Schwarz mit Zucker

GeschichteHumor, Romanze / P18 Slash
31.10.2011
24.02.2012
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Schwarz mit Zucker


Der Tag konnte nur noch besser werden, dachte Buzz, als sein nächster Schritt ins Leere ging. Er versuchte zwar noch sein Gleichgewicht wieder zu erlangen, aber mit einem Stapel Ordner auf den Armen die ihm die Sicht versperrten, war das ziemlich schwer.
Er kippte nach vorne und wäre um ein Haar die Treppe hinab gestürzt, als sich plötzlich etwas von hinten um seine Brust schlang und ihn im allerletzten Moment zurück hielt.
Ein paar Schrecksekunden später sah sich Buzz nach seinem Retter um und staunte nicht schlecht, als er in ein vollkommen unbekanntes, wenn auch sympathisches Gesicht blickte.
"Alles in Ordnung?", fragte der junge Mann jetzt; seine braunen Augen wirkten besorgt.
Buzz nickte.
"Ja, zum Glück waren Sie so freundlich das Schlimmste zu verhindern. Vielen Dank."
Sein Gegenüber tat es mit einer Handbewegung ab.
"Das ist doch selbstverständlich.", meinte er.
Während Buzz den anderen betrachtete, kam ihm wieder das Meeting vom Vortag in den Sinn. Dem Teil, in dem der Vorstand von einem neuen Mitarbeiter besprochen hatte, hatte er nur halbherzig Aufmerksamkeit geschenkt.
"Lassen Sie mich raten... Sie sind die Verstärkung für das Creative Team?", mutmaßte er.
Das Gesicht seines etwas größeren Gegenübers hellte sich auf.
"Dann müssen Sie Mr. Lightyear sein, richtig?", fragte er.
Buzz nickte und reichte dem Mann eine Hand, die dieser sofort mit angenehmen Druck ergriff und schüttelte.
"Pride, Woodrow Pride. Sie wurden mir zugeteilt um mir die Einführung zu erleichtern.", informierte der Brünette mit einem gewinnenden Lächeln.
Buzz fand, dass der Vorstand ausgezeichneten Geschmack bewiesen hatte.
"Umso besser. Dann kennen wir uns ja schon mal.", sagte er. "Aber bitten nennen Sie mich Buzz. Wir sind nicht ganz so förmlich wie wir auf den ersten Blick erscheinen mögen."
Sein neuer Kollege lachte.
"In Ordnung. Wenn Sie mich Woody nennen. Das würde mir den etwas seltsamen Namensgeschmack meiner Eltern erleichtern."
"Das lässt sich einrichten.", fand Buzz und deutete mit einer ausladenden Geste Richtung Tür.
"Dann folgen Sie mir, Woody. Ich zeige Ihnen Ihren neuen Arbeitsplatz."

Innerhalb der nächsten Stunden stellte Buzz fest, dass Woody ein ausgesprochen angenehmer Mensch war. Die anfallenden Arbeiten bereiteten ihm einem erklärt keinerlei Schwierigkeiten; ganz klar, der Mann vestand sein Fach.
So konnte sich Buzz bald wieder seinen eigenen Aufgaben widmen und warf Woody, der praktisch neben ihm saß, dann und wann einen prüfenden Blick zu. Sein neuer Kollege war vertieft in seiner Arbeit und schien keinerlei weitere Hilfsstellungen zu benötigen.
Um die Mittagszeit rum streckte sich Buzz mit einem Seufzer lang in seinem Drehstuhl aus und kämmte sich die dunkelblonden Haare mit den Fingern nach hinten.
"Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht, Woody, aber ich gedenke mir jetzt einen schön starken Kaffee zu kredenzen."
Woody schmunzelte und schloss sich sofort an.
"Dagegen hätte ich nichts einzuwenden."
"Auf zu den Automaten."
Sie gingen Seite an Seite durch das Büro und den Flur entlang, tauschten sich ganz zwanglos über ihre jeweiligen Arbeiten aus und kramten Münzen für den Kaffee aus ihren Brieftaschen.
Woody erzählte gerade eine amüsante Geschichte über einen Kunden mit sehr schwachem Sinn für Rechtschreibung, während Buzz sich einen Milchkaffee zog.
Als er sich mit dem dampfenden Becher umdrehte, wäre er um ein Haar mit seinem neuen Kollegen zusammen gestoßen, was sicher recht schmerzhaft für beide geworden wäre.
Buzz hatte sehr kurz die Gelegenheit einen Hauch von Woodys Aftershave zu erhaschen, ehe dieser rasch einen Schritt zurück trat, eine Entschuldigung auf den Lippen.
Ab diesem Zeitpunkt wurden die Umstände komplizierter.
Buzz ging der zarte Geruch nicht mehr aus dem Kopf, brachte es aber nicht über sich dem anderen Mann noch einmal so nahe zu kommen. Er machte sich keinerlei Hoffnungen darüber, dass der Brünette auch nur ein wenig Interesse an ihm empfand; zu oft hatte ihn seine Intiution im Stich gelassen, sehr zu seinem Leidwesen.

Der restliche Tag verlief recht schweigsam. Jeder ging seinen Arbeiten nach.
Buzz ertappte sich hin und wieder dabei, wie er den Neuen verstohlen von der Seite betrachtete, ohne einen speziellen Grund. Es schien, als würde ihn ein gigantischer Magnet unwiderstehlich anziehen. Oder dieser Geruch, der ihm hartnäckig im Gedächtnis hing und sein Interesse nach mehr weckte.
Es ärgerte ihn, weil er dadurch nicht so schnell vorran kam wie er es gewohnt war.
Nach etwa zwei Stunden stand er mit einem genervten Seufzen auf und ging energisch Richtung Bürotür.
Er konnte Woodys fragenden Blick in seinem Rücken spüren, als er mit schnellen Schritten den Raum durchquerte.
Die Flucht half tatsächlich ein wenig; als der Blonde die Reihe Automaten im Flur passierte und auf einem der daneben angereihten Plastiksessel Platz genommen hatte, fühlte er sich ruhiger.
Die Ruhe währte nicht lange; als er aufsah, erkannte er durch die Glastür Woody, der den Gang entlaqng auf ihn zu marschiert kam. Um sich keine Blöße zu geben, stand Buzz auf und tat so, als suche er in seinen Hosentaschen nach Kleingeld, wobei er dem Schwingen der sich öffnenden Tür und den näher kommenden Schritten lauschte.
Er sah auf; der Neue blickte ihn an, mit beinahe demselben besorgten Gesichtsausdruck wie am Morgen, als er Buzz vor seinem Sturz bewahrt hatte.
"Hast du Kleingeld?", hörte der Blonde sich tonlos fragen und realisierte zu spät, dass er zum du übergegangen war.
Woody began nun seinerseits in den Taschen zu wühlen und förderte ein paar Münzen zutage, die er Buzz in die Hand drückte.
"Danke." Buzz zog sich einen Kaffee (schwarz; als ob er jemals schwarzen Kaffee gemocht hätte) und stand dann etwas verloren mit dem Plastikbecher in der Hand da.
Woody hatte bisher immer noch kein Wort verloren.
Als Buzz´ Blick dem des anderen begegnete, schien es, als würde der etwas größere Mann zusammen zucken. Als fühlte er sich ertappt.
"Buzz, ich hab S... dich doch nicht irgendwie verärgert?", fragte er dann in gemäßigter Lautstärke.
Zwei junge Frauen in kurzen Röcken gingen an ihnen vorbei, warfen ihnen neugierige Blicke zu.
Buzz war dankbar, dass er ihn duzte und schüttelte den Kopf, wartete bis die Frauen um die Ecke verschwunden waren.
"Nein, nein.", sagte er. "Ich bin nur etwas unkonzentriert. Kopfschmerzen." Es klang glaubwürdig und zu Buzz´ Erleichterung nickte Woody verständnisvoll.
"Wenn ich etwas falsch mache, kannst du es mir ganz offen sagen, ja?", bat der Brünette dann.
Buzz bejahte automatisch. Nein, Woody machte nichts falsch. Er war einfach heute Morgen hier aufgetaucht und seitdem stand Buzz ein wenig neben sich, das war alles. Nichts was man nicht wieder in den Griff kriegen würde.
Sie standen sich noch immer gegenüber und guckten sich an; Woodys Blick huschte von Buzz´ Augen zu seinen Lippen und zurück, als warte er darauf Worte zu hören und Buzz´ flackerte irgendwo knapp an Woody vorbei.
Um sich aus der merkwürdigen Situation zu retten, trank Buzz einen großen Schluck Kaffee, an dem er sich prompt die Zunge verbrannte. Er schluckte die viel zu heiße Flüssigkeit tapfer herunter und blinzelte rasch die vor Schmerz aufsteigenden Tränen weg.
"In Ordnung. Dann setz ich mich mal wieder an den Rechner.", sagte Woody endlich und gestikulierte dabei etwas übertrieben in Richtung Büro.
Buzz nickte. "Ja, mach das. Ich komme gleich nach.", entgegnete der Blonde bemüht freundlich und rang sich ein Lächeln ab, das Woody sogleich erwiederte.
Dann wandte sich der Brünette ab und Buzz war allein mit seiner taub werdenden Zunge.

Der Feierabend schwebte wohltuend dicht über dem Tag. Buzz hatte seine Aufgaben für diesen Freitag dann doch noch bewältigen können, auch wenn er sich dazu hart am Riemen hatte reißen müssen. Die letzten paar Minuten verbrachte er damit seine Tastatur mit Desinfektionsmittel zu bearbeiten, während Woody eine letzte Mail abschickte.
Buzz hätte gerne gewusst was sein neuer Kollege noch für den Abend geplant hatte hütete sich aber davor ihn danach zu fragen. Er beäugte ihn erneut aus den Augenwinkeln heraus, beinahe lauernd.
"Was hsat du heut noch vor?", hörte er sich plötzlich fragen und schlug sich in Gedanken die Faust vor die Stirn. Er vermied es den anderen anzusehen und rubbelte heftig auf der Tastatur rum.
"Ich weiß noch nicht...", erwiderte Woody unschlüssig. "Vermutlich feiere ich meinen ersten Tag im neuen Job mit einem ruhigen Abend auf der Couch." Er warf Buzz einen Blick zu. "Und du?"
Buzz vertrieb rasch das Bild das ihm in den Kopf gekommen war (Leder? Ernsthaft?) und entgegnete gelassener als er sich fühlte: "Ich denke ich mache es genauso. Nur ohne den ersten Tag."
Das brachte Woody zum Lachen und Buzz nahm sich vor, seinen Witz in Zukunft öfter wirken zu lassen.
Die Grübchen die dabei in den Wangen des Brünetten erschienen, gefielen ihm nämlich ausgesprochen gut.
Sie brachen zeitgleich auf, als hätten sie sich abgesprochen und Buzz kam nicht drumrum zu glauben, dass Woody auf ihn gewartet hatte.

Draußen war es bereits dunkel; sie standen nebeneinander vor dem Haupteingang der Agentur und warteten jeweils auf eine Reaktion des anderen.
Buzz wünschte sich plötzlich mehr als alles andere eine Zigarette, obwohl er das Rauchen vor mehr als vier Jahren aufgegeben hatte. Um sich abzulenken, holte er seinen Wagenschlüssel hervor und spielte damit.
"Tja dann...", sagte er wie jemand der gerne mehr gesagt hätte.
Woody stand in seinem halblangen Mantel da und sah ihn ab; sein Atem schwebte in sichtbaren Wölkchen vor seinem Mund in der Luft.
Buzz fragte sich im Stillen was hinter dem kastanienbraunen Haar vor sich ging und betrachtete die rötlichen Reflexe im Schein der Straßenlaterne.
"Dann... wünsch ich dir noch einen schönen Abend.", hörte er sich sagen.
"Danke, dir auch.", erwiderte Woody und machte Anstalten zu gehen.
Buzz tat es ihm gleich und wandte sich seinem Wagen zu. Als er ihn aufsperrte, konnte er sich entfernende Schritte auf dem Asphalt vernehmen. Also war Woody ohne fahrbaren Untersatz hier.
Buzz´ Mund formte die Worte ehe er darüber nachdenken konnte.
"Wenn du willst nehm ich dich ein Stück mit."
Er blickte gerade rechtzeitig auf um zu sehen, wie der Brünette stehen blieb und sich nach ihm umdrehte.
Es musste am gedämpften Licht der Straßenbeleuchtung liegen, aber Woody haftete in diesem Moment etwas Unerwartetes an, was ihn leuchten ließ.
Buzz sperrte diesen Augenblick unbewusst ganz tief in sich drinnen ein, in irgendeinen kaum betretenen Winkel. Dann war der Moment vorbei; Woody kam langsam auf ihn zu, die Lippen violett vor Kälte.
Buzz hätte sie gerne warm geküsst.
"Wenn es dir keine Umstände bereitet..."
Buzz schüttelte verneinend den Kopf.
"Ach was, Umstände. Steig ein.", erwiderte er und wartete ab, bis Woody es sich im Beifahrersitz bequem gemacht hatte.
"Danke."
Buzz nickte lächelnd. Als er anfuhr, wurde ihm die Abwesenheit von eintöniger Musik bewusst. Für gewöhnlich ließ er stets das Radio laufen, wenn er von der Arbeit nach Hause fuhr. Seltsamerweise störte ihn die Stille dieses Mal nicht. Er erkundigte sich nach Woodys Adresse und dieser nannte ihm eine Straße.
Die Fahrt war schneller zu Ende als dem Blonden lieb sein konnte; er hielt vor einem hell gestrichenen Haus und überlegte kurz, ob er den Motor abstellen sollte, entschied sich aber dagegen. Alles andere hätte komisch gewirkt.
Woody sah zu dem Haus und nickte wie zu sich selbst. Als er sich Buzz zuwandte, lächelte er liebenswert unsicher.
"Dann... vielen Dank für´s Herbringen.", sagte er schließlich.
"Kein Problem.", meinte Buzz und wenn seine Stimme sicher und routiniert klang, war es reine Schauspielerei.
"Dann sehen wir uns nächste Woche."
Buzz bejahte und fragte sich wie um Himmels Willen er das Wochenende überstehen sollte.
Für die Dauer eines Herzschlages lag Woodys Hand auf Buzz´ Schulter; dann wandte er sich ab, immer noch dieses harmlose Lächeln auf den Zügen.
Buzz blieb im Wagen sitzen, fuhr nicht an und konnte seinen Blick nicht von der hoch gewachsenen Gestalt abwenden, die jetzt in ihrer Manteltasche kramte und dabei weiter auf die Haustür zuging.
Der Brünette dreht sich nicht um (wozu auch, das zu erwarten war nun wirklich idiotisch) und war ein kurzes Hantieren später im Haus verschwunden. Und dennoch konnte Buzz nicht losfahren. Er zählte in Gedanken bis sechsundzwanzig, bevor im dritten Stock Licht anging.
Der Blonde duckte sich ein wenig hinters Lenkrad, voller Hoffnung vielleicht einen Blick auf eine Silhouette zu erhaschen, die sich dunkel vom gelben Rechteck des Fensters abhob; dann wurde ihm bewusst was er da tat und schalt sich selbst in Gedanken einen Trottel. Energisch trat er die Kupplung und fuhr los, lenkte den Wagen auf die Straße.