Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Nightmare before growing up

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Jack Skellington Sally
05.10.2011
05.10.2011
27
60.611
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
05.10.2011 1.669
 
12. Oktober 1975

Das war Halloween Town. Wir haben drei Monate im Jahr Regen und neun Monate Hagel. Der restliche Monat ist eine Mischung aus Nebel und Staub. Wir sind insgesamt zweihundert Einwohner. Ein Drittel sind Zombies und Vampire, die andere Hälfte Monster aus allen Ecken und Substanzen, ein paar vereinzelte Werwölfe, Nixen, Teufel und Sirenen, sowie verfluchte Bäume und Poltergeister.
Und der letzte klitzekleine Rest, das waren wir.
Wir waren Untote.
„Jacob!“, ertönte es von unten. „Zieh dich um, wir müssen gleich zur Bürgerversammlung“
Ich antwortete nicht. Schließlich war ich gerade so sehr in Shakespeares „König Richard der Dritte“ vertieft. Er wurde gerade von Richmond erstochen in der großen Schlacht von Bosworth und Richard rief kurz bevor er starb: „Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!“
Dieser Satz war so übernatürlich in meinen Kopf, dass ich aufsprang, mein Holzschwert nahm und den erstochenen Richard spielte.
„Ein Pferd!“, rief ich lauthals. „Ein Königreich für ein Pferd!“
Ich bekam zwei Wochen Hausarrest.
Das ausgerechnet mein Vater den Satz hören musste, war mir nicht klar. Aber es gab ein solches Donnerwetter, er versohlte mir so sehr den Hintern, dass ich dachte ich könnte nie wieder sitzen. Wieso mein Vater auf so was überreagiert? Er war sozusagen ein König, ich war ein Prinz. Über die Halloween Stadt hatte er das Sagen und er konnte tun und lassen, was er wollte, und ich früher oder später auch. Das Problem war, und das kann ich wirklich nur sehr betonen: Ich hatte weder Lust, noch das Potenzial, noch irgendetwas, was ich an mir „Königlich“ nennen konnte. Ich bin erst achthundert Jahre (in unserer Zeitrechnung acht Jahre, ungefähr 1 Meter groß und immer mit einer weißen Bluse und brauner langen Hose unterwegs) und ich musste schon auf Audienzen, mit die Pläne für Halloween überarbeiten und das schlimmste: Mein Vater traute mir ernsthaft zu, dass ich mal wüsste, wie man das Zepter über ein ganzes Dorf hält, ohne dass ich es kaputt machen würde. Und das kann ich am besten: Sachen kaputt machen.
Die Sonne ging schon unter, als ich im Bett lag. Die Kerze neben mir warf lange Schatten und erhellte das Zimmer nur teilweise. Ich hatte immer noch Shakespeare in der Hand, obwohl ich neben mein Bett immer mehr Bücher stapelte. Unter anderen waren es Ronald Dahls „Der Fantastische Mr. Fox“, Andersens „Die kleine Meerjungfrau“, Brüder Grimms „Rotkäppchen“ und 1001 Nacht-Sagen. Und eines, dessen Autor weder bekannt noch überhaupt abgedruckt ist. Es war ein schwarzes, dünnes Buch. Es hieß „Das Dunkelnde“. Auf der Vorderseite war ein silbriges Zeichen einer Schlange, die sich durch einen Totenkopf schlängelte, der sehr brüchig aussah. Die Schlange war von tausend Dolchen durchstochen und blutete. Wenn man das Buch allerdings umdrehte, ergab das Zeichen eine von Tau tropfende Rose, dessen Stängel sich weit über die Blüte türmte. Ich habe mich bis jetzt gefragt, was in diesen Buch stehen würde und ich muss zugeben, dass ich sehr neugierig war. Doch mein Vater warnte mich steht’s vor dem Buch. Es sollte Unglück bringen, einen Blick hinein zuwagen. Ungefähr so wie die Büchse der Pandora. Und trotzdem habe ich nie daran geglaubt, dass es tatsächlich etwas wie ein Unglückbringendes Buch gäbe.
Es klopfte an der Tür.
„Herein!“ rief ich.
Die Tür wurde geöffnet. Es war Marik, meine „Maid“ wie ich ihn aus Spaß immer nannte. Ich konnte ihn meistens nur mit drei Worten  beschreiben: Gewitzt, fleißig, unglaublich hübsch. Er war wirklich das hübscheste wesen, das ich jemals gesehen hatte. Er war groß, schlank, hatte blonde Haare und scharfe blaue Augen, die schwarz umrandet waren und geschwungene Linien hatten. Versteht mich nicht falsch, ich war nicht in ihn verliebt. Ich wusste nicht, ob er ein Untoter, ein Werwolf, eine Wassersirene, ein Geist, eine Mumie, ein Vampir oder eine Unterart von Dämon war. Man munkelt, dass er damals etwas Schreckliches getan hatte und er zu böse für den Himmel aber zu hübsch für die Unterwelt war. Und so musste er weiter hier unten wandeln. Ob das wahr ist, was man sich sagte?
Ich wusste es nicht.
„Jacob? Ich wollte noch was zu trinken bringen.“
Er reichte mir ein Glas Wasser.
„Danke.“, sagte ich. „Kannst du mir etwas vorlesen?“
Er schaute mich sehr verwundert an, dann nahm er das schwarze Buch heraus, ein Schauer lief mir über den Rücken.
„Na gut, aus dem hier, stimmt’s?“ er grinste, als ich wild den Kopf schüttelte. „Schon gut, das war fies von mir. Also, weist du wieso man diese Stadt hier „Halloween Town“ nennt?“
Ich schüttelte wieder den Kopf.
„Die Entstehungsgeschichte unseres Daseins handelt von zwei Gebrüdern vor langer, langer Zeit. In einen Reich regierten zwei Zwillinge. Der eine hieß „Nacht“ der andere hieß „Licht“. Nacht war ein wilder, fieser Egoist, Licht ein netter Junge mit großem Potenzial. Das Volk allerdings liebte und verehrte nur den guten Bruder. Vor Wut und Zorn getrieben sah Nacht nur einen Ausweg: er musste Licht töten. Doch er wusste, dass er zu schwach war und es nicht übers Herz bringen würde, zumindest nicht allein. So verhandelte er mit dem Teufel, er brauche eine Waffe, mit der er bei der Berührung jeden töten konnte. Der Teufel gewährte ihm diesen Wunsch, und er gab ihn eine silberne Sense und einen schwarzen Umhang, doch er musste ihm dafür etwas als Gegenleistung opfern: Seine Seele. Ohne darüber nachzudenken überließ Nacht ihm seine Seele. Und so kämpfte er sich mit der Sense den Weg zum König empor. Doch schon bald merkte er, dass seine Haut abfiel, er trotz riesigen Essgelagen weiter abmagerte und er nur noch ein zerfallendes Skelett war. Als Licht ihn die Treppen hinaufkriechen sah, hatte er mitleid und ging zum Teufel. Er sollte diesen Albtraum für immer beenden, den er seinen Bruder aufgezwungen hatte, als Gegenleistung für seine Seele. Doch der Teufel war zu schwach, um Lichts Seele zu schikanieren und so teilte er seine Seele in sechs Teile auf, nachts Seele ließ er so wie sie war, und sperrte sie in sieben Türen mitten im Nirgendwo in einen Baumkreis ein. Wenn man den alten Sagen nach folgt, ist dieser Baumkreis immer noch zu finden. Und diese eine Tür, wo Nachts Seele versteckt ist, ist Halloween- Town. Deswegen gibt es uns.“
„Boah!“ brachte ich nur heraus.
„Aber…“, fing er plötzlich sehr geheimnisvoll an. „Weißt du, was hinter den anderen sechs Türen liegt?“ Ich schüttelte den Kopf.
Er nahm plötzlich das Buch vom Stapel und hielt es mir hin. „Da steht es drin. Du musst dich nur trauen.“
Ungläubig starrte ich ihn an. Ich sollte das wagen, wovor jeder gewarnt war. Ich sollte das Unglück praktisch einladen. Etwas stimmte nicht!
Die Tür krachte auf.
„Marik! Wir warte die ganze Zeit auf dich.“ Es war Emmy, ein Wolfmädchen, auch eine Maid. Sie sah, dass ich das schwarze Buch in der Hand hielt. Wütend griff sie danach. „Hey, dein Vater hat es dir doch weggenommen!“ ich schaute sie vorwurfsvoll an. Sie hatte lange, weiße, buschige Haare, grüne Schlangenaugen, einen weißen Wolfsschweif und wie immer nicht ihr Maid-Kleid an. Sie meinte immer, dass sie darin fett aussähe und die anderen Wölfe schon gelacht haben. Ich fand sie hübsch darin, obwohl sie als „Dorfflittchen“ unter uns beschimpft wurde. Trotzdem aber hatte sie das Herz am rechten Platz.
„Jaja, ich komme ja!“ rief Marik. Emmy packte ihm am Kragen. „Ich habe echt langsam keinen Bock mehr, dass ich dich immer mitschleifen muss.“ Zusammen gingen sie unter Gezeter und Gequengel aus dem Zimmer. „Gute Nacht, Jack!“ rief sie mir noch zu, dann schloss sie die Tür. Es wurde ruhig um mich herum. Es war irgendwie gruselig, obwohl ich das nicht zugeben konnte. Ich war schließlich der beste im Erschrecken und dann bekam ich vor meinem eigenen Element Angst. Die Flamme der Kerze zuckte unruhig hin und her. War es vielleicht, weil ich genau das herausgefunden habe, wovor man mich die ganze Zeit schützten wollte, und nur Marik derjenige ist, dem ich vertrauen kann? Ich ging zum Fenster. Wenn es stimmte, dass da vorne noch eine Welt außer unserer gab…Lange Zeit starrte ich einfach in die Ferne, über den vernebelten Wald, der uns umgab und noch weiter. Noch nie hatte ich mich so wirklich dafür interessiert, was das drüben war. Eigentlich hatte ich noch nie darüber nachgedacht, ob wir tatsächlich die Welt wären, ob wir die einzigsten Lebewesen wären die hier leben, oder ob es überhaupt etwas wie „Menschen“ gibt. Doch dann fiel es mir ein. Verschwommen und so gut wie ausgelöscht: Ich konnte mich daran erinnern, dass ich Eltern hatte. Ich lebte zusammen mit ihnen und meiner kleinen Schwester auf einen Hof, damals hatte ich noch Augen, noch Haare, noch Haut, noch ein Herz. Ich war ein Mensch.
Meine Hand hielt zitternd meinen Hinterkopf, ich spürte deutlich den Riss, den ich seitdem hatte. Ich wurde damals ermordet, ein großer Mann erstach meine Mutter, meine Schwester war noch wach, das bedauerte ich am meisten. Ich wollte ihr helfen, doch er war zu stark. Ein Stein sauste auf mich herunter, es wurde alles schwarz. In dem Moment wurde ich geboren, vor so vielen Jahren. Die Erinnerung schmerzte, doch wir alle haben so etwas durchgemacht.
Wo sie jetzt wohl waren? Meine Mutter und meine Schwester?
Jeder von uns hatte eine eigene Geschichte. Mein Vater war zum Beispiel war ein General aus dem zweiten Weltkrieg. Doch mehr wusste er auch nicht mehr. Emmy war ein Versuchtier, das an dem letzten Experiment den Löffel abgegeben hat. Doch Mariks Geschichte war mir unbekannt. Bis jetzt hatte ich ihn auch nie danach gefragt. Ich wusste nur, dass er damals ein Grenzgänger war. Und das gefiel ihm auch so. Doch für jeden von uns war er ein Rätsel.
Ein Licht, dass hinter dem Wald aufleuchtete, riss mich aus den Gedanken. Ich reckte mich aus dem offenen Fenster. Der Wind blies die Kerze an meinem Bett aus. Es war tatsächlich ein Licht, um es herum wurden es plötzlich immer mehr. Es stimmte also. Wir waren nicht die einzigsten auf diesen Kontinent. Und ich war nicht der einzigste, der das beteuern könnte. Ich war Sprachlos.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast