.
Neytiri ging in die Hocke, er reagierte immer noch nicht, starrte vor sich hin. Jake gefiel ihr in letzter Zeit überhaupt nicht. Er war in sich gekehrt und schweigsam, als bedrückte ihn etwas.
„Hole Mo‘at“, sagte Neytiri , aber Ninat hatte ihre Mutter wohl schon informiert. Moat ging, zu seiner anderen Seite, neben Jake in die Hocke. Erst jetzt kam eine geringe Reaktion von ihm.
„Ma Jake“, sagte Neytiri halblaut. Wie in Trance wandte er ihr den Kopf zu und es dauerte wieder einen Moment, bis sie ein Erkennen in seinen Augen sah.
„Was ist mit ihm ?“ fragte sie ihre Mutter.
Mo‘at packte Jake am Oberarm und zog ihn auf die Füße. Widerspruchslos erhob er sich.
„Komm zum Hauptfeuer“, wies sie an.
Jake folgte ihr taumelnd, es war, als nähme er seine Umwelt kaum wahr.
Nach einigen Schritten knickten ihm die Knie ein und er fiel der Länge nach zu Boden und blieb liegen.
„JAKE !“ schrie Neytiri. Er hatte nicht einmal versucht, den Sturz abzufangen !
Ihre Mutter trat zu ihnen und wies auf zwei große Schwellungen an seinem Rücken. Viele Clanmitglieder begannen sich um sie zu scharen. Jake trug die Abzeichen des Clanführers nur selten. Aber es sprach sich schnell im Kelutral herum, dass der Olo‘eyktan zusammen gebrochen war. Zwei der Krieger packten Jake an den Oberarmen und zogen ihn auf die Füße. Immerhin gelang es ihm, schwerfällig einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Mo‘at war voraus gegangen und hatte ein Fell ausgebreitet. Die Krieger ließen Jake darauf nieder. Er hatte Mühe aufrecht zu sitzen.
„Das sind Stiche vom Kali‘weya“, sagte Mo‘at besorgt. Wenn Jake schon Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten und auf seine Umgebung kaum noch reagierte, war Eile geboten.
„Hole den Saft vom Torukspxam, schnell !“ wies sie Ninat an.
Neytiri fing Jake auf, als er drohte umzukippen. „Er muss sitzen bleiben !“ sagte ihre Mutter ernst. Ninat kehrte mit zwei Schalen und einer kleinen Flasche zurück.
Mo‘at goss eine kleine Menge des fermentierten Saftes in die kleinere Schale und reichte sie Neytiri. „Er muss alles schlucken !“
Neytiri setzte die Schale Jake an die Lippen. „Trink“, sagte sie zu ihm. Den ersten Schluck im Mund und er begann zu würgen. „Schlucken !!!“ Jake schien sie zu erkennen und bemühte sich, den Saft zu trinken.
„Halte ihn gut fest“, wies Mo‘at an. Sie hatte sich hinter Jake gekniet und ihr Messer in der Hand. Ninat kam an seine andere Seite und half Neytiri, ihn aufrecht zu halten.
Als Mo‘at die erste Schwellung einschnitt, schrie Jake auf und versuchte ihr auszuweichen. Ninat und Neytiri mussten sich kräftig einstemmen, um ihn halten zu können. Das mussten wahnsinnige Schmerzen sein, sie hatte Jake noch nie derart schreien gehört.
„Nochmal“, sagte ihre Mutter und machte den Einschnitt in die zweite Schwellung. Jake schrie diesmal nicht auf, aber Neytiri merkte, wie ihm das Bewusstsein entglitt und er zusammensank.
„Haltet ihn aufrecht“, wies Mo‘at an und legte auf beide Wunden die ausgepressten Stücke des Torukspxam. Wenn Jake nicht schon ohnmächtig gewesen wäre, so würde er es nun werden.
„Wie konnte das passieren ?“ fragte Ninat ängstlich. Zwei Stiche, dabei war einer vom Kali‘weya schon gefährlich !!!
„Er ist in letzter Zeit nicht er selbst“, antwortete Neytiri leise. Eigentlich sollte sie am ehesten wissen, was mit ihm los war.
„Das werden wir bald erfahren“, sagte Mo‘at. „Er wird nicht daran sterben, aber heftige Halluzinationen bekommen.“ Sie sah ihre Tochter an, Neytiri musste herausfinden, was ihn quälte, und im Rauschzustand würde er es ihr bestimmt verraten.
Mo‘at erhob sich und holte ein weiteres Fell. Neytiri bemerkte erst jetzt, dass Jake stark geblutet hatte. Sie legten ihn auf eine Seite des Fells, Mo‘at platzierte die Stücke des Torukspxam auf seinen Wunden, drehte ihn auf den Rücken  und schlug die andere Hälfte des Fells um ihn. „Das muss so sein“, sagte sie zu Neytiri, als ihre Tochter sie erschrocken ansah.
Es kam nicht oft vor, dass sie den Stich eines Kali‘weya ausserhalb des Uniltaron zu behandeln hatte. Was es auch war, Jake war unaufmerksam gewesen. Aber was machte ihm so zu schaffen, dass er derart in Gefahr geraten konnte ???

Jake warf sich hin und her, er fieberte seit fast zwei Tagen. Und das Fieber wollte einfach nicht sinken ! Neytiri und Mo‘at wachten abwechselnd bei ihm. Auch Mo‘at begann sich langsam zu sorgen. Sie hatte alles getan: die Stichmale ausbluten lassen, den fermentierten Saft vom Torukspxam und die ausgepressten Teile auf die Wunden gelegt... Jake war bisher nicht an den Rand des Bewusstseins gekommen, dass er hätte Fragen beantworten können.

Leise hörte sie Neytiris und dann auch seine Stimme. Jake schien soweit zu Bewusstsein gekommen zu sein, um Antwort zu geben.
„Ich bin schuld...“
„Woran bist du schuld ?“
„Ich habe Tsu‘tey...“ atemlos hielt er inne, Sprechen schien Jake viel Kraft zu kosten.
„Ich habe ihn...“ Der Rest der Worte ging in einem Stöhnen unter.
„Jake“, Neytiri versuchte ihn zu beruhigen. „Er wollte, dass du sein Letzter Schatten...“
„Aber ich ... habe ihn ... getötet !!!“ Es fiel Jake schwer, den Satz zu Ende zubringen.
„Du hast ihm seinen letzten Wunsch ...“
„Mo‘at ... hätte ihn ... retten können !!!“ Heftig presste er die Worte heraus.
Mo‘at trat zu ihnen. Neytiri versuchte Jake vergeblich zu beruhigen, er wirkte wie ein gehetztes Tier. Seine Augen glänzten übermäßig, ob Neytiris Worte zu ihm durchdrangen, war fraglich.
Neytiri sah zu ihr auf. „Er glaubt, es ist seine...“
„Ich habe es gehört“, antwortete Mo‘at leise. Jake phantasierte offenbar, das Erlebte ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.
,Er ist noch so jung‘ , dachte Mo‘at , als sie ihm ein kühles Tuch auf die Stirn legte. Der Auftrag, den er erfüllen sollte, nur um zu der Erkenntnis zu kommen, dass er etwas Falsches getan hatte. Dann einen Krieg gegen seine eigene Rasse führen zu müssen, an dessen Ende er Tsu‘tey töten musste, der zu einem Freund hätte werden können.
Das alles war zu viel gewesen, hatte ihm die Aufmerksamkeit für die, doch gefährliche, Umwelt Pandoras getrübt. Jake ist nicht in diese Welt geboren, er muss alles erst lernen.

Jake ging es immer schlechter,  das Fieber war einfach nicht unter Kontrolle zu bringen.
Er muss aus diesem Schuldempfinden einen Ausweg finden!  Für Tsu‘tey der Letzte Schatten zu sein, war eine grosse Ehre und gehörte zu seinen Pflichten als Olo‘eyktan.


Neytiri schrie auf, als sie den Kali‘weya auf seiner Brust sitzen sah. Aufgeschreckt durch ihre hastige Reaktion, stach er zu.
Durch ihren Schrei waren andere Clanmitglieder aufmerksam geworden und kamen näher. Mo‘at drängte sich durch die Umstehenden und sah nur noch, wie Neytiri das Spinnentier packte und weit von sich schleuderte. Sie sah, wo es aufschlug und eilte hin, um es einzufangen. Ein Arachnoid inmitten des Kelutral, am helllichten Tag? Waren diese Tiere doch sonst sehr scheu. Wie kam dieser Arachnoid hierher ?
Mo‘at verstaute den Kali‘weya in einem Steinkrug und trat zu ihrer Tochter.
Neytiri saß weinend über Jake gebeugt. Er war durch die zwei Stiche schon sehr geschwächt, fieberte heftig und das seit einigen Tagen, nun würde er wahrscheinlich sterben.
Mo‘at schob Neytiri etwas zur Seite, das Stichmal begann sich schon zu verfärben, sie konnte nichts mehr für ihn tun.
Jake hatte bereits Mühe beim Atmen, er begann immer mehr zu keuchen. Neytiri schob ihm einen Arm unter die Schultern und richtete ihn etwas auf. Er war fast bewusstlos, bekam die Lageveränderung kaum noch mit. Neytiri schloss die Arme um ihn, das aufrechtere Sitzen schien ihm Erleichterung zu verschaffen. Mo‘at legte ihrer Tochter eine Hand auf den Kopf. Warum musste sie so leiden ?
Jakes Keuchen wurde leiser, Neytiri wimmerte leise vor sich hin, bald würde seine Atmung aussetzen.
Aus den Augenwinkeln nahm Mo‘at etwas Weißes, Schwebendes wahr - ein Atokirina schwebte heran, dann noch einer.  Als sie nach oben sah, kam es ihr vor, als sähe sie eine ganze Wolke der Waldgeister. Sanft ließ sich der erste auf Jakes Schulter nieder.
Neytiris Wimmern verstummte abrupt, als Jake die Hand hob, auf ihre legte und leise stöhnte. Atmen schien ihm weiterhin Probleme zu machen...
Mo‘at beugte sich nah über ihn, er hatte die Augen offen, aber er erkannte sie nicht. Seine Lippen formten ein Wort, wenn sie richtig gesehen hatte, war es „Tsu‘tey“.
Wenn er phantasierte und sie für Tsu‘tey hielt, war es vielleicht DIE Chance, ihn aus seinen Schuldgefühlen herauszuholen !
„Tsu‘tey, ich ... wollte dich ...“ Das Sprechen strengte ihn unheimlich an.
„Ich habe dich darum gebeten.“
„... dich ... nicht töten“, Jake keuchte, mit letzter Kraft schien er die Worte über die Lippen zu pressen.
Grob packte sie ihn im Nacken. „Skxwang“, knurrte Mo‘at. „Wolltest du mich leiden lassen ?!“
„Ich ...“
Mo‘at schüttelte ihn ziemlich grob. „Jakesulley, es war deine Pflicht als Olo‘eyktan.“
Jake sah sie an, Mo‘at war sich sicher, dass er Tsu‘tey in ihr sah. Er kämpfte um Atem, sie spürte deutlich die Anspannung in seinem Nacken, als wolle er die Zeit , die ihm noch blieb, nicht vergeuden.
„Bruder, du hast mir einen qualvollen Tod erspart“ , sagte sie nun etwas sanfter. „Beschütze das Volk“ ,forderte Mo‘at. „Du hast versprochen, den Omaticaya zu dienen ! Dann tu‘ es auch !!!“ Sie spürte wie die Spannung in seinem Nacken nachließ.
Schwerfällig und zitternd kam seine Hand nach oben, Mo‘at ergriff sie. Nur einen leichten
Händedruck konnte sie spüren, dann erschlaffte seine Hand in ihrer.
War sie zu ihm durchgedrungen ?
„Jake !“ Neytiris verzweifelter Ruf, aber Jake schien ihn nicht mehr gehört zu haben...
Sanft ließ Mo‘at ihn in die Arme ihrer Tochter sinken. Er atmete nur noch sehr flach.
Würden sie ihn verlieren ? Hatte er noch soviel Kraft, um die Wirkung des Kali‘weya Giftes zu überwinden ?
Erst jetzt bemerkte Mo‘at, dass sie vom Clan umringt wurden. Vielen liefen Tränen über das Gesicht. Würden sie ihren Olo‘eyktan sterben sehen ?
Ein vielstimmiges Raunen, ehe Mo‘at richtig verstehen konnte, was gesagt wurde. „Atokirina.“
Lautlos schwebten die Samen des heiligen Baumes auf Jake zu und ließen sich auf Stirn, Brust und Händen nieder.
Sein Atem war kaum noch hörbar, Neytiri hielt ihn umklammert, als könne sie ihn festhalten, ihm die Kraft geben, die er anscheinend nicht mehr zu haben schien...
„Sanok“, hörte sie Neytiri leise rufen.
Mo‘at beugte sich über Jake und sah, was Neytiri bemerkt hatte. Sein Atem war zwar flach, aber seine Brust hob sich regelmäßig. Er blinzelte kurzzeitig, Augen offenhalten war anscheinend zu anstrengend. Wenn er die Atmung aufrecht erhalten konnte,  bestand Hoffnung...

Einige Stunden später, Neytiri hielt ihn immer noch umklammert, kam das erste Lebenszeichen. Jake ächzte leise. „Ma Jake“ flüsterte Neytiri, während ihr Tränen über die Wangen liefen. „Hast du Schmerzen ?“
„... kriege... keine ... Luft“ antwortete er keuchend.
Mo‘at hatte die Veränderung bemerkt und stützte Jake im Nacken.
„Lass ihn los“, sagte sie zu ihrer Tochter. Neytiri lockerte ihre Umarmung widerwillig.
Ninat brachte ein großes Polster aus Moos und schob es ihm unter Kopf und Schultern.
Als Mo‘at ihn niederließ, verzog er das Gesicht und stöhnte auf.

Jake kämpfte weiterhin um Atem, das Fieber wollte einfach nicht sinken. Aber er hatte doch immer wieder kurze Wachphasen, in denen er Fragen relativ klar beantwortete. An die Fieberphantasien schien er sich nicht zu erinnern. Neytiri wich nicht von seiner Seite, sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab.

Mo‘at musste dem Volk etwas sagen, sie wollten wissen wie es um ihn stand. Aber konnte sie ihnen schon mit Bestimmtheit versprechen, dass ihr Olo‘eyktan überleben würde ?
Zwar schien sich Jakes Zustand etwas gebessert zu haben, aber er fieberte schon so lange... Sie verschob ihre Mitteilung an den Clan auf den nächsten Tag.

Im Morgengrauen wurde sie von etwas geweckt. Was das gewesen war, konnte Mo‘at im ersten Augenblick nicht genau zuordnen. Dann hörte sie leise Neytiris Stimme.
„Hast du Schmerzen ?“
„Nein“ ,Jake fiel das Augen offenhalten sichtlich schwer, aber er bemühte sich, wach zu bleiben. „ Durst.“
Neytiri sah lächelnd zu ihrer Mutter auf, dann erhob sie sich, um ihm etwas zum trinken zu holen.
Mo‘at legte ihm die Hand auf Stirn und Wangen. Jake fühlte sich nicht mehr so glühend an, das Fieber war anscheinend etwas gesunken. Erschöpft schloss er die Augen und schien unter ihrer Hand einzuschlafen. Mo‘at betrachtete ihn eine Weile, Jake war von der langen Fieberzeit gezeichnet, eingefallen Wangen, tiefe Schatten unter den Augen. Seine Gesichtszeichnung betonte diesen Eindruck noch. Sie legte ihm einen weiteren Umschlag auf das Stichmal auf seiner Brust, als Neytiri mit einer Schale zurückkehrte. Besorgt blickte sie von Jake zu ihrer Mutter.
Mo‘at schüttelte leicht lächelnd den Kopf. „Lass ihn schlafen.“
Jake ging es wirklich besser, und das würde sie dem Clan sagen können. Ihr Olo‘eyktan würde überleben...

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