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Sommerblond und Karminrot

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Azmaria Hendrique Chrno Joshua Christopher Rosette Christopher
11.11.2011
11.11.2011
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diese geschichte spielt nachdem ende des manga

„Maria, komm rein, es ist Zeit für dich ins Bett zu gehen, Liebes!“, rief ein junger blonder Mann von der Tür eines Klosters aus.
Das Gemäuer war alt und aus festen Stein gebaut. Efeu rankte sich entlang der Außenfassade und Rosenbüsche schmückten die Ränder des Gebäudes. Ihr lieblicher Duft lag in der Abendluft und versüßte ihn. Die Abenddämmerung tauchte alles in goldrotes Licht und die nahe liegende große Wiese wiegte sich sanft im Wind. Die Gräser waren hoch gewachsen und lange nicht mehr beschnitten worden.
Ein kleines Mädchen rannte durch das weiche Grün und spürte jeden einzelnen Halm auf ihrer bloßen Haut. Ein zartes weißes Kleidchen hüllte sie ein und die langen sommerblonden Haare, die wie reifes Korn glänzten, baumelten beim Laufen auf und ab. Ihre karminroten Augen strahlten und nur zu gerne kam sie der Aufforderung nach.
Die Fünfjährige lief direkt in die schon ausgebreiteten Arme.
Der Mann, der die Tracht eines Priesters trug, wirbelte sie umher und drehte sich wild im Kreis mit ihr.
Als er anhielt, holte er tief Luft.
„Nochmal, Onkel Joshua, nochmal!“, bettelte das kleine Mädchen.
Doch der Ältere schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, heute nicht mehr, kleiner Engel. Es ist spät und du gehörst eigentlich schon lange ins Bett.“
„Bitte, nur einmal noch!“, flehte sie mit ihren großen Kulleraugen.
Aber es war vergebens. Nachsichtig wuschelte der Priester ihr durch die wilde Mähne, da sich die Zöpfe gelöst hatten bei den stürmischen Bewegungen.
„Heute nicht. Aber ich erzähle dir noch eine Geschichte, in Ordnung?“, führte er als Kompromiss an.
Die Seelenspiegel des Kindes strahlten erneut und sie nickte eifrig, sodass ihre Haare noch mehr umher gewirbelt wurden.
„Ja, das ist toll. Ich mach mich schnell Bett fertig!“, sprach sie schon mit seiner Rückseite, da sie losgeeilt war, um so schnell wie möglich die Worte ihres Onkels vernehmen zu können.
Schmunzelt wandte sich Joshua ab und machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Unterwegs traf er seine Frau.
Asmaria küsste ihren Gatten flüchtig, da sie es eilig hatte, in die Spätmesse zu kommen. Aber dann drehte sie sich kurz um. „Du lässt ihr zu viel durchgehen!". Denn sie selbst hatte vor etwa einer Stunde versucht, vergeblich möchte man hinzufügen, das sture Kind rein zu holen.
Aber ihr Ehemann zuckte nur die Schultern und strich ihr charmant die schneeweißen Haare zurück. „Du bist auch nicht besser!“, raunte er ihr ins Ohr. Ein Schauer lief ihre Schultern hinab, doch sie drückte statt einer Antwort nur erneut ihre Lippen auf die Seinen.
„Ich darf das!“, war alles, was er noch verstehen konnte, als Asmaria schleunigst um die Ecke einer dicken Wand aus Backsteinen gebogen war. Sie musste sich spurten, um nicht den Anfang zu verpassen.
Joshua lachte nur laut auf und nach zwei weiteren Abbiegungen stand er vor der Tür des Zimmers, wohin er wollte.
Er öffnete sie und ein lautes Knarren war zuhören. Warum das seine Nichte nicht im geringsten störte, wusste er nicht, aber hartnäckig bestand das Mädchen darauf, das man die alten und rostigen Scharniere nicht ölen sollte. Auf Nachfragen reagierte sie nie und grinste nur geheimnisvoll.
Der Priester setzte sich auf das große gemütliche Holzbett und wartete schweigend auf die Ankunft des Kindes.
Dabei glitten seine Augen einmal mehr über den Inhalt des Raumes.
In einer Ecke stand ein altmodischer Schreibtisch mit einem kleinen Stuhl daran.
Neben diesen befanden sich vier bis an die Decke reichende Regale voller Bücher, die sich mit der Wissenschaft, den heiligen Schriften des Islam, des Christentums und anderen Religionen, der Geschichte und unzähligen weiteren Themen befassten, die für eine Fünfjährige eigentlich gänzlich ungeeignet waren. Dennoch lass die Kleine manchmal den ganzen Tag lang in diesen dicken Wälzern, die selbst ein Erwachsener kaum verstehen konnte. Die Intelligenz seiner Nichte war erschreckend, besonders wenn sie so selbstverständlich von Dingen redete, wie von der Kreuzigung Jesus Christus.
Doch in der anderen Hälfte ihres Zimmers lagen überall verstreut Spielsachen, Kuscheltiere und Bauklötze herum.
Der Raum war tatsächlich gespalten. Auf der einen Seite ein Kind und die Andere eine erwachsende Frau.
Aber heute war sie nur ein Kind. Hatte den lieben langen Tag draußen gespielt und sich nicht dazu bewegen lassen, rein zu kommen. Außer von ihm.
Die Tür wurde aufgerissen und Maria erschien in der Öffnung.
Sie hatte ihre Haare offen und trug ein blaues Nachthemdchen.
Die Kleine sah aus wie eine Fee, entsprungen aus dem Märchen mit ihren zarten Gliedern, den großen Augen und der seidenen Fülle ihrer Haare.
Zielstrebig ging sie zum Bett. Mit etwas Hilfe gelangte sie auf die weiche Matratze und kuschelte sich anschließend in ihre Decken ein. Gespannt schaute sie nun zu ihrem Onkel auf.
„Fängst du an!“, erklang es voller Ungeduld.
Joshua ließ sich nicht lange bitten und stieg da ein, wo er das letzte Mal aufgehört hatte mit der Geschichte. Gerade war er dabei zu schildern, wie seine Schwester etwas zu gestoßen war, als er die ruhigen und friedlichen Atemzüge des Kindes hörte.
Leise stand er auf, hauchte ihr einen Kuss auf das Haar, deckte sie noch einmal richtig zu und verließ das Zimmer.
Vor der Tür blickte er durch ein geöffnetes Fenster in den Nachthimmel, der inzwischen von tausenden von Sternen erhellt wurde.
„Sie ist dir sehr ähnlich, Rosette!“
Seine Stimme war traurig. Er vermisste seine große Schwester sehr und ihr Verlust war schrecklich gewesen.
Ein Trost war jedoch das Kind.
Die Tochter seiner Schwester Rosette und des Dämons Chrono.
Er hatte nie die Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen.

„Ich finde das nicht richtig!“, meinte ein junger Mann. Seine Augen bohrten sich in die seiner älteren Schwester, welche jedoch den Blick ohne wegzuschauen erwiderte.
„Aber es ist meine Entscheidung und ich weiß noch nicht einmal, ob er noch am Leben ist.“
Damit wandte sie sich endgültig ab von ihm und ihr Kopf schaute wieder hinaus auf die Wiese, die direkt vor dem Kloster war. Unter einem schattigen Baum war extra ein Schaukelstuhl für sie aufgestellt worden.
Der Wind wisperte leise seine lieblichen Lieder und ließ die Blätter der Bäume rauschen. Die Grillen zirpten und vereinzelt hörte man das Gezwitscher der Vögel. Friedlich und idyllisch wirkte es.
Und genau danach sehnte sich Rosette, wie Joshua wusste. Nach Ruhe und Frieden. Keine Kämpfe mehr. Nie wieder.
Sie wäre auch nicht mehr in der Lage dazu gewesen.
Zweifelnd verließ ihr jüngerer Bruder sie und gönnte ihr endlich einen Moment allein.
Ein kleiner Tritt an ihre gewölbte Bauchdecke erinnerte Rosette daran, dass sie nie allein war. Sie teilte sich ihren Körper mit einem Wesen, dass sie genauso liebte wie Chrono.
„Na, mein Kleines!“
Rosette tätschelte liebevoll ihren runden Unterleib.
„Wie geht es dir?“
Wieder spürte sie eine kleine Bewegung in ihrem Inneren.
„Das ist schön!“, meinte die werdende Mutter lächelnd.
Diesmal blieb das Baby stumm und Rosette streichelte noch einmal darüber, ehe sie ihren Blick wieder auf die Wiese richtete.
Sie sah dort ein kleines Mädchen im Gras spielen. Ab und zu blickte es von seiner Tätigkeit auf und winkte.
Rosette wusste, dass das ihre Tochter sein würde.
Es würde ihr gut gehen und sie würde glücklich sein.
Das Rosette Chrono nicht von seiner Tochter erzählen würde, hatte sie beschlossen, als sie ihr Wiedersehen vorhergesehen hatte.
Die Nonne wusste, dass sie zusammen in der Kirche, die gleich neben ihr stand, sterben würden. Sie wollte ihrem Geliebten nicht unglücklich machen, indem sie ihn einweihte. Im Himmel, davon war sie fest überzeugt, würden sie acht geben auf ihr gemeinsames Töchterchen.

Maria schlug ihre Augen wieder auf. Sie hatte nur so getan, als würde sie schlafen.
Leise schlich sie aus dem Zimmer und still wanderte sie die Gänge entlang, bis sie den Ort erreichte, an den sie hin wollte.
Mit ihren zarten kleinen Fingern strich sie über die Stelle, an der ihre Eltern gemeinsam gestorben waren.
Dann ging sie zu der großen Kreuzstatur. Einige Meter davor hielt sie inne und grinste.
„Es geht mir gut. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Mama und Papa!“
Sie warf dem Altar noch eine Kusshand zu, ehe sie wieder verschwand.
In der Stille erklang ein glückliches und befreites Lachen.
 
 
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