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Am Julfeuer

KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P6 / Gen
06.10.2011
06.10.2011
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Am Julfeuer
Ein Wintermärchen



Heulend jagte der eisige Nordwind über das verschneite Land. Er tobte durch die Wipfel der Bäume und schüttelte den Schnee von ihren Ästen. Er fegte die kalte, weisse Pracht auf den Eisflächen der Seen zu hohen Dünen zusammen und trieb die grauen Wolken, aus denen unablässig dicke Flocken zur Erde schwebten, vor sich her wie eine Herde fetter Schafe. Der Wind übertönte das vielstimmige Lachen und Jauchzen der Schneeflocken und wirbelte sie durcheinander.
Das dichte Schneetreiben hüllte den einsamen Reisenden ein und liess ihn lächeln. Keiner seiner Schritte hinterliess eine Spur im frischgefallenen Schnee, sie verursachten auch nicht das kleinste Geräusch. Der kalte Wind vermochte nicht, seine Wangen zu röten, ihn frieren zu lassen und kein wärmendes Feuer konnte ihn locken, denn dieser Wanderer war niemand anders als der Winterprinz selbst, der durch sein weisses Reich streifte.
Schon seit vielen Tagen pilgerte er rastlos durch die dichten Wälder, mal, mitgerissen von den Schneeflocken, singend, lachend und jauchzend, mal jedoch mit schwerem Herzen und düsteren Gedanken.
Nur zu gern hätte er es seinen Brüdern, dem sanften Frühling, dem leidenschaftlichen Sommer und dem ruhigen Herbst, gleichgetan und sich eine Braut gewählt doch keine Frostfee oder Schneealben-Dame in seinem Reich wollte ihm so recht gefallen. Etwas fehlte ihnen allen, doch er konnte nicht sagen, was es war.
„Herr“, hörte er das Wispern der Schneeflocken dicht an seinem Ohr. Aus ihrem fröhlichen Lachen war ein besorgtes Seufzen geworden, denn sie hatten gemerkt, dass ihr Prinz sich schon wieder seinem Kummer hingab.
„Sei nicht traurig, Herr. Du wirst deine Braut schon noch finden. Du bist doch noch jung! Freu dich des Lebens! Singe! Tanze! Lache!“, rieten sie ihm.
Der Winterprinz seufzte schwer. Er wusste, dass die Schneeflocken ihn hatten aufheitern wollen, doch ihre Ratschläge waren letztlich nicht mehr als leere Worte. Natürlich war er noch jung, aber was für ein Trost sollte ihm das sein? Schliesslich hatte das Alter keinen Effekt auf ihn. Er würde immer jung sein.
„Sieh nur!“, riefen die Schneeflocken aufgeregt. „Dort vorn feiern die Menschen die Wintersonnenwende. Das Julfest!“
Neugierig geworden schritt der Winterprinz voran.
In mühseliger Arbeit hatten die Männer des kleinen Dorfes grobe Scheite aus Eichen- und Eschenholz zu einem grossen Scheiterhaufen aufgeschichtet. Endlich entzündet, war sein Schein weithin zwischen den Bäumen sichtbar. Obwohl er respektvollen Abstand hielt, konnte der Prinz das Knacken und Zischen der schweren Planken hören.
Verborgen hinter einer Ecke beobachtete er das geschäftige Treiben am Feuer: die Frauen, die sich in ihre schönsten Kleider gehüllt hatten und eifrig Speis und Trank hin und her trugen, die grobschlächtigen Männer, die an langen Tafeln sassen und mit ihren Jagderfolgen, ihrer Körperkraft oder der Schönheit ihrer Töchter prahlten. Er beobachtete die jungen Männer und Frauen, die um das lodernde Feuer tanzten und die Kinder, die lachend und jauchzend im Schnee tollten.
Und schliesslich sah er sie: Ein Mädchen, fast noch ein Kind, mit blondem, von Feuerschein purpurn umkränztem, Haar und einem eisig blauen Augenpaar.
Der Prinz wusste mit einem Mal: Was auch immer es war, das allen anderen fehlte, dieses Mädchen besass es.
Für einen wunderbaren Moment schien es ihm, als sähe sie ihm direkt in die Augen blicken, dann lief sie hastig davon.  Mit einem Mal schuldbewusst, sah der Prinz zu Boden. Bestimmt hatte er sie erschreckt.
Schon wollte er umkehren, diesen Ort verlassen und seine Wanderung fortsetzen, doch ein unbestimmtes Gefühl liess ihn zögern. Er konnte nicht einfach so gehen, ohne zumindest herausgefunden zu haben, was es war, das seine zukünftige Braut besitzen sollte, was dieses Mädchen besass. Was immer es war, es liess sein Herz schneller schlagen und ihn eine nie gekannte Wärme fühlen.
Plötzlich stand sie ganz dicht vor ihm, die Schneeflocken in ihrem geflochtenen Haar glitzerten wie kleine Kristalle und in ihren klaren, blauen Augen blitzte noch eine Art von Schalk, den nur Kinder kennen.
„Komm mit“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich hab dich hier stehen sehen und den Dorfältesten gefragt, ob du nicht mit uns feiern darfst. Niemand sollte zur Julnacht alleine sein.“
Ihr Lachen war undschuldig wie frischgefallener Schnee.
Erneut zögerte der Winterprinz. Zwar vermochte die Zeit nicht, ihm etwas anzuhaben, aber die Hitze der lodernden Flammen vermochte es sehr wohl. Er wusste, er würde für immer vergehen, käme er ihnen zu nahe.
„Nun komm schon“, sagte das Mädchen und fasste ihn bei der Hand. „Lass uns wenigstens einmal tanzen.“
Völlig überrumpelt willigte der Prinz ein.
„Ich heisse Lumi“, erklärte sie ihm, als sie während des Tanzes sanft ihre Hand gegen die seine legte. Die Wärme, die er durch ihre dicken Handschuhe fühlen konnte, was ihm unangenehmer als ihm lieb war, doch er hatte beschlossen, tapfer zu sein. Ein Tanz mit einem hübschen Mädchen konnte nicht schaden, solange er sich vom Feuer fernhielt.
„Das ist ein schöner Name“, erwiderte der Prinz noch immer etwas steif und von der rigorosen Einladung überrascht. Erst einen Moment später kam ihm in den Sinn, dass Lumi nun wohl gerne auch seinen Namen erfahren hätte. Doch für ein Wesen wie ihn war ein Name bloss Schall und Rauch. Was also sollte er ihr sagen? Sollte er ihr vielleicht einfach irgendeinen Namen nennen? Sie anlügen?
Rasch entschied er sich ihr einen Namen zu nennen, welcher der Wahrheit zumindest nahe kam.
„Man nennt mich Talvi“, sagte er ihr und sie lachte.
„Das bedeutet ja Winter“, kicherte sie. „Was für ein seltsamer Name.“
Lumi bedeutet Schnee. Das ist genauso seltsam“, meinte er und lachte ebenfalls. Eigentlich fand er Lumis Namen überhaupt nicht seltsam.

Den ganzen Abend hinweg tanzte Lumi mit dem Winterprinzen.
„Sag, Talvi“, fragte sie ihn schliesslich, als die Feiernden sich müde zerstreuten und das Fest sich dem Ende neigte, „werde ich dich wiedersehen? Zu Juhannus vielleicht?“
Der Prinz seufzte tief.
„Verzeih, Lumi“, sagte er sanft zu ihr, „aber das geht nicht…“
Es war ganz unmöglich, dass Lumi und er sich zu Juhannus, der Sommersonnenwende, wiedersehen würden. Und auch sonst war es wohl besser, sie träfen sich nicht wieder.
Und so trennten sich der Winterprinz und das Mädchen schweren Herzens.

Doch obwohl der Winterprinz wusste, dass eine Beziehung zu einem Menschenmädchen völlig ausser Frage stand, konnte er Lumis strahlend blaue Augen und ihr Lachen nicht aus seinen Gedanken verbannen.
Oft sah man den Prinzen still an einem der Fenster seines Eispalastes stehen, mit seinen Gedanken und seinem Herzen fern seiner kalten Heimat.
Schon bald munkelten die Untertanen des Winters, der Prinz habe sich endlich verliebt. Selbst seine Brüder liessen Boten in das ewige Winterreicht jenseits der Meere senden, um mehr darüber zu erfahren, doch der Prinz hüllte sich in eisiges Schweigen.
Ruhelos begab er sich erneut auf Wanderschaft, sobald es ihm möglich war und das Schicksal wollte es, dass er erneut zur Julnacht an eben jenes Dorf kam, in dem Lumi lebte.
Wenn auch die letzten kindlichen Züge langsam aus Lumis Antlitz verschwanden, so leuchteten doch ihre Augen noch immer wie die eines Kindes, als sie ihn erblickte und er wusste, er könnte nicht einfach weiter gehen ohne wieder mit ihr zu tanzen.

Jahr um Jahr ging es so. Griesgrämig und mit sehnsuchtsschwerem Herzen verbrachte der Winterprinz Frühling, Sommer und Herbst, einzig gewärmt von der bittersüssen Erinnerung an seine Geliebte, in seinem Palast und machte sich zur Julnacht zu Lumis Dorf auf.
Mit jedem Jahr, das verging, fiel es ihm schwerer, Lumi wieder zu verlassen.
Im siebten Jahr schliesslich, bat Lumi ihn, sie doch mit sich zu nehmen, wo auch immer er hinginge, nachdem er sie besuche.
„Es geht nicht“, antwortete er ihr. „So gerne ich das auch wollte, es geht nicht.“
„Warum nicht?“, fragte sie und sah ihn eindringlich an. „Wer bist du wirklich, Talvi?“
In ihrem Blick lag etwas, das ihm sagte, dass ihm keine Ausflüchte und vagen Angaben mehr helfen würde. Lumi wollte endlich die Wahrheit von ihm hören und er wusste, dass sie sie verdiente.

„Ich habe es geahnt…“, sagte Lumi, als der Prinz ihr erzählte, wer er wirklich war. „Ich habe es geahnt, als ich sah, dass deine Schritte keine Spuren hinterlassen, dass dein Atem nie zu sehen ist und die Schneeflocken in deinem Haar nie schmelzen. Deshalb kannst du mich also nicht mitnehmen…“
Traurig nickte der Winterprinz.
„Lumi, ich…“ Er wusste nicht, wie er ihr sagen sollte, was er beschlossen hatte. „Das ist das letzte Mal, dass wir uns treffen. Dieses Mal werde ich nicht wieder zurück kommen…“
Dieser Abschied mochte sie beide schmerzen, doch je länger sie sich trafen, ohne wirklich zusammen sein zu können, umso schrecklicher würde es für beide werden. Gerne hätte er sie wenigstens ein einziges Mal geküsst, doch an diesem Kuss würde sie erfrieren.
„Aber…“ Nun war es Lumi, die nach Worten suchte. „Das kann doch nicht einfach so das Ende sein! Ich liebe dich, Talvi, ganz egal, wer oder was du bist. Ich will keinen Anderen als dich heiraten…“
Tränen der Verzweiflung suchten den Weg über ihre von der Kälte geröteten Wangen. Als der Winterprinz Lumis Tränen fortwischen wollte, gefror diese unter seiner blossen Berührung. Das Mädchen zuckte erschrocken zurück.
„Es tut mir so leid…“ Mit diesen Worten verschwand er im dichten Schneegestöber und obwohl sein Schritt schwer war, hinterliess er keine Spur, als wäre er nie gewesen.

Lumi fand keinen Schlaf in dieser Nacht, zu sehr lastete die Erinnerung an Talvi auf ihr, zu sehr nagten die Worte ihres Vaters, der sie endlich verheiraten wollte, an ihrem Herzen.
Nein, sie würde niemals einen anderen Mann so lieben können, wie sie Talvi geliebt hatte. Nie würde sie einen anderen heiraten und damit glücklich werden können.
Mit diesem Gedanken stand sie auf.
Ihr Nachthemd bot, obwohl aus dicker, warmer Wolle, kaum Schutz gegen den kalten Nordwind und ihre weichen Socken waren nach kurzer Zeit vom Schnee durchnässt, doch das störte sie nicht. Unbeirrt von der Kälte, die in ihre Glieder kroch, stapfte sie weiter durch das Schneetreiben.
Sollten sich die Wölfe ihrer annehmen, oder ihr Geliebter selbst sich ihrer erbarmen und ihr wenigstens den Tod bringen.
„Herr! Herr!“, riefen die Schneeflocken indes ihrem Prinzen aufgeregt zu. „Deine Liebste, Herr, die schöne Lumi. Sie wird erfrieren!“
Augenblicklich hielt der Winterprinz inne. Eine selbst für seine Verhältnisse unnatürliche Kälte ergriff sein Herz. Das durfte nicht sein.
„Wo ist sie?“, wollte er wissen, schrie gegen den heulenden Wind.

Geleitet vom vielstimmigen Wispern der tanzenden Flocken eilte er zurück.
Als er Lumi allerdings erreichte, hatte das dichte Schneetreiben bereits eine dünne, weisse Decke über ihren Körper ausgebreitet.
Er ergriff ihre Hand und erschrak, als er fühlte, wie kalt diese bereits war.
„Lumi komm“, sagte er sanft. „Ich bringe dich nach Hause.“
Doch das Mädchen schüttelte bloss den Kopf. Nein, sie wollte nicht zurück, sie konnte nicht zurück in dieses Leben fern ihres Geliebten und in die Arme eines anderen Mannes.
„Wenn du mich schon nicht mitnehmen kannst, dann lass mich wenigstens in deinen Armen sterben…“, brachte sie hervor.
„Rede keinen Unsinn!“, schrie der Prinz sie ungehalten an. „Du bist doch noch viel zu jung zum sterben!“
Ungeduldig zerrte er an ihrer Hand, versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen, doch es war, als wäre sie bereits am kalten Waldboden festgefroren.
„Dummes Kind!“, schimpfte er. „Nun komm endlich!“
Ein Ruck ging durch Lumis Körper, als sie dem Ziehen des Prinzen endlich nachgab. Doch anstatt aufzustehen, warf sie sich in seine Arme, ihre Lippen streiften flüchtig die seinen.
„Es tut mir leid, Talvi“, hörte er sie wispern und kalt und unsichtbar streifte ihr Atem sein Ohr. „Aber ich kann nicht…“
Ihr Kopf sank hinab auf seine Schulter und der Prinz konnte nicht verhindern, dass Lumi ihren letzten Atemzug tat und ihr Herz aufhörte zu schlagen.
Ihm war, als wäre mit ihr auch ein Teil von ihm selbst gestorben.

Der Nordwind hatte aufgehört zu heulen, völlig lautlos schwebten die dicken Flocken zu Boden und keine der Frostfeen, die sich zwischen den Zweigen versammelt hatten, wagte auch nur laut zu atmen. In plötzlicher Totenstille nahm das Wintervolk Anteil an der Trauer ihres Prinzen.
Doch mochte ihr Körper auch gestorben sein, Lumis Geist war noch nicht bereit, dieses Leben hinter sich zu lassen. Es war nicht nur der Wunsch, bei ihrem Talvi zu bleiben, der sie in dieser Welt hielt, sondern auch die vielen Winterwesen, die, insgeheim oder ganz offen, gehofft hatten, ihr Prinz würde doch noch einen Weg finden, die Kluft zwischen sich und dem Menschenmädchen zu schliessen.
Auch wenn all diese Hoffnungen und guten Wünsche nun verloren und zunichte schienen, so konnte Lumi dennoch neue Kraft aus ihnen schöpfen.
Im Osten dämmerte bereits der Morgen, die aufgehende Sonne färbte den Schnee in zartes Rosa, als ein leises Lachen an das Ohr der Winterprinzen drang.
Überrascht sah er auf und konnte kaum glauben, was er da sah.
Denn obwohl er ihren erfrorenen Körper noch immer in den Armen hielt, stand dort, zwischen den Bäumen und im ersten Tageslicht schimmernd seine Lumi in verwandelter Gestalt. Eisblumen blühten auf ihrem weissen Kleid und ihr befreites Lachen war hell und klar wie der Klang der Silberglöckchen an den Schlitten der Menschen.
„Sieh nur“, hauchte sie und in ihrer Stimme spiegelten sich das Erstaunen und die Freude über ihre wundersame Verwandlung. „Talvi, sieh nur.“
Er hatte keinen Zweifel daran, dass Lumi nun zu einem Wesen des Winters geworden war. Überglücklich lief der Winterprinz zu seiner Geliebten und schloss sie in seine Arme.
„Sag, wirst du mich nun mitnehmen?“, wisperte sie hoffnungsvoll und er nickte.

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Autor's Note

Alta,Ihr glaubt gar nicht, wie lange ich schon auf ein "gücklich bis ans Ende aller Tage" warte. Normalerweise enden meine Liebesgeschichten eher tragisch.
Das ist eigentlich auch ok, aber nach 10 Jahren fühlt man sich dann doch ziemlich unfähig und es nervt auch ziemlich.

Ausserdem habe ich mir vorgenommen, eine kleine Reihe mit allen vier Jahreszeiten zu machen. Das Frühlingsmärchen findet ihr HIER.

Noch etwas Webung in eigener Sache:
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Na denn, ich hoffe, ihr hattet Spass an meinem Wintermärchen.

Eure
Artemis
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