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You can try to find strength in my arms..

von Kicky
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Samu Haber
08.10.2011
29.12.2012
187
426.177
14
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
17 Reviews
 
 
08.10.2011 3.229
 
~ Jessica~
15:45 Uhr.. Mist, Mist, Mist! Wie sollte sie es bloß rechtzeitig bis 16 Uhr schaffen? Verzweifelt blickte Jessica aus dem Fenster der S – Bahn Nr. 13, die Richtung Hansaring fuhr. Vom Kölner Hauptbahnhof war es zwar nur eine Station, eine so kurze Fahrt, daß man sich gar nicht erst hinsetzen brauchte, aber wenn sie an den etwa 700m langen Fußmarsch dachte, der ihr von dort aus noch bevorstand, ehe sie am Ziel war, war ihr klar, daß sie es auf keinen Fall pünktlich schaffen würde. Wieder schaute Jessica auf ihre Uhr. 15:49 Uhr. Na prima, die Zeit schien heute so gar nicht auf ihrer Seite zu sein. Wie konnte es sein, daß die Zeit schneller verging je weniger man davon hatte und langsamer, wenn sie unbedingt vergehen sollte? Das war ein Phänomen, mit dem sie sich schon so oft beschäftigt hatte, denn Jessica schien es, als wenn ihr ganzes Leben nur aus Terminen bestand, die sie entweder gerade noch so oder gar nicht einhalten konnte. Kurz gesagt: Sie hatte ein unglaubliches Talent dafür, überall in letzter Minute oder zu spät aufzutauchen und es war egal, ob sie sich rechtzeitig auf den Weg machte. Irgendetwas schien sich immer gegen sie verschworen zu haben. Selbst an diesem Tag. Als sie, natürlich wie immer wieder im Wettlauf gegen die Zeit, die Treppe zum Bahnsteig hochstieg, an dem die S – Bahnen abfuhren, konnte sie die Bahn, die zum Hansaring fuhr, nur noch beim Wegfahren beobachten. Sicher, es war nicht die einzige Bahn, die dorthin fuhr. Eigentlich fuhren mindestens 3 oder 4 Bahnen in diese Richtung, aber es dauerte ganze 3 Minuten, ehe die nächste fuhr. Drei Minuten, die ihr jetzt fehlten. Drei Minuten, in denen sie schon längst auf dem Weg zu ihrem Ziel sein konnte. Nicht, daß das, was sie vorhatte so lebenswichtig war. Zumindest nicht für andere Menschen, aber für Jessica schon. Sie hatte zu lange warten müssen, ehe sie diese Möglichkeit erhalten hatte, natürlich wieder in allerletzter Minute. Das, was sie vorhatte, wäre nur noch an diesem Tag möglich. Um 16 Uhr. Und danach nie wieder.
Endlich fuhr die Bahn die Haltestelle Hansaring an und Jessica fing ungeduldig an, auf den Türöffner herumzudrücken, obwohl die Bahn noch nicht mal gehalten hatte und die Türen sich sowieso noch nicht öffnen würden, ehe die Bahn nicht gehalten hatte.
„Komm schon, komm schon…“ murmelte sie verzweifelt vor sich hin und widerstand dem Drang, erneut auf ihre Uhr zu sehen. Es würde sie eh nur wieder aufregen und ihr zeigen, daß sie viel zu spät dran war. Als die Bahn schließlich zum Stillstand gekommen war und die Türen sich öffneten, stürzte Jessica regelrecht hinaus, rempelte ein oder zwei Leute an, die einsteigen wollten und rannte in Richtung der Treppen, die auf die Straße hinunterführten. Nachdem sie sich kurz orientiert hatte, rannte sie auf eine Fußgängerampel zu, die selbstverständlich gerade rot zeigte und auch nicht so aussah, als wenn sie in der nächsten Minute auf grün springen würde. „Das kann doch wirklich nicht wahr sein..“ schimpfte sie vor sich hin, während sie beobachtete, wie die Autos ohne Unterlass über die für sie grüne Ampel fuhren. Es schien gar kein Ende zu nehmen.
„Verdammt, spring schon um, ich hab es eilig!“ motzte Jessica aufgebracht und trat gegen den Pfahl der Ampel, was natürlich nichts brachte außer verwunderte Blicke von anderen Passanten, die mit ihr  warteten, doch das kümmerte Jessica wenig. Die standen ja auch nicht unter so einem Zeitdruck wie sie, sondern hatten alle Zeit der Welt. Das mußte doch wirklich ein herrliches Gefühl sein. Endlich hielten die Autos und kurz darauf sprang die Fußgängerampel auf grün. Jessica sprintete los, am Saturngeschäft vorbei und bog in die rechte Seitenstraße ein, doch dort kam sie nicht so schnell voran, wie sie geglaubt und gehofft hatte, denn offensichtlich hatten sich heute alle Kölner am Morgen vorgenommen, genau dort spazieren zu gehen. Nur, um sie, Jessica, ein bißchen zu ärgern. Zudem schienen sie sich, was ihre Kleidung anging, oder vielmehr die Wahl der Oberteile, abgesprochen zu haben, denn viele von ihnen trugen schwarze T – Shirts, auf deren Rücken eine Reihe Daten mit Städten in ganz Deutschland abgedruckt war. Jessica hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte und sie dachte auch nicht weiter darüber nach, denn sie hatte andere Probleme als sich mit irgendwelchen abgedrehten Leuten zu beschäftigen, die irgendeine abgedrehte Pilgerreise nach Köln gemacht hatten und das scheinbar ganz allein deswegen, um sie zu ärgern.
„Entschuldigung.. entschuldigung, ich muß mal durch… entschuldigung.. verdammt, darf ich mal?“ murmelte Jessica aufgebracht vor sich hin, während sie sich durch die Leute schlängelte, die sie verwirrt und verständnislos anstarrten.
„Hallo? Wir wollen alle dorthin und es fängt nicht vor 20 Uhr an, warum die Eile? Da ist genug Platz für alle.“ motzte eine junge Frau Jessica an, die von ihr auf Seite geschubst worden war. Jessica bedachte sie mit einem flüchtigen Blick und konnte nun die Vorderseite des T – Shirts sehen, auf der „Sunrise Avenue“ und „Out of style – Tour 2011“ gedruckt war, doch Jessica hatte wieder keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte. Wahrscheinlich irgendeine Band, die so schlecht und unbekannt war, daß sie in einem kleinen, fast schon geheimen Kabuff irgendwo am Rande von Köln auftrat, weil sie kaum Fans hatte und sich keine größeren Locations wie das E – Werk oder das Palladium geschweige denn die Kölnarena, leisten konnte.
„Ha, 20 Uhr.. das wäre schön.“ murmelte Jessica vor sich hin und warf einen Blick auf ihre Uhr, die 15:58 Uhr zeigte. Klar, warum auch nicht? Glücklicherweise hatte Jessica nun die Straßenecke erreicht, bog nach links ab und konnte ihr Glück kaum fassen, als sie sah, daß nun etwa 500m freier Bürgersteig ohne Hindernisse vor ihr lagen. Sofort sprintete sie wieder los und konnte gerade noch hören, wie jemand höhnisch sagte:
„Da scheint aber jemand ein richtiger Hardcore – Fan zu sein. Vielleicht denkt sie, wenn sie eher da ist als wir, kann sie noch mit Samu flirten. Total irre.“
Das Gelächter, das darauf folgte, wurde mit jedem Meter leiser, den Jessica sich von der Meute entfernte. In diesem Moment war Jessica schon fast dankbar dafür, daß sie ihr ganzes Leben lang immer in Eile gewesen war, denn nur so hatte sie ihre Sprintkünste immer weiter verbessern können, sodaß es ihr nun nichts ausmachte, auch mal einen Kilometer im Laufschritt zurückzulegen. Vielleicht sollte sie einfach mal bei einem Marathon mitmachen und sehen, welchen Platz sie belegte. Nur nicht unbedingt bei dem in Köln. Aus irgendeinem Grund konnte sie die Stadt nun ein bißchen weniger leiden als noch am Morgen, Woran das wohl lag?
Endlich sah sie auf der anderen Straßenseite den großen, kreisrunden Platz, der von großen, neu aussehenden Gebäuden umgeben war. Ohne groß auf den Verkehr zu achten, schoß Jessica zwischen den an der Straßenseite geparkten Autos hindurch auf die Straße hinüber zum neuen MediaPark von Köln. Der MediaPark war ein riesiges Gelände, auf dem es jede Menge Hochhäuser gab, in denen Büros untergebracht waren, aber auch Arztpraxen, Spezialkliniken und Apotheken. Das Herzstück des Mediaparks war eine Openair – Bühne, wo im Sommer Festivals stattfinden oder auch Bands auftreten konnten. Kurz schoß Jessica durch den Kopf, daß vielleicht deswegen so viele Menschen mit diesen komischen T – Shirts unterwegs waren. Weil im MediaPark diese Band auftrat, deren Namen sie schon wieder vergessen hatte und nun fiel ihr auch auf, daß vereinzelt bullig aussehende Männer mit Walkietalkies herumliefen und rund um die Bühne mit Stoff verhängte Zäune aufgebaut waren. Zudem flatterten überall, wo sie hinblickte, rote Flaggen mit dem bekannten Coca Cola – Logo im Wind. Doch Jessica war sich nicht sicher, ob das überhaupt einen Zusammenhang hatte. Es sei denn, diese Band ließ sich vielleicht von Coca Cola sponsorn, weil sie sonst nie die Möglichkeit gehabt hätten, im MediaPark aufzutreten. Aber das war Jessica im Moment ziemlich egal. Sie hatte Glück, daß die Straße, die sie gerade überquert hatte, nur eine Nebenstraße war und kaum Autos fuhren, sonst wäre sie mit Sicherheit noch im Krankenhaus gelandet, was eigentlich typisch gewesen wäre für sie, denn was hätte ihr jetzt, wo das Ziel so nah war, noch dazwischen kommen können, außer einem Krankenhausaufenthalt? Vielleicht nur noch ein Blitz, der sie aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnung traf, denn Jessica war davon überzeugt, daß sie getroffen werden würde, auch wenn sie gerade neben dem höchsten Baum stand, den die Welt zu bieten hatte. Manchmal im Leben war man nunmal entweder der Vogel oder die Statue. Wobei Jessica den Eindruck hatte, ihr ganzes Leben lang schon die Statue zu sein. Doch daran verschwendete sie keinen Gedanken mehr, als das „Casablanca“, ein Café und Restaurant, das gleichzeitig ein riesiges Kino war, nun in Sichtweite war und Jessica legte noch einen Zahn zu.
Atemlos stolperte sie auf die riesige Drehtür zu, die der Eingang war, und konnte gerade noch rechtzeitig abbremsen, damit sie nicht gegen die sich drehenden Türen stieß. Doch kaum war sie in der Drehtür, stieß sie einen ungeduldigen Laut aus, weil die Tür sich so langsam drehte. Hatte sich denn alles in der Welt gegen sie verschworen? Es war nun 16:05 Uhr. Aber das war okay. Das waren nur 5 Minuten. Als der Weg schließlich frei war, stürzte sie auf die Kassen zu, sodaß ein Sicherheitsmann ihr mit einer Geste zu verstehen gab, daß sie langsam machen sollte. Jessica beachtete ihn nicht weiter und kramte in ihrer Umhängetasche nach der ausgedruckten Email, die ihr verkündet hatte, daß sie eine exclusive Eintrittskarte für die letzte Vorstellung des Films „Fluch der Karibik 4“ mit ihrem heißgeliebten Johnny Depp im Casablanca – Kino am MediaPark gewonnen hatte.
„Bin ich zu spät? Sagen Sie bitte nicht, daß ich zu spät bin. Ich kann das hier um gar nichts in der Welt verpassen.“ plapperte Jessica außer Atem los und klatsche der Frau an der Kasse das Blatt mit der Email hin. Die Frau bedachte Jessica mit dem gleichen verwirrten Blick, wie wahrscheinlich alle, denen Jessica an diesem Tag begegnet war.
„Keine Sorge, beruhigen Sie sich. Der Filmstart ist um 5 Minuten verschoben worden, weil heute alle ziemlich spät aufgetaucht sind. Sie werden vielleicht ein bißchen von der Werbung und den Vorschauen verpassen, aber das wird Sie ja wohl kaum umbringen, oder?“ erwiderte die Frau leicht amüsiert, während sie in aller Seelenruhe nach dem Blatt griff und es einen Moment studierte.
„Nein, sicher nicht, aber Sie haben keine Ahnung, was ich heute alles auf mich genommen habe, um rechtzeitig hier zu sein, also geben Sie mir bitte mein Ticket und alles ist gut.“ antwortete Jessica schnippischer, als sie eigentlich gewollt hatte, aber jetzt, da sie endlich am Ziel war, gingen ihr nach all dem Streß einfach die Nerven durch. Solange sie nicht in diesem Kinosaal saß, würde sie sich eh nicht beruhigen können.
„Das kann ich nicht.“ entgegnete die Frau jedoch, immer noch in aller Seelenruhe, und sah Jessica an.
„WAS? Was soll das heißen, Sie können nicht? Da steht es doch, daß ich ein Ticket gewonnen habe, oder können Sie nicht lesen?“ fragte Jessica aufgebracht und fügte verzweifelt hinzu, während sie ihren Blick nach oben richtete: „Das kann doch alles nicht wahr sein!“
„Ganz einfach, ich brauche Ihren Ausweis, damit ich überprüfen kann, ob Sie auch diejenige sind, die dieses Ticket gewonnen hat. Da könnte doch jeder ankommen.“ erklärte die Frau mit der gewohnten Ruhe.
„Oh.“ Jessica starrte sie überrascht an. „Oh..“ wiederholte sie dann kleinlaut, als sie sah, wie die Frau sie auffordernd ansah. Jessica sah auch noch etwas anderes in ihrem Blick, nämlich daß die Frau sie für völlig durchgeknallt hielt. Jessica merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, während sie in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie kramte. Nach einer Schreckenssekunde, in der sie dachte, sie hätte es vielleicht zu Hause liegengelassen (was aber nicht möglich war, da sie es ja noch benutzt hatte, als sie die Fahrkarte bezahlt hatte) oder vielleicht sogar verloren, fand sie es schließlich und mit einem erleichterten Seufzer zog sie ihren Ausweis heraus und reichte ihn der Frau, die kurz den Namen überprüfte und Jessica dann den Ausweis zurückgab. Jessica schüttelte den Kopf und stieß ein kurzes Lachen aus, das leicht irre klang, als sie wieder nach ihrem Ausweis griff und ihn wieder wegsteckte. Das war alles gewesen? Wegen dieses kurzen Moments hatte sie wieder mindestens 5 Minuten verschwendet? Das war doch wieder so typisch! Die Frau reichte ihr die Eintrittskarte und die dazugehörige 3D - Brille mit einem Blick, der Jessica zu verstehen gab, daß sie sie nicht nur für völlig durchgeknallt hielt, sondern für hochgradig verrückt und bereit dafür, von den netten Männern abgeholt zu werden, die so schöne, bequeme weiße Jacken ohne Ärmel dabei hatten.
„Viel Spaß beim Film. Der Sekt, das Popcorn und alles, was Sie sonst noch haben möchten, wird vor dem Film verteilt. Der Kinosaal ist hinten links.“ informierte sie die Frau und Jessica konnte noch den versteckten Satz „Mach bloß, daß du verschwindest, du irres Weib“ raushören. Ihr Benehmen war Jessica aber auf einmal auch ziemlich peinlich. Kein Wunder, daß sie für irre gehalten wurde. Es ging in den Augen der anderen schließlich nur um einen gewöhnlichen Film.
„Ähm ja, danke.“ Mit einem leicht verlegenen Lächeln nahm Jessica das Ticket und die 3D – Brille und machte sich mit großen Schritten auf den Weg zum Kinosaal, wo ein Kinomitarbeiter ihr Ticket nochmal kurz kontrollierte. Jessica konnte von außen schon das Gewummer der Filmvorschauen hören und ein Lächeln voller Vorfreude auf den Film huschte über ihr Gesicht. Sie hatte es tatsächlich geschafft! Zwar ganz knapp, aber sie hatte es geschafft!
„Folgen Sie mir bitte, ich bringe Sie zu ihrem Platz.“ lächelte der Kinomitarbeiter sie nun an und Jessica sah, daß er eine kleine Taschenlampe in der Hand hatte. Er öffnete die Tür zum Kinosaal, in dem es bis auf das Licht von der Leinwand stockdunkel war, ließ Jessica den Vortritt und betrat dann nach ihr den Kinosaal. Die Tür hatte sich noch nicht ganz hinter ihm geschlossen, da hatte er schon die Taschenlampe angeschaltet, die er diskret auf den Boden richtete, und ging den schmalen Gang neben den Sitzreihen entlang. Jessica folgte dem Schein der Taschenlampe vorsichtig, weil sich ihre Augen noch nicht ganz an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie ließ gerade ihren Blick über die gut gefüllten Sitze gleiten, als sie prompt mit dem Kinomitarbeiter zusammenstieß, der an einer der Sitzreihen stehengeblieben war, was Jessica nicht bemerkt hatte.
„Oh, entschuldigung.“ murmelte sie und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie hasste es, daß sie manchmal so tollpatschig war.
„Nichts passiert. Hier ist ihr Sitzplatz, neben dem blonden Herrn.“ hörte Jessica ihn antworten und sah, wie er den Strahl der Taschenlampe auf den Sitz richtete.
„Danke.“ Jessica ging die Sitzreihe entlang, bis sie ihren Sitz erreichte, den sie herunterklappte und sie setzte sich mit einem erleichterten Seufzer. Sie nahm ihre Umhängetasche und stellte sie zwischen ihre Füße, ehe sie sich im Sitz zurücklehnte und zur Leinwand sah. Sie war etwas enttäuscht darüber, daß sie nicht alleine saß, denn als erfahrene Kinogängerin wußte sie, daß man eigentlich nur so einen Film richtig genießen konnte, denn wenn man Sitznachbarn hatte, kam es nur allzu oft vor, daß diese irgendwann während des Films aufstanden, um zur Toilette zu gehen oder um sich Getränke, Popcorn oder andere Knabbereien zu holen. Oder aber es waren Leute, die während des ganzen Films unruhig in ihrem Sitz hin – und herrutschten, Kommentare zu verschiedenen Szenen vor sich hinmurmelten oder auch über den Film meckerten, wenn er nicht so war, wie sie ihn sich vorgestellt hatten. Jessica hatte es auch schon erlebt, daß ihr Sitznachbar eingeschlafen war und lautstark geschnarcht hatte. Sie hatte sich jedoch nicht getraut, ihn anzustoßen um ihn aufzuwecken und aus irgendeinem Grund hatte sich niemand anderes dadurch gestört gefühlt, sodaß sie sich einfach woanders hingesetzt hatte. Trotzdem hatte sie sich so sehr darüber geärgert, daß sie einen großen Teil des Film nicht mitbekommen hatte und ihn sich in der nächsten Vorstellung nochmal angesehen hatte.
Jessica liebte es einfach, ins Kino zu gehen und sich einen guten Film anzusehen. Ein Kinobesuch war für sie wie eine kleine Flucht aus dem realen Leben. Natürlich sah sie sich zu Hause auch jede Menge Filme an, ihre DVD – Sammlung war fast schon legendär, aber ein Filmabend zu Hause auf der Couch konnte einen Kinobesuch niemals übertreffen. Leider hatte sie in der Vergangenheit durch ihr Studium kaum Zeit gehabt, sich einen Film anzusehen und ausgerechnet dann, als der 4. Teil von „Fluch der Karibik“ in die Kinos kam. Deswegen hatte sie sich wie eine Schneekönigin gefreut als sie dieses Kinoticket für die letzte Vorstellung gewonnen hatte und deswegen hatte sie auch fast Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit sie sie auch ja nicht verpasste. Sicher, für manche Menschen war sowas nicht lebenswichtig und sie hielten Jessica für bescheuert, aber für Jessica schon. Darum war es ihr auch wichtig, daß sie sich den Film in aller Ruhe ansehen konnte, ohne von irgendwas oder irgendwem gestört oder abgelenkt zu werden.
Doch der Kinosaal war an diesem Tag so gut besetzt, daß Jessica sich nun einfach damit abfinden mußte, sollte ihr Sitznachbar anfangen zu schnarchen oder dauernd aufzustehen. Einem geschenkten Gaul schaute man ja bekanntlich nicht ins Maul. Außerdem hatte sie sich so sehr auf diesen Tag gefreut und sie hatte so viel Streß auf sich genommen, daß sie beschloß, sich den Film durch nichts vermiesen zu lassen. Trotzdem riskierte sie einen vorsichtigen Blick neben sich zu ihrem Sitznachbarn. Er saß aufrecht mit den für Männern typisch leicht gespreizten Beinen in seinem Sitz und sah aufmerksam zur Leinwand. Für Jessica sah er nicht so aus, als wenn er auf einmal anfangen würde, in seinem Sitz herumzurutschen oder als wenn er während des Films einschlafen würde, obwohl man sowas ja nie vorher wissen konnte, aber Jessica verließ sich in dem Fall auf ihren Eindruck. Zumal ihr Sitznachbar zudem noch ziemlich süß war. Er hatte hellblonde verwuschelte Haare, die aussahen, als wenn sie noch nie mit einem Kamm in Berührung gekommen wären oder als ob ihr Sitznachbar es einfach aufgegeben hatte, sie aufwendig zu stylen. Es sah aber nicht schlecht aus und die Frisur passte zu seiner ganzen Erscheinung. Jessica schätzte ihn auf etwa 30 Jahre. Die Augenfarbe konnte Jessica in der Dunkelheit nicht erkennen und da sie ihn ja auch nicht allzu auffällig anstarren wollte, konnte sie sowieso nicht genau hingucken, aber sie schätzte, daß er blaue Augen hatte. Die meisten blonden Menschen hatten blaue Augen. Das war einfach so. Ihr Sitznachbar schien groß zu sein, mindestens 1,85 oder mehr, doch Jessica konnte es schlecht schätzen, da er ja saß. Er trug eine einfache Jeans, die ihm vielleicht eine Nummer zu groß waren und ihn sicher cooler aussehen lassen sollten, und ein einfaches T – Shirt, das sich an seine Brust schmiegte. Seine Oberarme sahen aus, als würde er ab und zu mal ins Fitnessstudio gehen, jedoch nicht allzu oft, was Jessica positiv auffiel, denn sie mochte diese Bodybuilder – Typen nicht, deren Arme jedes T – Shirt zu sprengen drohten. Ihr anderer Lieblingsschauspieler neben Johnny Depp, Vin Diesel, war da gerade noch an der Grenze.
Jessicas Blick wanderte unauffällig an seinem linken Arm herunter und sie entdeckte ein paar Tattoos. Ein chinesisches Zeichen, dessen Bedeutung sie nicht kannte und einige Buchstaben, deren Bedeutung sie erst recht nicht kannte. Ein Lächeln huschte über Jessicas Gesicht, ehe sie ihren Blick wieder zur Leinwand wandte. Sie mochte es, wenn Männer tattoowiert waren, allerdings auch nur, wenn sie es nicht übertrieben.
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