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Assassin

von Glimmer
MitmachgeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12
Aramis Athos D'Artagnan Kardinal Richelieu OC (Own Character) Porthos
02.11.2011
04.07.2012
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02.11.2011 2.286
 
+Prolog+


Eine unheimliche Stille hatte sich über die Wipfel der Bäume gelegt. Kein Vogelschrei, kein Rascheln, kein Knacken. Nichts. Nur das stumme Atmen der Männer und gelegentlich das leise Klirren eines Degens, der zurechtgerückt oder umklammert wurde, war zu vernehmen.
Die allabendliche Dunkelheit hatte bereits von den Wäldern bei Dover Besitz ergriffen. Nicht einmal die Sterne erhellten die Lichtung, aber die Truppen mussten nehmen, was sie bekommen konnten. Nebel zog auf, doch noch war er nichts als ein Hauch, der über das taunasse Gras strich, wie eine leise Vorahnung.

Sie harrten aus. Warteten.Doch worauf sie warteten, das wussten sie nicht.

Die Soldaten fühlten die Anspannung, spürten die gefasste Furcht, die um sich griff wie ein flüchtiges Gespenst, das sie mit seinem kalten Atem streifte. Dasselbe Gefühl, als warteten sie auf den Beginn einer Schlacht, bei der ungewiss war, aus welcher Richtung der Feind angreifen würde, lag in der kalten Nachtluft, die die Männer in ihren Harnischen zittern ließ. Vernebelte ihnen die Sinne und ließ sie doch so gestochen scharf die Anwesenheit des jeweils anderen spüren.

Ungewissheit ist wie ein schleichendes, lähmendes Gift, das sich zuerst unerkannt doch langsam und unaufhörlich dem Unterbewusstsein bemächtigt und jegliches Gefühl der Erwartung bis aufs Skurrilste anfacht. Als Kommandeur einer vierzig Mann starken Abordnung seiner Truppen hätte Lord Barrington dies eigentlich in Betracht ziehen sollen. Doch Lord Barrington war ein stolzer Mann, ein sturer Mann, der der Meinung war, er sei unter Garantie einer der schlauesten Köpfe Britanniens. Ein Lord, der sich nicht gerne Ratschläge erteilen ließ, schon gar keine vernünftigen, nicht  einmal von seinem engsten Getreuen.
 
„Seid ihr sicher, dass sie kommt, Mylord?“, fragte Sir Ragend zum wiederholten Male und konnte den Drang sich nervös umzusehen, abermals nicht unterdrücken. „Die Männer werden unruhig.“
 
„Die Bedingung der schwarzen Dame war eindeutig, Ragend.“, erwiderte seine Lordschaft ungehalten und machte sich nicht die Mühe, einen Blick zurückzuwerfen. „Ihr oblag die Wahl des Übergabeortes und ich war mit dieser Wahl einverstanden, wenn ihr euch recht erinnert.“, fügte er harscher hinzu und Ragend schloss widerwillig den Mund. Seine wässrigen, blauen Augen huschten beunruhigt am Waldrand entlang. Seine Sinne waren gespannter als die Sehne eines Bogens und er atmete im Gleichtakt mit den Soldaten hinter ihm.
Wäre es nur nicht so still gewesen!

Er wusste nicht, wie lange sie schon hier standen und warteten, ohne dass etwas geschehen war. Niemand war aufgetaucht, der Waldrand war immer noch so leer wie zuvor.

Doch halt!

Die Soldaten spürten die Anwesenheit einer weiteren Person, noch bevor sie sie zwischen den Bäumen ausmachen konnten. Lautlos und beinahe unsichtbar in ihrem tiefschwarzen Kapuzenumhang trat sie aus den Schatten des nächtlichen Waldes. Langsam, ruhig, ohne jegliche Eile.

Die Männer spannten unwillkürlich ihre Muskeln an, bereit anzugreifen, bereit sich zu verteidigen, gegen wen oder was auch immer…
 
„Ihr kommt spät.“, stellte Lord Barrington missbilligend fest und tat seinem Ärger darüber durch eine abfällige Miene kund. Er verzog seinen Spitzbart und rümpfte die Nase. Doch die dunkle Gestalt ließ sich nicht beeindrucken. Der feine Mund, der unter der ausladenden Kapuze hervorlugte verzog sich zu einem Lächeln.
 
„Keiner Sorge, Mylord, ich sagte, ich beschaffe euch die Juwelen und ich stehe zu meinem Wort.“
Ihre zarte Hand zog einen kleinen, samtenen Beutel aus dem Umhang. Hielt ihn sanft in der Schwebe. Auffordernd, provozierend.
 
„Ihr habt den versprochenen Lohn.“, sprach die Frau und er wusste, dass dies keine Frage gewesen war. Der Klang ihrer Stimme wirkte beinahe hypnotisierend, seltsam angenehm, einlullend. Doch es war die Stimme einer Schlange. Genau wie das Lächeln, das zu wissen schien, was sie nicht wussten.

Barrington zog abfällig einen vollen Lederbeutel aus seinem Wams und warf ihn ihr vor die Füße. Es klimperte.
 
„Hier.“

Doch sie bückte sich nicht, hob ihn nicht auf. Immer noch stand sie da, wie zuvor, hielt die Diamanten mit einer eleganten Geste weg von ihrem verhüllten Körper. Immer noch lächelte der Mund.

Sir Ragend schluckte merklich und warf seinem Herrn einen nervösen Blick zu. Seine Sinne schrien Alarm, sein Verstand sagte ihm unaufhörlich, dass sie sich so schnell wie möglich vom Acker machen sollten. Abhauen wäre die beste Alternative um das hier zu überleben - solange sie noch abhauen konnten.Diese Frau war ihm nicht geheuer. Nein, schlimmer noch, sie machte ihm Angst. Die völlige Regungslosigkeit der verhüllten Gestalt ließ ihn schaudern und die Tatsache, dass man nichts außer ihr Kinn und den spöttischen Mund unter der Kapuze erahnen konnte, beunruhigte ihn zutiefst.

Die Augen sagten eine Menge über einen Menschen aus, waren ein Spiegel der Seele. Und das wusste selbst er, William Ragend, der unbedeutende Sohn eines einfachen Landadeligen.
Was würden ihre Augen wohl sagen?
Er schauderte.
Sann sie nicht längst darauf, sie alle zu meucheln, sie mit ihrer falschen Schlangenzunge zischend ins Grab zu bringen, ihre Lebensgeister aufzusaugen, um dann mit einem heimtückischen Lächeln an den Pforten zur Hölle auf sie zu warten?

Selbst die Männer, diese großen, bulligen Haudegen hinter ihm und Barrington, vermochten Ragend mit ihrer Anwesenheit nicht zu beruhigen.

Immer noch herrschte Totenstille. Der Wald schien erstarrt.

Ein Tier gehorchte seinen Instinkten um zu überleben.
Und was taten sie? Standen hier und setzten ihr Leben aufs Spiel für einen Beutel Edelsteine! Einen Beutel Juwelen! Das schien ihm ein zu hoher Preis zu sein! Ein viel zu hoher Preis!

Das schreckliche Gefühl der Panik wurde von Sekunde zu Sekunde stärker und auch wenn keiner der Männer die Augen der schwarzen Dame sehen konnte, wussten sie alle: Sie sah die ihren, spürte die mühsam verborgene Angst in den Seelenspiegeln dieser tapferen, unerschrockenen Männer, spielte mit dieser Angst, ließ sie daran zugrunde gehen.

„Ihr zögert, Mylord?“, sprach sie und Ragend schauderte erneut.
Barrington schien sichtlich dem Unmut zuzusprechen. Er zögerte. Auch er traute ihr nicht, auch er fürchtete insgeheim den Blick der schwarzen Dame.
 
„Ragend, bringt mir den Beutel!“, befahl der Lord ohne die Augen von der Gestalt wenige Meter vor ihm zu nehmen und gab dem Mann neben ihm einen Wink.

Ragend blieb fast das Herz stehen und eiskalte Panik brach sich unaufhaltsam Bahn, hinderte seine Gliedmaßen daran, sich zu bewegen, erstickte jeden Gedanken an Flucht im Keim.

Ein Stoß beförderte ihn einige Schritte auf die Frau zu. Langsam, wie in Trance setzte er einen Fuß vor den anderen, die wässrig blauen Augen immerzu auf den Juwelenbeutel geheftet. Ihm würde nichts geschehen, gegen vierzig Mann konnte sie nichts ausrichten. Sie konnte ihm nichts tun. Sie durfte ihm nichts tun!

Die Dame zog die Hand zurück und Sir Ragend konnte nicht anders, er musste sie ansehen. Langsam nahm sie die Kapuze ab, der Diamantenbeutel war aus seinen Gedanken verschwunden, er sah sie nur an, gefangen von ihren grünen Augen, die von grauem Schimmer durchzogen waren und die ein dichter Wimpernkranz umgab. Sie waren schmal diese Augen eindringlich und faszinierend. Er sah nur mehr ihre Augen, achtete nicht auf das schmutzige Blond ihres Haares, das zu einem hohen Zopf gebunden in ihre Kapuze fiel, nicht auf die edlen Züge ihres blassen Gesichts. Adaliz

Und als sie erneut sprach, versank alles andere um ihn herum in einem grauen Nichts. Immer tiefer wurde ihre Stimme, er konzentrierte sich so angestrengt er konnte um zu verstehen, was sie sagte, hörte es, speicherte es, würde es tun.

Nimm deinen Degen sagte sie, und beende was ich angefangen habe, sagte sie. Tu es sagte sie und er tat es.

Vierzig Mann zogen hellauf entsetzt ihre Waffen, als Sir Ragend sich selbst den Degen in die Brust rammte und röchelnd zu Boden ging.

„Hinterhältiges Teufelsweib!“, brüllte Lord Barrington wie von Sinnen. Der erste seiner Soldaten ging in die Knie und umklammerte mit verdrehten Augen einen winzigen Pfeil, der in seinem Nacken steckte, der nächste war tot, bevor er den Boden berührte.

Eine zweite Frau, ebenso vermummt wie die erste, doch bedeutend kleiner und zarter schlug ihre Kapuze zurück und entblößte rotbraune Locken, die an den Seiten ihres Kopfes zu jeweils einem eigenen wirren Knoten hochgesteckt waren. Camille

Ihre hellen, grünen Augen funkelten, als sie geschmeidig von einem Fels sprang und erneut das Blasrohr an die Lippen setzte. In Sekundenschnelle lagen drei weitere Männer mit dem Gesicht nach unten im taufeuchten Gras.

Auge in Auge stand Barrington der blonden Frau gegenüber. Blitzschnell holte er aus und schlug zu.
Stahl traf auf Stahl.
 
„Ihr seid entweder sehr mutig oder sehr dumm, mein Herr.“  grinste Adaliz und machte einen eleganten Ausfall. Barrington schnaufte und parierte heftig. Stahl blitzte auf. Fuhr durch die Luft, während sie umeinander wirbelten, in tödlichem Tanz. Stoß, Riposte, Rimesse, Finte, Coupé, Parade. Er war stark, doch sie war schnell.

Sie spielte und er wusste, dass sie spielte.
Der Schweiß brach ihm aus.

Um ihn herum fielen seine Männer wie die Fliegen unter den Doppelklingen einer dritten schwarzgewandeten Frau, die so plötzlich unter ihnen aufgetaucht war, dass die ersten fünf Soldaten gar nicht realisierten, durch wen sie fielen. Ihr rabenschwarzer Zopf peitschte hinter ihr her, wie eine zornige Kobra, während sie gegen drei Männer bestand, die sie unaufhaltsam zurückzudrängen schienen.  Die gebogenen Enden ihrer leichten Klingen rissen dem ihr am nächsten stehenden plötzlich die Waffe aus der Hand und schleuderten den Degen gegen einen Baum. Der Mann fiel und ein zweiter folgte.

Ein Schuss durchbrach plötzlich die Lichtung, donnernd wie Kanonensalut. Eine Pistolenkugel raste auf sie zu, doch die grazile, fast magere Frau wich geschickt und in einer einzigen Bewegung aus. Lorine

Eine Degenspitze bohrte sich von hinten durch seinen Brustkorb. Der Schütze war beseitigt.

„Bonne nuit!“, sprach Lorine bevor sie weiterlief, zu dem toten Mann und nickte der vierten schwarzen Dame anerkennend zu, welche das Nicken erwiderte und ihre Klinge ruckartig aus dem Gefallenen zog.
Mit einem kämpferischen Ausruf stürzte diese sich auf eine weitere Soldatengruppe, die wohl gedacht hatte, sie könne sie umzingeln.
 
„Falsch gedacht!“, knurrte die Frau und legte einen schnellen Ausfall hin. Dabei rutschte ihr die Kapuze herunter und weiche, haselnussbraune Wellen ergossen sich bis zu ihren Schultern. Louise

"Bald kann euch euer Lord schöne Grüße aus der Hölle bestellen, ihr elendes Verliererpack!“, meinte sie und tatsächlich blickten einige von ihnen schnell zur Mitte der Lichtung, wo Barrington immer noch gegen die blonde Frau focht. Diese Sekunde der Unsicherheit mussten sie allerdings durch einen Streich mit Louises Degen bezahlen. Eine teuer erkaufte Sekunde.

„Bei dir tut´s mir ja fast leid, irgendwie zu hübsch zum Sterben, hm?“, wandte sie ein, während sie mit einem jungen Burschen die Klingen kreuzte. Er knurrte und machte drohend eine Parade.
 
„Falsche Antwort.“, grinste sie und durchbohrte ihn ohne mit der Wimper zu zucken.

Adaliz hob lässig den ledernen Geldbeutel vom Boden auf und ließ ihn in ihrem Umhang verschwinden.

„Ihr wart ein guter Kämpfer, John Barrington, doch leider nicht gut genug für mich.“, ihre kühle Stimme, die bei diesen Worten einen Hauch der Ironie innehatte, hatte längst wieder ihre normale Klangfarbe erreicht. Hypnose  war ein anstrengender Zustand, gefährlich und äußerst nützlich, doch anstrengend.

Die letzten Männer gingen zu Boden. Die Arbeit der schwarzen Gilde war getan.

Sie waren nur zu viert, doch sie schienen überall gleichzeitig zu sein.

Adaliz lächelte. Täuschung und Illusion waren oftmals wertvollere Verbündete als Degen und Rapier, öfter, als so manch ein anderer Taktiker vermutet hätte.

Nach nur zehn Minuten war das Gefecht bereits vorbei gewesen.
Vier gegen Vierzig. Wenn sie es recht bedachte, war es ein vergleichsweise ruhiger Tag gewesen.

Die kleine Camille pustete sich eine Haarlocke aus dem sommersprossigen Gesicht und stieß einen von Barringtons am Boden liegenden Leuten mit dem Fuß an.

„Finie*!“, meinte sie und ein vergnügtes Lächeln zeichnete sich auf ihren Zügen ab.

Louise, deren weibliche Formen ihr schon so manchen Vorteil verschafft hatten, kam ebenfalls zu ihnen herüber, während sie einige eisernen Wurfsterne in ihren Stiefelschäften verschwinden ließ.

„Merci beaucoup, Mylord!“, mit einer eleganten Geste griff Adaliz sich den Juwelenbeutel ebenfalls und zog Barrington beiläufig seinen Siegelring vom Finger.

„Lord Buckingham wird zufrieden sein.“, sagte Lorine, die sich lautlos genähert hatte, mit ihrer üblichen emotionslosen Stimme und ihre großen, grauen Augen verengten sich wie so oft zu Schlitzen.

„Das wird er wohl müssen. Wieso paktiert dieser Narr Barrington auch mit den Franzosen? Er hätte wissen können, dass Buckingham seine Spione hat.“, meinte Louise unverblümt und verschränkte mit selbstgefälliger Miene die Arme vor der Brust.

„Es ist Glück für uns, dass er das getan hat. Denn was haben wir nun? Einen Beutel voll mit Diamanten, Barringtons Entlohnung für ihren Diebstahl aus dem Tower, Buckinghams Entlohnung für Barringtons Beseitigung und das Beste: Der Ring in Kombination mit  Barringtons Schiffspapieren und einigen gefälschten Dokumenten, dürfte uns die problemlose Überfahrt nach Frankreich ermöglichen, mesdames.“
Adaliz schien ebenfalls sehr zufrieden.

„Zurück nach Hause!“, seufzte Camille lächelnd und setzte sich ihre schwarze Kapuze wieder auf.

Louise und Lorine folgten ihrem Beispiel und wandten sich dem nächtlichen Wald zu. Der Nebel kroch inzwischen dichter an ihren Füßen hoch, wartete auf eine Gelegenheit sie zu verschlucken. Diese Gelegenheit würde jedoch ausbleiben.

Mit einem letzten verächtlichen Blick auf Lord Barrington, verbarg auch die letzte schwarze Dame ihr Antlitz und schritt mit den anderen auf das Dickicht der Bäume zu, das sie wenige Sekunden darauf lautlos verschluckte.

Nichts zeugte von der eben begangenen Tat, nichts außer vierzig Männer, die keine Worte mehr finden würden um Zeugnis abzulegen.

Eine salzige Meeresbrise lag in der Luft…
Ein neuer Auftrag wartete…



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*Fertig!

A/N: Die unterstrichenen Namen im Text, da hab ich mich auf die Anfangssequenz im Film bezogen, wo die Musketiere ja auch so ähnlich vorgestellt werden.

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besonderen Dank an:


Renia für Lorine Harcourt

elSenhorita für Louise Dumont

Miyara Kojima für Adaliz Eléonore R.

Zuckermaiskeks für Camille Dupont

A/N: Adaliz Hypnosefähigkeiten sind keineswegs Superkräfte oder irgendwelche Hexerei. Nein, Hypnose funktioniert wenn man es richtig macht und durch jahrelanges Training tatsächlich. Das ist psychisch bedingt und befasst sich mit dem Bewusstseinszustand des Gehirns, ist wissenschaftlich erwiesen;)


Hoffe es fand eure Zustimmung!

eure
Glimmer
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