Shirayukihime

GeschichteDrama / P16
18.10.2011
18.10.2011
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Hm, es ist nicht wirklich X. Die FF spielt zeitlich sogar noch vor Tokyo Babylon, aber das geht nicht anders. Leichte Warnung wegen angedeuteter sexueller Gewalt. Setsuka gehört zu X und ist damit Clamps Teufeline, nicht meine. Der Rest ist reine Spekulation.

„Shirayukihime“ = „Schneewittchen“
„Tsubaki“ = „Kamelie“, weibl. Vorname

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Durch die Finger des Mannes spürt sie den Baum auf ihrer Haut. Spricht zu ihr, leise wie Wind in den Blättern, singt und flüstert davon, wie sehr er sie will, bei sich und in sich. Ein Teil von ihm.

Er hat lange gewartet, dort in seinem tiefdunklen Traum, wo sie ihm zum ersten Mal begegnet ist. In diesem Haus voller Puppen ist nur er allein lebendig. Er hat den Mann zu ihr geschickt, und er wird sie zu sich holen, wenn der Mann erst fort ist. Ein Versprechen. Immer, immer seit Mutter fort war, seit sie das Haus betreten hat, in dessen Garten der Baum ans Licht tritt, immer wollte sie zu ihm. Immer hat er ihr Liebe zugeflüstert und Blut in ihr geweckt.

Sie schließt die Augen und legt den Kopf zurück und atmet den Gesang des Baumes ein. Er schmeckt nach kommzumir, schwarz wie Nichts und schöner als die Welt. Ein Gewicht drückt sie zu Boden und der Mann, der nach Kirschblüten riecht, reibt seine Nase an ihrer Haut, wie er es schon manchmal getan hat, wenn sie nicht schnell genug war. Diesmal musste sie nicht schnell sein, denn der Baum sagt, dass es richtig ist, dass er sie jetzt zu sich holt. Wispert ihr ins Haar, wie schön sie ist. Der Mann sagt ihr, wie schön sie ist, die Frauen sagen es, dass sie schön sein wird, später, bald. Wie Mutter. Aber Mutter ist lange fort und nur der Baum ist wirklich schön. Sie will ihn in sich spüren wie in den Träumen, die er ihr schickt.

Er sagt, dass sie eins sein können. Dann. Dass sie ihm gehört. Sagt der Mann und sie schüttelt verärgert den Kopf, um seine Stimme nicht hören zu müssen. Wenn er weg ist, sagt der Baum so sanft, dass sie sich selbst einatmen hört, und der Mann wirrt seine groben Finger in ihr langes Haar.

Ob er etwas ahnt? Ob der Baum auch zu ihm spricht? Er ist nur Schatten, sagt der Baum, aber sie wird Blüten sein, sie wird ihm geben, was er will. Sie wird in ihm sein und er sie ausfüllen. Sie wird ihn atmen. Bald.

Der Mann gibt Laute von sich wie ein getretenes Tier. Hastig. Und ängstlich. Dabei gehört ihm doch das Haus, sagt die Familie, und alles, was darin ist. Durch ihn greift der Baum in ihre Kleider, zerwühlt sie, wie kein Mädchen zerwühlt sein soll. Sagen die Frauen. Aber die Frauen wissen von nichts und sie sind nicht hier – sonst könnte der Baum sie alle essen. Sie wird sie ihm schenken. Der Mann ist hier, aber er … Bald, sagt der Baum und duftet und wispert und schiebt knorrige Wurzeln unter ihre Haut, um sie zu greifen. Verwächst in ihr.

Sie schreit auf; oder ist das nur ihr Traum? Der Baum seufzt mit ihrer Stimme. In ihrem Kopf sind sie lauter als der Mann da draußen, in ihrem Kopf singen Blätter und Blüten zu ihr. Sie ist nicht mehr das Mädchen, von dem die Frauen reden, das weiß sogar der Mann mit seinen groben Fingern vor ihrem Mund. Wie sonst könnte der Baum so sehr in ihrem Innern widerhallen? In Nächten aus Blei hat sie so oft geträumt, dass der Baum sie wegholt von dem Haus, das sie hasst, weg von den Regeln, von den Stimmen, von den Frauen, die wie alte Krähen sind. Weg von dem Mann, der sie anstarrt und ihr Puppen und Blumen schenkt, immer die falschen Blumen. Nur der Baum ist endlos. Sie wird in seinem schwarzen Traum zu seinem Blütensingen für ihn tanzen, sie wird ihn rot tränken und er wird sie lieben. Er schlägt Wurzeln in ihren Adern, wächst bis in ihren Kern hinein – sie ist nie so tief gelangt, wenn sie nur von ihm geträumt hat. Zu zweit können sie blühen.

Sie keucht überrascht auf, als der Baum das Bild eines Sprösslings in ihre Gedanken schreibt, eine Knospe, nein, eine rote Blume im Schnee. Blut im kalten Nichts. Und sie begreift, wovon er spricht. Ein Kirschblütenkind. Ein kleines Mädchen aus Porzellan. Zarte, weiße Schneeprinzessin mit schwarzem Haar, märchenhafte Tochter, und Rot wird ihr zweiter Name sein.

Tsubaki, flüstert sie zur Antwort, der Name ihrer liebsten Blume. Der Mann, der nichts begreift, flüstert auch, etwas ganz anderes, Fremdes, ein bloßer Schatten, der sich sinnlos windet und stöhnt. In einem Traum auch er und bald … weit fort.

Der Baum pulsiert vor Begehren. Sie schmiegt sich enger in seinen Griff hinein und lauscht auf sein Flüstern. Kirschblütenkind, ihr Brautgeschenk. Vielleicht kein Mädchen, vielleicht ein Sohn. Ein dunkler Prinz. Ein Falke im Geäst, der reiche Beute schlägt. Mächtig wie die Sterne und das Schicksal. Sei... Sei... Oh, wie der Baum ihn lieben wird.

Sie lacht vergnügt und schmeckt doch nur die heiße Hand des Mannes auf ihrem Gesicht. Sie beißt sich unwillig durch seine Lederhaut, sie hasst es, dass der Baum ihn noch nicht aufgegeben hat. Sie will nicht teilen. Sein Aufschrei lässt sie lächeln, lächelt ihn an, der schon nicht mehr nach Kirschblüten riecht, sondern nur noch nach Verwesung. Er leckt sich wortlos die blutige Hand, beugt sich über sie, aber es ist nicht sein Schatten, der auf sie fällt. Denn der Baum steht hinter ihm.

Sie lacht hell auf, lacht über die Mühe und die Laute, die dem Mann entströmen, schließt glucksend die Augen und spürt den Baum in sich übergehen. Nur sie und er, der knorrige Zweige um den Hals des Mannes windet. Nur sie und er und das helle Schluchzen in ihrer Brust. Und das Geräusch, das ein Mann ist. Knorrige Zweige um einen zerfließenden Körper, aus dem alle Kraft weicht, schwer … und dann leicht, weil der Baum ihn an sich zieht. Verwirrter Protest – hat er wirklich gedacht, sie sei das Geschenk? Sie hasst seine Dummheit und dass er den Baum lange vor ihr berühren durfte. Sie hasst ihn und seinen Totengestank und das Gesicht, das er macht, als sie ihre Hand bis zum Ellbogen in seinem Herzen vergräbt.

Der Traum um sie herum zittert.

Der Mann ist ein ersticktes Geräusch, ein klebriges, heißes Etwas, in dessen Blut sie ihre Haut reinwäscht. Süßer, schwerer Duft von Freiheit sprudelt ihr entgegen. Sie seufzt verwundert. Sie hat nicht gewusst, dass es so … wundervoll ist. Der Baum hält ihr das Etwas hin. Zuckend, sterbend, sieht es bezaubernd aus. Sie streichelt das Gesicht des Etwas blutig – wer konnte ahnen, dass so viel Blut in einem Körper fließt? Wer konnte ahnen, wie unbeschreiblich schön es ist, im Rausch des Baumes zu verwirbeln?

Knorrige Ranken nehmen ihr das Etwas ab, heben es fort, sie sieht ihm nicht nach. Sieht auf ihre Hände. Sieht auf den Baum, der klar vor ihr steht, ohne Schleier eines fremden Traumes, ohne bald. Pulsierend schön. Sie sammelt ihren Körper ein und kriecht auf den Baum zu, drückt sich an seinen kühlen, warmen Stamm, birgt ihr Gesicht in seinem Pulsschlag. Endlich trifft sie ihn, den Wahren – nicht die Manifestation im Garten, nicht das Versprechen im Schlaf. Der Traum um sie herum wechselt sein Muster und gleicht sich ihrem Atem an. So leicht wie der Wind dreht. Wer konnte ahnen, dass es so einfach ist? Sie lacht ganz leise, stoßhaft, lacht Tränen, die nach Kirschduft schmecken und schmiegt sich an den Baum. Nur noch sie und er.

Nur noch sie und er.

Nur noch sie und er und ihr wachsendes Kirschblütenkind.

Tsubaki …

Seishirou …




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