Altair und der Apfel

von Liskaya
OneshotHumor, Parodie / P12
Altaïr Ibn-La'Ahad Malik Al Sayf
16.10.2011
16.10.2011
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Die Festung Masyaf lag still in der Abendsonne. Nur die Wachen auf den Mauern und an den Toren waren zu sehen, sonst schien sich nirgendwo etwas zu regen. Die meisten Assassinen hatten sich ihre Kammern zurückgezogen, müde vom Training oder den Aufträgen, die sie heute erledigt hatten. Viele von ihnen putzten nun getrocknetes Blut von ihren Klingen – doch einer tat dies nicht, sein Verhalten tanzte vollkommen aus der Reihe. Leise, bedachte Schritte führten ihn die Treppen hinauf, dorthin, wo bis vor wenigen Tagen noch Al Mualim gearbeitet hatte. Der alte Meister war tot, verblutet in seinem Wahn. Und der Mann, der ihn getötet hatte, würde morgen bei Sonnenaufgang seine Nachfolge antreten.

Altairs Gedanken waren jedoch von dem, was seine Ernennung zum Oberhaupt der Bruderschaft betraf, weiter entfernt als überhaupt messbar. Seine Aufmerksamkeit galt ganz dem, was ihn nun erwartete. Morgen würde er auf dem Stuhl des Meisters Platz nehmen, dennoch hatte er schon beizeiten dafür gesorgt, dass alles nach seinen Wünschen umgeräumt wurde. Einiges war hinzugekommen, manches fehlte... wie zum Beispiel der Taubenschlag, der nun draußen neben dem Fenster an der Mauer angebracht war. Wie Al Mualim bei dem Gestank nach Taubenscheiße in Würde seiner Arbeit hatte nachgehen können war Altair immer noch völlig schleierhaft. Doch der Alte war nicht mehr da, und nur weil er sich im Laufe seines Lebens körperlich und seelisch an die Gegenwart von Exkrementen gewöhnt hatte, musste sein Nachfolger ihm dies noch lange nicht gleichtun.

Der Assassine blieb vor dem Tisch stehen, auf dem sich Karten, Notizen und allerlei anderes Zeug wie zum Beispiel die Kette eines Templers tummelten. Hin und wieder machte es ihm Spaß, das Kreuz mitzunehmen und an geeigneten Stellen andere Leute damit zu verwirren. Im Grunde war das Zeichen der Kreuzritter ja nichts weiter als zwei übereinander gelegte Holzlatten... nun gut, in weiterem Sinne war ein Galgen dies auch. Mit vorsichtigen Schritten wagte sich Altair näher an den Tisch heran, ging dann um ihn herum und fand in einer Wandnische hinter dem Bücherregal genau das, wonach er gesucht hatte. Wonach es ihn gelüstete, schon den gesamten Tag über. Ein rascher Blick über die Schulter versicherte ihm, dass er allein war, und mit einem Mal erschien ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Assassinen. Dieses wurde nur noch breiter, als er den Gegenstand vorsichtig aufhob und ihn einige Zeit lang betrachtete. Ja, solange hatte es gedauert, und nun war er endlich... sein.

Sein Schatz, wenn man es genau nahm. Altair hatte keine Kosten und Mühen gescheut um dieses DING endlich in den Händen zu halten. Für manche mochte es gewöhnlich sein, doch nein, für ihn, Altair Ibn-La'Ahad, mochte dieses kleine, runde Etwas just in diesem Augenblick der Mittelpunkt seines Universums sein! Sich ihn Gedanken mahnend, ja nicht zu übertreiben, drehte sich Altair um und trat an den Tisch heran, um das Ding in die Abendsonne zu halten. Wie wunderbar sich das goldene Licht darauf zu spiegeln schien...

Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken, er warf einen raschen Blick in den Raum und ließ sich dann zögernd auf dem Stuhl des Meisters nieder, legte seinen Schatz auf dem Tisch ab und betrachtete ihn eingehend. Wieder war er fasziniert davon, es war schon interessant, dieses kleine, runde Dingsbums. Auch wenn man ihm sicher Maßlosigkeit und allerlei andere verwerfliche Dinge vorwerfen würde, sobald er das tat, was er mit diesem Ding vorhatte...

Die Robe des Meisters würde er erst morgen tragen, heute Abend konnte er ruhig noch einmal seiner Lust nachgeben. Altair leckte sich über die Lippen bei dem Gedanken, was der Schatz für ihn bereithielt... Es war Illusion, oh ja. Manche, Al Mualim zum Beispiel, hatten mittels der Illusion gewaltige Macht erlangt... doch was war Macht im Vergleich zu Lust, dem puren Genuss? Dem Assassinen wurde es einem Moment ein wenig zu warm in seiner Robe, so schob er mit einer raschen Handbewegung die Kapuze zurück und heftete seinen Blick wieder auf das, was da so einladend vor ihm lag. Er hatte lang gewartet und sich gezügelt, doch nun würde er bekommen, wonach es ihn verlangte. Endlich, war es sein. Sein Schatz...

„Altair?“ Die leise Stimme, die plötzlich die Stille zerriss und dem Assassinen mehr als nur bekannt war, ließ ihn vom Stuhl hochschnellen und reflexartig nach dem Ding auf dem Tisch greifen, das im nächsten Moment hinter seinem Rücken verschwand.

„Ja?“, fragte er mit ein wenig rauer Stimme und musste sich räuspern, um den Schrecken darüber, dass ihn tatsächlich jemand störte, zu überspielen.

Im nächsten Moment trat Malik aus dem Schatten, blieb stehen und grüße mit dem üblichen „Friede sei mit Euch, Bruder“, was Altair nur mit einem dahin gemurmelten Gegengruß beantwortete. Malik schien sich zu wundern, warum Altair sein Gesicht nicht wie gewohnt unter der Kapuze verbarg – selbst in der Festung taten die Assassinen dies, aus reiner Gewohnheit vielleicht... oder weil es schon diverse unschöne Erlebnisse mit ankommenden Brieftauben gegeben hatte, die es wohl nach dem langen Flug von Sonstwoher oft genug nicht mehr bis zum Taubenschlag schafften. Das war mal wieder typisch für diese Viecher, bestimmt waren sie alle weiblich.

„Was willst du?“, knurrte Altair, und der Blick, mit dem er Malik nun bedachte, hätte ein ganzes Regiment Templer geschlossen an ihrer Männlichkeit zweifeln lassen können. Der Assassine legte den Kopf leicht schräg und musterte Altair mit neugierigem Blick – in diesem Moment hatte Malik nichts mehr von einem einarmigen Veteranen, sondern mehr von einem einarmigen Banditen.

„Mich plagt die Frage, was du hier so... treibst.“ Das letzte Wort hatte Malik mit einer deutlichen Betonung bedacht, und Altair wünschte sich im nächsten Moment die Kapuze seiner Robe nicht nur zurück auf seinen Kopf, sondern gleich vor sein gesamtes Gesicht. Hatte der alte Fuchs etwas bemerkt? Sicher, vor Malik blieb nichts geheim.

„Ich...“, setzte Altair an, um im nächsten Moment einen Schritt zurück zu weichen, da Malik einen nach vorn trat. Beinahe wäre er dabei über den Stuhl, auf dem er eben noch gesessen hatte, gestolpert, machte jedoch einen kleinen Schritt zur Seite und stand nun in der Abendsonne.

„Nachdenken über Morgen, hm? Was hast du denn da...?“, fragte Malik weiter, und Altair sah seine Enttarnung nahen, denn das Interesse, was nun in den Augen des anderen Assassinen zu erkennen war, konnte er unmöglich wieder ins Gegenteil verkehren. Helfen würde da wahrscheinlich nur eine Klinge oder eine Keule, doch das schickte sich nicht, schließlich waren sie Teil einer Bruderschaft, und unter Brüdern waren solche Methoden verpönt. Kreuzritter-Brüder hatten zu weil eine andere Verwendung für lange, gern auch dickere Gegenstände gefunden, und Altair musste sich beherrschen, sein Abendessen bei sich zu behalten. Mancher dachte gewiss, Masyaf sei keine Festung, sondern eher eine Art Bordell. Die reinste Blasphemie! Es gab weitaus größere Freuden als die Penetration von dem, was eigentlich nicht dafür gedacht war... zum Beispiel das, was immer noch auf ihn wartete, hinter seinem Rücken verborgen.

Altair knirschte ungeduldig mit den Zähnen. Malik trat nun noch einige Schritte näher, offenbar hatte er etwas im Gesicht des angehenden Meisters erkannt, was Altair verraten hatte.

„Zeig her, komm schon... Bruder“, meinte er lachend und streckte seine Hand nach Altair aus, der im nächsten Moment katzengleich entwischte und auf der anderen Seite des Tisches stehen blieb.

„Das... ist nicht für dich bestimmt“, setzte Altair zu einer Erklärung an, doch im nächsten Moment wurde ihm bewusst, dass dies einer der ungünstigen Sprüche war, die er hatte wählen können.

Malik war wie in dieser Hinsicht wie ein Kind: Belegte man eine Sache oder eine Tätigkeit mit einem Verbot, konnte man seinen Allerwertesten – ob nun penetriert oder nicht – darauf verwetten, dass er es trotzdem versuchte. Altair war sich sicher, dass Malik es sogar hinbekommen würde, mit einer Hand (womit auch sonst) drei Kürbisse zu jonglieren und dabei Kreuzritterlieder zu singen, würde er es ihm verbieten oder ihm davon abraten, mit der Begründung, es sei nicht für ihn bestimmt.

Und sein geschätzter Bruder schien heute gemäß dem Vorsatz „Guten Tag, ich suche Streit“ eingestellt zu sein. Ein amüsiertes Grinsen zeigte sich auf Maliks Gesicht, als er Altair folgte und sich im nächsten Moment ein kleines Katz-und-Maus Spiel um den Tisch herum entwickelte. Am Ende standen beide wieder genau dort, wo sie vor einigen Minuten begonnen hatten, und Altair, der das Gefühl hatte, ihm würde bald die Hand abfallen, versuchte es mit einem anderen Argument.

„Malik, glaubt mir, es ist nicht gut für Euch, lasst ab davon, sonst befehle ich es.“ Ein gehässiges Lachen entfuhr dem einarmigen Assassinen, und Altair glaubte seinen Augen nicht, als er ihm im nächsten Moment die Zunge herausstreckte.

„Meister bist du erst morgen, und bis dahin hast du mir rein gar nichts zu sagen... Novize.“

„Du bist ganz schön vorlaut für dein Gesicht“, knurrte Altair daraufhin, und im nächsten Moment hatte er Mühe, Malik mit einer Hand von sich wegzuhalten, mit der anderen jedoch den Schatz weiterhin vor ihm zu verbergen.

Dem anderen Assassinen ging das Ganze offenbar auf den Geist, sodass er sich eines unfairen, gemeinen und niederträchtigen Tricks bediente. Zumindest bedachte ihn Altair mit diesen und noch einigen anderen unfreundlichen Worten, als er nach einem Tritt in die Weichteile auf dem Boden zusammensank und dabei das, was er bis jetzt noch vor Malik verborgen hatte, aus seiner Hand glitt und im nächsten Moment genau in dessen Blickfeld rollte.

Malik riss die Augen auf, und ehe er etwas sagen konnte, ließ Altair seine versteckte Klinge hervorschnellen, hob den Schatz auf und hob die Spitze der Klinge drohend hoch, sodass sie fast das traf, was dem angehenden Meister so viel bedeutete.

„Was ist das?“, fragte Malik blöde.

„Was wird das wohl sein?“, äffte Altair ihn nach.

Einen Moment lang war Stille, dann begriff der Andere offenbar und hob beschwörend seine noch verbliebene Hand.

„Du kannst doch nicht... Altair, du wirst doch wohl nicht den Apfel...!“

„Doch, werde ich!“, bellte Altair zurück, „und du wirst mich nicht daran hindern! Ich werde es tun, und ich werde es genießen! Was denkst du wie lange ich auf diesen Moment warte...“

Malik schüttelte den Kopf und suchte offenbar nach Worten, um den anderen Assassinen davon abzubringen. „Du weißt nicht, was dich erwartet...“

„Große Freuden, Bruder, große Freuden, und ich werde sie nicht teilen, dessen kannst du dir gewiss sein!“

Altairs Grinsen kehrte zurück, und in seinen Augen glaubte Malik etwas von dem Wahnsinn zu erkennen, der auch Al Mualim ergriffen hatte.

„Es ist nur ein Apfel...“, setzte Malik ruhig an, doch Altairs Kopfschütteln ließ ihn verstummen.

„Nur ein Apfel! Du spinnst wohl! Ich hab mir den Arsch dafür aufgerissen, und nun nehme ich mir, was ich will! Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. So. Und jetzt sag du nochmal, ich richte mich nicht nach den Leitsätzen der Bruderschaft.“

Malik blickte deutlich verzweifelt drein, und Altair schien seine Gedanken zu erraten. „Du... willst dich dieser Sache allein stellen?“, fragte der Assassine ein wenig traurig, fast enttäuscht.

„Sicher“, gab Altair nüchtern zurück.

„Und du wirst nichts davon abgeben, was dir zuteil wird?“, hakte Malik hoffnungsvoll nach. Altair knurrte, als er Maliks Hundeblick bemerkte. So schnell konnte der Apfel noch jemanden in seinen Bann ziehen, ja, Malik hatte die Sache offenbar gewaltig unterschätzt!

„Vielleicht gebe ich dir Auskunft... meine Worte dürften für dich ausreichen. Und jetzt lass mich das hier zu Ende bringen!“ Der Assassine ließ die Klinge zurück in ihre Haltung schnippen und legte den Apfel auf den Tisch, knackte mit den Fingern und streckte dann erneut die Hand aus.

Maliks Blick folgte seinen Bewegungen, als hätte ihn jemand hypnotisiert. Schließlich hatte Altair den Apfel lange genug beäugt, nahm ihm wieder in die Hand und hob ihn hoch, als würde er im nächsten Moment eine Erleuchtung erleben. Altair öffnete den Mund und spürte im nächsten Moment genau das, was er er sich erhofft hatte. Mit einem wohligen Seufzen schloss er die Augen, und wurde sich der erstaunlichen Süße dessen, was er soeben erlebte, vollends bewusst.

Malik blieb mit vorgeschobener Unterlippe und trotziger Miene da stehen, wo er war und beobachtete ihn. Egoistisch wie immer, dieser Mistkerl! Hatten die Brüder nicht jemand Anderen zum Meister ernennen können? Leise grummelte Malik einige Flüche vor sich hin. Altair bemerkte es nicht, er war vollkommen fasziniert – von dem Apfel und allem, was er mit sich brachte. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich nur einige Sekunden gedauert hatte, ließ er die Hand sinken und atmete langsam und fast schon erleichtert aus.

Malik riss die Augen auf, als er sah, was mit dem Apfel geschehen war. „Du willst also wirklich nicht teilen?“, jaulte er enttäuscht, er hatte bis zuletzt doch noch Hoffnung gehabt...

Altair grinste dreckig und leckte sich über die Lippen. Die Zeit des Wartens war nicht vergeblich gewesen, und das, was ihm bis eben noch unbekannt gewesen war, hatte alles übertroffen, was man ihm erzählt hatte. Der Vorbesitzer dieses Schatzes hatte wahrhaftig nicht übertrieben... Das schmollende Gesicht seines Assassinenbruders riss Altair wieder zurück in die Wirklichkeit.

„Ähm... also...“, stotterte er ein wenig verlegen und leckte sich noch einmal über die Lippen, in der Hoffnung, er könnte noch einmal die Süße des Schatzes schmecken... aber nein, er konnte es! So oft er wollte, wieder und wieder! Er hatte die Macht... nun war es das reinste Kinderspiel.

Ein leises, fast schon verrücktes Lachen verließ die Kehle des Assassinen, als er die Hand sinken ließ und Malik mit einem abschätzenden Blick bedachte. Sollte er vielleicht doch teilen?

„Nun gut... aber nur ein einziges Mal, sonst verlierst du noch den Boden unter den Füßen, lieber Bruder!“ Maliks Miene veränderte sich, er strahlte und hätte sicher vor Freude in die Hände geklatscht, wäre es ihm nur möglich gewesen.

„Und wie?“, fragte er mit leiser Stimme, die vor Aufregung ein wenig zitterte. Altair grinste.

„Nimm dir einen aus der Kiste da drüben“, antwortete er gönnerhaft und warf die Überreste des Apfels aus dem Fenster, um danach seine klebrige Hand an der Robe abzuwischen und Malik dabei zuzusehen, wie er eifrig zum Objekt ihrer beider Begierde rannte und mit dem Schatz zurückkam, der so vollkommen, rund und süß war, das er das Paradies voll und ganz in den Schatten stellte.

„Woher... hast du sie?“

„Von einem englischen Obsthändler. Nicht alles, was die Kreuzritter mitbringen, ist schlecht, Bruder. Von unseren Feinden zu lernen ist pure Weisheit, merk dir meine Worte“, meinte Altair mit einem leisen Lachen, griff ebenfalls in die Kiste und biss herzhaft in den nächsten Apfel, sodass es knackte.
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