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Liebe macht blind

von -PiK-
GeschichteHorror, Tragödie / P12 / Gen
17.10.2011
17.10.2011
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Puh, endlich zu haus. Dass mein Chef mich aber auch immer länger arbeiten lässt. Klar möchte er sehen, ob ich wirklich das Zeug dazu habe die freie Stelle in der Personalabteilung zu managen, aber es geht doch schon etwas an die Substanz. Erst mal raus aus den High-Heels. Zum Glück habe ich meinen Schatz an meiner Seite, ohne ihn würde ich das alles gar nicht schaffen. Und wie sexy er doch wieder aussieht in seinem schwarzen, eng anliegendem Pullover…

Aber was duftet denn so aus der Küche? Er kocht. Und Kerzen stehen auf dem Tisch. Wie romantisch. Ob es wohl ein besonderer Anlass ist? Ob er meine Gebete endlich erhört und mir die eine Frage stellt, auf die ich schon so lange warte? Ich kann es kaum erwarten ja zu sagen. Endlich ist der Tag gekommen auf den ich schon seit meiner Kindheit warte!

Er kommt auf mich zu. Irgendwie sieht er mich anders an als sonst. Bestimmt ist es auch ein Zeichen, dass er genauso aufgeregt ist wie ich. Wir umarmen uns kurz. Er möchte sich anscheinend den Rest für später aufbewahren. Ich werde mich dann auch besonders aufreizend für ihn anziehen, denn wenn wir heiraten, müssen wir ja auch bald die Familie vervollständigen. Unsere Kinder werden so reizend aussehen. Wir werden eine glückliche kleine Bilderbuchfamilie.

Das Essen ist fertig, wir setzten uns an den perfekt gedeckten Tisch. Früher oder später wird er zugeben, dass es doch von Vorteil ist auf Kleinigkeiten zu achten, es soll schließlich alles adrett wirken. Obwohl ich anscheinend gleich nach seinem Antrag erst einmal Staub wischen muss. Das wird er in seinen Vorbereitungen wohl vergessen haben. Ein letztes Mal verzeihe ich es ihm noch stillschweigend. Heute ist schließlich unser großer Tag.

Es gibt Muscheln an einer Weißweinsoße und gedünstetem Gemüse. Er weiß eben, dass ich auf meine Figur achte und nur das Beste zu mir nehme. Obwohl er die Muscheln anscheinend etwas zu kurz gedünstet hat. Und gespart hat er auch an ihnen. Aber auch das bekommen wir noch hin. Keine Sorge.
Wieso isst er denn nur still vor sich hin? Sein Blick ist auf den Teller gerichtet, eine Gabel folgt gleich der nächsten. Fast so, als würde er sich unwohl fühlen. Er ist auch ganz angespannt. So ein Antrag passiert eben nicht alle Tage. Wir essen weiter still vor uns hin. Ich bin dabei auf eine perfekte Haltung bedacht, schließlich möchte ich nicht irgendwann durch falsche Haltung einen krummen Rücken bekommen.

Er schaut auf, in mein Gesicht. Es ist der Zeitpunkt gekommen. Wie soll ich mich bei der Antwort verhalten? Soll ich ganz überrascht nach Luft schnappen, oder lieber gerührt einige Tränen vergießen und ein leises ‚Ja‘ hauchen? Ich entscheide mich für letzteres. Das ist angemessen. Er setzt zum Reden an, seine Lippen öffnen sich und aus seinem Mund sprudeln die Worte. „Ja!“, hauche ich.
Aber Moment, was hat er gerade gesagt? Es war nicht die alles entscheidende Frage. Es klang anders. Er sieht mich traurig an. Er habe heute das Bild unter meinem Kissen entdeckt. Ich habe es vor ein paar Tagen fertig gestellt. Eigentlich ist es eine Seite aus einem Hochzeitsmagazin, aber ich habe schon mal Fotos unserer Gesichter auf die Körper des Ehepaares geklebt. Wir schauen darauf so glücklich aus an unserem großen Tag.

Er reißt mich mit seinen Worten wieder aus meinen Gedanken. Das ist krank, sagt er. Und mit meinem Perfektionismus könne er auch nicht leben, er habe stets Angst etwas in meinen Augen Falsches zu tun und kann sich dadurch nicht frei durch die Wohnung bewegen. Es sei großzügig gewesen ihn aufzunehmen, als er sich von seiner Freundin trennte und er noch keine Wohnung hatte. Aber er ziehe morgen aus, zu einem Freund. Es sei zu viel.

Mein Kopf schwirrt.

Er hätte eine Wohnung am anderen Ende der Stadt in Aussicht, dort könne er in zwei Wochen einziehen. Und es tue ihm leid, dass ich anscheinend Gefühle für ihn aufgebaut habe, das war nicht seine Absicht. Wir waren doch immer nur Freunde.
Nur Freunde. Die Worte hallen in meinem Innersten. Aber was ist mit unserer Hochzeit? Mit unseren Kindern? Soll das alles sein? Nach allem was ich für ihn getan habe? Ich habe so lange auf ihn gewartet, ihn früher schon immer von weitem bewundert. Als diese Kuh schließlich mit ihm Schluss machte, war ich für ihn da, ich habe meine Chance gesehen und sie beim Schopfe gepackt. Unsere Chance.

Ich habe ihn bei mir aufgenommen, ihn umsorgt. Ich habe ihm richtiges Benehmen beigebracht, er soll doch überall beliebt und erfolgreich sein. Ich habe ihm sogar Kleidung geschenkt, ihm zugehört. Ich bin für ihn da, und das ist sein Dank? Er verlässt mich? Wie kann er es wagen? Er liebt mich doch, ich weiß es genau. So wie ich ihn. Ich habe ihn immer geliebt. Tu mir das nicht an, bitte geh nicht, ich flehe dich an! Wieso schiebst du mich weg und siehst mich so entsetzt an? Bleib! Zieh nicht deine Jacke an, du hast gesagt du willst erst morgen gehen. Was soll das heißen, du möchtest nicht weiter mit mir in einem Raum sein? Und ob du möchtest! Du liebst mich! Hör auf es zu bestreiten! Ich will es nicht hören.

Ich laufe durch die Küche zur Tür, schnappe die beiden Schlüsselbunde vom Haken und schließe ab. Du kannst mich nicht einfach so verlassen. Ich laufe weiter zum Fenster, öffne es, und lasse die Schlüssel in die Tiefe fallen. Die Wohnung befindet sich im achten Stock, weshalb es eine Weile dauert, bis man den Aufprall hört. Du kannst jetzt nicht mehr entkommen.
Sag dass du mich liebst, sag dass du mich willst. So wie ich dich. Mit Haut und Haaren. Du willst es auch. Ich soll das Messer fallen lassen? Dann versprich mir dass du niemals gehst. Nein? Du sollst niemals eine andere haben als mich, denk an unsere Kinder. Sie wären makellos. Denkst du wirklich ich lasse dich nach allem, was ich dir gegeben habe, einfach gehen? Damit eine andere meine makellosen Kinder bekommt? Niemals. Hör auf zu wimmern ich solle das Messer fallen lassen. Ich hatte immer nur Augen für dich. Wieso du nicht für mich? Aber das wirst du haben, glaub mir.
Es blubbert, als das Messer sich den Weg durch seine Kehle bahnt. Das Blut tropft auf den frisch gebohnerten Boden und bildet eine Lache. Seine Augen verdrehen sich nach hinten, seine Pupillen sind kaum mehr zu sehen. Er sackt in sich zusammen und liegt einfach da. Keine Zuckungen mehr, nur die Blutlache vergrößert sich. Bei einem gut behandelten Boden wie diesem kann zum Glück nichts  in irgendwelche Unebenheiten fließen. So bleibt später alles perfekt.
Ich drehe seinen Kopf zur Seite und nähere mich mit dem Messer seinen Augen an. Ich brauche etwas mehr Kraft, aber auch auf das Messer ist durch das regelmäßige Schleifen Verlass. Aus seinen Augen könnte man fast Entsetzten deuten, wenn sie noch in den Augenhöhlen wären, aber nun liegen sie neben mir auf dem Boden und stechen durch ihr Weiß mit den blauen Pupillen aus dem Rot des Blutes heraus.

Eine Stunde ist seitdem vergangen. Seinen Körper habe ich in die Badewanne hieven können, wenn er nur nicht so viel Schmutz hinterlassen hätte. Ich musste durch den Flur, die Küche und das Wohnzimmer wischen und schrubben, aber nun ist wieder alles makellos und adrett. Ich lasse mir die Muscheln schmecken, die ich noch etwas gedünstet habe. Nun sind auch sie perfekt. Außerdem habe ich eine kleine Beilage mit zugefügt. Das Blau der Pupillen macht sich gut neben dem Gemüse. Nun hat er nur noch Augen für mich. Ich stupse mit dem Messer einen Augapfel an, lasse ihn auf die Gabel rollen, öffne meinen Mund und lasse es mir schmecken, indem ich genüsslich zubeiße.
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