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Assassin

von Glimmer
MitmachgeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Aramis Athos D'Artagnan Kardinal Richelieu OC (Own Character) Porthos
02.11.2011
04.07.2012
10
18.964
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02.11.2011 2.000
 
+Kapitel 8 – Fest der Sinne+




Die schwüle Sommerluft fand ihren Weg durch das offene Fenster und die einfachen, weißen Leinenvorhänge bauschten sich, als eine nächtliche Brise durch sie hindurchfuhr, wie kühlende Finger. Mit einem unheilvollen Flackern erloschen auch die letzten Wachskerzen und ließen es zu, dass die Dunkelheit von dem kleinen Zimmer Besitz ergriff. Ein leises Scharren war von der Tür zum Hinterhof zu vernehmen, leise, kaum hörbar. Dann öffnete sie sich langsam und ein Schatten huschte hindurch. Der Schatten einer Frau. Sie war über die Dächer von Paris gekommen, wie ein Phantom, das das verräterische Mondlicht meidet und unentdeckt von Giebel zu Giebel schleicht. Niemand hatte die Frau entdeckt, nur die streunenden Katzen, wie es sie zu Dutzenden in der Stadt gab, hatten sie aus misstrauischen, glühenden Augen beobachtet, wie sie mit gebauschten Röcken und wehendem Haar, einer Katze gar nicht so unähnlich, die Dächer entlangbalanciert war, zielstrebig und geschickt, und schließlich am Gestrüpp einer Weinranke zu Boden geklettert war.
Das sanfte Rascheln der Röcke ließ sich nicht ganz verbergen, doch dies kümmerte die Frau nun nicht mehr. Sie war in ihr sicheres Quartier zurückgekehrt, spät, doch heil. Schon bevor sie den Raum betreten hatte, hatte sie bereits gewusst, dass sie allein war, die Pferde auf dem Hinterhof waren eindeutig zu ruhig gewesen. Es galt nun nur noch, eines zu tun. Die Nachricht. Wo war sie, was war sie?

Die Frau trat an den Tisch in der Mitte des Raumes. Das spärliche Mondlicht, das auf den Hof schien, reichte gerade aus, um die Schemen im Inneren erkennen zu können und mit einem berechnenden Lächeln streckte sie ihre Hand nach dem Ding, neben den erst kürzlich verloschenen Kerzen, aus. Ihre Finger schlossen sich um etwas Weiches, Federartiges, fuhren über edle Verzierungen und Erhebungen. Es war eine Maske. Eine Maske wie man sie in Paris zu prunkvollen Kostümfesten trug. Sie verstand die Nachricht sofort und ihr Lächeln wurde breiter, als sie zu der Kleidertruhe in der Ecke hinüberschritt und ein Kunstwerk aus pastelgrüner Seide herauszog.

In wenigen Stunden würde die Schwarze Gilde wieder vereint sein und sie würde von neuen Perspektiven berichten, Perspektiven, die ihr in einer kleinen Vorstadtkirche von Paris mehr als gefährlich geworden waren!

Adaliz ahnte nicht, dass alles anders kommen würde, als erwartet und sie ahnte auch nicht, welch folgenschwere Begegnungen ihr und dem Rest der Gruppe noch bevorstehen sollten…


***


Die fröhliche Musik, das Gelächter, die prächtigen, bunten Kostüme und der edle Wein – Athos wusste nicht, was schlimmer war. Allerdings wusste er, dass all diese Dinge ihm Kopfschmerzen bereiteten, wobei der Wein noch das kleinste Übel schien, um die anderen Übel zu verdrängen. Mit einem Becher desselbigen Getränks in der Hand, stand der Anführer der vier Musketiere in einer Wandnische und ließ seinen dunklen Blick, in düstere Gedanken versunken, über die königliche Festgemeinde schweifen. Der Louvre hatte sich wieder einmal in ein Tollhaus verwandelt.
Maskenball. Athos schnaubte verächtlich. Es war so typisch. Die Leute der Oberschicht waren immerzu versessen auf ein wenig kindliche, aufregende Abwechslung zu ihrem langweiligen Leben voller Verschwendung und trügerischer Etikette. König Louis und seine junge Gemahlin schienen perfekt in diese Szene zu passen, waren sie doch selbst noch beinahe Kinder…

Die finsteren Gedanken, die Athos überkamen, wenn er einen Moment lang nicht achtsam war, ließen ihn nicht los, immerzu musste er daran denken, wie sie gefallen war – gesprungen in den sicheren Tod. Einst hatte er sie mehr geliebt, als sein Leben, bis sie diese Liebe in Hass umkehrt hatte und er sich geschworen hatte sie zu finden und bezahlen zu lassen, damit er endlich Ruhe finden konnte. Er hatte sie gefunden, Milady hatte bezahlt. Doch Ruhe war nicht über Athos Gemüt gekommen. Im Gegenteil, ruheloser als je zuvor kreisten seine Gedanken wie Geier um ihr Bildnis, sein Engel aus Kristall...  

Die Musik schlug einen Tusch und mit einem Mal waren Athos Gedanken glasklar. Misstrauisch richtete er sich auf und seine Augen verengten sich, als er quer durch den Saal blickte und bestätigt sah, was er doch nicht glauben wollte.
D´Artagnan stand dort, ihm gegenüber eine Frau. Die beiden unterhielten sich angeregt, hin und wieder lachte sie. Das wäre an sich nicht ungewöhnlich gewesen, hätte Athos ihre Gestalt nicht sofort mit einer Erinnerung identifiziert – eine Erinnerung, die noch nicht lange zurücklag. Die kleine, zarte Frau trug eine golden verzierte Maske, die die Hälfte ihres Gesichtes verdeckte und das prächtige, meerblaue Kleid umschloss ihren Körper, wie eine verführerische Hülle und betonte das rotbraune, lockige Haar, das an den Schläfen zu zwei wirren Knoten hochgesteckt war. Ohne Zweifel, dort drüben stand „Susan“, die Kaufmannstochter, die sie vor wenigen Tagen aus dem Meer gefischt hatten. Athos unheilvolle Ahnung hatte ihn also nicht getrogen, etwas stimmte hier nicht. Der Blick seiner dunklen Augen glitt suchend über die Menge, hielt Ausschau nach einer bestimmten Person. „Alexine“ konnte nicht weit sein und es interessierte Athos enorm, was sie wohl im Schilde führen mochte. Denn dass die angeblichen Kaufmannstöchter etwas im Schilde führten war offensichtlich.
Doch nein, nirgendwo erspähte er den schmutzig blonden Haarschopf, oder die aufrechte Gestalt, nach der er suchte. Hatte er sich getäuscht? Noch einmal schweifte sein Blick zurück zu D´Artagnan…
Ungläubig blinzelte er. Das war doch – wie konnte das sein? Eben noch war die Frau bei seinem jungen Freund gestanden und nun war sie wie vom Erdboden verschluckt!


***


Camille hätte sich Ohrfeigen können! Einzig und allein ihre Maske hatte ein verräterisches Erkennen verhindern können. Von hinten hatte der junge Herr sie partout nicht an diesen D´Artagnan erinnert! Trotzdem hätte sie sich vergewissern müssen, das wusste sie. Mit verstellter Stimme und ein paar Scherzen hatte sie sich geschwind wieder aus der Situation herauswinden können, doch sie hoffte inständig, dass ihm nicht doch noch einfiel, wer sie war.
  „Lorine!“, zischte sie der Schwarzhaarigen zu, als sie diese nach einigem Suchen erreichte. „Wir haben ein Problem, du wirst nicht glauben, wer – „
  „Die Musketiere sind hier. Ich weiß, ich habe ihn auch gesehen. Die anderen dürften nicht weit sein.“, schnitt ihr Lorine das Wort ab, gab sich jedoch nicht die Blöße, Unruhe zu zeigen.
Plötzlich schien die fröhlich bunte Menge ein drohender Wald aus Argusaugen zu werden, doch Camille hielt ihre einsetzende Nervosität im Zaum. Maskenball, es war ihnen wie die perfekte Gelegenheit erschienen, um Informationen über Adaliz Verbleib zu erhalten. Wo konnten sie außerdem einen besseren Eindruck der neumodischen pariser Gesellschaft bekommen, als hier? Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt auf die Musketiere des Königs zu treffen, das hatten sie wahrlich nicht erwartet. Auf Bällen wie diesen waren die berühmten Retter Frankreichs sicherlich gern gesehene Gäste, doch momentan deutete alles auf einen bevorstehenden Krieg zweiter Weltimperien hin. Wieso befanden sie sich hier und nicht im Außendienst?

  „Glaubst du Louise hat schon etwas herausgefunden?“, fragte Camille leise und endlich wandte sich Lorine von der Menge ab und nagelte Camilles Blick wie üblich fest. Die Kleinere kümmerte das so wenig wie immer.
  „Ich hoffe es jedenfalls. Wir können uns keine Zeitverschwendung leisten. Möglicherweis ist Adaliz etwas zugesto – “ Lorine brach mitten im Wort ab und ihre grauen Augen richteten sich auf etwas hinter Camille – auf jemanden.
  „Mademoiselle, ihr habt etwas verloren.“ Camille erstarrte und drehte sich langsam um. Sie betete inständig, ihre Federmaske möge nicht verrutschen. „Einer so schönen Dame, wie ihr es seid, sollte auch eine Rose gehören.“
  „Habt vielen Dank, Monsieur.“ Sie nahm die Blume entgegen und D´Artagnan lächelte sie an.
  „Wie wäre es mit einem Finderlohn?“, meinte er keck.
  „Was fordert der Finder denn?“, ging Camille darauf ein und legte den Kopf schief. Sie musste schon zugeben, dass er ihr gefiel, auch wenn sie wusste, dass dieses Spielchen schnell riskant werden konnte.
  „Nun, ein Tanz wäre für den Anfang angemessen.“
  „Ihr riskiert vorlaute Worte, mein Herr. Lässt sich die Damenwelt sonst so leicht von euch um den Finger wickeln?“
  „Sie tendiert dazu, aber es wäre mir eine Ehre, mit euch zu tanzen.“ Er verbeugte sich frech vor ihr und sein mahagonibraunes, schulterlanges Haar fiel ihm in die Stirn. Camille knickste spöttisch, jedoch ein wenig geschmeichelt und ließ sich auf die Tanzfläche führen.
Lorine verdrehte die Augen und behielt ihre Gefährtin mit steinernem Blick und verschränkten Armen im Visier. Sie hoffte für Camille, dass sie wenigstens etwas Nützliches aus ihrem Verehrer herausbekommen würde, ansonsten konnte sie hier wirklich alles alleine machen. Für den Moment allerdings genügte es ihr schon, wenn Camille nicht enttarnt wurde. Nun konnte Lorine nur noch hoffen, dass der Rest der Musketiere genauso ahnungslos war…


***


In der Zwischenzeit hatte Athos seinen Kelch erneut gefüllt und versuchte nicht mehr, seinen sentimentalen Gedankengängen zu entkommen. Er musste nun einmal akzeptieren, dass diese ein Teil von ihm waren, bedauerlich, doch unumstritten. Wenigstens schienen sich die anderen zu amüsieren. Ein Fest, warum auch nicht, war schließlich dazu da, um genau das zu tun, was Männer tun sollten, die sich nicht gerade im Kampf befanden. Er konnte es seinen Freunden nicht verübeln. D´Artagnan war wohl irgendwo in der tanzenden Menge. Aramis würde wohl wieder seiner neuesten Eroberung nachgehen und Porthos – wo war Porthos?

Als er dessen große, breitschultrige Gestalt entdeckte nahm Athos erheitert einen weiteren Schluck Wein.

Die Szene wirkte ein wenig seltsam. Sein sonst so selbstbewusst prahlender Freund stand neben einer Frau mit dunkelblauer Federmaske und silbergrauem Kleid, deren Augen wie aus Stein schienen. Hart und berechnend beobachtete sie die Tanzfläche. Athos bemerkte zu seinem Amüsement, wie der große Porthos an seiner Kleidung herumzupfte und ständig zu der ihm offenbar noch unbekannten Dame hinüberlinste, die Arme jedoch ebenfalls vor der Brust verschränkt hatte, ganz so als wolle er, den Schein wahren, immer noch Herr der Lage zu sein.
Sie standen nicht weit von ihm entfernt, sodass Athos hören konnte, was sie sagten. Offenbar hatte die dunkelhaarige Frau zuvor etwas geäußert, das es tatsächlich fertiggebracht hatte, Porthos vor den Kopf zu stoßen. Warum stand dieser denn dann noch hier? Athos sollte es sogleich erfahren…


***


Aramis grinste, während die weichen Lippen der Frau sich gegen seine drückten. Verlangend, doch immer wieder zurückweichend, lockend, als spielte sie mit ihm. Nur zu gern ließ er sich auf dieses Spiel ein, genoss das Gefühl der verführerischen Ungewissheit, das  sie beide umfing. Denn er selbst, sowie auch die ihm unbekannte Dame trugen Masken. Was wäre schon ein Maskenball ohne jene gewesen? Der halbe Spaß war schließlich das Versteckspiel, die erregende Spannung und die verboten wirkende Geheimnistuerei, die ihn für die Frauen umso attraktiver machte.

Aramis vergrub beide Hände in ihrem duftenden Haar und zog sie näher zu sich, während ihre Küsse immer heftiger wurden. Der dunkle Gang, in den sie sich zurückgezogen hatten, war menschenleer und die Wandnische, in der sie sich eng aneinanderdrängten bot gerade genug Platz für zwei Personen.
Seine mysteriöse Bekanntschaft sah einfach hinreißend aus, in dem purpurfarbenen Kleid, das sie trug, doch es waren die Augen, die ihn in ihren Bann zogen und ihn genauso anzogen, wie irritierten. Wo hatte er diese Augen nur schon einmal gesehen?
Sie stöhnte leise, als er sich beinahe in ihrem Hals verbiss und auch er konnte es kaum mehr erwarten. Obwohl keiner der beiden wusste, wer der jeweils andere eigentlich war, waren sie doch vom ersten Moment an voneinander fasziniert gewesen und es dauerte auch nicht lange, bis sie sich – immer noch ineinander verschlungen - in einem prächtig ausgestatteten Raum wiederfanden. Es wirkte wie ein Arbeitszimmer…
Es war ein Arbeitszimmer.
Das Arbeitszimmer von Kardinal Richelieu.

  „Was machen wir, wenn er plötzlich hereinkommt?“, flüsterte ihm die Frau aufgeregt zu, schien ein wenig in sich hineinzulachen und doch konnte sie nicht die Finger von ihm lassen. Aramis hob ihr Kinn mit der Hand an und fuhr mit dem Daumen über ihre Unterlippe.
  „Wenn er mitzumachen begehrt, müsste ich ihn leider zurückweisen.“, raunte er ihr zu und ein sanfter Kuss streifte ihre Lippen. Sie kicherte und zog ihn näher zu sich, seine Hände gingen auf Wanderschaft, erneut stöhnte sie auf.
Und dann hörten sie plötzlich Schritte auf dem Gang, vor der Tür, Schritte voller Ungeduld und unterdrückter Wut…
Kardinal Richelieu kehrte von den Festlichkeiten zurück.
Wie versteinert standen Aramis und Louise vor dem eichenen Schreibtisch, als der Türknauf mit einem Ruck umgedreht wurde…
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